Die Verarbeitung der Gregorius-Legende von Hartmann von Aue in Thomas Manns "Der Erwählte"


Essay, 2017
4 Seiten, Note: 2,0
Verena Binder (Autor)

Leseprobe

Die Verarbeitung der Gregorius-Legende von Hartmann von Aue in Thomas Manns Der Erwählte

Von Verena Binder (Pseudonym)

Der Erwählteim Verhältnis zur Vorlage

Thomas Mann verarbeitete den Stoff der Gregorius-Legende von Hartmann von Aue in seinem Roman Der Erwählte. Dabei hielt er sich in Grundzügen an die Vorlage, nahm jedoch auch einige Änderungen vor.1 Er schob Szenen ein und raffte die Handlung an anderen Stellen.2 Dadurch strebt der Roman konsequenter als die Legende dem Ziel der Gnade Gottes zu.3 Mit diesem vergebenden Ende behielt Mann die heitere Seite der Vorlage zum größten Teil bei.4 Ebenso folgte er den religiösen Motiven und bewahrte den Tiefgang der Legende.5 Der Erwählte spielt wie das Original im katholischen Mittelalter.6 Mann idealisierte und parodisierte dieses jedoch.7 Dabei griff er auf andere mittelhochdeutsche Werke zurück. Die Vorstellung vom idealen Rittertum übernahm er aus Hartmanns Erec und Iwein. Gregorius‘ Beiname „Der Trauerer“ stammt aus dem Tristan von Gottfried von Straßburg. Außerdem verarbeitete Mann Elemente aus Wolfram von Eschenbachs Parzival.8 Er baute des Weiteren Handlungen ein, die aus der Zeit fallen, wie zum Beispiel das Fußballspiel auf der Klosterinsel.9

Mann selbst sagte über den Erwählten:

„Wenn es das Alte und Fromme, die Legende parodistisch belächelt, so ist dieses Lächeln eher melancholisch als frivol, und der verspielte Stil-Roman, die Endform der Legende, bewahrt mit reinem Ernste ihren religiösen Kern, ihr Christentum, die Idee von Sünde und Gnade.“10

Die Sprache bei Thomas Mann

Mann mischte in seinem Roman unterschiedliche Stile sowie Prosa und Reimpaarverse. Er kombinierte Neu- und Mittelhochdeutsch11 und fügte vereinzelt Latein, Altfranzösisch, Altdeutsch12 und Englisch hinzu.13 Die Fischer unterhalten sich im Erwählten im Dialekt der Lübecker Bucht.14

Die Figuren und ihre Handlungen

In der Legende ist nur Gregorius namentlich genannt. Mann hingegen gab jeder Person einen Namen.15 Dadurch ist der Heilige weniger von den anderen Figuren abgesetzt und stärker mit ihnen auf Augenhöhe gebracht.16 Im Erwählten ist die Anzahl an handelnden Personen gegenüber der Vorlage erhöht.17 Mann führte beispielweise die Erzählerfigur Clemens ein. Dieser schreibt die Geschichte in der Klosterbibliothek St. Gallus nieder.18 Außerdem dichtete Mann einen Hund hinzu, der Grigorß‘ Eltern gehört und den Wiligis vor dem Inzest umbringt. Im Erwählten schilderte er die Lebensumstände der Personen genau, wobei er kulturgeschichtliche Elemente einbaute.19 Bei der Beschreibung des Abtes unterlief ihm ein Fehler. Diesen stellte er fälschlicherweise mit einem Rosenkranz da, was jedoch erst ab dem 13. Jahrhundert bei Dominikanern und Franziskanern üblich war.20 Des Weiteren rühmte Mann das Verhalten der Frau des Fischers ausführlicher als Hartmann und stellt ihren Glauben stärker in den Vordergrund.21 Die Trennung von Gut und Böse und der Gegensatz von Gott und Teufel sind im Erwählten aufgeweicht. Bei Mann sind letztere handelnde Figuren mit Ähnlichkeit zu den Menschen.22

