1887 erschien Thomas Manns erste Erzählung "Der kleine Herr Friedemann" in der Neuen Deutschen Rundschau und dann später 1898 in seinem ersten Novellenband im Fischer-Verlag. Thomas Mann, damals erst 23 Jahre alt, wurde in der Presse für diese Erzählung hoch gelobt und als ein Homo Novus der Literatur geehrt. Dies ist Grund genug, sich mit dieser Erzählung einmal genauer auseinander zu setzten.
In dieser Arbeit sollen die Einflüsse Nietzsches auf den jungen Thomas Mann mit dem Schwerpunkt auf die apollinischen und dionysischen Kräfte, die auf den Herrn Friedemann einwirken, herausgearbeitet werden. Hierzu sollen zu Beginn ein kurzer Überblick über die Philosophie Nietzsches gegeben und dann einzelne Aspekte der Erzählung unter ebendiesem Raster untersucht, herausgearbeitet und Differenzen und Überschneidungen deutlich gemacht werden.
Das Grundmotiv in dieser Erzählung ist die Zerstörung einer asketisch-gemäßigten Existenz durch den Hereinbruch von wilden Leidenschaften. Friedemann, klein und von Kindheit an verkrüppelt, wählt ein Leben als Außenseiter und Asket, klammert jegliche Leidenschaft aus und wird von ihr letzten Endes heimgesucht und zu Grunde gerichtet.
Dieses Motiv wird auf Friedrich Nietzsche und sein Gegensatzpaar Apollinisch und Dionysisch, welches er in seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie" entwirft, zurückgeführt und vor diesem Hintergrund gedeutet. Anhand dieser Parallelen kann man erkennen, dass Thomas Mann Friedrich Nietzsche verhältnismäßig früh rezipiert hat und dessen Ideen bereitwillig in sein Werk übernommen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kunst und Künstler bei Friedrich Nietzsche
3. Der kleine Herr Friedemann im Spannungsfeld der Triebe
3.1 Friedemann als ein apollinischer Asket
3.2 Die Rolle Gerdas von Rinnlingen
3.3 Der Einbruch der Leidenschaften
4. Zusammenfassung
5. Literaturhinweise
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Einflüsse von Friedrich Nietzsches Philosophie – insbesondere das Gegensatzpaar des Apollinischen und Dionysischen – auf Thomas Manns Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Protagonisten durch eine asketische Lebensweise versuchen, sich vor den als zerstörerisch wahrgenommenen dionysischen Trieben zu schützen, und wie dieser Schutzmechanismus zwangsläufig in den Untergang führt.
- Die Konzeption des Apollinischen und Dionysischen bei Friedrich Nietzsche
- Johannes Friedemann als asketischer Außenseiter
- Die Rolle von Gerda von Rinnlingen als dionysische Gegenfigur
- Der psychologische und physische Zusammenbruch des asketischen Lebensentwurfs
- Die Verknüpfung von Krankheit, Dekadenz und Kunst bei Thomas Mann
Auszug aus dem Buch
3.1 Friedemann als ein apollinischer Asket
Johannes Friedemann wird als kleines Kind von seiner betrunkenen Amme fallen gelassen und trägt durch dieses „Unglück“ eine lebenslange Verkrüppelung davon. Er hat „eine spitze und hohe Brust, [einen] weit ausladenden Rücken und (…) viel zu lange, magere Arme“. Diese körperlichen Behinderungen lassen ihn bereits in der Kindheit zum Außenseiter werden, wenn er seinen Schulkameraden absagen muss, da er sich „für Turnen und Ballwerfen nicht eignete“. Von vornherein als Außenseiter verurteilt, verliebt er sich in ein Mädchen, welches er aber in flagranti mit einem anderen Jungen erwischt. Der physischen Degradierung von außen folgt nun eine psychische Selbstdegradierung:
„Ein scharfer, drängender Schmerz stieg ihm aus der Brust in den Hals hinauf. Aber er würgte ihn hinunter und richtete sich entschlossen auf, so gut er es vermochte. ,Gut‘, sagte er zu sich, das ist zu Ende. Ich will mich niemals wieder um dies alles bekümmern. Den anderen gewährt es Glück und Freude, mir aber vermag es immer nur Gram und Leid zu bringen. Ich bin fertig damit. Es ist für mich abgetan. Nie wieder. -‘“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die Entstehungsgeschichte der Erzählung und definiert das Untersuchungsziel: die Anwendung von Nietzsches Philosophie auf Thomas Manns literarische Gestaltung der Zerstörung asketischer Existenz.
