Ist die Idee des "erziehenden Unterrichts" nach Johann Friedrich Herbart ein überholtes Relikt vergangener Tage oder eine noch zeitgemäße und auf den heutigen Schulunterricht übertragbare Komponente?


Hausarbeit, 2018
8 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „einheimischen Begriffe“
2.1 Regierung
2.2 Zucht
2.3 Unterricht

3. Erziehender Unterricht

4. Übertragbarkeit auf den heutigen Schulunterricht

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Notwendigkeit von Erziehung sieht Herbart1 schon darin, dass das Individuum sich erst „selbst zu dem machen muss, was aus ihm werden soll“.2 Der Terminus „er- ziehender Unterricht“ geht aus seinem 1806 verfassten Hauptwerk „Allgemeine Päda- gogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet“3 hervor, in welchem die „Zweck/Mit- tel-Problematik“ der Pädagogik erörtert wird.4 Bereits der Ausdruck „erziehender Un- terricht“ deutet auf die Untrennbarkeit beziehungsweise Synthese der Begrifflichkeiten Unterricht und Erziehung bzw. von Wissen und Haltung hin.5 So erklärt Herbart „kei- nen Begriff zu haben von Erziehung ohne Unterricht, so wie ich rückwärts, […] keinen Unterricht anerkenne, der nicht erzieht“.6

Im Folgenden werden Herbarts drei Hauptbegriffe der Erziehung: Regierung, Zucht und Unterricht, überblicksartig dargestellt und die Zusammenhänge aufgezeigt. Dies soll insbesondere zum Verständnis des Systems Herbarts beitragen und deutlich ma- chen, dass eine isolierte Betrachtung der Begrifflichkeiten nicht sachgerecht ist. Im Weiteren wird der Terminus „erziehender Unterricht“ fokussiert und darauf aufbauend die Zeitmäßigkeit sowie die Übertragbarkeit auf den heutigen Schulunterricht unter- sucht.

2. Die „einheimischen Begriffe“

Zweck der Erziehung ist nach Herbart die Unterstützung der Entwicklung von Morali- tät. In diesem Zusammenhang unterscheidet Herbart „drei Hauptbegriffe, nach wel- chen die ganze Erziehungslehre abzuhandeln ist“: Regierung, Unterricht und Zucht.7 Diese, von Herbart auch „einheimische Begriffe“ genannt, haben jeweils unterschiedli- che, spezifische Funktionen, durch welche der „höchste Zweck der Erziehung“ erreicht werden kann.8

2.1 Regierung

Nach Herbart herrscht zunächst das „Prinzip der Unordnung“ im Kinde, es ist ein „wil- des Ungestüm“, welches durch Gewalt „unterworfen“ werden muss. Somit hat die Re- gierung die Funktion „Ordnung“ zu stiften.9

Herbart grenzt die Kinderregierung von der „eigentlichen Erziehung“ ab, da ihr Ziel nicht die Bildung des Zöglings ist, sondern vielmehr eine notwendige Vorbedingung für die Anwendung der Erziehungsmittel (Unterricht, Zucht) darstellt.10 Bezeichnet wird sie daher auch als „Anwaltschaft des Kindes“.

2.2 Zucht

Im dritten Buch seines Hauptwerkes11 geht Herbart auf die „Charakterstärke der Sitt- lichkeit“ und in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Zucht bei der Erzie- hung von Kindern ein.12

Herbart definiert Zucht als „unmittelbare Wirkung auf das Gemüth der Jugend, in der Absicht zu bilden“.13 Es handelt sich mithin, wie bei der Kinderregierung, um ein Mit- tel der direkten erzieherischen Einwirkung.

