Das Amerikabild in der deutschen Literatur

Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Heine im Vergleich


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Goethes Amerikabild

Heines Amerikabild

Fazit

Literaturangaben

Einleitung

Dass die Vereinigten Staaten von Amerika heutzutage einen hohen Stellenwert im literarischen Prozess der deutschen Literatur einnehmen, ist erstens aufgrund der Position der USA als einzig verbleibende Supermacht, sowie zweitens der historisch bedingten Intensität der Beziehung zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten nicht verwunderlich. Der Perzeption von amerikanischem Kulturgut in Form von Filmen, Musik und Literatur kann der von den Medien geprägte Mensch heute kaum ausweichen. Zu umfassend und zahlreich sind die Eindrücke, die wir, sei es bewusst durch Kino und Fernsehen, oder unbewusst durch die ständige Präsenz der amerikanischen Sprache und deren Inhalte, in uns aufnehmen.

Amerika als Reiseland wirkt für Europäer wie ein Magnet. Bekannte wie weniger bekannte deutschsprachige Gegenwartsautoren, darunter Max Frisch, Peter Handke, Martin Walser oder Thomas Meinecke haben daher das Motiv „Amerika“ in ihren Werken verarbeitet.

Wie aber haben große deutsche Autoren der Vergangenheit die Vereinigten Staaten gesehen? Haben sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigt? Gab es zur Gründungsphase der USA Schriftsteller in Deutschland, die sich ein Bild von diesem „ersten Amerika“ gemacht haben? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit anhand zweier Beispiele untersucht werden. Zunächst möchte ich auf das Verhältnis Goethes zu Amerika zu sprechen kommen, und anschließend untersuchen, ob und wie sich Heinrich Heines Meinung über die USA anhand seiner Aussagen und Kommentare analysieren lässt. Abschließend soll der Versuch einer zusammenfassenden Untersuchung feststellen, welches Ergebnis ein Vergleich der Amerikabilder Goethes und Heines bringt.

Goethes Amerikabild

Wer sich eingehend mit den Amerikabildern bei Goethe und Heine beschäftigt, wird schnell feststellen, dass beide Dichter ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu dem großen Kontinent hatten. Gibt es bei Goethe eine Fülle von Hinweisen auf die Vereinigten Staaten in seinen Briefen, Tagebucheinträgen oder Werken, so tut man sich bei Heine zunächst recht schwer bei dem Versuch, ein kohärentes Bild des Amerikamotivs zu konstruieren. In der germanistischen Forschung ist die Anzahl der über Goethe verfassten Sekundärwerke daher deutlich größer als die über Heine. Es kam hier sogar die Frage auf, ob man überhaupt von einem „Amerikabild“ Heines sprechen kann, oder ob es sich nicht eher um einen skizzenhaften Abriss des Motivs „USA“ in Heines Werken handelt, der für literarische Forschung gänzlich ungeeignet ist. Die Tendenz geht aber dahin, dass dem nicht so ist. Es heißt vielmehr, dass sich sehr wohl Aussagen Heines über Amerika finden lassen, die zeigen, dass Heine in seinen jungen Jahren ein sehr positives und sympathisches Bild der USA hatte, welches sich mit der Zeit aber immer mehr verschlechterte und schließlich in Abneigung überging.

Ähnlich wie bei Heine findet man auch bei Goethe eine Forschungskontroverse. Die durch den Germanisten und Goethe-Kenner Victor Lange aufgestellte These, dass der junge Goethe sich kaum für die USA interessierte und deswegen wenig über sie wusste, fand sich in der vergleichenden Literatur nicht bestätigt. Goethe war gut über die politischen Vorgänge jenseits des Ozeans informiert. In einer Zeit, in der Europaskepsis und Europamüdigkeit weit verbreitet waren, schrieb Wieland, mit dem Goethe seit seiner Ankunft in Weimar 1775 in regem Kontakt stand im „Teutschen Merkur“ über die amerikanische Revolution: „Es ist ein labender Anblick für den Menschenverstand, ein tugendhaftes Volk zu sehen! Hunderttausende, […], die mit hohem Mute, standhaft und unerschütterlich die unverlierbaren Rechte der Menschheit behaupten […]1.“ Goethe selbst schrieb später in seinem Werk Dichtung und Wahrheit: „Man wünschte den Amerikanern alles Glück, und die Namen Franklin und Washington fingen an, am kriegerischen und politischen Himmel zu glänzen und zu funkeln“ (X, 771 f.)2.

