Der s-Plural bei Appellativen und Eigennamen. Herkunft und Funktion


Hausarbeit, 2017

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Ursprung des Plural s
1.1. Entlehnung
1.2. Oder einheimisches Suffix?

2. Die Reanalyse des Plural s aus dem Genitiv-Singular s
2.1. Vom Allomorph zum überstabilen Marker
2.2. Die Reanalyse zum Pluralmarker

3. Besondere Formen Elliptische Genitivkonstruktionen

4. Die heutige Funktion des Plural s
4.1. Allgemein
4.2 Übergangsbzw. Transparenzplural

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich gehe heute zu Müllers.

Maiers Leute.

Sie gehen zus Schneiders.

Sie ist bis Engels.

Das Mehrzahl s ist heute aus dem deutschen Sprachgebrauch längst nicht mehr wegzudenken und wird an diverse Wortformen angehängt um deren Pluralform auszudrücken: Eigennamen (Müllers, Maiers, Fischers, etc.), Kurzwörter (LKWs, PKWs, CDs, DvDs), Onomatopoetika (Uhus, Wauwaus, Kuckucks, Kikerikis) und Substantivierungen (Aufs und Abs, Wenns und Abers, Ahs und Wehs) sind nur einige davon.

Auch wenn das Plural s sowohl im Schriftlichen als auch im Mündlichen ganz selbstverständlich und höchst frequent gebraucht wird, herrschte lange Unklarheit darüber, wie es zu dessen (vermehrter) Nutzung kam.

Woher stammt also das Plural s, wie hat es sich entwickelt und worin begründet sich dessen Funktion? Handelt es sich dabei um eine Entlehnung oder um ein deutsches Suffix?

Beschäftigt man sich mit der diachronen Entwicklung des Plural s, wird schnell deutlich, dass man sich auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften sehr kontrovers mit dessen Ursprung auseinandergesetzt hat und diverse anfechtbare Theorien zur Herkunft dieses sprachwissenschaftlichen Phänomens aufgestellt wurden.

Um dies zu zeigen, werde ich im Folgenden die wichtigsten Theorien kurz vorstellen, im Anschluss daran ausführlich auf den tatsächlichen Ursprung des Plural s zu sprechen kommen und außerdem (s)eine Sonderform vorstellen, um die Logik dieser Theorie noch deutlicher unter Beweis zu stellen.

Schließlich werde ich in dem Zusammenhang die Funktion des Plural s untersuchen, indem ich die verschiedenen Wortformen, an die er sich anhängt, genauer betrachte, vergleiche und unterscheide.

1. Der Ursprung des s-Plurals

1.1. Entlehnung

Lange Zeit hat man sich in der wissenschaftlichen Untersuchung des s -Plurals auf das Niederländische konzentriert, aufgrund des nahen Zusammenhangs zwischen dem niederländischen und deutschen mittelalterlichen Sprachgebiet und der starken Nutzung des Plural s im Niederländischen, der dort bis in den nativen Wortschatz vordringt. Diese Untersuchung wurde aber verworfen, da die Übernahme eines Flexivs ansonsten weder für das Niederländische, noch für das Deutsche belegt ist.

Weiterhin hat man sich mit der Frage beschäftigt, ob der s -Plural aus dem Altfranzösischen stammt. Jedoch stand die Beobachtung, dass der s -Plural im Niederländischen lange nur für die Maskulina generalisiert war, divergent zu der Tatsache, dass der s -Plural im Altfranzösischen zuerst nur für den Nominativ Plural generalisiert war. So wurde auch diese Möglichkeit nicht lange in Betracht gezogen.

Die Theorie, dass der s -Plural aus dem Altenglischen kommt, wurde ebenso verworfen, da er zunächst nur in nordenglischen Dialekten aufgetreten ist und im Süden, wo rege Handelskontakte zu den Niederlanden bestanden, noch längere Zeit das en -Suffix vorherrschte.

1.2. Oder einheimisches Suffix?

Stammt das Plural s also aus der deutschen Sprache?

Eine Theorie, die sehr viel Anklang in der deutschen Sprachwissenschaft fand, war die Überlegung, dass das Plural s aus dem Altsächsischen stammt und zwar als eine Fortsetzung des os -/ as -Plurals der maskulinen a bzw. ja -Stämme.

Jedoch entstanden Zweifel an dieser Theorie aufgrund der unerklärlichen zeitlichen Lücke zwischen dem Auftreten des os -/ as -Plurals vom 10. bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts und den ersten mittelniederländischen Belegen des s -Plurals im 14 Jahrhundert.

Des Weiteren hat man sich den Plural s als gemeinsames Phänomen des nordseegerma-nischen Sprachbunds hergeleitet. Doch auch diese Theorie war nicht ausreichend logisch, aufgrund des gänzlichen Fehlens dieses sprachlichen Phänomens im Altfriesischen.

Eine weitere wichtige Hypothese, aus dem Jahr 1914, stammt von Salverda de Grave, der letztlich auch zu der letztendlichen Herkunftstheorie geführt hat: die Überlegung, dass das Plural s aus dem Genitiv Singular der starken Flexion stammt und ein Phänomen von Abstraktbildungen ist. Als Beispiel dafür nennt er die Genitivkonstruktion ridders ere, was im Neuhochdeutschen Die Ehre eines Ritters bedeutet. Er geht davon aus, dass diese Genitivform sich (in diesem Fall) zu der Abstraktform Ritterehre entwickelt und so die Herkunft des s -Plurals geklärt werden kann. SCHMUCK (2011:288)

Diese Überlegung fand zunächst keinen Anklang, weil man die Begründung des Übergangs von Genitiv zu Plural wenig überzeugend fand. Jedoch wurde die Theorie später in Ansätzen wieder aufgegriffen.