2. Kunst und Künstler bei Friedrich Nietzsche: Dieses Kapitel erläutert Nietzsches Konzepte des Apollinischen als Ordnung und des Dionysischen als rauschhafte Naturgewalt sowie deren Verknüpfung mit den Themen Krankheit und Künstlertum.
3. Der kleine Herr Friedemann im Spannungsfeld der Triebe: Das Kapitel strukturiert die Analyse des Werks, indem es die Entwicklung des Protagonisten vom Versuch der asketischen Lebensführung bis hin zum zerstörerischen Einbruch der Leidenschaften detailliert nachzeichnet.
3.1 Friedemann als ein apollinischer Asket: Hier wird Friedemanns körperliche und psychische Ausgangslage als bewusste Abkehr von der Welt und als Etablierung eines asketischen Lebensmodells beschrieben.
3.2 Die Rolle Gerdas von Rinnlingen: Dieses Kapitel beleuchtet Gerda von Rinnlingen als Leidensgenossin und gleichzeitige Antagonistin, die als Inkarnation dionysischer Mächte fungiert.
3.3 Der Einbruch der Leidenschaften: Der Abschnitt analysiert den finalen Zusammenbruch des Willenskonstrukts von Friedemann und sein tragisches Ende im Fluss als Konsequenz der Konfrontation mit dem Triebhaften.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert das Scheitern von Friedemanns Askese als lebensfeindliches Paradoxon und bestätigt das Motiv der Heimsuchung des Geistes durch das Dionysische als zentrales Grundmuster bei Thomas Mann.
5. Literaturhinweise: Auflistung der verwendeten Forschungsliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Friedrich Nietzsche, Der kleine Herr Friedemann, Apollinisch, Dionysisch, Askese, Dekadenz, Triebverzicht, Literaturanalyse, Kunst, Krankheit, Selbstbetrug, Untergang, Erzählstruktur, Leidenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Thomas Manns Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ unter der theoretischen Perspektive der Philosophie Friedrich Nietzsches.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Apollinischen und Dionysischen, der Konflikt zwischen Askese und Triebwelt sowie die psychologische Darstellung des Untergangs eines Außenseiters.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Protagonist durch einen künstlichen, asketischen Lebensentwurf versucht, sich vor dem Leben zu schützen, und warum dieser Versuch zwangsläufig scheitert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die philosophische Begrifflichkeiten Nietzsches als Raster für die Interpretation der Erzählung anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in Nietzsches Ästhetik und die detaillierte Untersuchung der Figur Friedemanns sowie dessen Konfrontation mit der dionysischen Gerda von Rinnlingen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Askese“, „Apollinisch“, „Dionysisch“, „Dekadenz“ und „Triebunterdrückung“ definiert.
Wie lässt sich die Rolle von Gerda von Rinnlingen einordnen?
Sie fungiert nicht nur als Spiegelbild von Friedemanns eigener Dekadenz, sondern auch als aktive dionysische Macht, die den Zusammenbruch von Friedemanns Schutzmechanismus forciert.
Warum endet Friedemanns Versuch der Askese tragisch?
Die Askese erweist sich als lebensfeindliches und künstliches Konstrukt, das der realen menschlichen Triebnatur nicht standhalten kann, sobald diese durch äußere Reize direkt adressiert wird.
- Citation du texte
- Andreas Schumacher (Auteur), 2016, Nietzsches Konzept des Apollinischen und Dionysischen in „Der kleine Herr Friedemann“ von Thomas Mann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489201