Um Populärkultur in ihrer vielfältigen Ausprägung zu verstehen, steht zu Beginn dieser Arbeit eine umfangreiche Begriffsuntersuchung. Ziel ist es, einen Überblick über den aktuelle Forschungstand des Begriffs zu erlangen.
Daran anschließend soll mit "Avant-Pop" eine von Thomas Hecken benannte Subkategorie der Populärkultur erläutert werden. Danach wird dargelegt, auf welche Weisen sich Populärkultur im Theater konstituiert und welche Verfahrensweisen genutzt werden, um eine populärkulturelle Ästhetik hervorzubringen.
Am konkreten Gegenstand werden schließlich, die im Vorfeld herausgearbeiteten Mittel und Funktionsweisen von Populärkultur analysiert. Dies geschieht zunächst mit einem allgemeinen Blick auf die Gegenwartsdramatik und einer Betrachtung von drei zum "Theatertreffen 2016" eingeladenen Inszenierungen, um die Tendenzen der jeweiligen Entwicklungen festzuhalten. Darauf folgend wird am Beispiel der "Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz" erläutert, wie auch die Außen- und Gesamtdarstellung eines Theaterbetriebs nach populärkulturellen Phänomenen positiv für die Außenwahrnehmung ausgerichtet werden kann und welche kulturindustriellen Mechanismen hierzu notwendig sind.
Im Ergebnis der Arbeit wird festgehalten, wie Populärkultur zu begreifen ist, welchen Einfluss sie auf das Gegenwartstheater ausübt und welche Möglichkeiten sich dadurch für das institutionelle Theatersystem ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Populärkultur– Eine Begriffsbestimmung
2.1.1 Begriffsherleitung
2.1.2 Spannungsfelder der Populärkultur
2.1.3. Das Populäre im Verhältnis zum Nicht-Populären
2.2. Bedingungen und Konstitution von Populärkultur in der Gesellschaft
2.3 Populärkultur als Verfahrensweise
2.5 Ausdifferenzierung der Populärkultur
2.6 Zusammenfassung
3. Exkurs: Avant-Pop
4. Populärkultur und Gegenwartstheater
4.1 Gegenwartstheater und Pop-Musik
4.2 Populärkultur und postdramatisches Theater
4.3 Politisches Potential des Gegenwartstheater
4.4 Zusammenfassung
5. Analyse populärkultureller Methoden in Dramatik und Gegenwartstheater
5.1 Gegenwartsdramatik
5.2 Populärkulturelle Mittel auf Inszenierungsebene
5.2.1 Simon Stone – John Gabriel Borkman
5.2.2 Stefan Pucher/ Dietmar Dath Ein Volksfeind
5.2.3. Ersan Mondtag – Tyrannis
5.3. Zusammenfassung
6. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: popkulturelle Insel im Widerspruchsrausch
6.1.1 Die Inszenierungsästhetik von Frank Castorf
6.1.2 Die Inszenierungsästhetik von Christoph Schlingensief
6.1.4.Die Inszenierungsästhetik von René Pollesch
6.1.3 Die Inszenierungsästhetik von Herbert Fritsch
6.2. Die Außendarstellung der Volksbühne
6.2.1 Die Volksbühne aus fachimmanenter Perspektive
6.2.2 Marketingstrategien zur Außendarstellung der Volksbühne
6.2.3 Feuilletonistische Darstellung der Volksbühne
5.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung, Merkmale und Arbeitsweisen populärkultureller Phänomene sowie deren Einfluss auf das institutionelle Gegenwartstheater, um zu ergründen, wie Populärkultur als Methode im Theatersystem fungieren kann.
- Begriffsbestimmung der Populärkultur und ihrer Abgrenzung von Hochkultur.
- Analyse von Avant-Pop als spezifische Subkategorie der Populärkultur.
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Pop-Musik, postdramatischem Theater und politischen Potenzialen.
- Fallstudien zu Inszenierungsmethoden in der gegenwärtigen Dramatik.
- Analyse der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Beispiel für eine popkulturelle Inszenierungs- und Marketingstrategie.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Spannungsfelder der Populärkultur
Da es bereits für Kultur keine einheitliche Norm existiert, kann Populärkultur auch nicht als Begriffsabweichung oder Erweiterung betrachtet werden, viel mehr ist die Populärkultur ein der Kultur immanenter Begriff. Eine Annäherung an den Begriff kann jedoch geschehen, wenn man ihn im Spannungsfeld zu anderen kulturimmanenter Begriffen betrachtet.
Im unmittelbaren Begriffsumfeld der Populärkultur stößt man so auf die Vokabeln „Hochkultur“ und „Kunst“. Es handelt sich dabei um Begrifflichkeiten, die sich durch das Aufkommen der Populärkultur unwiderruflich verändert haben – sie müssen in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Dennoch können sie nicht als oppositionelle Begriffe zur Populärkultur bezeichnet werden, denn spätestens seit dem Aufkommen von „Pop-Art“ hat die anerkannte Kunst auch mit Mitteln und Verfahrensweisen der Populärkultur gearbeitet. Diese Veränderung fand vor allem durch das in Frage stellen von Grenzen statt, einer Trennung von U- und A-Kultur in etwa. Seit dieser Entwicklung handelt es sich bei den Begriffen mehr um „ordnungsstiftende Korrektive“, die der Widersprüchlichkeit der Populärkultur sogar Rechnung tragen.
