Welchen Einfluss haben berufliche Gymnasien auf die Bildungsungleichheit?


Hausarbeit, 2016
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie
2.1 Wert-Erwartungstheorie
2.2 Theorie der Herkunftseffekte

3 Empirie

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es so viele neue Hochschulzulassungen wie im Jahr 2014. Laut dem Bericht „Bildung in Deutschland 2016“ (Bildungsbericht) erreichten in diesem Jahr etwa 102000 Schüler1 die Fachhochschulreife; dies entspricht rund zwölf Prozent der gleichaltrigen Wohnbevölkerung. Weitere 303000 und somit 41 Prozent der gleichaltrigen Wohnbevölkerung erlangten die allgemeine Hochschulreife. Somit erhielten über 50 Prozent eines Altersjahrgangs eine Studienberechtigung, was zehn Prozentpunkten mehr als im Referenzjahr 2006 entspricht (Bildungsbericht 2016: 273).

Außerhalb des Gymnasiums kann die Hochschulreife heutzutage auch an Schulen mit mehreren Bildungsgängen sowie beruflichen Schulen erworben werden. Allein ein Drittel aller Studienberechtigungen werden mittlerweile an beruflichen Schulen erworben (Bildungsbericht 2016: 8), die im Folgenden als berufliche Gymnasien bezeichnet werden. Auffällig ist hierbei, dass von den circa 150000 Hochschulreifen, die an beruflichen Schulen erworben wurden, die Schüler in circa zwei Dritteln aller Fälle die Fachhochschulreife erlangten; lediglich 50000 und damit ein Drittel aller Fachgymnasiasten erhielten die allgemeine Hochschulreife (Bildungsbericht 2016: 273). Die heutige Bedeutung beruflicher Gymnasien ist insbesondere vor dem Hintergrund spannend zu betrachten, dass es sich im Vergleich zum allgemeinbildenden Gymnasium um eine verhältnismäßig junge Schulform handelt, die insbesondere infolge der Öffnung der allgemeinbildenden Gymnasien durch die Bildungsexpansion ab den 1960er Jahren an Bedeutung gewann (Köller et al. 2004: 14). Zudem sind berufliche, im Gegensatz zu allgemeinbildenden Gymnasien, durch klare Schwerpunktfächer gekennzeichnet, die jeweils verschiedene Pflichtkurse beinhalten (Maaz 2006: 93).

Nach Kai Maaz (2006: 16) kommt beruflichen Gymnasien die Funktion zu, vormals getroffene Bildungsentscheidungen zu revidieren, womit er auf die Übergänge nach der Grundschule rekurriert. Daraus leitet sich die Frage ab, ob berufliche Gymnasien dazu beitragen, der Bildungsungleichheit in Deutschland entgegenzuwirken. Unter Bildungsungleichheit seien im Folgenden „[...] Unterschiede im Bildungsverhalten und in den erzielten Bildungsabschlüssen (beziehungsweise Bildungsgängen) von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen“, verstanden (Müller Haun 1994: 3).

Dieser Fragestellung soll zunächst durch die Erläuterung zweier Theorien zur Entstehung von Bildungsungleichheit nachgegangen werden. Aus diesen werden jeweils Hypothesen zur Bildungsungleichheit abgeleitet, die anhand der Längsschnittstudie „Transformation des Sekundarschulwesens und akademische Karrieren“ (TOSCA)2 sowie daran anknüpfenden Arbeiten empirisch geprüft werden. Abschließend wird ein Fazit zu den gewonnenen Erkenntnissen der Bedeutung von beruflichen Gymnasien für die Bildungsungleichheit gezogen.

