Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit.
Mit dem Phänomen „Behinderung“ bin ich als Sohn einer von Geburt an körperlich beeinträchtigten Mutter bereits in alltäglicher Normalität aufgewachsen.
Wie schwierig es ist, als Mensch mit Beeinträchtigungen einen Arbeitsplatz1 zu finden, musste unsere Familie schmerzlich erfahren, als sich meine Mutter nach „Kinderpause“ trotz abgeschlossener Berufsausbildung lange vergeblich um einen angemessenen Arbeitsplatz bemühte.
In meinem zwanzigmonatigen Zivildienst in einer Schule für Praktisch Bildbare konnte ich mein Interesse an der Förderung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen in angeleitete praktische Tätigkeit umsetzen. Dort lernte ich Regina ein charakterstarkes Mädchen mit geistigen Beeinträchtigungen kennen und ihre Mutter. Sie begleiten und prägen seither mein Leben.
In meinem Hochschulstudium in Heidelberg und Frankfurt beschäftigte ich mich u.a. besonders mit der Förderung und Integration von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen.
Nachdem gemeinsame Vorschulerziehung und Grundschule von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen in den vergangenen Jahren ansatzweise im Bereich der Sekundarstufe fortgesetzt wurde, rückte für mich die Frage: „Was kommt nach der Schule? “ zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses.
In Seminaren u.a bei Herrn Prof. Dr. Jacobs befasste ich mich intensiv mit der beruflichen Qualifizierung und Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen. Einen besonderen Schwerpunkt legte ich auf die didaktische und methodische Gestaltung der Übergangsphase von der Schule in die Arbeitswelt.
Um theoretische Erkenntnisse in praktisches Handeln umzusetzen, absolvierte ich ein halbjähriges Vollzeitpraktikum im Arbeitstrainingsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen. Dort erlebte ich täglich, wie institutionelle Vorgaben und daraus entstehende Zwänge pädagogische Handlungsfelder einschränken können.2
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1 Im Jahr 2000 waren in Deutschland 190.000, im Arbeitsamtbezirk Darmstadt 1726 sog. Schwerbehinderte arbeitslos, Quelle: BMA, Arbeitsamt Darmstadt.
2 Siehe dazu auch den ausführlichen Praktikumsbericht des Verfassers vom 11.10.2000
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit.
2 Übergänge für Jugendliche mit geistiger Behinderung...