Erweiterung der ursprünglichen Legende

Mann erweiterte die Legende um den Ödipus- und den Erdmutter-Mythos.23 Außerdem nahm er die Jungfrau Maria in seinen Roman auf. Zu den vier Schmerzen der Sybilla bei Hartmann fügte er einen fünften hinzu: Die Notlage ihres Landes durch ihren bewussten Verzicht auf einen Ehemann. Diese fünf Schmerzen bezeichnete Mann als ‚fünf Schwerter‘. Diese Metapher übernahm er vermutlich aus der ‚Marienklage‘ von Jakopone da Todi.24 Die zweite Begegnung zwischen Grigorß und der Frau des Fischers gestaltete Mann nach dem biblischen Vorbild von Jesus und Maria Magdalena.25 Des Weiteren verarbeitete er zweimal die Lehre der Brunnenszene aus der Josephsgeschichte: „Ohne Schuld keine Begnadung, ohne Gewissensnot, Reue und Buße keine Erlösung“.26 Diese Worte sagt Grigorß zu seiner Mutter unmittelbar nach dem zweiten Inzest und nach seiner Ernennung zum Papst.27

Die Verwendung von Symbolen bei Thomas Mann

Mann baute den Fisch zum Symbol aus. Ein solcher wird im Kloster auf Grigorß‘ Kleidung gestickt und ist später auf seinem Segel abgebildet. Außerdem wird Gregorius als „Ritter vom Fisch“ bezeichnet.28 Im Erwählten schrumpft der büßende Grigorß auf dem Stein zu einem igelähnlichen Wesen zusammen. Dies verstärkt den tieferen Sinn der Legende,29 weil der Igel den Teufel symbolisiert.30

Bezugnahme auf Freuds Theorien

Zudem bezog Mann Siegmund Freuds Theorien als Schlüssel für die Interpretation der Geschichte mit ein. Damit erklärte er die Gründe für den Inzest mit menschlichen Trieben und ging auf Persönlichkeitsmuster und neurotische Störungen ein.31 Ebenso ähnelt Sybillas Audienz bei Papst Grigorß einer Therapie mit psychoanalytischen Methoden.32

Beginn und Ende des Erwählten

Beginn und Ende der Legende behält der Roman weitgehend bei. Am Anfang läuten Glocken, wie sie bereits in Manns Betrachtungen eines Unpolitischen von 1917 vorkommen.33 Legende und Roman schreiben Gregorius beziehungsweise Grigorß gleichermaßen alle guten Taten sämtlicher Päpste zu34 und enden mit einer positiv formulierten Ermahnung.35

[...]


1 Eberhard Stromberg: Thomas Mann. Mythos und Religion in seinem Leben und Werk, Würzburg 2015, S.303.

2 Stromberg: Thomas Mann, S.307.

3 Hannah Rieger: „Die altersgraue Legende“. Thomas Manns Der Erwählte zwischen Christentum und Kunstreligion, Würzburg 2015, S.41.

4 Stromberg: Thomas Mann, S.307.

5 Ebd, S.303.

6 Ebd, S.309.

7 Heinrich Detering/ Stephan Stachorski: Der Erwählte (1951), in: Andreas Blödorn, Friedhelm Marx (Hrsg.), Thomas-Mann-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung, Stuttgart 2015, S.75.

8 Ebd, S.76.

9 Ebd, S.77.

10 Thomas Mann, zitiert nach Stromberg: Thomas Mann, S.304.

11 Detering/ Stachorski: Der Erwählte, S.77.

12 Stromberg: Thomas Mann, S.307.

13 Detering/ Stachorski: Der Erwählte, S.77.

14 Stromberg: Thomas Mann, S.307.

15 Ebd, S.307.

16 Rieger: „Die altersgraue Legende“, S.53.

17 Stromberg: Thomas Mann, S.307.

18 Ebd, S.308.

19 Ebd, S.307.

20 Ebd, S.309.

21 Ebd, S.315.

22 Rieger: „Die altersgraue Legende“, S.62.

23 Detering/ Stachorski: Der Erwählte, S.77.

24 Stromberg: Thomas Mann, S.309f.

25 Ebd, S.318.

26 Zitiert nach Stromberg: Thomas Mann, S.319f.

27 Stromberg: Thomas Mann, S.319f.

28 Ebd, S.314.

29 Ebd, S.321.

30 Rieger: „Die altersgraue Legende“, S.64.

31 Ebd, S.41.

32 Ebd, S.83.

33 Detering/ Stachorski: Der Erwählte, S.76.

34 Stromberg: Thomas Mann, S.308.

35 Ebd, S.319.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Die Verarbeitung der Gregorius-Legende von Hartmann von Aue in Thomas Manns "Der Erwählte"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V471494
ISBN (eBook)
9783668937253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verarbeitung, gregorius-legende, hartmann, thomas, manns, erwählte
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2017, Die Verarbeitung der Gregorius-Legende von Hartmann von Aue in Thomas Manns "Der Erwählte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471494

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