2. Theorie

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Theorien entwickelt, die versuchen, das Zustandekommen von Bildungsungleichheit zu erklären (Bourdieu 1983; Müller Pollak 2007; Erikson Jonsson 1996; Becker 2000). Für die Untersuchung der Fragestellung, ob berufliche Gymnasien der Bildungsungleichheit entgegenwirken, eignen sich insbesondere zwei Theorien: zum einen Hartmut Essers Wert-Erwartungstheorie (1999), da sie eine sich verändernde Bildungsmotivation im Zeitverlauf beschreiben kann, und zum anderen die Theorie der Herkunftseffekte nach Raymond Boudon (1974), da sie sowohl für Schulleistungen als auch Bildungsübergänge im Allgemeinen Erklärungsansätze bietet. Basierend auf diesen beiden Theorien werden drei Hypothesen abgeleitet, die anhand ausgewählter Befunde von TOSCA geprüft werden.

2.1. Wert-Erwartungstheorie

Ebenso wie bei anderen Theorien zur Entstehung von Bildungsungleichheit ist das Ziel von Essers Modell, zu erklären, warum Kinder aus niedrigen sozialen Schichten seltener als Kinder höherer sozialer Schichten weiterführende Bildungswege einschlagen (Esser 1999: 266). Mittels zweier Gleichungen drückt er den Abwägungsprozess bei der Bildungsentscheidung aus, wobei EU in beiden Fällen für den Erwartungsnutzen steht. Die Entscheidung für einen Verzicht auf weiterführende Bildung codiert Esser mit An und die Entscheidung dafür mit Ab, sodass EU(An) den Erwartungsnutzen für keine weiterführende Bildung und EU(Ab) für weiterführende Bildung wiedergibt. In beiden Fällen bezeichnet c die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Statusverlustes (-SV). Bei einem Verzicht auf weitere Bildung spielen Esser zufolge ausschließlich diese beiden Variablen eine Rolle. Bei einem weiterführenden Bildungsweg hingegen müssen weitere Variablen mit einbezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der weitere Bildungsweg erfolgreich abgeschlossen wird, drückt Esser mit p aus. Die entsprechende Gegenwahrscheinlichkeit entspricht (1-p). Der Wert, der dem weiteren Bildungsweg zugemessen wird, ist mit U codiert, und die entstehenden Kosten mit C (Esser 1999: 267). Die entsprechenden Gleichungen lauten somit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für den Fall, dass der Erwartungsnutzen weiterführender Bildung größer ist als der Verzicht darauf, muss also gelten: EU(Ab) > EU(An). Dies ist gleichbedeutend mit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anschließend vereinfacht Esser (1999: 269f.) diese Gleichung durch Umformung zu:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierbei bezeichnet er die Summe auf der linken Seite als Bildungsmotivation und den Quotienten auf der rechten Seite als Investitionsrisiko. Bezogen auf das Bildungsverhalten verschiedener sozialer Schichten nimmt er an, dass „[b]ei den unteren Schichten [...] die Bildungsmotivation nur U [beträgt], weil SV dort ja gleich null ist[...]“ (Esser 1999: 270). Des Weiteren nimmt er an, dass „[b]ei den unteren Schichten […] p relativ klein […] und damit die Schwelle des Investitionsrisikos relativ hoch [ist]“ (Esser 1999: 271). Essers Logik entsprechend senden Eltern mit niedrigem sozioökonomischem Status ihre Kinder nach der Grundschule eher an Realschulen als an allgemeinbildende Gymnasien, da das Investitionsrisiko in diesem Fall für sie kleiner ist und ohnehin kein Statusverlust droht. Jedoch wächst „[m]it dem zunehmenden Erfolg auf der Stufenleiter der Bildungsgrade […] ja auch in den unteren Schichten die Erfolgserwartung für ihre offenkundig begabten Sprößlinge, die sichtbar gut mithalten können“ (Esser 1999: 273). Eine steigende Erfolgserwartung resultiert der Theorie zufolge wiederum in einer steigenden Bildungsmotivation, die einen Übergang in die gymnasiale Oberstufe nach der Realschule wahrscheinlicher werden lässt. Aus diesem Gedankengang lässt sich die erste zu prüfende Hypothese ableiten:

H1: Schüler, deren Eltern über einen niedrigen sozioökonomischen Status verfügen, besuchen eher die gymnasiale Oberstufe eines beruflichen als eines allgemeinbildenden Gymnasiums.