2. Die Reanalyse des Plural-saus dem Genitiv-Singular-s

2.1. Vom Allomorph zum überstabilen Marker

Als man sich erneut mit der Herleitung des s -PLurals aus dem Genitiv beschäftigte, bediente man sich einer anderen semantischen Brücke: Kollektivbildungen bei Eigennamen. Eigennamen wurden nämlich bis ins Neuhochdeutsche wie alle anderen Substantive flektiert und erfuhren im 19. Jahrhundert eine sehr einschneidende Veränderung.

Diese Veränderung ist der Grund dafür, dass das Genitiv s sich nach und nach bei Personalnamen zu einem sogenannten überstabilen Marker entwickelt. Das s- heftet sich übergangsweise an das schwache Genitiv en, bevor es dies vollständig verdrängt. Das liegt daran, dass das bislang vorherrschende schwache en -Genitivsuffix bei Eigennamen Fehlidentifizierungen provozierte.

Schaut man sich beispielsweise die Form Heyden an, ist ohne weiteres der onymische Stamm nicht zu benennen. Die Grundform kann Heyd, Heyde oder Heyden sein . Das en Suffix ist eher hinderlich bei der Bestimmung der Grundform.

Das ens -Doppelsuffix folgt wenig später nur noch auf Eigennamen die sibilantisch auslauten (Fritz Fritzens).

Tab.1: Die Flexion der sogenannten Personeneigennamen im 19. Jahrhundert nach

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Tabelle wird zweierlei deutlich. Zum einen, dass das ens -Suffix und das s Suffix nebeneinander existierten und zum anderen, dass das en -Suffix zuerst bei den Familiennamen vollständig verdrängt wurde und die Rufnamen erst später folgten.

Ein weiterer Hinweis dafür, dass es sich bei dem Plural s um einen überstabilen Marker handelt, der für eine gestaltschonende Flexion sorgt, ist die Tatsache, dass er nicht an der üblichen Genitiv-Suffix-Alternanz es / e teilnimmt. Hierzu vergleiche bspw. Das Alter eines Baumes und Wir gehen ‘rüber zu Baums.

Tab. 2: Die Plurale der Familiennamen Schmitz und Seitz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

NÜBLING/SCHMUCK (2010:160)

Hier ist eine Googlesuche nach Familiennamen in der Pluralform aus dem Jahr 2009 abgebildet. Den Artikel „die“ hat man mit angegeben, um sicherzugehen, dass nur Pluralund keine Genitivformen als Resultat angezeigt werden. Was hier ersichtlich wird, ist, dass die Pluralformen mit ens -Suffix weitaus mehr Ergebnisse liefern, als mit (e) s -Suffix. Dies ist ein weiterer eindeutiger Beweis dafür, dass die Reanalyse stattgefunden hat, da das ens -Suffix uns in der deutschen Sprache nur durch den Genitiv bekannt ist.

2.2. Die Reanalyse zum Pluralmarker

STECHE bringt die Reanalyse kurz und prägnant auf den Punkt: “Bei der Bildung der Mz [Plural] nehmen die Familiennamen eine Sonderstellung unter den Eigennamen ein. Die Mehrzahlform bezeichnet die Familie in ihrer Gesamtheit. Sie wird durch Anhängen der Endung -s gebildet. Dies ist hier nicht dieselbe wie die Mehrzahlendung -s der Fremdwörter, sondern eine Übertragung der Endung des Uf.s [Genitivs] der Ez. [Singular]: die Fügung hier wohnen Müllers ist aus der Fügung hier wohnen Müllers Leute oder Angehörige unter Weglassung des übergeordneten Hauptworts entstanden, wo bei die Form Müllers der Uf. [Genitiv] des Namens des Familienoberhauptes war.” [NÜBLING/SCHMUCK (2010:155)]

Bei der Reanalyse vom Genitiv zum Plural gibt es zwei Szenarien:

Einmal geht man davon aus, dass man von dem Plural des einstigen Kopfnomen (des Müllers Angehörige) ausgeht. Auf der anderen Seite steht die Annahme, dass der Ursprung im Kollektivum der grammatischen Singularform besteht (des Müllers Familie). Man einigte sich darauf, dass es sich um eine grammatisch singularische, aber semantisch kollektive Konstruktion handelt.

Ursprünglich wurde der s -Plural nur genutzt, um Angehörige einer Familie zusammenzufassen, heute erfährt er eine erweiterte Nutzung. Man kann, wenn man von Meiers spricht, zwar alle Meiers einer Familie meinen, aber auch von allen Meiers im Telefonbuch oder aus Deutschland sprechen.

[...]

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Details

Titel
Der s-Plural bei Appellativen und Eigennamen. Herkunft und Funktion
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V470863
ISBN (eBook)
9783668959026
Sprache
Deutsch
Schlagworte
appellativen, eigennamen, herkunft, funktion
Arbeit zitieren
Anna Engel (Autor), 2017, Der s-Plural bei Appellativen und Eigennamen. Herkunft und Funktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470863

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