Kein Thema ist in der Schulpolitik so umstritten wie das der Inklusion. Die Politik fordert mehr Inklusion. Die Lehrerverbände fordern hingegen mehr Zeit, da sich die Lehrkräfte der Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Denn bisher gibt es keinerlei Anleitungen zum inklusiven Unterricht und didaktische Lehrbücher sprechen meist nur allgemeine Aspekte im Umgang mit Behinderungen an.
Wie kann die schulische Inklusion möglichst entlastend und gewinnbringend für alle Beteiligten funktionieren? Isabel Kern stellt in ihrer Publikation geeignete Unterrichtsmethoden, Hilfsmittel und Lernstrategien für den inklusiven Fremdsprachenunterricht mit sehbeeinträchtigten Schülerinnen und Schülern vor. Die Autorin ist selbst blind und hinterfragt kritisch das derzeitige Schulsystem.
Kern stellt internationale Inklusionsansätze vor und erklärt, inwieweit diese als Vorbilder für Deutschland gelten. Daneben stellt sie spezielle Sensibilisierungsmethoden für sehende Lernerinnen und Lerner vor, die die Kooperation der Schülerinnen und Schüler im inklusiven Unterricht fördern.
Aus dem Inhalt:
- Sonderpädagogik;
- Didaktik;
- Spracherwerb;
- Bildungspolitik;
- UN-Behindertenrechtskonvention
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund und Definitionen
2.1 Definitionen
2.2 Theoretischer Hintergrund
3 Spracherwerb bei sehbeeinträchtigten Kindern
3.1 Erstspracherwerb
3.2 Fremdspracherwerb
4 Die verbesserten Fähigkeiten der Blinden und deren Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht
5 Inklusiver Fremdsprachenunterricht mit sehbehinderten und blinden Lernenden
5.1 Methoden zur Sensibilisierung der sehenden Lernenden
5.2 Erstellung und Nutzung von Arbeitsmitteln
5.3 Methoden für den inklusiven Fremdsprachenunterricht
6 Reflektion
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung und Analyse von Unterrichtsmethoden für den inklusiven Fremdsprachenunterricht, um blinden und sehbehinderten Schülern eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen, ohne sie aus dem Klassenverband zu separieren. Die Arbeit untersucht dabei, wie bestehende Konzepte angepasst werden können, um sowohl die Potenziale als auch die Herausforderungen sehbeeinträchtigter Lernender in einem visuell orientierten Bildungssystem zu berücksichtigen.
- Analyse der Inklusionspolitik und gesetzlicher Rahmenbedingungen für den gemeinsamen Unterricht.
- Untersuchung der Besonderheiten beim Erst- und Fremdspracherwerb von sehbehinderten Kindern.
- Nutzung der kompensatorischen Plastizität zur Förderung von Lernprozessen.
- Entwicklung barrierefreier Unterrichtsmaterialien und Methoden zur Sensibilisierung der Klassengemeinschaft.
- Reflexion eigener Erfahrungen als betroffene Schülerin und angehende Lehrkraft.
Auszug aus dem Buch
Die Blindenschrift
Bei der Blindenschrift handelt es sich um eine taktile Schrift, in der, je nach Kürzungsgrad, Buchstaben, Lautkombinationen, Silben oder auch ganze Wörter und natürlich Interpunktions- und Sonderzeichen mithilfe von Punktkombinationen dargestellt werden. Die Punktkombinationen bestehen aus sechs Punkten, die wie die Sechs auf einem Würfel angeordnet sind. Die Punkte werden von oben links nach unten links (Punkt 1 bis Punkt 3) und anschließend von oben rechts nach unten rechts (Punkt 4 bis Punkt 6) gezählt (vgl. Hubert 2018). Je nach Verwendungszweck gibt es verschiedene Schriftsysteme, wie die Mathematikschrift, die Notenschrift u.v.m., die extra erlernt werden müssen (vgl. ebd.; Adam 2009: 24).
Insgesamt gibt es für das herkömmliche Schriftsystem in Büchern vier Kürzungsgrade: die Basisschrift, die Vollschrift, die Kurzschrift und die Stenographie. Von jüngeren Kindern und Späterblindeten wird meist nur die Vollschrift beherrschst, während bereits längerfristig Erblindete zumeist die Kurzschrift beherrschen. In der Basisschrift stellt ein Zeichen einen Buchstaben dar. Werden im Deutschen noch Lautkombinationen wie /ch/, /sch/, /sp/, /st/, /ei/, /ie/, /eu/ etc. ergänzt (vgl. Adam 2009: 45), spricht man von der Vollschrift. Diese umfasst in etwa 65 Punktkombinationen, während die Kurzschrift mit ca. 300 Kürzungen (vgl. Adam 2009: 47) weitaus umfangreicher und schwieriger zu erlernen ist. In der Kurzschrift werden Silben und Wörter mit verschiedenen Punktkombinationen dargestellt.
