Der Rest ist Schweigen - wirklich? Zur Kommunikation in Ovids Metamorphosen VI: 424-674 und Eliots "The Waste Land"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
16 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Das Schweigen der Schwestern bei Ovid

Die Stimmen der Schwestern bei Eliot

Schluss

Bibliographie

Einleitung

And still she cried, and still the world pursues, >Jug Jug> to dirty ears. 1

So darf man sich laut Thomas Stearns Eliot Philomelas wiedergefundene Stimme vorstellen, die ihr auf grausame Art genommen wurde. T.S. Eliot schreibt mit The Waste Land eine interessante Fortsetzung des ovidischen Mythos. Der Leser erfährt, wie es Philomela und Procne weiter ergangen sein könnte.

Doch wie verhält es sich genau mit dem Schweigen und der Sprache, der Kommunikation in Ovid, Metamorphosen Buch VI, V.424-674 und in The Waste Land ? Wer schweigt wann und wer findet seine Sprache wieder? Vor allem gilt es Eines zu klären: Ist die Fähigkeit, sich zu äußern und letztendlich zu kommunizieren wirklich immer etwas Positives? Oder ist Kommunikation in diesem speziellen Fall Verdammnis und Bestrafung für ein grausames Verbrechen?

Eliot gibt dem Leser eine Antwort auf die Frage, was nach der Metamorphose geschieht. Aus philologischer Sicht ist es daher unerlässlich, die beiden Texte genau zu vergleichen und zu analysieren.

Das Schweigen der Schwestern bei Ovid

Ovid behandelt im sechsten Buch der Metamorphosen den Mythos von Tereus, Procne und Philomela. Ovids Hauptquelle ist Sophokles´ Tereus.2 Ovid wählt zwar die gleichen Beziehungen zwischen den Figuren wie sein Vorbild, lässt jedoch bei der Verwandlung in Vögel Einiges offen. Zunächst soll sich der Schlüsselszene gewidmet werden, die ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Geschichte ist.

Nachdem sich Philomela in Worte entladen hat, erzürnt über das Verhalten Tereus´ und wild entschlossen, sich an ihm zu rächen, indem sie alle Welt über die Verbrechen und Tereus´ Grausamkeit und Skrupellosigkeit aufklären will, schneidet der Vergewaltiger ihr die Zunge heraus. Er nimmt ihr die Möglichkeit, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Doch bereits hier deutet sich an, dass Philomela trotzdem nicht aufgeben wird:

Radix micat ultima linguae,

ipsa iacet terraeque tremens immurmurat atrae,

utque salire solet multilatae cauda colubrae,

palpitat et moriens dominae vestigia quaerit. 560 3

Das letzte Überbleibsel der Zunge zuckt, sie liegt zitternd danieder und lallt die geschwärzte Erde an.

Und wie der Schwanz einer zerhauenen Schlange üblicherweise hüpft,zappelt sie und sucht sterbend die Spuren der Besitzerin.

Die Zunge kommt auch nach dem Herausschneiden nicht zur Ruhe. Sie entwickelt ein Eigenleben, bewegt sich, lallt und will nicht aufgeben, wehrt sich dagegen, abzusterben. Sie übernimmt in diesem Moment den Geist, den Tatendrang ihrer domina.

Ovid schildert die Szene zunächst wie es auch andere Autoren zuvor taten, jedoch fügt er das grausame Fortleben der Zunge hinzu.4

Hans Herter lehnt eine humoristische Lesart der Stelle, die mancher Kritiker nahe legte, ab : […]es ist zwecklos, die Situation für ihn speziell retten zu wollen, indem man derlei für nicht ernst gemeint hält und gar als Humor deklariert – wahrlich ein sonderbar irregeleiteter Humor, und an solcher Stelle! 5

Bemerkenswert ist der Vergleich mit der Schlange, dem antiken Sinnbild für Heimtücke, aber auch Strapazierfähigkeit und Gefahr.6 Es wird somit bereits angedeutet, dass dies nicht das Ende der Philomela sein wird und auch nicht das ihres Vorhabens, nämlich, sich mitzuteilen und sich an Tereus zu rächen. So wie sich der Schwanz der Natter erneuert, wird auch Philomela, Wege finden, zu kommunizieren.