Vor allem die Gestalt Benjamin Franklins hat den Naturwissenschaftler Goethe stark beeindruckt. Nach der Lektüre der 1817 erschienenen Autobiographie Franklins lobte Goethe dessen „Geist, den Verstand, die Leichtigkeit, Gewandtheit, tiefe Einsicht, freie Übersicht, glückliche Behandlung“ und den „so gründlichen als frohen Humor“ (X, 653). Goethe scheint in der Figur Franklins viel von sich selbst wieder erkannt zu haben. Den beharrlichen Forscher ebenso wie den politisch-praktischen Bürger, dessen Streben von den allgemein nützlichen Grundmotiven des Menschlichen ausgeht. Er beschäftigte sich eingehend mit Franklins Äußerungen zur Farbenlehre und Elektrizität und fand großen Gefallen an dessen „Aversion gegen die Mathematiker“, deren „Kleinigkeits- und Widerspruchsgeist“ (XIX, 627) ihm selbst zuwider war.

Neben den wissenschaftlichen Werken Franklins las Goethe aber noch eine Reihe von Büchern aus der belletristischen Literatur der Vereinigten Staaten. Intensiv beschäftigte er sich mit dem Romanautor James Fenimore Cooper. In sein Tagebuch schrieb er zwischen dem 30. September und dem 1. Oktober 1826, wie er „das Kunstreiche an seinen [Coopers] Romanen studierte“ und „den reichen Stoff und dessen geistreiche Behandlung bewunderte3.“ In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die Entstehung der Goetheschen Novelle, die bekanntlich von einem vertieften Naturbild ausgeht, in die Phase der Lektüre des „Letzten Mohikaners“ fiel, die wiederum voll von lebhaften Schilderungen über Pionierleben, Indianerromantik und Landschaftsbildern des amerikanischen mittleren Westens ist. Goethe traf bei dieser Lektüre sicherlich auf ein ihn ansprechendes Naturgefühl und mag daraufhin von dem ein oder anderem in seinen Werken beeinflusst worden sein.

Im Laufe der Jahre vervollständigte Goethe sein geographisches, politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Bild über Amerika. Dabei halfen ihm vor allem persönliche Bekanntschaften und Kontakte. Ganz anders als Heine, der laut den überlieferten Quellen nur zu einem einzigen Amerikaner engeren Kontakt pflegte, hatte Goethe zu seiner Zeit in Weimar immer wieder Besuch von jungen Amerikanern, welche das ohnehin schon positive Amerikabild Goethes durch Anregungen und Informationen zum Thema „Nordamerika“ bestätigten. Unter diesen Besuchern war keiner, der nicht später irgendeine wichtige Rolle im öffentlichen Leben der Gesellschaft der Vereinigten Staaten spielen sollte: unter anderem Edward Everett, seit 1815 Professor für klassische Philologie an der Harvard Universität, später Gouverneur von Massachusetts, Botschafter in London, Präsident der Harvard Universität, Staatssekretär und Senator; Joseph Green Cogswell, Professor für Mineralogie in Harvard; George Bancroft, Botschafter in London und Berlin – um nur einige zu nennen. Jeder dieser Gäste verbesserte die Amerika-Kenntnis Goethes. Ein Besuch beim Dichterfürsten schien für die amerikanische Elite fast eine Verpflichtung zu sein. Allein in den Jahren zwischen 1816 und 1830 kamen 16 junge Amerikaner nach Weimar und genau in diese Zeit fiel die intensivste Beschäftigung Goethes mit dem Topos „Amerika“. Der oben erwähnte Cogswell schrieb 1819 an Bancroft: „America in all it´s relations is now [Goethe’s] paramount study4.“ Bancroft selbst wiederum schrieb noch im selben Jahr in einem Brief an den damaligen Präsident der Harvard Universität: „Goethe … spoke of America, as if our country was one of the objects that most interested him in his old age5.“

