Die Kindheit als Trauma

Eine Analyse von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“


Seminararbeit, 2018
24 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung

2. Psychische Störung – Trauma
2.1 Definition
2.2 Folgen von traumatischen Ereignissen
2.3 Traumatische Reaktion

3. Sigmund Freud

4. Kindheit und Trauma bei E.T.A. Hoffmann
4.1 „Der Sandmann“
4.1.1 Konfrontation mit dem Trauma – Nathanael
4.1.2 Motive des Traumas – Nathanael
4.2 „Das Fräulein von Scuderi“
4.2.1 Konfrontation mit dem Trauma – Rene
4.2.2 Motive des Traumas – Rene

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis

1. Einführung

„Die seit der Empfindsamkeit geübte Kunst, Poesie aus dem Stoff des eigenen Lebens zu verfertigen und umgekehrt das eigene Leben nach poetischen Vorbildern zu stilisieren, wurde von Hoffmann mit außergewöhnlicher Konsequenz verwirklicht“ (Neumann o.J.: o.S.)

E.T.A. Hoffmann – ein Schriftsteller, Jurist, Komponist und Künstler, der sogar noch über 200 Jahre nach seinem Tod Menschen inspiriert. Seine Werke werden immer wieder gelesen, interpretiert und fast jeder kennt seinen Namen. Ein zu seiner Zeit bereits bemerkenswerter Künstler und auch in heutiger Zeit eine große Berühmtheit.

E.T.A. Hoffmanns Werke bieten eine unglaublich breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten, zahlreiche verschiedene Themen werden in den Büchern angesprochen, phantastische, schauerliche und unglaubliche Elemente finden einen großen Platz in seinem Schreiben und die Sammlung an geschriebenen Werken ist faszinierend.

Inwieweit Hoffmanns Erzählungen und Geschichten auf sein Leben anspielen oder erlebte Geschehnisse widerspiegeln, lässt ebenfalls viel Spielraum für Vermutungen und Interpretationen, doch sicher können wir sein, dass seine Werke noch lange nicht in Vergessenheit geraten werden.

Gleichzeitig zum Seminar E.T.A. Hoffmann besuchte ich in Psychologie den Kurs „Psychische Störungen und deren Behandlung“. In diesem Kurs wurde ich mit dem Thema „Trauma in der Kindheit“ vertraut und durch das Studieren von E.T.A. Hoffmanns Werken fand ich sehr viele Verbindungen und kam auf die Idee, dieses Thema als Seminararbeitsthema zu verwenden. Besonders die beiden großartigen Stücke, „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“, bieten sich hervorragend für Interpretationen und zur Analyse an.

In der folgenden Arbeit möchte ich zuvor auf das Wesentliche verkürzt auf die psychische Störung des Traumas in der heutigen Zeit eingehen. Dabei spielen Definitionen, Folgen und Reaktionen traumatischer Ereignisse eine wichtige Rolle. Danach bietet es sich an, Sigmund Freud und seinen psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Ansatz mit in Betracht zu ziehen, vor allem, da Freud selbst Hoffmanns „Der Sandmann“ studierte und analysierte. Weiteres möchte ich mit genau diesem Werk fortfahren und es genauer unter die Lupe nehmen. Zu guter Letzt erfolgt eine Analyse des Buches „Das Fräulein von Scuderi“. Das Ende gestaltet eine Zusammenfassung und ein letztes Resümee der gesamten Arbeit.

2. Psychische Störung - Trauma

In der heutigen Zeit spielen psychische Störungen eine große Rolle. Das Interesse an ihnen, an Klassifikationsversuchen, Erhebungsverfahren, Erklärungsversuchen und Behandlungsmöglich-keiten, nimmt immer mehr zu. Es wird versucht, so gut wie möglich psychische Erkrankungen zu klassifizieren, zu formulieren, zu erklären etc., um das Verständnis und vor allem die Behandlungen von ihnen zu erleichtern.

Ich möchte im folgenden Kapitel auf die Herkunft und Definitionen von Trauma eingehen, dabei vor allem zwei wichtige Klassifikationssysteme heranziehen und weiteres die Folgen und Reaktionen von Traumata näher untersuchen.

2.1 Definitionen

Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Wunde, Verletzung oder Leck. (vgl. Wahrig Herkunftswörterbuch o.J.: o.S.)

Diese Wunde ist seelischer Natur, keine Verletzung die von außen sichtbar ist.

Da, wie bereits erwähnt, die Klassifikation, also die Einteilung, von psychischen Störungen immer mehr an Bedeutung gewann, entwickelten sich zwei Klassifikationssysteme, denen weltweite Bedeutung zugeschrieben wird.