Die meisten Punktschriftbücher sind in Kurzschrift verfasst, da Punktschriftzeichen im Vergleich zu Schwarzschriftbuchstaben sehr groß sind. Werden die Bücher in Kurzschrift gedruckt, lässt sich der Umfang um einiges reduzieren. Dabei ist die Kurzschrift sprachenabhängig, d.h. jede Sprache hat ihr eigenes Kurzschriftsystem (vgl. Hubert 2018). Im Fremdsprachenunterricht muss demnach entweder die Kurzschrift der jeweiligen Sprache erlernt werden oder auf die Basisschrift zurückgegriffen werden, die keinerlei Lautkombinationen enthält.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den bildungspolitischen Wandel durch die UN-Behindertenrechtskonvention und verdeutlicht die aktuellen Herausforderungen und Belastungen für Lehrkräfte und betroffene Schüler im inklusiven Unterricht.
Theoretischer Hintergrund und Definitionen: In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffe wie Sehbeeinträchtigung, Inklusion und Integration definiert sowie internationale Inklusionsansätze und spezifische Hilfsmittel für den Unterricht diskutiert.
Spracherwerb bei sehbeeinträchtigten Kindern: Dieses Kapitel beschreibt die Besonderheiten und möglichen Verzögerungen im Erst- und Fremdspracherwerb von sehbehinderten Kindern und zeigt auf, wie diese durch Förderung ausgeglichen werden können.
Die verbesserten Fähigkeiten der Blinden und deren Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht: Hier wird das Konzept der kompensatorischen Plastizität erläutert, das blinden Schülern ermöglicht, auditive und taktile Fähigkeiten zu verbessern, die als Ressourcen im Unterricht genutzt werden können.
Inklusiver Fremdsprachenunterricht mit sehbehinderten und blinden Lernenden: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und entwickelt spezifische Unterrichtsmethoden, die auf barrierefreien Materialien und der Sensibilisierung der sehenden Mitschüler basieren.
Reflektion: Die Autorin reflektiert ihre eigenen Erfahrungen als ehemals sehbehinderte Schülerin sowie als angehende Lehrkraft und diskutiert die Grenzen der schulischen Inklusion.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert strukturelle Reformen im Schulsystem sowie eine bessere Ausbildung von Lehrkräften, um eine gelingende Inklusion dauerhaft zu sichern.
Schlüsselwörter
Inklusion, Sehbehinderung, Blindheit, Fremdsprachenunterricht, kompensatorische Plastizität, Barrierefreiheit, Brailleschrift, Spracherwerb, Unterrichtsmethoden, Hilfsmittel, Sensibilisierung, Förderschule, Regelschule, Sonderpädagogik, Lehrkräfte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den didaktischen Möglichkeiten und Herausforderungen einer inklusiven Beschulung von sehbehinderten und blinden Schülern im modernen Fremdsprachenunterricht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen sonderpädagogische Grundlagen, spezielle Spracherwerbsprozesse bei Sehbeeinträchtigung, den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln sowie die Gestaltung eines barrierefreien Lernumfelds.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Unterrichtsmethoden zu entwickeln und zu analysieren, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Schülern mit Sehschädigung am Regelunterricht ermöglichen, ohne sie aus der Klassengemeinschaft auszuschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine fachdidaktische Arbeit, die auf Literaturanalyse, der Diskussion internationaler Konzepte sowie der Reflexion eigener autobiografischer Erfahrungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Entwicklung konkreter Methoden für verschiedene Kompetenzbereiche wie Wortschatzvermittlung, Sprechen, Hören und Schreiben unter Einbeziehung technischer Assistenzsysteme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Inklusion, kompensatorische Plastizität, Barrierefreiheit, Fremdsprachendidaktik und Sehbeeinträchtigung charakterisieren.
Warum ist das "Sprachendorf-Modell" für diese Arbeit so relevant?
Es bietet eine authentische, handlungsorientierte Lernumgebung, die es ermöglicht, alle Sinne einzubinden und somit die taktile und auditive Wahrnehmung der sehbehinderten Schüler aktiv zu fördern.
Welche Rolle spielt die "kompensatorische Plastizität"?
Sie dient als theoretische Grundlage, um zu verstehen, warum blinde Lernende bestimmte auditive Fähigkeiten besser ausprägen können, die dann als Lernressourcen in den Fremdsprachenunterricht integriert werden können.
Warum hinterfragt die Autorin das derzeitige Schulsystem?
Basierend auf ihren eigenen Erfahrungen kritisiert sie die starren Strukturen und mangelnde Unterstützung für sehbehinderte Schüler, die oft dazu führen, dass diese trotz Potenzials zur Förderschule wechseln müssen.
- Arbeit zitieren
- Isabel Kern (Autor:in), 2019, Inklusiver Fremdsprachenunterricht mit sehbehinderten und blinden Schülerinnen und Schülern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468578