Zunächst muss sie schweigen und ist nicht in der Lage, die Verbrechen öffentlich zu machen: os mutum facti caret indice. 7 Philomela kann sich nicht mehr durch Worte mitteilen, ist aber dennoch entschlossen, nicht aufzugeben. Sie webt die schrecklichen Taten in einen Teppich, den sie Procne mit Hilfe einer Dienerin überbringen lässt. Philomela hat eine neue Möglichkeit der Kommunikation gefunden.

Allyson Booth fasst dies folgendermaßen zusammen:

The detail with which she could articulate what she wanted to articulate is diminished with each shift in medium, but she is never wholly silenced, despite the array of obstacles she encounters both physically and verbally – tangles that are even built into the words that tell her story. 8

Dass sie niemals vollkommen stumm ist, lässt sich zwar anhand Ovid, V.574 widerlegen, jedoch stimmt die Kernaussage: Philomela schafft sich neue Wege der Kommunikation, sie will nicht zum Schweigen verdammt sein. Ein Hilfsmittel ist die gewebte Botschaft, ein anderes sind Handzeichen: gestu rogat 9, mit denen sie die Überbringerin der Botschaft anweist. Diese Art der nonverbalen Kommunikation wird in V.609 erneut beschrieben: pro voce manus fuit. 10

Procne wurde im Gegensatz zu ihrer Schwester keinerlei physische Gewalt angetan, die ihr die Möglichkeit zu sprechen geraubt hätte. Dennoch fällt auch sie in Schweigen, nachdem sie von der Botin die Nachricht ihrer bis dato totgeglaubten Schwester erhalten hat:

Germanaeque suae carmen miserabile legit

Et (mirum potuisse) silet. Dolor ora repressit, verbaque querenti satis indignantia linguae defuerunt; 11

Sie liest die beklagenswerte Nachricht ihrer Schwester und (man könnte sich wundern) sie schweigt. Der Schmerz unterdrückt ihre Sprache und ihrer Zunge fehlen ausreichend Zornesworte.

Ovid setzt hier in V.584f. das gleiche Enjambement wie in V.556f. als Tereus Philomela die Zunge herausschneidet:

Linguam – abstulit

und verbaque linguae – defuerunt.

Die Schwestern erleiden ein vergleichbares Schicksal, die eine aus physischen, die andere aus psychischen Gründen. Procne fällt in Schweigen, in Mutismus ­– ausgelöst durch die schrecklichen Verbrechen, die ihr Ehemann an ihrer Schwester begangen hat.

An dieser Stelle steht sie völlig neben sich und ist nicht mehr in der Lage zwischen sich selbst und Philomela zu unterscheiden:

Nec flere vacat, sed fas nefasque confusura ruit poenaeque in imagine tota est. 12

Und sie ist nicht in der Lage, zu weinen, sondern stürzt sich,während sie im Begriff ist, Recht und Unrecht zu vermengen,blindlings in eine Vorstellung von Bestrafung.

Während Philomela den Webteppich als Medium nutzt, verstummt Procne völlig. Die Schwestern vollziehen an dieser Stelle einen Rollentausch, den Ovid in fas nefasque confusura abbildet.

Ihre Sprache findet Procne erst in V.611 wieder, als sie Philomela in die Arme schließt und mit ihr den Racheplan schmiedet (inquit). Ab diesem Zeitpunkt übernimmt Procne die Kommunikation für ihre Schwester mit und kompensiert so deren Unfähigkeit zu sprechen.

Darauf wird in V.659f. ein letztes Mal eingegangen, nachdem sie Tereus den Kopf des kleinen Itys entgegen geworfen hat.

Nec tempore maluit ullo Posse loqui et meritis testari gaudia dictis. 13

Und zu keinem anderen Zeitpunkt hätte sie lieber sprechen können gewollt und die Freude durch angemessene Worte bezeugt.