Zum einen führte die American Psychiatric Association 1980 das DSM III (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), das 2013 zur neuesten Version DSM 5 weiterentwickelt wurde, ein. Zweitens wurde durch die WHO das ICD 10 (International Classification of Disease) herausgegeben, das alle Krankheiten und Störungen beinhaltet. (vgl. Wegerer 2017: 12/15).

Aus diesen beiden Systemen möchte ich Definitionen herausnehmen, um zu erklären, worum es sich bei einem Trauma laut DSM 5 und ICD 10 handelt.

Das ICD 10 definiert ein Trauma wie folgt: „Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (Wegerer 2017: 20) Im DSM 5 wird diese Art von psychischer Störung etwas breiter definiert:

„Auch das Beobachten eines Traumas, das jemand anderer erfährt; Erfahren, dass enge Bezugsperson Trauma ausgesetzt war; Wiederholtes Erleben von Details von traumatischen Ereignissen im professionellen Kontext (Sanitäter, Polizei,…).“ (Ebd.)

Zusätzlich möchte ich gerne eine dritte, sehr gute Definition aus dem Handbuch der Psychotraumatologie angeben, die besagt, dass eine psychisches Traumatisierung ein

Vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt (Fischer/Riedesser 2009: 84) ist. Zusammengefasst also ein Erlebnis, in dem bedrohliche Faktoren vorkommen und wir nicht imstande sind, diese mit unseren individuellen Bewältigungsmöglichkeiten abzuwenden. Dadurch entsteht eine innere Wunde, mit der Betroffene immer wieder zu kämpfen haben. Auslöser eines Traumas können zahlreiche Erlebnisse sein, zum Beispiel körperliche oder sexuelle Gewalterfahrungen, Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Folter, Krieg, bei Kindern massive Vernachlässigung etc. Diese Ereignisse können von den Erkrankten nicht verarbeitet werden und die Bewältigung fällt ihnen schwer.

2.2 Folgen von traumatischen Ereignissen

Traumatische Ereignisse können schwerwiegende, negative Folgen haben, da ein Trauma eine tiefe innere Narbe hinterlässt. Bei Kindern können sich diese Folgen akut oder erst nach einigen Jahren anhand verschiedener Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

So sind viele Menschen, die ein Trauma erlebt haben, Depressionen, Angststörungen, Suchtproblemen, psychischen Störungen, psychosozialen Problemen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Persönlichkeitsänderungen, körperlichen Beschwerden oder, wie so oft bei E.T.A. Hoffmanns Werken zu beobachten ist, dem Wahnsinn ausgesetzt. (vgl. Wegerer 2017: 20)

2.3 Traumatische Reaktion

Charakteristisch für die traumatische Reaktion ist der biphasische Wechsel zwischen wiederkehrenden Erinnerungsbildern, sogenannten „flash-backs“, und emotionale Dumpfheit, also emotionale Betäubtheit. Die wiederkehrenden Erinnerungsbilder geben den Betroffenen oft den Eindruck, als würden sie die traumatische Situation noch einmal erleben. So kann sich die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart oft als etwas schwer erweisen. (vgl. Kämper 2017: 66)

Hier wird auch dem Unbewussten eine große Rolle zugewiesen, da ein Trauma eine starke psychische Erschütterung ist, die im Unterbewusstsein noch lange wirksam bleibt. (vgl. Online Duden o.J.: o.S.)

Zusätzlich kann eine natürliche Reaktion die Vermeidung sein. Das Gefühl der Gefahr, das Wiedererleben von Teilen des Traumas und die körperliche Erregung, sind belastend, deswegen versuchen viele Menschen sie dadurch in den Griff zu bekommen, dass sie alles vermeiden, was an das traumatische Erlebnis erinnern könnte, wie Orte, Personen, Gespräche, bestimmte Kleidungsstücke, Fernsehsendungen etc.. Meist versuchen sie die Erinnerungen und Gedanken, die mit dem Trauma verbunden sind, zu unterdrücken oder zu vermeiden. Viele Betroffene betäuben ihre Gefühle und hoffen dadurch mit den schmerzhaften Gefühlen und Gedanken an das Trauma fertig zu werden. (vgl. Wilkening 2010: 3)

3. Sigmund Freud

„Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.“ (Freud 2009: 49)

Sigmund Freud ist der Begründer der Psychoanalyse und des psychodynamischen bzw. tiefenpsychologischen Ansatzes. Er gilt als einer der einflussreichsten und berühmtesten Denker des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch spielt Freud eine wichtige Rolle, seine Werke, Theorien und Methoden haben großen Einfluss auf die heutige Psychologie.

