Fünf große Neuerungen läuteten das Theater der historischen Avantgarde (ca. 1900 -19351) ein: die Abkehr vom logozentrischen, am Dramentext orientierten Theater, die Aufwertung des Regisseurs, die Hervorhebung von Bühnenbild und Beleuchtung, die stärkere Einbeziehung des Zuschauers sowie die Etablierung des Volkstheaters als Gegenstück zum bürgerlichen Unterhaltungs- und Bildungstheater. Der Illusionsbühne machte das neue Konzept der Stilbühne Konkurrenz, das auf naturalistische Dekors verzichtet. Regisseure wie Max Reinhardt verließen die traditionellen Theaterräume und inszenierten in Wäldern, Hallen und vor Kirchen. Dies hatte zur Folge, dass der Zuschauer einer anderen Wahrnehmung ausgesetzt wurde, die sich aus den neuen Räumlichkeiten ergab: im Gegensatz zur Guckkastenbühne stellten die neuen Bühnenformen ihn in ein Verhältnis zum künstlerischen Geschehen, das eine „perspektivisch fixierte Beobachterposition“ nicht mehr zuließ.
Begleitet wurden die szenographischen Neuerungen von Formexperimenten wie dem Einakter, den lyrischen Dramen und Pantomimen. Der Einakter, so August Strindberg, sei besonders geeignet für den heutigen Menschen, dessen Wahrnehmung durch die Geschwindigkeit des Alltags, wie sie die Urbanisierung und die Industrialisierung der Jahrhundertwende hervorbrachten, vom Ganzen auf das Detail umgelenkt wurde, vom Zusammenhang auf den Moment.7
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Avantgardistische Impulse in Schnitzlers Dramen Anatol und Reigen
2.1 Zur Rezeption
2.2 Dramaturgische Neuerungen
2.2.1 Der Einakter
2.2.2 Die Zirkelbewegung
2.3 Die Habsburger Kultur eigentümlich beleuchtet: inhaltliche Neuerungen
2.3.1 Anleihen und Abgrenzungen vom Boulevard- und vom naturalistischen Theater
2.3.2 Einflüsse der Freudschen Psychoanalyse und die Selbstreflexivität des Dramentexts
2.3.3 Das dissoziierte Selbst: Die Auflösung in Stimmungen und Augenblicke
2.3.4 Die Doppelgesichtigkeit der Sexualmoral
2.3.5 Die Omnipräsenz der nivellierenden Zeit
2.3.6 Die Loslösung der Worte von den Dingen: in den Fängen der Sprachkrise
3 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern Arthur Schnitzlers Dramen Anatol und Reigen avantgardistische Impulse des frühen 20. Jahrhunderts aufgreifen. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, wie durch formale Strukturen wie den Einakter-Zyklus und die Zirkelbewegung sowie inhaltliche Thematisierungen von Ich-, Wahrnehmungs- und Sprachkrisen die Atomisierung der modernen Welt dargestellt wird.
- Dramaturgische Neuerungen und die Bedeutung des Einakter-Zyklus
- Einflüsse von Zeitgeist, Wahrnehmungskrise und Psychoanalyse
- Die Darstellung des dissoziierten Selbst und der Sprachkrise
- Verhältnis zum Boulevardtheater und zum Naturalismus
- Die Rolle der Sexualmoral und die Inszenierung des Augenblicks
Auszug aus dem Buch
2.3.3 Das dissoziierte Selbst: Die Auflösung in Stimmungen und Augenblicke
Schnitzler hielt „die große Mehrzahl der Menschen [...] für kernlos“, für nur aus einzelnen, umhertreibenden „Elementen“ bestehend. Damit reihte er sich in die Gemeinschaft der Denker und Wissenschaftler der Jahrhundertwende ein, welche „die substantielle Einheit der Person“ für ein Konstrukt hielten. An die Stelle des kohärenten Selbst trat die Akkumulation von „Funktionen“ und „Partialvorgängen“, über die sich das Subjekt allein noch definieren konnte.
Über Anatols Subjektstatus erfährt der Leser bzw. der Zuschauer wenig. Es ist weder klar, aus welcher sozialen Schicht der Protagonist stammt, noch gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass Anatol einer Arbeit nachgeht. Dies lässt ihn zuerst als eher untypische Figur der Jahrhundertwende erscheinen, denn den wenigsten war es vergönnt, ein Luxusleben dieser Art zu führen. Auf der anderen Seite – das ist bekannt – sah Schnitzler im Individuellen immer den Fall. Um sein defizitäres Selbst mit etwas aufzufüllen, hat sich Anatol einem Lebensprinzip verschrieben, das eine „Fetischisierung des Augenblicks“ betreibt, und dies verbindet ihn mit dem Zeitgeist, der seine Existenzen den „Aufstand des Besonderen gegen das Allgemeine“ proben lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet Schnitzlers Dramen im Kontext der Theateravantgarde des frühen 20. Jahrhunderts und benennt die zentralen Themen wie Wahrnehmungskrise und Sprachskepsis.
2 Avantgardistische Impulse in Schnitzlers Dramen Anatol und Reigen: Das Hauptkapitel analysiert die ästhetischen und inhaltlichen Neuerungen, von der dramaturgischen Form der Einakter bis zur dekonstruktiven Darstellung von Identität und Sexualität.
3 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die Ergebnisse der Arbeit und betont die avantgardistische Qualität der Dramen durch die Thematisierung von Paradigmenwechseln in Wahrnehmung und Identität.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Anatol, Reigen, Theateravantgarde, Einakter, Moderne, Sprachkrise, Psychoanalyse, Zirkelbewegung, Sexualmoral, Ich-Krise, Jahrhundertwende, Wiener Moderne, Boulevardtheater, Dekonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die avantgardistischen Elemente in Arthur Schnitzlers Dramen Anatol und Reigen im Kontext des frühen 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Wahrnehmungs- und Sprachkrise, die psychologische Zergliederung des Individuums, zeitgenössische Sexualmoral sowie die dramaturgische Formgebung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schnitzler durch seine Stücke formale und inhaltliche Konzepte der Moderne umsetzt, die ihn zur Theateravantgarde zählen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Interpretation der Dramentexte unter Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden dramaturgische Neuerungen wie der Einakter und die Zirkelbewegung sowie inhaltliche Aspekte wie der Einfluss der Psychoanalyse und die Sprachkrise detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schnitzler, Avantgarde, Einakter, Sprachkrise, Psychoanalyse und Identität.
Wie spielt die „Zirkelbewegung“ eine Rolle für die Charaktere in Reigen?
Die Zirkelbewegung symbolisiert die Sinnlosigkeit und Austauschbarkeit der erotischen Begegnungen, bei denen die Figuren trotz des Strebens nach Individualität immer wieder in ihre Rollenmuster zurückfallen.
Warum wird Anatols Verhalten als „Schauspielerei“ gedeutet?
Anatol inszeniert den Augenblick durch Requisiten und Projektionen, während er gleichzeitig über das Schauspielhafte seines eigenen Handelns reflektiert, was ihn jedoch nicht vor der Desillusionierung bewahrt.
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- Anne Thoma (Author), 2005, Avantgardistische Impulse in Schnitzlers Dramen "Anatol" und "Reigen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47018