2.1 Zum Phänomen Geistige Behinderung.
2.1.1 GEORG FEUSER...
2.1.2 MARTIN HAHN...
2.1.3 WOLFGANG JANTZEN...
2.1.4 J. R. DEVER...
2.1.5 Reflexion der Ansätze / Positionsbestimmung...
2.2 Übergänge sind krisenanfällige Lebensphasen
2.2.1 Von der Kindheit zum Jugendalter...
2.2.2 Spezielle Übergangsprobleme...
2.2.2.1 Das ewige Kind...
2.2.2.2 Die Krise der Ablösungsphase...
2.2.2.3 Lebensgestaltende Neuorientierung...
2.2.2.3.1 Spezifische Entwicklungsaufgaben...
2.2.2.3.2 Wechsel der Tätigkeitsform...
2.2.2.3.3 Veränderung sozialer Bezugsgrößen...
2.3 Die Aufgabe der Werkstufe...
2.3.1 Aus Sicht der Unterrichtsrichtlinien....
2.3.2 Aus Sicht der neuen KMK-Empfehlungen...
2.3.3 Das Pforzheimer Modell...
2.3.4 Reflexion/Positionsbestimmung...
2.4 Der Stellenwert von Arbeit...
2.4.1 Nach DIETER SCHARTMANN
2.4.2 Nach WOLFGANG JANTZEN
2.4.3 Nach KURT JACOBS
2.4.4 Resümee der Ansätze
3 Innovatorische Ansätze...
3.1 Begriffliches
3.1.1 Qualifikation / Rehabilitation...
3.1.2 Berufliche Integration...
3.2 Modelltheoretische Grundlagen
3.2.1 Das hessische Konzeptionspapier (HKP)
3.2.1.1 Grundsätzliches
3.2.1.2 Das Stufenkonzept des HKP
3.2.1.3 Fachkraft für Außenarbeitsplätze...
3.2.1.4 Das Projekt Berufliche Integration (PBI)...
3.2.2 Die Berufsausbildung der Lebenshilfe...
3.2.3 Das ambulante Arbeitstraining als Hamburger Sonderweg
3.3 Orte beruflicher Qualifizierung...
3.3.1 Die Werkstatt für behinderte Menschen...
3.3.1.1 Reformbestrebungen im Arbeitstrainingsbereich...
3.3.1.2 Gruppenleiter im Berufsbildungsbereich
3.3.1.3 Das Detmolder Lernwegemodell...
3.3.2 Berufliche Unterweisung und Qualifizierung...
3.3.2.1 Grundsätzliches
3.3.2.2 Der Theorieentwurf von SCHWARZMÜLLER
3.3.3 Unterstütze Beschäftigung...
3.3.3.1 Unterstützte Beschäftigung – Was ist das eigentlich?
3.3.3.2 Erst Platzieren – dann Qualifizieren...
3.3.3.3 Umsetzungsstrategien
3.3.3.3.1 Ausbilddungs- /Arbeitsplatzakquise...
3.3.3.3.2 Arbeitsassistenz
3.3.3.3.3 „job-coaching“
3.3.3.3.4 Arbeitsplatzausstattung...
3.4 An Qualifizierung und Integration Beteiligte...
3.4.1 Das Arbeitsamt
3.4.2 Der Integrationsfachdienst
3.4.3 Der jugendliche Rehabilitant mit Beeinträchtigung...
3.4.4 Die „Runden Tische“ in der Region...
3.5 Das SGB IX...
3.6 Kooperation und Vernetzung...
3.6.1 Kooperation – Begriffsbestimmung
3.6.2 Wesenselemente von Kooperation
3.6.3 Das Kooperationsfeld berufl. Rehabilitation/Integration...
3.6.4 Formen von Kooperation
3.6.4.1 Interdisziplinäre Aspekte
3.6.4.2 Personale Aspekte
3.6.5 Bedingungen einer verbesserten Kooperation
3.6.6 Vernetzung - Begriffsklärung, Ziele und Inhalte
4 Berufliche Qualifizierung und Integration...
4.1 Berufliche Qualifikation in Südhessen...
4.2 Kooperation und Vernetzung in Qualifikation und Integration...
4.3 Ideen, Impulse, Maßnahmen und Strategien für Südhessen
4.3.1 „Runder Tisch“ der Region
4.3.2 Kooperation und Vernetzung in Südhessen
5 Vorschläge und Forderungen...
5.1 Der Integrationsfachdienst und seine Einbettung ins SGB IX
5.1.1 § 109 – Begriff und Personenkreis
5.1.2 § 110 – Aufgaben der Integrationsfachdienste
5.1.3 § 111 – Beauftragung und Verantwortlichkeit
5.2 Integrationsprojekte
5.2.1 § 132 – Begriff und Personenkreis
5.2.2 § 133 – Aufgaben
5.2.3 § 134 – Finanzielle Leistungen
5.3 Werkstättenverordnung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Übergangsphase von der Schule in die Arbeitswelt für Menschen mit geistiger Behinderung und analysiert notwendige Maßnahmen zur Verbesserung ihrer beruflichen Qualifizierung und Integration, insbesondere in der Region Südhessen.
- Krisenanfälligkeit von Übergangsphasen im Jugendalter
- Konzepte der schulischen Vorbereitung (Werkstufe)
- Innovative Ansätze der beruflichen Rehabilitation und Unterstützung
- Bedeutung von Kooperation und Vernetzung relevanter Akteure
- Einfluss neuer rechtlicher Rahmenbedingungen wie das SGB IX
Auszug aus dem Buch
Die krisenanfällige Übergangsphase von der Kindheit zum Jugendalter im Licht neuerer Forschungsergebnisse von ERIKSON und HURRELMANN - eine grundsätzliche Betrachtung
Ein Grundsatz der modernen Entwicklungspsychologie der Lebensspanne (lifespan developmental psychology) besagt, dass jeder Lebensabschnitt durch neue Aufgaben und typische Anforderungen gekennzeichnet ist. Vor allem Kindheit und Jugend gelten als Entwicklungsphasen, in denen Veränderungen deutlich sichtbar werden [ZIMBARDO 1995, S.54].
