Von Manet bis Matrix - Darstellungen von Aufmerksamkeit in der bildenden Kunst und im Film


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. EinleitungSeite

II. J. Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur
1. Jonathan Crary: Wahrnehmung
2. Jonathan Crary: Aufmerksamkeit

III. Bildende Kunst
1. Edouard Manet: Im Wintergarten

IV. Darstellungen von Aufmerksamkeit im Film
a. Luis Buñuel und Salvador Dalí: Un Chien Andalou
1.1 Un Chien Andalou – Inhalt..
a. Un Chien Andalou – Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
2. Alfred Hitchcock: Rear Window
2.1 Rear Window – Inhalt
2.2 Rear Window - Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
3. Matrix
3.1 Matrix – Inhalt
3.2 Matrix – Wahrnehmung und Aufmerksamkeit

V. Schluss:Zusammenfassung und Ausblick

VI. Literaturliste

„Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.“

- Walter Benjamin[1]

I. Einleitung

Jonathan Crary fügt mit seinem Buch Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur[2] einen Beitrag zur momentanen, quer durch verschiedene Fachbereiche diskutierten Frage um die Aufmerksamkeit bei. Auch er streift dabei unterschiedliche Wissensbereiche – Technik (beispielsweise Optik), Medizin, Psychologie, Kunstgeschichte und andere.

Dadurch wird es Crary möglich, eine historisch sich verändernde Vorstellung davon, was das Sehen ist zu entwickeln. Eng an den Begriff des Sehens und der Wahrnehmung allgemein ist für ihn die Konzeption von Aufmerksamkeit gebunden. Er stellt in seiner Arbeit dar, dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein spezifisch modernes Problem handelt[3] und konzentriert sich so in seiner Darstellung auf die Jahre von 1880 bis 1900.

Es komme zu dieser Zeit zu einem bedeutenden Bruch – der ganz besonders im Bereich der bildenden Kunst sichtbar wird. Im Gegensatz zum allgemein anerkannten einschneidenden Wandel in der Darstellungsweise um 1600, als die Zentralperspektive ihren Einzug in die bildliche Darstellung findet, ist Crary der Meinung dass „sich zu Anfang des Jahrhunderts eine breitere und wesentlich wichtigere Veränderung in der Struktur des Sehens ereignet hatte. Die moderne Malerei der siebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung der Fotografie nach 1839 können als spätere Symptome oder Konsequenzen dieser bedeutenden systematischen Veränderung begriffen werden […]“.[4]

Ich möchte mit der vorliegenden Arbeit Crarys Argumentation nachzeichnen – hierbei begrenze ich mich aus Platzgründen allerdings auf allgemeine Ausführungen und ein einziges, charakteristisches Beispiel aus der Malerei, nämlich Manets Im Wintergarten von 1879.

Anschließend werde ich Crarys These weiterführen, denn eine Modifikation der Wahrnehmung findet auch heute kontinuierlich statt. Meine Arbeit wird dazu Crarys Standpunkt auf Filme ausweiten, denn zu diesem Bereich gibt es von Crary selbst nur kurze Anmerkungen.

Ich habe Beispiele aus verschiedenen Abschnitten der Filmgeschichte und -gegenwart gewählt, deren explizite Thematisierung des Komplexes Wahrnehmung/Aufmerksamkeit auffällig ist: Buñuel und Dalís Un Chien Andalou (1929), Hitchcocks Rear Window (1954) und Matrix (1999) der Brüder Wachowski.

Zwar handelt es sich bei Hitchcock, Buñuel und Dalí um Altersgenossen (sie sind in den Jahren 1899/1900/1904 geboren und auch Dalí und Hitchcock arbeiten 1945 für den Film Spellbound[5] zusammen), die Filme Un Chien Andalou und Rear window sind jedoch in unterschiedlichen historischen Situationen entstanden und zeigen sehr deutlich unterschiedliche Konzeptionen von Wahrnehmung auf.

Ich möchte nicht behaupten, dass es sich bei den Sichtweisen der Regisseure um die zur jeweiligen Zeit vorherrschende handelt. Die Filme sollen lediglich veranschaulichen, wie sich die Auffassung von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit geschichtlich ändern kann.

