Der Kunsthistoriker Jonathan Crary fügt mit seinem Buch "Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur" einen Beitrag zur momentanen, quer durch verschiedene Fachbereiche diskutierten Frage um die Aufmerksamkeit bei. Auch er streift dabei unterschiedliche Wissensbereiche – Technik (beispielsweise Optik), Medizin, Psychologie, Kunstgeschichte und andere.
Dadurch wird es Crary möglich, eine historisch sich verändernde Vorstellung davon, was das Sehen ist zu entwickeln. Eng an den Begriff des Sehens und der Wahrnehmung allgemein ist für ihn die Konzeption von Aufmerksamkeit gebunden. Er stellt in seiner Arbeit dar, dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein spezifisch modernes Problem handelt und konzentriert sich so in seiner Darstellung auf die Jahre von 1880 bis 1900.
Die Vorliegende Arbeit zeichnet Crarys Argumentation nach, begrenzt sich aus Platzgründen allerdings auf allgemeine Ausführungen und ein einziges, charakteristisches Beispiel aus der Malerei, nämlich Manets "Im Wintergarten" von 1879.
Im Anschluss wird Crarys These weitergeführt, denn eine Modifikation der Wahrnehmung findet auch heute kontinuierlich statt. Die Arbeit weitet dazu Crarys Standpunkt auf Filme aus, deren explizite Thematisierung des Komplexes Wahrnehmung/Aufmerksamkeit auffällig ist: Buñuel und Dalís "Un Chien Andalou" (1929), Hitchcocks "Rear Window" (1954) und "Matrix" (1999) der Brüder Wachowski.
Während in den Medien in den letzten Jahren lediglich darüber diskutiert wurde, ob Medienkonsum zu Aufmerksamkeitsstörungen (bspw. ADHS) führen kann, zeigt diese Arbeit auf, dass Filme sich selbst sehr differenziert mit dem Themenkomplex Aufmerksamkeit auseinandersetzen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. J. Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur
1. Jonathan Crary: Wahrnehmung
2. Jonathan Crary: Aufmerksamkeit
III. Bildende Kunst
1. Edouard Manet: Im Wintergarten
IV. Darstellungen von Aufmerksamkeit im Film
a. Luis Buñuel und Salvador Dalí: Un Chien Andalou
1.1 Un Chien Andalou – Inhalt
a. Un Chien Andalou – Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
2. Alfred Hitchcock: Rear Window
2.1 Rear Window– Inhalt
2.2 Rear Window - Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
3. Matrix
3.1 Matrix – Inhalt
3.2 Matrix – Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
V. Schluss:Zusammenfassung und Ausblick
VI. Literaturliste
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Transformation der menschlichen Wahrnehmung und die damit einhergehende Konzeption von Aufmerksamkeit. Basierend auf den Thesen von Jonathan Crary wird analysiert, wie sich das Verständnis von Aufmerksamkeit in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts und später im Medium Film manifestiert hat, wobei insbesondere die Spannung zwischen Normierung und Autonomie im Fokus steht.
- Historische Entwicklung der Wahrnehmung seit dem 19. Jahrhundert
- Aufmerksamkeit als Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Widerstand
- Die Rolle der Aufmerksamkeit in surrealistischen und klassischen Filmwerken
- Digitale Transformationen der Wahrnehmung im modernen Blockbuster-Kino
- Verhältnis von Beobachtung, Voyeurismus und dem „betrachtenden Subjekt“
Auszug aus dem Buch
1. Luis Buñuel und Salvador Dalí: Un Chien Andalou
Bei Buñuels und Dalís Film Un Chien Andalou handelt es sich um das wohl bekannteste Beispiel des surrealistischen Films. Die Vorgehensweise der beiden Künstler war dabei folgende: „Das Drehbuch wurde in weniger als einer Woche nach einer sehr einfachen Regel geschrieben, für die wir uns in voller Übereinstimmung entschieden hatten: keine Idee, kein Bild zuzulassen, zu dem es eine rationale, psychologische oder kulturelle Erklärung gäbe.“
Durch diese Vorgehensweise ist es sehr schwierig, den Film zu beschreiben. Es gibt keine chronologische Reihenfolge und keine durchgängige Handlung. Den beiden Hauptpersonen des Films (gespielt von Pierre Batcheff und Simone Mareuil), passieren eigenartige Dinge: Ein Mann (Luis Buñuel) durchschneidet mit einem Rasiermesser das Auge der Frau (in der nächsten Szene hat sie allerdings wieder zwei intakte Augen) und sie beobachten gemeinsam, wie eine weitere Frau, die eine abgetrennte Hand in einer Box mit sich trägt überfahren wird. Dem Mann krabbeln Ameisen aus einem Loch in der Hand, er trägt Frauenkleidung und muss sich in die Ecke stellen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die medientheoretische Diskussion um die historische Veränderung der menschlichen Wahrnehmung und die Relevanz des Aufmerksamkeitsbegriffs ein.
