Nationalsozialismus in Christian Krachts "Faserland"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

16 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ich-Erzähler

3. Einfluss vom Nationalsozialismus in den bereisten Städten

4. Nationalsozialismus in den Erinnerungen des Ich-Erzählers

5. Das Verhältnis des Protagonisten zu Deutschland und der Schweiz

6. Verwendung des Begriffs Nazi

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Popliteratur werden die vermehrte Nennung von Markenprodukten und der Konsum innerhalb der Gesellschaft als Leitmotive genutzt. Dies gilt auch für den Christian Krachts Roman Faserland. Dieser hebt sich in seiner Gestaltung und dem Erzählstil, wie in der Popliteratur typisch, von üblichen Romanen ab. In Faserland werden vom Ich-Erzähler einzelne Erwähnungen und Anspielungen zum Nationalsozialismus gezogen. Zunächst erscheinen diese als unbedeutend, jedoch bilden sie in ihrer Gesamtheit ein weiteres mögliches Leitmotiv.

Dies wirft die Frage auf, welche Rolle das nationalsozialistisch geprägte Motiv innerhalb des Romans einnimmt und was dieses über den Ich-Erzähler zum Ausdruck bringt. Dieser Fragestellung wird in den nächsten Analyseabschnitten nachgegangen. Der Titel der Hausarbeit lautet „Nationalsozialismus in Christian Krachts Faserland“.

Zunächst wird der Protagonist prägnant charakterisiert um dessen Einstellung zur NS-Zeit gezielter deuten zu können. Im Folgenden wird der Roman bezüglich dessen nationalsozialistischer Erwähnungen analysiert. Dabei werden die Verbindungen der Reiseziele des Ich-Erzählers und der des nationalsozialistischen Motivs betrachtet. Zu Beginn werden die vom Ich-Erzähler gezogenen Verbindungen seiner bereisten Orte mit der NS-Zeit eingegangen. Dazu wird im weiteren die Verhaltensweise des Protagonisten bezüglicher dieser Textpassagen gedeutet. Dabei werden auch teilweise die Erinnerungen des Ich-erzählers in Verbindung mit dem Nationalsozialismus betrachtet. Außerdem wird konkret auf die Begrifflichkeit Nazi und dessen Verwendung im Roman eingegangen. In diesem Abschnitt werden zudem die vom Ich-Erzähler gezogenen Verbindungen von Personen und der NS-Zeit analysiert. Die Einstellung des Ich-Erzählers zur deutschen Gesellschaft, seiner Generation und der älteren Generation wird ebenfalls betrachtet. Dabei wird auf die Veränderung des Gemütszustands des Protagonisten bei dessen Schweizaufenthalts eingegangen. Zuletzt werden die gesammelten Erkenntnisse über die NS-Zeit im Roman und dessen Einfluss beim Protagonisten zusammengefasst und in Form eines abschließenden Fazits gedeutet. Im Fazit wird auf die Haltung zur jüngeren Geschichte, die Person des Ich-Erzähler und seine Verhaltensweise eingegangen. Bei der Gestaltung der Arbeit wurde zentral mit der Primärliteratur als Analysematerial gearbeitet, da der Forschungsstand dieses Themas gering ausfiel.

2. Der Ich-Erzähler

Über das Aussehen des Ich-Erzählers kann man nur wenig sagen. Seine Frisur ist vorne lang und hinten kurz, wobei er seinen Nacken sauber ausrasiert trägt.[1] Über den Namen und seine Herkunft ist nichts bekannt, jedoch lässt sein Bekanntenkreis und sein Wissen über Deutschland darauf schließen, dass er auch Deutscher ist. Unterstützt wird dies ebenso durch seine generelle Art der Artikulation. Diesbezüglich wird seiner Herkunft nur implizit deutlich. Im Romanverlauf geht der Ich-Erzähler keiner Arbeit nach, leistet sich jedoch einen teuren Lifestyle. Dies deutet darauf hin, dass er aus einem reichen Elternhaus stammt. Zudem fährt er einen kostspieligen Sportwagen und bezieht auf seiner Reise diverse teure Hotels. Bei seinen Sportwagen handelt es sich um einen Triumph, welchen er sogar einfach auf Sylt lässt.[2] Auch seine Reisemittel sind äußerst kostspielig, da er durch ganz Deutschland per Taxi, Zug oder Flugzeug reist. Der Protagonist genießt auf seiner Reise einen hohen Lebensstandard, wobei er diesen auch gewohnt zu sein scheint. Beispielsweise kauft er sich mehrere Flaschen kostspieligen Champagner.[3]