„Da der technologische Fortschritt mehr und mehr Zeit zwischen das frühe Schulleben und die endgültige Zulassung des jungen Menschen zur speziellen Arbeit legt, wird dieses Stadium des Heranreifens zu einer immer deutlicher umrissenen und bewußten Periode [...].“
[ERIKSON 1970, S.131]
Diese Aussage ERIKSONs, die nichts an Aktualität eingebüßt hat, unterstreicht einerseits wie wichtig der Übergang ins Arbeitsleben für junge Menschen ist und betont gleichzeitig die stetige Verlängerung dieser Phase.
Zusammenfassung der Kapitel
Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit: Diese Einleitung beschreibt die persönliche Motivation des Verfassers und skizziert das zentrale Anliegen, die berufliche Integration von Menschen mit geistiger Behinderung durch bessere Übergangskonzepte zu fördern.
Übergänge für Jugendliche mit geistiger Behinderung...: Dieses Kapitel analysiert theoretische Ansätze zum Behinderungsbegriff und die krisenhafte Phase des Übergangs zwischen Schule und Beruf.
Innovatorische Ansätze...: Hier werden Modelle wie das hessische Konzeptionspapier, die Arbeit der Lebenshilfe und Konzepte der unterstützten Beschäftigung als innovative Wege zur Integration vorgestellt.
Berufliche Qualifizierung und Integration...: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Ansätze mit der praktischen Situation in Südhessen und leitet konkrete Strategien ab.
Vorschläge und Forderungen...: Den Abschluss bildet ein thesenartiger Katalog an Forderungen für eine verbesserte Gestaltung der Übergangsphasen sowie eine Zusammenstellung relevanter Gesetzestexte.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Berufliche Integration, Schule, Arbeitswelt, Südhessen, Werkstatt für behinderte Menschen, SGB IX, Übergangsphase, Berufliche Qualifizierung, Kooperation, Vernetzung, Unterstützte Beschäftigung, Rehabilitation, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Möglichkeiten und Maßnahmen zur Verbesserung der beruflichen Qualifizierung und Integration von Menschen mit geistiger Behinderung beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die psychologische Analyse von Übergangsphasen, die Rolle schulischer Werkstufen, innovative Ansätze wie die unterstützte Beschäftigung sowie die Bedeutung von Kooperation und Vernetzung der beteiligten Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass berufliche Qualifizierung und Integration essenziell für ein Leben in Selbstbestimmung sind und dass dies nur durch dauerhafte Zusammenarbeit aller Beteiligten erreicht werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender Konzepte, kombiniert diese mit dem Modell des Pforzheimer Modells und reflektiert die Situation am Beispiel der Region Südhessen durch eigene Recherchen und Expertengespräche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen, stellt verschiedene Modelle zur Arbeitsintegration vor und diskutiert kritisch die Rolle von Werkstätten, Berufsschulen und Integrationsfachdiensten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind geistige Behinderung, berufliche Integration, SGB IX, unterstützte Beschäftigung, Kooperation und Vernetzung.
Warum ist der Übergang für die Zielgruppe so schwierig?
Der Übergang ist oft von einem Mangel an Alternativen geprägt, da Menschen mit geistiger Behinderung häufig automatisch von der Schule in die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) überführt werden, ohne dass eine individuelle Passung erfolgt.
Welche Bedeutung hat das neue SGB IX für diese Arbeit?
Das SGB IX stellt die rechtliche Grundlage dar, die durch die Vereinheitlichung von Begrifflichkeiten und die Förderung von Teilhabe und Selbstbestimmung neue Impulse für die berufliche Rehabilitation und Integration bietet.
- Quote paper
- Thomas Weber (Author), 2002, Wie kann die berufliche Qualifizierung und Integration von Menschen mit geistiger Behinderung verbessert werden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4871