Resilienzförderung bei Pflegekindern


Hausarbeit, 2018
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Titelblatt

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Pflegekind und Pflegefamilie
2.1 Rechtlicher Rahmen
2.2 Das Konstrukt der Pflegefamilie im Unterschied zur Herkunftsfamilie
2.3 Geschwisterkonstellationen
2.3.1 Pflegekinder in Pflegefamilien mit leiblichen Kindern
2.3.2 Pflegekinder und ihre leiblichen Geschwister
2.4 Kontakt mit der Herkunftsfamilie
2.5 Pflegekindspezifische Entwicklungsaufgaben

3 Resilienz
3.1 Resilienz – eine Definition
3.2 Resilienzfaktoren
3.2.1 Innere Resilienzfaktoren
3.2.2 Äußere Resilienzfaktoren

4 Zusammenführung und Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ende des Jahres 2016 gab es 190 804 Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII zur Erziehung außerhalb des Elternhauses, 74 120 davon betrafen die Vollzeitpflege in einer anderen Familie1. Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Begleiter von Rüstzeiten kam ich mit Kindern in den unterschiedlichsten Lebenssituationen unter anderem auch sehr oft mit Pflegekindern in Kontakt und konnte ihre Entwicklung teilweise bis als Jugendliche mit verfolgen. Dabei lernte ich auch einiges über das Umfeld und die persönlichen Geschichten der Kinder kennen, wie sie Familie, Eltern und ihre Chancen im Leben sehen.

Im Zuge des Heranwachsens erfahren alle Kinder und Jugendlichen Hindernisse oder durchlaufen widrige Lebensumstände, welche sie nachhaltig prägen und ihre Entwicklung beeinflussen. Pflegekinder haben diese im erhöhten Maße in zweierlei Hinsicht erlebt. Zum einen durch die Trennung von ihren leiblichen Eltern unabhängig ob das auf begrenzte Zeit oder dauerhaft geschieht, zum anderen durch die Ursachen der Inpflegegabe. Dies macht die Pflegefamilie somit zu einem „Kompensator misslungener familiärer Sozialisation […, mit] familienähnlichen Strukturen [als] pädagogisches Medium“2. Das Gebiet der Resilienzforschung befasst sich mit der Fragestellung nach eben jenem allgemeinen Erfahren widriger Umstände und Hindernissen sowie deren Überwindung und der daraus folgenden emotionalen Stärkung3. Aus diesem Hintergrund ergibt sich die Fragestellung der vorliegenden Hausarbeit:

„Welche Hürden existieren bei der Entwicklung von Resilienz bei Pflegekindern und wie kann Resilienz in der Institution Pflegefamilie gefördert werden?“

Da der Bereich der Pflegekindschaft sehr umfassend ist, wird in dieser Hausarbeit schwerpunktmäßig der allgemeine Rahmen der Pflegekindschaft ohne gesonderte Betrachtung von etwaigen traumatischen Vorerfahrungen und deren Bedeutung für die Resilienzförderung betrachtet.

Im ersten Teil der Hausarbeit wird das Konstrukt der Pflegefamilie aus rechtlicher und soziologischer Sicht beleuchtet sowie die daraus resultierenden Entwicklungsaufgaben für das Pflegekind. Im zweiten Teil werden Grundlagen der Resilienzförderung dargestellt, welche im dritten Teil zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden.

Zur besseren Lesbarkeit wurde auf eine geschlechtergerechte Sprache verzichtet, dennoch gilt für alle Aussagen dieser Hausarbeit die Ansprache sämtlicher Geschlechtlichkeit.

2 Pflegekind und Pflegefamilie

Ein Pflegekind ist eine minderjährige Person, welche aus unterschiedlichen Gründen für eine auf zeitangelegte Dauer nicht bei den leiblichen Eltern lebt und von ihnen betreut wird, sondern bei einer anderen Familie untergebracht wird. Diese Form der Unterbringung ist im Rahmen der Hilfen zur Erziehung unter dem §33 SGB VIII geregelt.

2.1 Rechtlicher Rahmen

Nach §1 (1) SGB VIII besitzt „jeder junge Mensch […, das] Recht auf eine Förderung seiner Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“4, ebenso sind nach §1 (2) Pflege und Erziehung des Kindes Pflicht und Recht der Eltern, wobei sie der Aufsicht der staatlichen Gemeinschaft obliegen5. Sollten die Eltern dieser Aufgabe nicht nachkommen können, besteht nach §27 der Anspruch auf Hilfe zur Erziehung, welche für den Bereich der Pflegefamilien im §33 geregelt wird. Dieser bietet die Möglichkeit das Kind für eine befristete oder auf Dauer angelegte Zeit in einer anderen Familie unterzubringen, wenn dies dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes mit seinen persönlichen Bindungen gerecht wird und der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie dient6. Im Falle einer Inobhutnahme nach §42 kann es ebenso eine Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie nach §33 zur Folge haben.