Der Name der Ich-Erzählers wird im Roman nicht genannt. Jedoch ist der Ich-Erzähler nach eigenen Angaben in Salem zur Schule gegangen, auf welcher er sein Abitur gemacht hat. Der Erzähler hat sich zudem mit seinem Bekannten Alexander ein Zimmer zur Schulzeit geteilt. Dies lässt darauf schließen, dass die beiden gemeinsam zur Schule Schloss Salem gegangen sind, bei welcher es sich um eine exklusive Privatschule handelt. Da sein Abitur etwas zurückliegt kann man vermuten, dass der Ich-Erzähler über 20 ist.[4] Bis auf einzelne Rückblenden oder Erinnerungen des Ich-Erzählers wir nahezu nichts über dessen Familie erzählt. In der Kindheit musste der Ich-Erzähler scheinbar oft Zeit mit sich selbst verbringen, da sein Vater arbeiten musste. [5]. Da seine Familie nicht weiter gezielt von ihm erwähnt wird und er eher familiäre Gefühle für seine alten Haushälterin Bina hegt, deutet darauf hin, dass er ein eher oberflächliches Verhältnis zu seiner Familie hat. Insgesamt muss sich der Protagonist also keinerlei Gedanken über Geldnöte oder damit verbundener Sorgen machen. Dies war wohl auch ins einer Kindheit so, da er beispielsweise mit sieben Jahren alleine nach Florenz flog.[6] Dennoch wirkt er entwurzelt und immer auf den Sprung. Tiefere Beziehungen zu anderen Menschen scheinen ihm schwer zu fallen und sind wenig vorhanden. Der Ich-Erzähler ist Teil einer Generation die der FAZ-Redakteur Florian Illies unter den Begriff Generation Golf entwickelt hat:

„In völliger Abgrenzung zu den 68ern seien seine Generationsgefährten unpolitisch und vor allem an Wohlstand und konservativen Werten interessiert. Die Zeit der Utopien sei vorbei, der jungen Generation geht es nur noch darum, sich möglichst angenehm und mit den Produkten in der Gegenwart einzurichten.“[7]

Seine Generation besteht aus den Kindern der Tätergeneration der NS-Zeit und den Kindern des damaligen Kriegskindern. Dafür typisch ist die abwertende Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Zeit Deutschlands, welche in dieser Generation eine Art Form des Mainstream bildet.

3. Einfluss vom Nationalsozialismus in den bereisten Städten

Der Roman beginnt geographisch auf Sylt, wo der Ich-Erzähler sich äußert:

„Über uns kreischen Seemöwen, und ich denke daran, daß Göring, der hier auf Sylt Ferien machte, einmal seinen Blut-und-Ehre-Dolch verloren hat, mitten in den Dünen. Es gab eine riesige Suchaktion und eine hohe Belohnung für den Finder, und schließlich wurde der Dolch gefunden, von einem gewissen Boy Larsen oder so, einem Jungbauern ein. (…) Alle haben sich über den dicken Göring totgelacht wie er beim Pinkeln in den Dünen seinen blöden Dolch verloren hat, nur der Boy Larsen nicht, weil er die Belohnung eingesackt hat.“[8]

Dies ist ein direkter Bezug zu dem bekannten nationalsozialistischen Politiker und dem HJ-Fahrtenmesser der Nationalsozialisten, welches das Leitmotto „Blut und Ehre!“ eingeätzt hatte. Zudem suggeriert die Geschichte des Protagonisten, dass dieser Göring negativ konnotiert Dies erkennt man an dem verwendeten Artikel ‚dicken‘ und ´blöden´. Der Protagonist verbindet auf seiner Reise die Städte und Orte mit der deutschen NS-Zeit. Dies führt sich in Hamburg fort:

„Dann leuchtet es auf der anderen Seite der Elbe, bei Rothenburgsort oder Harburg oder wie das heißt,da, wo die Blohm & Voß-Werft ist, und da, wo sie früher U-Boote gebaut haben, bis die Engländer alles platt gebombt haben.“[9]

Auch auf der Taxifahrt nach Heidelberg verbindet der Protagonist dies mit der Geschichte er NS-Zeit: „ Die Amerikaner wollten Heidelberg nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Hauptquartier machen, deswegen ist es nie zerbombt worden, und deswegen stehen die ganzen alten Gebäude noch, so, als ob nichts geschehen wäre, außer natürlich den miesen Pizza Hut und irgendwelchen Sportartikelläden, und eine riesige Fußgängerzone gibt es natürlich auch.“[10]

Außer dieser Passage geht hervor, dass der Protagonist die Gebäude seiner Generation als eher unbedeutend ansieht. Dabei steht die Fastfoodkette Pizza Hut für ein solches Bauwerk seiner Generation.

Neben der gestörten Kommunikationsfähigkeit des Ich-Erzählers mit Personen, die später noch behandelt wird, zeigt sich auch dessen gestörtes Verhältnis zur kollektiven deutschen Vergangenheit deutlich. Dies wird auch in der folgenden Textstelle deutlich:

„Das Taxi fährt los, und ich beobachte, wie der Rauch sich aus dem Fenster schlängelt, das ich einen Spalt weit geöffnet habe. Hamburg wacht auf, denke ich, und dann muss ich plötzlich an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg denken und an den Hamburger Feuersturm und wie das wohl war, als alles ausgelöscht wurde, und ich würde gerne mit dem Taxifahrer darüber reden, aber er hat Mundgeruch, und außerdem riecht er alt und verwest, so wie ein Buch, das zu lange im Regen auf dem Balkon lag und jetzt schimmelt. Das rieche ich bis hinten, durch den Zigarettenrauch hindurch.“[11]

Die NS-Vergangenheit Deutschlands ist im Unterbewusstsein des Ich-Erzählers immer präsent und zeigt sich vermehrt auffällig. Dabei versucht er sich durch seine abwertende Haltung zu distanzieren. Ebenso verallgemeinert und mutmaßt er Personen und sieht in seinem Umfeld Stätten der zurückliegenden NS-Zeit. Dazu muss man sagen:

„Ein differenziertes, ausgewogenes Verständnis der Problematik des Gedenkens, der öffentlichen Weise des Erinnerns an die nationalsozialistische Vergangenheit als wesentlicher Bestandteil von Identitätsfragen erscheint essentiell für das Verständnis der deutschen Gegenwarsgesellschafft und ist somit unabdingbarer Bestandteil auslandsgermanisterscher Lehre und Forschung.“ [12]

Die Betrachtung der Rolle des Gedenkens aus Sicht des Protagonisten ist somit äußerst wichtig für das Verständnis über dessen Person. Der stetige Versuch der Verdrängung will dem Protagonisten nicht gelingen, wodurch er sich nicht seiner Rolle in der Gesellschaft bewusst werden kann. Ihm gelingt es nicht sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen, wodurch es Brüche sowohl in seinem Inneren als auch ins einer Rolle zur Gesellschaft kommt. Deutlich wird dies auch an der Verwendung des Verbs muss. Der Ich-Erzähler leider offenbar an schweren psychischen Problemen, die ihm dazu zwingen an die NS-Zeit zu denken.

4. Nationalsozialismus in den Erinnerungen des Ich-Erzählers

Das problematische negative Gedächtnis der deutschen Erinerungskultur spielt auch bei dem Protagonisten aus Faserland eine zentrale Rolle. Dafür gilt allgemein:

„Die Vermittlung dieser kulturspezifischen Problematik bietet sich in der Beschäftigung mit einer Form von Gegenwartsliteratur an, welcher immer wieder „Geschichtsvergesenheit“ und radikale Affirmation an die Konsumgesellschaft vorgeworfen wurde. Die Rede ist von der sogennanten Popliteratur der neunziger Jahre, als deren wesentlicher Distinktionmerkmal angeführt werden kann, dass sie in einer Entwicklungslinie zu sehen ist, welche bestrebt ist, die Grenzen zwischen Hoch- und Trivialliteratur aufzulösen.“ [13]