Eine weitere Vertiefung in der profunden Kenntnis Goethes über die USA brachte das Jahr 1826, in dem Goethe das Reisetagebuch des Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar erhielt, der kurz zuvor eine einjährige Reise in die Vereinigten Staaten unternommen hatte. Diese Lektüre machte auf Goethe einen solchen Eindruck, dass er sich den Sommer des Jahres 1826 mit dem Tagebuch und weiterführender Literatur über Amerika beschäftigte.

Ein beeindruckender Beweis für seine Kenntnis der Verhältnisse in den Vereinigten Staaten ist eine Äußerung zu Eckermann vom 21. Februar 1827, in der Goethe über die Landenge von Panama spricht und den Nutzen hervorhebt, den die USA aus dem Bau eines Kanals ziehen würden. Er sagt, dass es vorauszusehen sei,

„dass dieser jugendliche Staat, bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen, in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. Es ist ferner vorauszusehen, dass an dieser ganzen Küste des Stillen Ozeans nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittlung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Fälle wäre es aber nicht bloß wünschenswert, sondern fast notwendig, dass sowohl Handels- als auch Kriegsschiffe zwischen der nordamerikanischen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Kap Horn möglich gewesen.“(Bd.37, S.580)

Erstaunlicherweise begannen die Kanalarbeiten am Panamakanal genau 53 Jahre nach dieser Aussage Goethes. Die amerikanische Jurisdiktion über die Kanalzone traf ebenso ein wie die Gründung der „Handelsstädten“ an der Westküste – man denke nur an Los Angeles oder San Francisco. Der alte Dichterfürst bewies hier ein erstaunliches Feingefühl für die Entwicklungsmöglichkeiten des Landes – mit Sicherheit das Resultat eingehender Studien über Amerika.

Als nächstes möchte ich auf einen weiteren wichtigen Punkt zu sprechen kommen, der das Sympathieverhältnis Goethes zu den USA weiter verdeutlichen soll, das Thema „Auswanderung“. Es finden sich dazu eine Vielzahl von Kommentaren und Aussagen in Briefen und anderen überlieferten Dokumenten von Goethe. In seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ erzählt er von seiner Bekannten Lili Schönemann, die die Neigung hatte, mit ihm nach Amerika zu gehen. Rückblickend schreibt er: „Amerika wahr damals (1775) vielleicht noch mehr als jetzt das Eldorado derjenigen, die in ihrer augenblicklichen Lage sich bedrängt fanden“(Bd.14, S.830). In dieser Aussage spricht Goethe über den Beginn des amerikanischen Befreiungskrieges, als Washington die Führung übernahm und – zusammen mit Franklin – am weltgeschichtlichen Himmel „zu funkeln begann“. Auch den anschließenden Fortlauf des Befreiungskrieges wird Goethe wahrscheinlich mit weit größerer Sympathie verfolgt haben, als die Freiheitsbewegung der Französischen Revolution, die sich mit zunehmender Grausamkeit und Brutalität ihren Weg durch die Geschichte bahnte.