Die Familie, in welcher das Kind untergebracht wird, können Verwandte, aber auch über das Jugendamt vermittelte Personen sein. Hierbei entstehen für die Pflegepersonen nach SGB VIII §37 die Pflicht mit Jugendamt und Herkunftsfamilie zusammenzuarbeiten7. Ebenso werden den Pflegepersonen folgende Rechte eingeräumt8:

-Bewerbung um Vormundschaft für das Pflegekind (§53 SGB VIII)
-Beantragung der elterlichen Sorge für das Pflegekind, mit Zustimmung der Herkunftsfamilie (§1630 BGB)
-Verbleib des Pflegekindes nach längerfristigem Aufenthalt in der Pflegefamilie bei Rückholung durch die Herkunftsfamilie (§1632.4 BGB)
-Vertretung der Personensorgeberechtigten, in Absprache mit der Herkunftsfamilie, wobei die Alltagssorge nicht eingeschränkt werden kann (§1688 BGB)
-Anspruch auf Beratung und Hilfen zur Erziehung (§27 SGB VIII)

Die Hilfe zur Erziehung erfolgt regulär über einen Hilfeplan nach §36 SGB VIII, in welchem der Bedarf der Hilfe begründet, die Art der Hilfe sowie notwendige Leistungen festgesetzt werden. Zur Art der Hilfe zählen hierbei die Erarbeitung von Handlungsvorschlägen für alle an der Hilfe beteiligten Parteien (Herkunftsfamilie, Fachkräfte, Pflegepersonen und Kind)9.

2.2 Das Konstrukt der Pflegefamilie im Unterschied zur Herkunftsfamilie

Ausgehend vom Konzept der soziologischen Sozialisationstheorie zeigen sich für eine Familie, welche aus Eltern und deren leiblichen Kindern besteht fünf Kennzeichen über welche sie sich definiert10:

-„Solidarität des gemeinsamen Lebensweges“ (Während des Aufwachsens des Kindes bis zu seinem Ablösen von den Eltern bestehen feste Beziehungen innerhalb der Familie, welche sie trägt.)
-Unaustauschbarkeit von Personen (Die Eltern erfüllen für das Kind sowohl die biologische Funktion der Elternschaft sowie die sozialen Funktionen von Pflege, Erziehung, usw.)
-Erotische Solidarität (Grundlage für die Familie bildet die Beziehung zwischen den Eltern, zu welcher das Kind keinen Zugang besitzt.)
-Affektive Solidarität („Innerhalb der Familie existieren dauerhafte, belastbare Bindungen zwischen allen Familienmitgliedern.“11 )
-Unbedingte Solidarität (Innerhalb der Familie herrscht ein uneingeschränktes Vertrauen.)

Im Konzept von Vera Fahlberg bedeutet das12, dass die Eltern sowohl die:

-leiblichen Eltern, welche einen zeugten und somit biologische Merkmale und grundlegende persönliche Merkmale mitgaben
-sorgenden Eltern, welche sich um das seelische und leibliche Wohl des Kindes sorgen und es in materieller wie emotionaler Hinsicht unterstützen
-gesetzliche Eltern, welche die finanzielle und rechtliche Verantwortung für das Kind tragen

sind. Diese drei Arten von Eltern können je nach Pflegefall, wie oben skizziert unterschiedlich unter den an einer Pflege beteiligten Gruppen aufgeteilt sein, ebenso relevant ist hierbei die Zeitlichkeit der Pflege.

Die Pflegefamilie als solche erweist sich im Unterschied zum regulären Familienbegriff als Konstruktfamilie, da sie13:

-zunächst keine stabilen Beziehungen aufweist und die Personen der Pflegeltern aus rechtlicher Sicht austauschbar sind.
-keine dauerhafte Solidaritätsgemeinschaft ist, da ihr Bestehen mit der Volljährigkeit oder spätestens dem 27. Lebensjahres des Pflegekindes erlischt.
-erst bei einem längerfristigen Pflegeverhältnis adäquat einer „regulären Familie“ entsprechende Formen von Beziehungen und Solidarität entwickeln kann.
-für das Kind oft nicht das einzige Bezugssystem ist, welchem es sich loyal zeigen möchte und welches Ansprüche an es richtet.
-Nicht der leiblichen Elternschaft nach Fahlberg entspricht und das Kind nicht in Verbindung zur erotischen Solidarität der Pflegeeltern steht14.

So lässt sich im Allgemeinen festhalten, dass die Pflegefamilie dem Kind im Unterschied zur Herkunftsfamilie andere Rahmenund Identifikationsbedingungen bietet, welche sich erst mit zunehmender Dauer der Pflege entwickeln. Das heißt für die Pflegeeltern, dass sich auch die Intensität der Bindung zum Kind und umgekehrt entwickelt. So ist die Intensität bei einer Kurzzeitpflege schwächer ausgebaut als bei einer Pflege auf Dauer15 und die Annäherungsphase, wie die damit verbundene Intensität der Beziehung abhängig vom Alter des Kindes bei der

Inpflegegabe16. Die bei Familien natürlich bestehende Solidargemeinschaft bildet sich bei einer Kurzzeitpflege lediglich in Ansätzen aus und das Kind ist eine Art Gast, wohingegen im Rahmen einer Langzeitoder Dauerpflege diese Solidargemeinschaft wachsen kann, wodurch die emotionale Elternschaft der Pflegeeltern nicht mit der Beendigung der Hilfe endet.