„Ursprünglich ist die Zucht ein persönliches Benehmen, womöglich nichts anderes als eine freundliche Begegnung“.14 Der Zögling soll den Unterricht in der „rechten Stim- mung“ betreten und sich nicht mehr verzeihen können „anders als völlig gesammelt zum Unterricht zu erscheinen“.15 Es soll also die Aufmerksamkeit des Zöglings si- chergestellt werden, als notwendige Voraussetzung für Unterrichtserfolge. Die Auf- gabe der Zucht stellt also die Unterstützung der Entwicklung einer „Charakterstärke der Sittlichkeit“ zum Zwecke der Bildung dar. Ohne die Bereitschaft des Zöglings sich bilden zu lassen, ist eine Zucht jedoch nicht möglich: „[...] nur so weit reicht die Kraft der Zucht, wie die entgegenkommende Einstimmung des Zöglings“.16

2.3 Unterricht

Der dritte Hauptbegriff, nach Herbarts Erziehungslehre ist der Unterricht. Zunächst un- terscheidet Herbart zwei Arten von solchem. Den, der eine reine Wissensvermittlung darstellt und solchen, welcher über die Vermittlung fachlichen Wissens und Könnens hinaus, Orientierung für eine humane Lebensführung aufzeigt, also zur Erziehung und der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.17 Letzteren bezeichnet Herbart als „erziehenden Unterricht“. Der erst genannten, also „bloß unterrichtenden“ Unter- richt, welcher keine erzieherische Einwirkung beinhaltet, ist nach Herbart kein Teil der Pädagogik, denn „was des Erwerbs und des Fortkommens wegen oder aus Liebhaberei gelernt wird, dabei kümmert man sich nicht um die Frage: ob dadurch der Mensch bes- ser oder schlechter werde.“18 Somit stellt der Zweck des Unterrichts, ebenso wie bei dem Erziehungsmittel Zucht, die Bildung des Zöglings dar.19

2.4 Zwischenfazit

Gemeinsam haben die überblicksartig dargestellten „einheimischen Begriffe“, dass sie in verschiedenen Ausprägungen „Sorge für Ordnung“ tragen sollen, wenngleich sie auch nicht auf einer Stufe nebeneinander stehen, sondern in wechselseitigen Abhän- gigkeiten zueinander.20 Herbart hat durch sowohl direkte als auch indirekte Mittel der erzieherischen Einwirkungen ein in sich geschlossenes System geschaffen, welches sich durch die Finalität der Erziehung auszeichnet. Der „erziehende Unterricht“ nach Herbart stellt dabei das Kernelement dar und wird im Folgenden näher beleuchtet und ihre Zeitmäßigkeit sowie die Übertragbarkeit auf den heutigen Schulunterricht unter- sucht.

3. Erziehender Unterricht

Bereits der Ausdruck „erziehender Unterricht“, deutet auf die Untrennbarkeit bezie- hungsweise Synthese der Begrifflichkeiten „Unterricht“ und „Erziehung“ bzw. von „Wissen“ und „Haltung“ hin. So erklärt Herbart „keinen Begriff zu haben von Erzie- hung ohne Unterricht, so wie ich rückwärts, […] keinen Unterricht anerkenne, der nicht erzieht“. 21

Herbart bezeichnet als Erziehung durch Unterricht das, „was irgendmann [sic] dem Zögling zum Gegenstand der Betrachtung macht“.22 Es soll die „Vielseitigkeit des In- teresses“ erreicht werden.23 Die Vielseitigkeit ist nach Herbart die „prinzipielle Lern- bereitschaft, Empfänglichkeit, Aufgeschlossenheit und Offenheit des Geistes“24 und „Interesse“ bezieht sich auf eine „Haltung, ein Sein und eine Praxis“.25 Danach ist es also die Aufgabe des Erziehers Interesse für eine Sache zu wecken, geeignete Unter- richtsgegenstände mit den Schülern auszuwählen und durch so gewonnene Erkenntnis und durch Teilnahme die Selbsterziehung der Schüler zu fördern, so dass der Zögling selbstständig Welterkenntnis und Urteilskompetenz aufbauen kann. Notwendig ist da- für, dem Zögling Freiräume zum selbstbestimmten, eigenständigen Handeln zu eröff- nen.26 Folglich ist der erziehende Unterricht keine repressive Einflussnahme, sondern ein vertrauensvolles Beratungsverhältnis zwischen Zögling und Lehrer. Durch den er- ziehenden Unterricht wird versucht über den Gedankenkreis, also den Vorstellungen den Zögling, diesen indirekt zu erziehen, er geht somit über die bloße Aneignung von Können und Wissen hinaus und es wird die „allgemeine Menschenbildung“ angestrebt.