II. J. Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur: Das Kapitel erläutert den Bruch im Sehmodell um 1800 und die Entstehung des aktiven Beobachters, dessen Aufmerksamkeit zunehmend normiert und steuerbar wird.
III. Bildende Kunst: Am Beispiel von Manets „Im Wintergarten“ wird die Zweigleisigkeit des Sehens im 19. Jahrhundert aufgezeigt, die sowohl konservative Normierung als auch moderne autonome Sehweisen beinhaltet.
IV. Darstellungen von Aufmerksamkeit im Film: Dieser Hauptteil analysiert, wie in den Filmen „Un Chien Andalou“, „Rear Window“ und „Matrix“ unterschiedliche Konzeptionen von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit inszeniert werden.
V. Schluss:Zusammenfassung und Ausblick: Es wird resümiert, dass die Filme das theoretische Konzept der sich ändernden Wahrnehmung bestätigen und die zunehmende Bedeutung von Aufmerksamkeit als Kontroll- und Befreiungsinstrument unterstreichen.
VI. Literaturliste: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Jonathan Crary, moderne Kultur, bildende Kunst, Filmgeschichte, Überwachung, Autonomie, Normierung, Surrealismus, Voyeurismus, digitale Welt, Simulation, Un Chien Andalou, Matrix.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie sich die menschliche Wahrnehmung und das Konzept der Aufmerksamkeit im Verlauf der Moderne gewandelt haben und wie diese Prozesse in der Malerei und im Film dargestellt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Sehvermögens, das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Normierung und individueller Autonomie sowie die filmische Reflexion dieser Mechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die theoretischen Ansätze von Jonathan Crary durch eine eigene Analyse von Filmen zu erweitern und zu zeigen, dass das Thema Aufmerksamkeit ein konstitutives Element moderner medialer Inszenierungen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine kultur- und medienwissenschaftliche Analyse, die den Rückgriff auf kunsthistorische Theorien mit einer filmischen Filmanalyse verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Manets Malerei sowie die Filme „Un Chien Andalou“, „Rear Window“ und „Matrix“ analysiert, um spezifische Regulierungs- und Autonomiemuster der Aufmerksamkeit aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Aufmerksamkeit, das „betrachtende Subjekt“, Voyeurismus, Simulation und die Zweigeteiltheit der Wahrnehmung.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung in „Matrix“ von früheren Werken?
In „Matrix“ wird Wahrnehmung nicht mehr nur durch das Auge oder den Betrachter konstruiert, sondern durch digitale Simulationen, in denen die physische Realität selbst manipulierbar und somit vollständig ersetzbar wird.
Warum wird „Rear Window“ als Beispiel für rationale Aufmerksamkeit genannt?
Der Film zeigt Aufmerksamkeit als berechenbares und zielgerichtetes Werkzeug, das eng mit dem Voyeurismus verbunden ist und erst durch die Entlarvung eines Verbrechens innerhalb des Films eine soziale Rehabilitierung erfährt.
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- Nadine Sohn (Author), 2005, Von Manet bis Matrix - Darstellungen von Aufmerksamkeit in der bildenden Kunst und im Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48777