Obwohl zur damaligen Zeit in Weimar noch ein aufgeklärter Absolutismus herrschte, dem der wohlhabende Goethe sicherlich keineswegs so abgeneigt gewesen sein mag, wie man es aus seinen humanistisch-idealistisch orientierten Thesen hätte folgern können, sprach er doch in der Theatralischen Sendung durch seinen Wilhelm über die Republik: „Gewiss, unter guten ist die republikanische Form die beste und einzige“(Bd.9, S.577). Der Goethe-Forscher Johannes Urzidil sagt hierzu, dass die Vereinigten Staaten in ihrer Gründungsphase für Goethe fast antike Züge angenommen haben könnten. Er bezeichnet den amerikanischen Gegenwartssinn der damaligen Zeit als antik und vergleicht die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, eine isonomische, d.h. eine „Ordnung von Gleichen“ herzustellen, mit dem Streben der griechischen Poléis nach der Eunomia, der „guten Ordnung“. Ferner verweist er auf die oratorischen Leistungen der amerikanischen Politiker und macht zuletzt auf den Vergleich zwischen Kongress und Volksversammlung, bzw. Town-Meetings und Agora aufmerksam6. Ob diese Annahmen der Wahrheit entsprechen, ist sicherlich schwer zu sagen, einen interessanten Ansatz aber bieten sie allemal. Fakt ist jedoch, dass Goethe in einem 1815 geschrieben Brief an Boisserée beinahe wehmütig klingt, wenn er sagt: „Was möchte daraus geworden sein, wenn ich mit wenigen Freunden vor dreißig Jahren nach Amerika gegangen wäre und von Kant usw. nichts gehört hätte“(Bd.34, S.479) ? In der Tat scheint es solche Pläne bei Goethe gegeben zu haben, bevor er die Einladung von Carl August nach Weimar erhielt. Die Frage, was aus dem deutschen Dichterfürsten wohl geworden wäre, wenn er sich statt einer „italienischen Reise“ für eine „amerikanische“ entschieden hätte, ist deswegen heute genauso berechtigt wie damals.

Nur drei Jahre später gesteht Goethe seinem mittlerweile guten Freund und gern gesehenen Gast, Joseph Green Cogswell, in sehr konkreter Form seine Sehnsucht nach dem neuen Kontinent, wenn er sagt: „Wären wir zwanzig Jahre jünger, so segelten wir noch nach Nordamerika7.“

Es scheint nach all diesen schwärmerischen Aussagen Goethes über das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ doch etwas merkwürdig, dass er nicht wenigstens den Versuch einer Reise in die Vereinigten Staaten unternommen hat. Dies liegt wohl einerseits daran, dass sich Goethe mit zunehmendem Alter den Strapazen einer solch langen und anstrengenden Reise nicht mehr unterziehen wollte, andererseits glaubte er auch, dass selbst in den USA die Zeit des aktiven Formens und der durchdringenden Veränderung der Gesellschaft durch die Kraft des Individuums schon vorbei sei. „Ja selbst wenn ich nach Nordamerika flüchten wollte, ich käme zu spät, denn auch dort wäre es schon zu helle“(Bd.37, S.85).

Seinen Traum von der Auswanderung in den neuen Kontinent musste der Schriftsteller jedoch nicht aufgeben. Denn auch wenn Goethe nie einen Fuß auf nordamerikanischen Boden setzte, so hat er ihn doch verwirklicht – literarisch zumindest. In den Lehr- und Wanderjahren des Wilhelm Meister ist das Motiv „Amerika“ durchdringend und schematisch umgesetzt. Während die geplante Auswanderung in den Lehrjahren eingeleitet wird, findet dieses Vorhaben seine Umsetzung schließlich in den Wanderjahren.

[...]


1 aus: Urzidil, Johannes (1977) S. 155

2 Aufgrund fehlender Quellenangaben bei einigen Sekundärwerken über Goethe sind die ersten drei Zitate entnommen aus: Johann Wolfgang von Goethe, Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Zürich/Stuttgart 1948-71. Die weiteren Goethe-Zitate beziehen sich – soweit nicht anders vermerkt – auf: Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, 40 Bde., hg. v. Friedmar Apel u.a., Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag.

3 aus: Urzidil, Johannes (1977) S. 163

4 aus: Hinderer, Walter S. 8 von 11

5 aus: Hinderer, Walter S. 8 von 11

6 vgl. Urzidil, Johannes (1977) S. 158f.

7 aus: Hinderer, Walter S. 7 von 11

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Amerikabild in der deutschen Literatur
Untertitel
Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Heine im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Amerikabilder in der deutschen Literatur
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V489742
ISBN (eBook)
9783668967342
ISBN (Buch)
9783668967359
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Heine, Amerika, Amerikabilder, Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Holger Lenz (Autor:in), 2004, Das Amerikabild in der deutschen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489742

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