Eine Pflegefamilie ist wie jede Familie auch ein „personen-übergreifendes Sozialsystem“17, welches durch eigene Dynamiken und „Subsysteme“ geprägt ist und durch ein „Steuerungszentrum“ ausbalanciert wird. Das heißt, dass sich durch die Aufnahme eines Pflegekindes das Gesamtsystem verändert bzw. sich die vorhandenen Systeme von Pflegekind und Pflegefamilie annähern, kennenlernen und abgleichen müssen. Hierbei ist das „Steuerungszentrum“ gesondert gefordert, da es einer erhöhten Belastung und Verantwortung für die gesamte Balance im System ausgesetzt ist. Innerhalb des Gesamtsystems existieren „Subsysteme“, welche einerseits ein Gegenüber (Eltern-Kinder) bilden andererseits ein Miteinander (Pflegekind-Kinder) mit sich bringen18.

2.3 Geschwisterkonstellationen

Das Subsystem der Geschwister bildet für die meisten Menschen die längste Beziehung und stellt eine Verbindung zwischen der eigenen Vergangenheit und Gegenwart dar19. Geschwisterbeziehungen sind nicht wählbar und bilden ein festes Band, welches neben der Eltern-Kind-Bindung eine der zentralsten Sozialisationsfaktoren ist20. So bildet die Gemeinschaft der Geschwister das Subsystem, welches Kindern in einer Familie neben den Eltern Halt gibt, aber auch eine Abgrenzung zu diesen darstellt. Pflegekinder stehen daher meist in mehreren Subsystemen von Geschwistern. Einerseits haben sie unter Umständen eigene Geschwister, andererseits kommen sie in das vorhandene Subsystem von Geschwistern der Pflegefamilie, welches einer eigenen Dynamik unterliegt.

[...]


1 vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018, Kinderund Jugendhilfe, URL: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Soziales/Sozialleistungen/KinderJugendhilfe/Tabellen/ HilfenErziehungAusElternhausMerkmal.html (Stand: 10.06.2018)

2 zit. n. Pietsch, 2009 , S. 23.

3 vgl. Grotberg, Anleitung zur Förderung der Resilienz von KindernStärkung des Charakters, in: Zander, Margherita; Roemer, Martin (Hrsg.), Handbuch Resilienzförderung, 2011, S. 51.

4 zit. n. BMFSFJ, 2013 , S. 78.

5 vgl. ebd., S. 78.

6 vgl. ebd., S. 93f.

7 vgl. Bundesverband der Pflegeund Adoptivfamilien e.V., 2008, Pflichten und Rechte der Pflegepersonen, URL: http://www.pfad-bv.de/dokumente/Wissensdatei/Pflichten%20und%20Rechte%20Pflege.pdf (Stand: 04.06.2018), S.1.

8 vgl. ebd., S. 1f.

9 vgl. Bundesverband der Pflegeund Adoptivfamilien e.V., 2008, Informationen zur Hilfeplanung, URL: http://www.pfad-bv.de/dokumente/Wissensdatei/Hilfeplanung.pdf (Stand: 04.06.2018), S. 1ff.

10 vgl. Gehres; Hildenbrand, 2008 , S. 22f.

11 ebd., S. 22.

12 vgl. Ryan; Walker, 2017 , S. 83ff.

13 vgl. Gehres; Hildenbrand, 2008 , S. 25ff.

14 vgl. Hildenbrand, 2005, Die Genese von sozialisatorischen Kernkompetenzen in der Pflegefamilie: Salutogenese und Resilienz, URL: https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/21944/ssoar-2005-hildenbrand- die_genese_von_sozialisatorischen_kernkompetenzen.pdf?sequence=1 (Stand: 10.06.2018), S. 5.

15 vgl. Wiemann, 2009 , S. 86.

16 vgl. ebd., S. 86f.

17 vgl. Freiburg, 2001, Die Pflegefamilie und das Streben nach einer heilen Welt, URL: http://www.pfadbv.de/dokumente/Wissensdatei/Die%20Pflegefamilie%20und%20das%20Streben%20nach%20einer%20heilen%20 Welt.pdf (Stand: 10.06.2018), S.3.

18 vgl. ebd., S.4.

19 vgl. Petri, Pflegekinder und ihre Geschwister, in: Wolf, Klaus (Hrg.), Sozialpädagogische Pflegekinderforschung, 2015, S.109.

20 vgl. Wiemann, 2007, Zusammenleben mit seelisch verletzten Kindern, URL: http://www.pfadbv.de/dokumente/Wissensdatei/Wiemann-Seelisch-verletzte-Kinder.pdf (Stand: 11.06.2018), S. 4.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Resilienzförderung bei Pflegekindern
Hochschule
Fachhochschschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie Moritzburg  (Evangelische Hochschule Moritzburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V476858
ISBN (eBook)
9783668961302
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Resilienzförderung, Pflegekinder
Arbeit zitieren
Alexander Przyborowski (Autor), 2018, Resilienzförderung bei Pflegekindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476858

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