[...]


1 Johann Friedrich Herbart wurde 1776 in Oldenburg geboren und verstarb 1841 in Göttingen. Nach sei- nem Studium in Jena war er von 1797-1799 als Hauslehrer in der Schweiz tätig. Daraufhin besuchte er die Universität Göttingen. 1809 wurde er auf den ehemaligen Lehrstuhl Immanuel Kants (1724-1804) in Königsberg berufen, wo er 24 Jahre als Professor für Philosophie und Pädagogik tätig war, bevor er 1833 wieder an die Universität Göttingen wechselte. Herbart verfasste verschiedene Werke zur Psycho- logie und zur Philosophie. Durch seine systematisch begriffliche Erziehungs- und Unterrichtstheorie gilt Herbart als einer der Begründer der wissenschaftlichen Pädagogik, vgl. Internationale Herbart Gesell- schaft, Biografie Herbarts. Siehe: https://www.herbart-gesellschaft.de/ueber-herbart/ (Stand 2018-01- 21).

2 Hilgenheger 1993, 230.

3 Herbart 1806/1952.

4 Hilgenheger 1993, S.16.

5 Vgl.Wilhelm E. 2011, Bildung als Einheit von Unterricht und Erziehung – Zur pädagogischen Ge- schäfgrundlage, S.88.

6 Herbart 1806/1952, S. 11.

7 Herbart 1814/1964 S.167.

8 Herbart 1806/1952, S.32.

9 Herbart 1806/1964, 19.

10 Vgl. Herbart 1806/1952, S.20.

11 Vgl. Herbart 1806/1952

12 Auf eine ausführliche Darstellung der Begriffe „Charakterstärke“ und „Sittlichkeit“ muss an dieser Stelle aus Gründen des begrenzten Umfangs verzichtet werden.

13 Herbart 1806/1952, S. 144.

14 Herbart 1841/2003, S. 64.

15 Herbart 1806/1952, S.153.

16 Herbart 1806/1952, S. 149.

17 Vgl. 1806/1952, S. 11.

18 Herbart 1841/2003, S. 23.

19 Vgl. Herbart 1806/1952, S. 145.

20 Hilgenheger 1993, S. 163.

21 Herbart 1806/1952, S. 11.

22 Herbart 1806/1952, S. 153.

23 Herbart 1806/1952, S. 44.

24 Ramseger,1991: Was heißt „durch Unterricht erziehen“?, Erziehender Unterricht und Schulreform, S. 39.

25 Ibidem.

26 Vgl. Ramseger, 1991, S. 39-42.

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Details

Titel
Ist die Idee des "erziehenden Unterrichts" nach Johann Friedrich Herbart ein überholtes Relikt vergangener Tage oder eine noch zeitgemäße und auf den heutigen Schulunterricht übertragbare Komponente?
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Modul E
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
8
Katalognummer
V478233
ISBN (eBook)
9783668965676
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehender Unterricht, Erziehung, Bildung, Herbart, Schulunterricht, zeitgemäß, Johann Friedrich Herbart, Zucht, Regierung
Arbeit zitieren
Nana Schwind (Autor), 2018, Ist die Idee des "erziehenden Unterrichts" nach Johann Friedrich Herbart ein überholtes Relikt vergangener Tage oder eine noch zeitgemäße und auf den heutigen Schulunterricht übertragbare Komponente?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/478233

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