Durch die Wahl gängiger, in jeder Filmgeschichte vertretener Filme möchte ich darauf hinweisen, dass es sich beim Thema Aufmerksamkeit nicht um ein Spezialthema, welches nur in Avantgarde-Filmen diskutiert wird handelt, sondern dass es sich um ein Thema handelt, welches bis in den Mainstream hinein zu begeistern und beschäftigen fähig ist.

II. Jonathan Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur

1. Jonathan Crary: Wahrnehmung

Um 1800 findet ein Bruch in der Art von Wahrnehmung und damit auch in der Wahrnehmung von Wahrnehmung statt. Dies kann man sehr schön an den Metaphern, die für das Sehen verwendet werden, ablesen. Das klassische Sehmodell, welches die Camera Obscura oder lediglich ein offenes Fenster zur Verbildlichung nutzt, ist veraltet. Das Ideal des Beobachters, der die äußere Welt unverändert abbildet und für den somit die Welt identisch ist mit der wahrgenommenen Welt jedes anderen, existiert nicht mehr.

Durch verschiedenste Forschungen - besonders die Erforschungen von Pathologien im Bereich der Wahrnehmung durch Janet, Freud, Féré und weitere - ist das Bild des passiven Betrachters nicht mehr haltbar. Es kommt zur Generierung eines Beobachters, der seine Umwelt aktiv konstruiert.

Dies macht den Begriff der Aufmerksamkeit notwendig, denn der Betrachter muss aus der Überfülle an Reizen, die auf ihn einwirken, einige auswählen und andere hemmen. Es findet eine Fokussierung auf bestimmte Wahrnehmungsinhalte statt.

Was Ziel dieser Fokussierung ist und was dabei ignoriert wird, ist von gesellschaftlichen Normen und Konventionen abhängig. Das Individuum entscheidet also nicht völlig frei über die Konstitution seiner Umwelt, sondern es entsteht das Konzept eines „betrachtenden Subjekts, das zugleich das historische Produkt und der Schauplatz bestimmter Praktiken, Techniken, Institutionen und Verfahren der Subjektivierung ist“.[6]

2. Jonathan Crary: Aufmerksamkeit

Der Begriff der Aufmerksamkeit lässt sich zwar bis Augustinus und ältere Autoren zurückverfolgen, allerdings weist Crary auf, dass er sich ab 1850 zu einem „fundamental neuen Gegenstand“[7] entwickelte. In dieser Zeit treten zwei Prämissen auf, die diese Änderung nahe legen: einerseits die beschriebene Auflösung des klassischen Sehmodells, andererseits der Verlust einer allgemeingültigen Antwort auf epistemologische Probleme.

Deshalb wird der Aufmerksamkeit nun eine Schlüsselrolle zugesprochen: Für Janet beispielsweise gilt die Aufmerksamkeit als „Fähigkeit eines Menschen zu einer neuen Erkenntnis, die Fähigkeit, ein Urteil zu bilden, Erinnerung und Gewohnheit zu haben“[8] (1898). Für Henry Mausly gilt sie als „essentielle Bedingung für die Bildung und Entwicklung des Geistes“[9] (1883).

Aufmerksamkeit wird nun auch als dynamische Größe verstanden. Es wird deutlich, dass Aufmerksamkeit begrenzt ist, ein seltenes Gut, das immer nur für bestimmte Zeit existiert und von einem Gegenstand zum nächsten wechselt. Über die Pathologisierung bestimmter Formen der Aufmerksamkeitsstörungen - beispielsweise der Agnosie - wird auch erkannt, dass „ein dynamisches Oszillieren des perzeptuellen Bewusstseins und leichte Formen von Bewusstseinsspaltung ein Teil dessen waren, was als normales Verhalten galt.“[10]

Auch Crary betont den Zusammenhang von Aufmerksamkeit und Zerstreuung, er sieht sie generell in einem gemeinsamen Kontinuum. Es handele sich um zwei Pfade, von denen einer für Souveränität und Autonomie stünde, der zweite für Normierung und Regulierung[11]. Der eine beinhaltet also die bindenden, der andere die desintegrativen Möglichkeiten von Aufmerksamkeit. Diese Zweigeteiltheit führt zu Irritationen, die in der Kunst, wie später auch im Film immer wieder thematisiert werden.

