Die um etwa 1130 aufkommende und erst im Nachhinein von dem italienischen Kunsttheoretiker Giorgio Vasari als solche titulierte Epoche der Gotik - für deren Namensfindung die barbarischen Goten Pate standen - wurde nach anfänglicher Verachtung umso stärker verehrt. 1 Die sich hauptsächlich auf Architektur und Plastik, aber auch auf die Malerei sowie das Kunsthandwerk auswirkende Stilepoche gilt als die unabhängigste der europäischen Kunstgeschichte seit der Antike. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf zwei Werken der Spätgotik, welche bis ins 16. Jahrhundert für die Kunst bestimmend war, jedoch erst seit dem 20. Jahrhundert als selbständige Stileinheit begriffen wird. 2 „Die Spätgotik lässt sich als der Raumstil bezeichnen, der, während er die letzten Konsequenzen aus dem klassischen gotischen System zieht, seiner Raumidee nach schon die Renaissance in sich trägt.“ 3 Die vorliegende Arbeit thematisiert einen Werkvergleich von Nikolaus Gerhaert von Leydens Epitaph des Kanonikers Conrad von Busang mit Jan van Eycks Madonna des Kanzlers Rolin. Über den, als Bahnbrecher des spätgotischen Stils in der deutschen Plastik geltenden 4 Nikolaus Gerhaert von Leyden ist aufgrund mangelnder Überlieferung sowie seines nur fragmentarisch erhaltenen Œuvres kaum etwas bekannt. 5 So ist weder die Frage bezüglich seines tatsächlichen Namens oder seines Geburtsjahres, noch die seiner Herkunft - Holland oder Deutschland -geklärt. Einzig die letzten elf Jahre bis zum Tode des 1473 verstorbenen größten Bildhauers des 15. Jahrhunderts nördlich der Alpen 6 finden in der Literatur Erwähnung. 7 Anregungen für die Kunst Nikolaus Gerhaerts lieferte die französische Skulptur, die ihrerseits im 15. Jahrhundert an der niederländischen Malerei orientiert war. 8 Als größter niederländischer Maler dieser Zeit 9 und zugleich Begründer der spätgotischen Malerei gilt Jan van Eyck, der für die Malerei nördlich der Alpen jene
Bedeutung beanspruchen darf, die Masaccio für die italienische Malerei zukommt. 10 Der flämische Maler, der 1391 vermutlich in Maaseyck bei Maastricht zur Welt gekommen ist, 11 überwand mit seiner Kunst die Sichtweise des Mittelalters 12 und lehrte „den abendländischen Menschen sehen“ 13 . [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorikonographie, Ikonographie und Ikonologie
2.1 Nikolaus Gerhaert von Leyden: Epitaph des Kanonikers Conrad von Busang
2.2 Jan van Eyck: Die Madonna des Kanzlers Rolin
3. Werkvergleich
3.1 Der Aspekt der Kommunikation
3.2 Göttliches vs. Weltliches
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand eines vergleichenden Werkansatzes die stilistischen und ikonographischen Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen Nikolaus Gerhaerts Epitaph des Kanonikers Conrad von Busang und Jan van Eycks Die Madonna des Kanzlers Rolin, wobei insbesondere der Aspekt der visualisierten Kommunikation und die Tendenzen zur Profanierung im Vordergrund stehen.
- Analyse der Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits in der spätgotischen Kunst.
- Untersuchung der Rolle des Jesuskindes als zentrales Verbindungselement in beiden Werken.
- Kontrastierung von visionärer Darstellung bei van Eyck und körperlicher Interaktion bei Gerhaert.
- Erörterung der Gewichtung des Weltlichen gegenüber dem Sakralen.
- Einordnung der Werke in den Übergang zu einem bürgerlichen, individuelleren Kunstverständnis.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Aspekt der Kommunikation
Anhand eines Werkvergleichs von Nikolaus Gerhaerts Busang-Epitaph und Jan van Eycks Rolinmadonna soll gezeigt werden, ob und inwiefern die Thematiken der beiden Darstellungen, obwohl es sich um eine Umsetzung in unterschiedlichen Medien handelt, miteinander konform gehen. In beiden Werken befindet sich die Gottesmutter Maria gemeinsam mit ihrem Kind in Gegenwart eines sie anbetenden Mannes innerhalb einer architektonischen Rahmung. Im Folgenden gilt es zu untersuchen, ob und in welcher Form sich zwischen den beiden im Werk vorhandenen Parteien eine Kommunikation entwickelt.