Am Ende der Erzählung bei Ovid steht die Verwandlung Procnes und Philomelas in Vögel. In welche Vogelarten die Schwestern verwandelt werden, wird nicht thematisiert. Lediglich Tereus wird explizit zum Wiedehopf:

[nomen epops volucri, facies armata videtur] 14

[Der Name des Vogels ist Wiedehopf, sein Antlitz scheint bewaffnet.]

Was die Schwestern betrifft, erfährt der Leser einzig den Aufenthaltsort der Vögel und erhält einen Hinweis zu ihrem Aussehen:

Quarum petit altera silvas,altera tecta subit; neque adhuc de pectore caedis excessere notae, signataque sanguine pluma est.

Die eine von ihnen sucht die Wälder auf,die andere lässt sich auf dem Dache nieder; und die Spuren des Mordes sind noch nicht von der Brust getilgt, das Gefieder ist von Blut gezeichnet.

Offen bleibt ebenso, ob die Verwandlung in Vögel, für die Schwestern eine Strafe, eine Belohnung oder eine Rettung aus der Situation darstellt.

Hans Herter hat sich in seinem Artikel Schwalbe, Nachtigall und Wiedehopf: Zu Ovids Metamorphosen 6, 424-674 mit dieser Problematik auseinandergesetzt: Er schreibt, dass die Tradition vor Ovid „dahin tendierte, der Metamorphose im Ganzen oder in einzelnen Zügen den Sinn einer Strafe zu geben.“15

Doch bei Ovid kann man die Verwandlung kaum als Strafe interpretieren. Durch die Verwandlung werden die Taten nicht vergolten und auch das Mordopfer, Itys erlebt keine Vergeltung.16 Die Metamorphose als Belohnung ist noch abwegiger, darauf finden sich keinerlei Hinweise. Sie ist also am ehesten als Rettung zu verstehen. Allerdings ist die Rettung keine Erlösung, da die Vögel sich nicht versöhnen, wie es bei anderen antiken Autoren der Fall ist, sondern dazu verdammt sind, sich ewig – selbst noch im 19. Jahrhundert bei Eliot – mit ihren Untaten auseinanderzusetzen.

Warum die Vögel bei Ovid stumm sind erklärt Hertel plausibel. Die Schwestern zeigen im menschlichen Dasein keine Anzeichen von Reue und ihr Seelenleben bleibt auch in Vogelgestalt unverändert. Sie bereuen nichts, also hört man von ihnen kein Wehklagen.17

Eine andere Überlegung ist, dass sie als Vögel zunächst beide, beziehungsweise alle drei derart traumatisiert sind, dass sie – wie ehemals Procne – in Mutismus verfallen. Somit würde das Verbrechen an Itys letztendlich im Fokus stehen.

[...]


1 Eliot, S.90, V.101f.

2 Herter, S.163.

3 Ovid, S.173, V.560

4 Herter, S.163.

5 Ebd., S.163.

6 Pauly, S.14.

7 Ovid, S.173, V.574.

8 Booth, S.97f.

9 Ovid, S.173, V.579.

10 Ebd., S.174, V.609.

11 Ebd., S.174, V.582ff.

12 Ebd., S.174, V.585f.

13 Ebd., S.177, V.659f.

14 Ebd., S.177, V.674.

15 Herter, S.168.

16 Ebd., S.168.

17 Ebd., S. 170.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Rest ist Schweigen - wirklich? Zur Kommunikation in Ovids Metamorphosen VI: 424-674 und Eliots "The Waste Land"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V489480
ISBN (eBook)
9783668969339
ISBN (Buch)
9783668969346
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rest, schweigen, kommunikation, ovids, metamorphosen, eliots, waste, land
Arbeit zitieren
Uta Karger (Autor), 2017, Der Rest ist Schweigen - wirklich? Zur Kommunikation in Ovids Metamorphosen VI: 424-674 und Eliots "The Waste Land", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489480

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