Laut Freud sind die tiefen Ursachen emotionaler Probleme seit der Kindheit in unserem Unbewussten verwurzelt. Wir sind uns ihrer nicht direkt bewusst, aber doch sind sie da. Diese Ursachen sollten in seiner Therapie (aufdeckende Therapie) an die Oberfläche gebracht werden. Durch seine Psychoanalyse versuchte Freud, die Leiden zugrundeliegender Konflikte aufzudecken und so die Persönlichkeit seiner Patienten umzustrukturieren und ihnen bei der Bewältigung unterschiedlicher Probleme zu helfen. (Wegerer 2017: 22)

Sehr interessant ist Freuds Essay „Über das Unheimliche“ von 1919, in dem er E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ untersucht. Er deutet den Sandmann als Resultat eines psychischen Konflikts Nathanaels und somit als innere Macht, der dieser ausgeliefert ist. Näheres möchte ich jedoch erst in einem späteren Kapitel, in dem „Der Sandmann“ analysiert wird, erläutern.

4. Kindheit und Trauma bei E.T.A. Hoffmann

„Die Eindrücke der Kindheit wurzeln am tiefsten.“ (Karl Emil Franzos o.J.: o.S.)

Konkret zu E.T.A. Hoffmann und seinen zahlreichen Erzählungen lässt sich sagen, dass sehr oft die kindliche Entwicklungsphase als traumatischer Auslöser erscheint. Dieses Trauma zentriert sich um ein Ereignis mit weitreichenden und fundamentalen Verletzungen, die schwere Wunden im Unbewussten hinterlässt oder dort weiter existiert. Diese Verletzungen und Wunden bilden oft eine prägende Verhaltensdisposition aus. Die Kindheit wird hier nicht als undifferenzierte und entfremdete Existenz in den Blick genommen, sondern viel mehr als fragile, mit verletzenden Übergriffen ausgesetzte Phase gesehen, in der ein individuelles Verhaltensmuster ausgebildet wird. (vgl. Kremer 2012: 506)

In „Der Sandmann“ erfährt Nathanael durch den Tod seines Vaters und durch die Person Coppelius, der ihm in seiner Kindheit bereits Angst macht, schon in frühen Jahren einschneidende Ereignisse, die sich schließlich später in seinem merkwürdigen und wahnsinnigen Verhalten widerspiegeln.1

In „Das Fräulein von Scuderi“ wird Rene Cardijac bereits im vorgeburtlichen Stadion mit einer Situation konfrontiert, die ihn bereits zu dieser Zeit prägen und seine Gier nach Gold, Edelsteine, Schmuckstücke, etc. aufflammen lässt.2

In „Die Elixiere des Teufels“, die ich in dieser Arbeit jedoch nicht näher vertiefen werde, hat der Schriftsteller das Motiv des Traumas zu einem körperlichen Mal verdichtet. In jungen Jahren wurde Medardus eine blutende Wunde durch ein diamantenes Kreuz der Geliebten seines Vaters zugefügt. Dieses Mal verschwindet erst durch die Auslöschung von Aurelie und seinem körperlichen Begehren, die auch bereits in seiner Kindheit eine große Rolle spielen.

Hoffmanns Behandlung kindlicher Traumata kommt Freuds Begriff der ,Urszene‘ nahe, insofern hier wie dort ein einschneidendes Ereignis gemeint ist, das verdrängt wird und aus dem Unbewussten heraus ,neurotische‘ Effekte zeitigt. (Ebd.)

Der Unterschied zwischen dem Schriftsteller und dem Psychologen liegt darin, dass Freud die Urszene als eine rein sexuelle Situation sieht und beschreibt, während sich Hoffmann nicht darauf beschränkt und eine breitere Interpretationsweise zulässt.

4.1 „Der Sandmann“

„Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind“, erwiderte die Mutter; „wenn ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand hineingestreut.“ (Kämper 2015: 4f)

E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, 1816 veröffentlicht, ist wohl eine der bekanntesten und am meisten analysierten Erzählungen des Schriftstellers. Fast in jeder Schule wird das Buch gelesen und von den SchülerInnen und den Lehrpersonen genauer unter die Lupe genommen. Ich selbst wurde in meiner Schulzeit mit dieser Erzählung ebenfalls konfrontiert.

Im Vordergrund in „Der Sandmann“ steht auf jeden Fall die Puppe Olimpia. Ganz Europa war am Ende des 18. Jahrhunderts von der Herstellung von lebendig erscheinenden und perfektionierten Puppen fasziniert, den sogenannten Automaten. Alle kannten die Namen der berühmtesten Konstrukteure, die diese Puppen herstellten, und es wurde ebenfalls von vielen Betrugsversuchen berichtet. Hoffmann lockte vor allem die Perfektion, welche die Konstrukteure der Nachahmung des Lebens erreichten, weil sie vor allem zwei bestimmte Dinge ins Licht rückten: wie leicht es war, die Alltagswirklichkeit zu entmenschlichen und wie unfassbar daneben der Mythos des Lebendigen wurde. (vgl. Gröble 2000: 35f.)

Hoffmann hatte sich besonders intensiv in seiner Bamberger Zeit mit der aufkommenden Psychologie beschäftigt.