Beginnend mit Jan van Eycks Rolinmadonna ist zunächst einmal zu konstatieren, dass die Personen, obwohl sie sich im gleichen Raum befinden, dennoch deutlich voneinander distanziert und jeweils eine Bildhälfte einnehmend angeordnet sind. Die monumental erscheinenden Vertreter des Göttlichen und Weltlichen erzeugen aufgrund ihrer Bewegungslosigkeit eine gewisse Statik, die eine unmittelbare Kommunikation vermissen lässt. Kanzler Rolin, der das figürliche Pendant zu Maria bildet, wirkt konzentriert und dennoch geistig abwesend. Sein sich außerhalb des Bildes verlierender Blick scheint keinen konkreten Gegenstand zu fixieren, sondern vielmehr ins Leere zu schweifen. Maria und das auf ihrem Schoss sitzende Jesuskind, die im Dreiviertelprofil etwas tiefer in den Raum hinein versetzt sind, fallen somit nicht in das Blickfeld des betenden Mannes. Die in ein pyramidenförmiges, weites Gewand gehüllte Gottesmutter wirkt in sich gekehrt und passiv. Sie konzentriert sich einzig auf das Jesuskind, welches seinerseits durch seinen Blick den direkten Kontakt zum Kanzler sucht. Sein zunächst eine Diagonalität aufweisender Arm ändert sehr bald seine Richtung und weist mit den nach links gekrümmten Fingern in Verbindung mit der Rundbogenbrücke des Hintergrundes in die Richtung des betenden Kanzlers. Dieser – nur körperlich präsent – registriert die Geste des Kindes jedoch nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Epoche der Gotik und Darstellung des Forschungsgegenstandes, bestehend aus einem Werkvergleich zwischen Nikolaus Gerhaert von Leyden und Jan van Eyck.
2. Vorikonographie, Ikonographie und Ikonologie: Detaillierte ikonographische Analyse der beiden Kunstwerke unter Berücksichtigung ihrer formalen Gestaltung und ihres historischen Kontextes.
3. Werkvergleich: Vergleichende Untersuchung der Kommunikationsaspekte sowie des Verhältnisses von göttlicher und weltlicher Sphäre in den Werken.
4. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, die den Bruch zur mittelalterlichen Kunst und die neue Weltsicht der Spätgotik unterstreichen.
Schlüsselwörter
Spätgotik, Nikolaus Gerhaert von Leyden, Jan van Eyck, Epitaph, Madonna des Kanzlers Rolin, Werkvergleich, Ikonologie, Kommunikation, Sakralität, Profanierung, Stifterbildnis, Körperlichkeit, Bildkomposition, Kunstgeschichte, Spätmittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem kunsthistorischen Vergleich zwischen zwei bedeutenden Werken der Spätgotik: Nikolaus Gerhaerts Epitaph des Kanonikers Conrad von Busang und Jan van Eycks Gemälde Die Madonna des Kanzlers Rolin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Analyse der Kommunikation zwischen sakralen und profanen Figuren sowie die Untersuchung der Verschiebung von religiöser Ehrfurcht hin zur Betonung des Individuellen und Weltlichen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Umsetzung der Anbetungsszene in unterschiedlichen Medien zu beleuchten und aufzuzeigen, wie beide Künstler den Wandel zu einer neuen, bürgerlichen Weltsicht dokumentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der kunsthistorischen Bildanalyse, insbesondere die kunsthistorische Trias aus Vorikonographie, Ikonographie und Ikonologie nach Erwin Panofsky.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung der Einzelwerke und einen anschließenden komparativen Teil, der die Aspekte der Kommunikation und das Verhältnis von göttlichen und weltlichen Elementen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Spätgotik, Bildanalyse, Kommunikation, sakrale Sphäre, Profanierung sowie der direkte Vergleich der beiden genannten Meisterwerke.
Welche Bedeutung kommt dem Jesuskind in den Werken zu?
In beiden Werken fungiert das Jesuskind als entscheidende Verbindungsstelle zwischen der göttlichen Mutterfigur und dem menschlichen Stifter, wobei es bei Gerhaert physisch und bei van Eyck primär visuell kommuniziert.
Inwieweit spielt die Architektur eine Rolle?
Die architektonische Rahmung dient in beiden Werken dazu, den Raum für die Interaktion zwischen den Parteien zu definieren und die Abgrenzung bzw. Verbindung der göttlichen und weltlichen Sphäre räumlich erfahrbar zu machen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Kanzlers Rolin von jener des Kanonikers Conrad von Busang?
Während der Kanzler Rolin bei van Eyck eine eher visionäre, distanzierte Rolle einnimmt, wirkt der Kanoniker bei Gerhaert durch die körperliche Berührung des Kindes in einer wesentlich vertrauteren, fast häuslichen Szene situiert.
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- Katharina Lang (Author), 2004, Vergleich von Nikolaus Gerhaert von Leydens 'Epitaph des Kanonikers Conrad von Busang' und Jan van Eycks Gemälde 'Die Madonna des Kanzlers Rolin', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47720