Der Ich-Erzähler denkt aber nicht nur während gegenwärtigen Situationen und Orten an die NS-Zeit, sondern Erinnert sich auch an frühere Bezugspunkte zurück. Der Zwang sich zu erinnern, welcher durch das Verb muss deutlich wird zeigt sich auch in der folgenden Passage der Erinnerung:

„Das Flugzeug kreist weiter über Frankfurt, taucht immer mal wieder durch die Wolken, dann glitzert das Sinnenlicht plötzlich auf den Flügeln, und ich sehe aus dem Fenster und muß daran denken, daß mich Landeanflüge immer an die großartige Anfangsszene aus Triumpf des Willens erinnern, wo der blöde Führer in Nürnberg oder sonstwo landet, jedenfalss kommt er so von oben herab zum Volk. Ich meine, das ist ja ganz gut gemacht, so, als ob er von Gott heruntergesand wird nach Deutschland, um da mal aufzuräumen. Die Deutschen haben das sicher geglaubt, damals, so schlau ist da gemacht. Den Film haben sie uns mal in der Schule gezeigt, zusammen mit Panzerkreuzer Potemkin, damit wir sehen, wie man durch Film fein manipulieren kann.“[14]

Hierbei zeigt das Wort ´immer´, dass der Ich-Erzähler bei allen Landeflügen an den Propagandafilm denken muss. Zudem zeigt ebenso die Abneigung des Protagonisten gegenüber dem damaligen Führer und dessen Gedanken über die manipulierte Generation.

Ein weiteres Beispiel zur Verwendung des Verbs muss (bzw. muß) ist die folgenden Textpassage, in welcher er sich selbst im Spiegel betrachtet:

„Wir nehmen ein paar Taxis von einem Platz neben einem Kino. Während ich mit Menschen ins Taxi einsteige, die ich gar nicht kenne, sehe ich ganz kurz auf das Plakat in einer Glasvitrine, sehe mich selbst gespiegelt in der Vitrine und dahinter dann das Plakat für den Film, der gerade läuft: Stalingrad. Ich muß wieder an den alten Mann mit den acht Fingern im Hotel denken, und dann sehe ich mich, wie gesagt, gespiegelt in der Vitrine, mein Kopf trägt plötzlich einen Stahlhelm, und in diesem Moment denke ich, dass das alles auch mir hätte passieren können und noch viel schlimmer und dass ich wahnsinniges Glück habe, im demokratischen Deutschland zu leben, wo keiner an irgendeine Front muss mit siebzehn. Das ist natürlich SPD-Gewäsch, was ich da denke, aber ich bin schließlich auch höllisch betrunken.“[15]

[...]


[1] vgl. Christian, Kracht: Faserland. Berlin 2015, S.33

[2] vgl. Kracht: Faserland. S.25

[3] vgl. Kracht: Faserland. S.27

[4] vgl. Kracht: Faserland. S.65

[5] vgl. Kracht: Faserland. S.92

[6] vgl. Kracht: Faserland. S. 53

[7] Thomas, Ernst: Popliteratur. Hamburg 2005, S. 71

[8] Christian, Kracht: Faserland. Berlin 2015, 17 f.

[9] Kracht: Faserland. S. 30 f.

[10] Christian, Kracht: Faserland. Berlin 2015, S. 88

[11] Kracht: Faserland. S. 49

[12] Christian, Rink: Kracht und die „totale Erinnerung“. München 2007,S. 245

[13] Christian, Rink: Kracht und die „totale Erinnerung“. München 2007, S.247

[14] Christian, Kracht: Faserland. Berlin 2015, S. 63

[15] Kracht: Faserland. S. 100 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Nationalsozialismus in Christian Krachts "Faserland"
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Note
2
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V468878
ISBN (eBook)
9783668941359
ISBN (Buch)
9783668941366
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kracht Faserland, kracht, faserland, erzähler, ns, national, sozialismus, pop, literatur, popliteratur, wissenscahft, hausarbeit, wissenschaft
Arbeit zitieren
Jan Seehorst (Autor:in), 2017, Nationalsozialismus in Christian Krachts "Faserland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468878

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