Im Sandmann beweist er ein geradezu klinisches Interesse an den neuen Theorien, was bewirkte, dass die Erzählung als Erzeugnis einer kranken Fantasie abgelehnt wurde, am Anfang unseres Jahrhunderts aber eine Welle psychoanalytischer Untersuchungen auslöste. Den Anstoß dazu gab Sigmund Freud. (Ebd.: 36ff)

4.1.1 Konfrontation mit dem Trauma - Nathanael

Ich beschäftige mich nun zuerst mit dem Trauma auslösenden Ereignissen und den immer wieder stattfinden Konfrontationen.

Die Hauptperson Nathanael wird in seinem Leben immer wieder an ein traumatisches Ereignis aus seiner Kindheit erinnert und verfällt dadurch nach und nach dem Wahnsinn.

Die Erzählung beginnt mit einem Brief von Nathanael an seinen Freund Lothar. Dort berichtet er von einem schrecklichen Vorfall den er erlebt hat, doch um Lothar die Wichtigkeit und das Schreckliche an seinem Erlebnis beibringen zu können, muss er vorher auf ein Ereignis in seinen jungen Jahren eingehen und schildert ihm dieses. Dabei handelt es sich um den Trauma auslösenden Vorfall in seiner Kindheit: von seiner Mutter bekam er immer erzählt, dass am Abend der Sandmann zu ihnen ins Haus kommt und die Kinder deshalb schnell ins Bett schlüpfen mussten. Dumpfe Geräusche, ein Poltern und Schritte vernahm der kleine Nathanael und wusste daher, das konnte nur der Sandmann sein. Nach Nachfragen des Jungen erklärte ihm seine Mutter, dass es den Sandmann nicht wirklich gibt, sondern es sich nur um eine Redensart handelt, wenn die Kinder müde und schläfrig sind. Diese Antwort jedoch befriedigte Nathanael nicht und er wandte sich an die Amme, die ihm eine schaurige Geschichte über den Sandmann erzählte:

Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf. (Kämper 2015: 5)

Sofort wird Nathanael von schrecklichen Albträumen geplagt. Diese Märchen ist der Auslöser für Nathanaels ständige Angst und setzt sich in seinen Gedanken fest.

Später, als Nathanael trotz Verbot in das Zimmer seines Vaters, in dem er auch den Sandmann vermutete, blickte, bemerkte er, dass die ihm angsteinflößende Figur des Schauermärchens niemand anderer als der verhasste Coppelius ist, der an manchen Tagen bei ihnen zu Mittag isst. Das bedrohliche und furchterregende Auftreten und Äußeres des Advokaten erinnert Nathanael eindeutig an den Sandmann:

Denke dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigen grauen Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, und großer, starker über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne. (Ebd.: 7)

Hier nimmt die zuvor nur durch Geschichten in Nathanaels Kopf entstandene Gestalt einen realen Charakter an. Der Sandmann ist aus der Fantasie für Nathanael in die Wirklichkeit geschlüpft und verfestigt so seine Angst.

Eine Wiederholung und Verstärkung des Traumas erfährt der Junge mit zehn Jahren. Von einem lauten Geräusch geweckt, stürmte Nathanael in das Zimmer seines Vaters und entdeckte diesen mit verbranntem Gesicht, von Rauch umgeben und eindeutig tot am Boden liegen. Seine Mutter schrie Coppelius an, er habe den Vater getötet, doch dieser verschwand, nachdem man ihn zur Rechenschaft ziehen wollte, da sie alchemistische Versuche durchgeführt hatten, spurlos.

Diese schrecklichen Kindheitserlebnisse haben sich in Nathanael eingenistet und verfolgen ihn sein ganzes Leben lang.

Nun kommt es zur nächsten Konfrontation und zu Nathanaels Vorfall, den er zu Beginn des Briefes an seinen Freund noch nicht genauer erläutert hat. Er behauptet, dass der Wetterglashändler, der auf einmal vor seiner Tür steht, niemand anderer als der verhasste, wieder aufgetauchte Coppelius sei.

„Er war anders gekleidet, aber Coppelius‘ Figur und Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als dass hier ein Irrtum möglich sein sollte.“ (Ebd.: 12)

[...]


1 Näheres in Kapitel 4.1

2 Näheres in Kapitel 4.2

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Kindheit als Trauma
Untertitel
Eine Analyse von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“
Hochschule
Universität Salzburg
Note
3
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V471362
ISBN (eBook)
9783668953550
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Hoffmann, Der Sandmann, Das Fräulein von Scuderi, Trauma, Trauma bei Hoffmann, Germanistik, Neuere deutsche Literatur, Hoffmanns Werke, Interpretation
Arbeit zitieren
Marlene Untersteiner (Autor), 2018, Die Kindheit als Trauma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471362

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