Pop-Art veränderte vor allem die zeitgenössische Kunst, gesamtgesellschaftlich war jedoch die Jugendbewegung der 1960er-Jahre Schlüssel für das Entstehen einer Populärkultur, die Volks- und Massenlehre ablöste. Spätestens mit den Beatles oder Rolling Stones wurde Musik, gezielt für eine junge Publikumsschicht produziert und ein damit verbundener Habitus etabliert. Die daraus entstandene Jugendbewegung gehörte vermutlich zu den ersten als Populärkulturell zu bezeichnende Strömungen. Sie grenzte sich von der vorangegangenen Massen- oder Volkskultur ab; sie geschah zwar auch Massenhaft, war jedoch geprägt von einer Protest- bzw. Gegenbewegung die jungendsoziologische Phänomene hervorbrachte. Gewisse Formen der Kommunikation, wie Jargons, Konsumverhalten und Mode wurden somit identitätsstiftend. Die Ausmaße der Bewegung stellte schließlich gültige Normen infrage, steigerte aber gleichzeitig die Kommerzialisierbarkeit. Populärkultur trat in so vielen Bereichen in Erscheinung, dass Trennungen von E- und U-Kultur oder Volk und Elite unmöglich machte. Mit den Beispielen „Jugendbewegung“ und „Pop-Art“ sind zwei Strömungen und eine Epoche erfasst, die nicht nur diese wertungsimmanente Trennung von „wertvoll“ und „minderwertig Unterhaltsamen“ aufhebt, sondern auch „Massentauglichkeit“ in „massenhafte Kommerzialisierbarkeit“ transformierte. Diese Undurchsichtigkeit, wann sich etwas um Ausdrucksverhalten handelt und wann die kommerzielle Verwertung im Vordergrund steht, ist prägend für Populärkultur und soll im Verlauf der Arbeit weiter erläutert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den wachsenden Legitimationsdruck des Theaters und die zunehmende Relevanz popkultureller Formen für das institutionelle Theater.
2. Populärkultur– Eine Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Fundierung der Populärkultur, beleuchtet ihre Konstitution und diskutiert sie als Verfahrensweise sowie deren Ausdifferenzierung.
3. Exkurs: Avant-Pop: Es wird das Konzept des Avant-Pop nach Thomas Hecken eingeführt, um künstlerische Leistungen innerhalb der Popkultur jenseits klassischer Wertmaßstäbe zu hierarchisieren.
4. Populärkultur und Gegenwartstheater: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Erkenntnisse mit dem Theatersystem und analysiert die wechselseitigen Einflüsse zwischen Pop-Musik, postdramatischem Theater und politischen Potenzialen.
5. Analyse populärkultureller Methoden in Dramatik und Gegenwartstheater: Hier erfolgt eine praktische Anwendung der Theorie auf aktuelle Gegenwartsdramatik und spezifische Inszenierungsbeispiele von Simon Stone, Stefan Pucher und Ersan Mondtag.
6. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: popkulturelle Insel im Widerspruchsrausch: Eine detaillierte Fallstudie zur Ästhetik und Außendarstellung der Volksbühne unter Frank Castorf als Ort des künstlerischen und gesellschaftlichen Widerspruchs.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung von Populärkultur als unverzichtbares Element für das institutionelle Gegenwartstheater zusammen und reflektiert die Risiken der Kommerzialisierung.
Schlüsselwörter
Populärkultur, Gegenwartstheater, Avant-Pop, Inszenierungsästhetik, Volkstheater, Institutionelles Theater, Pop-Musik, Kulturindustrie, Selbstinszenierung, Identität, Diskurs, Subkultur, Volksbühne, Frank Castorf, Marktlogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis und die wechselseitigen Einflüsse zwischen Populärkultur und dem institutionellen Gegenwartstheater im deutschsprachigen Raum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Begriffsbestimmung von Populärkultur, der Rolle von Avant-Pop, der Analyse von Inszenierungstechniken im modernen Theater sowie der Außendarstellung von Theaterbetrieben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Herausarbeitung und Analyse popkultureller Phänomene, Merkmale und Arbeitsweisen in ihren Bezügen und Einflüssen auf das institutionelle Gegenwartstheater darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Kombination aus theoretischer Begriffsanalyse und einer praktischen Untersuchung von Inszenierungsbeispielen sowie der medialen Rezeption des Theaterbetriebs verwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen der Populärkultur, untersucht das Verhältnis zum Postdramatischen Theater und führt Fallstudien zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Populärkultur, Gegenwartstheater, Avant-Pop, Inszenierungsästhetik und Identitätskonstruktion.
Warum spielt die Volksbühne eine so zentrale Rolle in der Untersuchung?
Die Volksbühne unter Frank Castorf gilt als Paradebeispiel dafür, wie ein Theaterbetrieb durch eine gezielte popkulturelle Außendarstellung und Ästhetik einen unverwechselbaren, "coolen" Ruf generierte.
Was unterscheidet den Ansatz des "Avant-Pop" von herkömmlicher Populärkultur?
Avant-Pop ermöglicht eine wertende Einordnung von künstlerischen Leistungen innerhalb der Popkultur, ohne auf die alten, normativen Trennungen zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur zurückzugreifen.
- Arbeit zitieren
- Jascha Fendel (Autor:in), 2016, Einfluss der Populärkultur auf das Gegenwartstheater. Begriffsbestimmung und Analyse der institutionellen Theaterlandschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488886