Den Grund dieser zweigeteilten Aufmerksamkeit sieht Crary im Kapitalismus, denn dort wird von jedem Individuum verlangt, sich auf immer neue Produkte zu konzentrieren. Die einzelnen Konzentrationsspannen werden dabei immer kürzer. Das Individuum wird in seiner Wahrnehmung steuerbar gemacht und in eine Masse integriert, es soll kalkulierbar und damit produktiv werden.

Phasen der Zerstreuung seien die einzige Möglichkeit einer gesellschaftlichen Überwachung zu entkommen, in der sich eine umgreifende Selbstnormierung der Massen über verschiedene Institutionen, die ihrerseits nur noch mit Zahlen arbeiten, ausgebildet hat.

Somit wird deutlich, „wie die Aufmerksamkeit zugleich eine Kontrollstrategie und ein Ort des Wiederstands und Sichentziehens oder öfter noch ein Amalgam von beidem gewesen ist“[12] – und noch immer ist, wie anhand des Beispiels Matrix in Kapitel 4 verdeutlicht wird.

III. Bildende Kunst

Die Situation der bildenden Kunst im 19. Jahrhundert war von einem „verwirrenden zweigleisigen Sehmodell [geprägt]: Einerseits gab es eine relativ kleine Anzahl progressiver Künstler, die eine radikal neue Weise des Sehens und der Bezeichnung hervorbrachten, während andererseits, auf einer alltäglichen Ebene, das Sehen in den alten >> realistischen << Verengungen eingebettet blieb, die es seit dem 15. Jahrhundert strukturiert hatten“.[13]

In Manet findet Crary das frühe Beispiel eines Maler, der genau diese Zweigleisigkeit und die dadurch entstehenden Irritationen in seinen Werken darstellt.

1. Edouard Manet: Im Wintergarten

Mit seinem Werk Im Wintergarten von 1879 malt Manet ein Bild, das viele seiner Zeitgenossen als erstaunlich konservativ – im Hinblick auf Manets bisheriges Œuvre - beschreiben[14]. Besonders die detaillierte Darstellung seiner Figuren und die starken Umrisse fallen auf. Crary schreibt dazu: „In diesem Sinn einer exzessiven, überkompensierenden Vollendung glaube ich in der Tat hier einen ängstlichen Versuch zu erkennen, jenes Sehfeld wiederherzustellen, an dessen Auflösung Manet sich an prominenter Stelle bereits beteiligt hatte“[15].

[...]


[1] Benjamin 1963, Seite 17

[2] Crary, Jonathan: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur. Frankfurt am Main 2002

[3] Crary 2002, Seite 28

[4] Crary 1996, Seite 16

[5] Hitchcock 1945

[6] Crary, 1996, Seite 16

[7] Crary 2002, Seite25

[8] Crary 2002, Seite 82

[9] Crary 2002, Seite 27

[10] Crary 2002, Seite 82

[11] Crary 1996, Seite 152

[12] Crary 2002, Seite 64

[13] Crary 1996, Seite 15

[14] Crary 2002, Seite 77

[15] Crary 2002, Seite 78

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Von Manet bis Matrix - Darstellungen von Aufmerksamkeit in der bildenden Kunst und im Film
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Aufmerksamkeit und Medien
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V48777
ISBN (eBook)
9783638453752
ISBN (Buch)
9783638718141
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Jonathan Crary´s Thesen zu Aufmerksamkeit und einem historisch sich verändernden Betrachter werden in dieser Arbeit auch auf Filme ausgeweitet. Beispiele sind Rear Window (Hitchcock), Un Chien Andalou (Buñuel, Dalí) und Matrix (Wachowskis).
Schlagworte
Manet, Matrix, Darstellungen, Aufmerksamkeit, Kunst, Film, Hauptseminar, Medien
Arbeit zitieren
Nadine Sohn (Autor), 2005, Von Manet bis Matrix - Darstellungen von Aufmerksamkeit in der bildenden Kunst und im Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48777

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