2.2 Theorie der Herkunftseffekte

Über zwei Jahrzehnte vor Esser entwickelte Boudon (1974) einen Erklärungsansatz für die Existenz von Bildungsungleichheit. Zur Verdeutlichung der Fragestellung fragt er beispielhaft: „Is the probability that a worker's son will go to college likely to be equal in a more or less remote future to the same probability for a lawyer's son?“ (Boudon 1974: 11). Kernaussage seiner Theorie ist, dass die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse in modernen Gesellschaften maßgeblich vom eigenen Bildungserwerb abhängig ist. Die Art und Weise des Bildungserwerbs sei dabei wiederum durch die soziale Klasse der Eltern determiniert. Diesbezüglich differenziert Boudon zwischen primären und sekundären Herkunftseffekten. Während die primären Herkunftseffekte Rückschlüsse auf die schulischen Leistungen des Kindes erlauben sollen, stellen die sekundären Herkunftseffekte einen Erklärungsansatz für die Wahl bei Bildungsübergängen dar (Boudon 1974: 11). Bezogen auf berufliche Gymnasien heißt dies, dass deren Schüler eine geringere Studierneigung aufweisen als Schüler allgemeinbildender Gymnasien, da ihre Eltern über einen niedrigeren sozioökonomischen Status und damit einhergehend ein geringeres Unterstützungspotenzial verfügen:

H2: Schüler beruflicher Gymnasien streben seltener ein Hochschulstudium an als Schüler in der Oberstufe allgemeinbildender Gymnasien.

Zudem sollten nach Boudons primären Herkunftseffekten die Leistungen von Schülern an beruflichen schlechter ausfallen als die von Schülern allgemeinbildender Gymnasien, wenn von einem im Durchschnitt niedrigeren sozioökonomischen Status der Eltern ausgegangen wird. Somit lautet die dritte Hypothese:

H3: Die Leistungen von Schülern an beruflichen Gymnasien fallen im Durchschnitt schlechter aus als die von Schülern in der Oberstufe allgemeinbildender Gymnasien.;

Die drei präsentierten Hypothesen sollen ausdrücken, in welcher Hinsicht dem Explanandum Bildungsungleichheit am Fallbeispiel beruflicher Gymnasien nachgegangen werden kann, basierend auf der Wert-Erwartungstheorie sowie der Theorie der Herkunftseffekte. Bezogen auf die eingangs gestellte Frage der Bildungsungleichheit sollen somit im Folgenden die Fragen beantwortet werden, ob erstens berufliche Gymnasien insbesondere für Schüler aus Familien mit sozioökonomisch niedrigem Status eine große Chance zur Erlangung des Abiturs darstellen, zweitens ebendiese Schüler an beruflichen Gymnasien vergleichbare Leistungen erbringen wie solche aus Familien mit sozioökonomisch hohem Status und drittens berufliche Gymnasien die Studierneigung von Schülern aus Familien mit sozioökonomisch niedrigerem Status erhöhen. Im Folgenden sollen die vorgestellten Hypothesen diesbezüglich anhand des Forschungsprojektes TOSCA untersucht werden.

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für alle Geschlechter.

2 TOSCA entstand in Zusammenarbeit vom Forschungsbereich Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, dem Institut zur Qualitätssicherung im Bildungswesen und dem Lehrstuhl Pädagogische Psychologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Köller et al. 2004: 9).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Welchen Einfluss haben berufliche Gymnasien auf die Bildungsungleichheit?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V489146
ISBN (eBook)
9783668970274
ISBN (Buch)
9783668970281
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsungleichheit, Berufliche Gymnasien, Wert-Erwartungs-Theorie, Theorie der Herkunftseffekte, (Fach-)Hochschulreife, Bildungsqualifikation, Studium
Arbeit zitieren
Max Schmidt (Autor), 2016, Welchen Einfluss haben berufliche Gymnasien auf die Bildungsungleichheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489146

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