Der duale Arbeitsmarkt in Deutschland und die psychische Belastung Berufstätiger

Eine Korrelationsanalyse


Bachelorarbeit, 2015
60 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Begriffsdefinition „psychische Belastung“
2.2 Die Segmentationstheorie (Sengenberger 1975, 1987)
2.3 Deprivationsansätze (Stouffer et al. 1949)
2.3 Die Theorie der sozialen Identität (Tajfel, 1978)

3 Ableitung der Forschungshypothese

4 Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes

5 Direct Acyclic Graphs & Das „Back-Door Criterion“ (Pearl, 2000)
5.1 Direct Acyclic Graphs
5.2 Das „Back-Door Criterion“
5.3 Der Kausalzusammenhang „Arbeitsmarktposition – psychische Belastung“ (Modell 1)
5.4 Der direkte Zusammenhang „Arbeitsmarktposition – psychische Belastung“ (Modell 2)

6 Datengrundlage und Schätzmethode
6.1 Datenbasis
6.2 Schätzverfahren

7 Operationalisierung und Deskription der Variablen
7.1 Operationalisierung der Variablen
7.1.1 Abhängige Variable
7.1.2 Unabhängige Variable
7.1.3 Kontrollvariablen
7.1.3.1 Modell
7.1.3.2 Modell
7.2 Deskription der Variablen
7.2.1 Ausreißer und Einflussreiche Fälle
7.2.2 Beschreibung der Verteilung der Variablen

8 Analyseverfahren
8.1 Regressionsdiagnostik
8.1.1 Modell
8.1.2 Modell
8.2 Regressionsanalyse
8.2.1 Modell 1: Untersuchung des Kausalzusammenhangs der Arbeitsmarktposition auf die psychische Belastung
8.2.2 Modell 2: Untersuchung des direkten Zusammenhangs der Arbeitsmarktposition auf die psychische Belastung

9 Ergebnisse der Regressionsanalysen – Rückbezug zu aufgestellter Hypothese und theoretischem Hintergrund
9.1 Ergebnisse der linearen Regression von Modell
9.2 Ergebnisse der linearen Regression von Modell
9.3 Rückbezug zur Theorie

10 Diskussion und Fazit

11 Literatur- und Quellenverzeichnis

12 Anhang
Anhang 1: Indexbildung – Test zur Interitem-Korrelation
Anhang 2: Boxplot der Variablen „Nettoeinkommen pro Monat“
Anhang 3: Boxplot der Variablen „Arbeitsstunden pro Woche“
Anhang 4: Shapiro-Wilk und Shapiro-Francia Tests auf Normalverteilung (Modell 1)
Anhang 5: Ramsey-Test (RESET-Test) auf Linearität (Modell 1)
Anhang 6: Test auf Mulitkollinearität (Modell 1)
Anhang 7: Breusch-Pagan- und Cook-Weisberg-Test auf Heteroskedastizität und Residuenplot (Modell 1)
Anhang 8: Regressionsvergleich – Durchführung ohne und mit robusten Standardfehlern (Modell 1)
Anhang 9: Shapiro-Wilk und Shapiro-Francia Tests auf Normalverteilung der Residuen und Histogram der Residuen (Modell 1)
Anhang 10: Shapiro-Wilk und Shapiro-Francia Tests auf Normalverteilung (Modell 2)
Anhang 11: Ramsey-Test (RESET-Test) auf Linearität (Modell 2)
Anhang 11: Test auf Mulitkollinearität (Modell 2)
Anhang 12: Breusch-Pagan- und Cook-Weisberg-Test auf Heteroskedastizität und Residuenplots (Modell 2)
Anhang 13: Regressionsvergleich – Durchführung ohne und mit robusten Standardfehlern (Modell 2)
Anhang 14: Shapiro-Wilk und Shapiro-Francia Tests auf Normalverteilung der Residuen und Histogram der Residuen (Modell 2)

1 Einleitung

Die Anzahl der Burn-Out Erkrankten ist gestiegen, das lässt sich kaum verschweigen. Doch ein Anstieg um 1800% seit 2004 zwingt die Frage nach der Ursache dieser rasanten Zunahme auf. Dass psychische Leiden heutzutage weniger tabuisiert werden als früher, ist eine mögliche Erklärung, jedoch ist fragwürdig, ob dieser Grund ausreicht, um einen derartigen Anstieg zu erklären. Nach einer Studie der BKK, die die häufigsten Erkrankungen bei ihren Mitgliedern analysierte, sind psychische Störungen, nach Muskel- und Skeletterkrankungen der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen. Auch für 41% der Frühverrentungen sind psychische Leiden verantwortlich.

Ein derartiges Ausmaß der Erkrankung lässt vermuten, dass Ausfälle aufgrund von Burn-Out kein allein personenbezogenes Problem darstellen. Vielmehr – so Gabriele Buruck von der Technischen Universität Dresden – müssen Arbeitsbedingungen genauer betrachtet werden. Diese Forderung schafft es zwar bis in die Politik, in der für ein klares Regelwerk zu Arbeitsbedingungen plädiert wird, allerdings mangelt es dafür, laut Arbeitsministerium, noch an den nötigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie Stress am Arbeitsplatz verursacht wird (vgl. Die Welt (2013)).

Eine mögliche Erklärung zu den Ursachen von Überlastung durch die Arbeit liefert Werner Sengenberger schon in den 1970er Jahren. Aus dem Konzept des dualen Arbeitsmarktes, einem Segmentationsentwurf, entwickelt in den 1950er Jahren in den USA, erarbeitete er in Verbindung mit den Konzepten der deutschen Arbeitsmarkt- und Berufsforschung den Ansatz des zweigeteilten Arbeitsmarktes. Dieser unterscheidet zwischen den internen und dem externen Arbeitsmarkt, dem sogenannten Jedermannsarbeitsmarkt. Die Differenzierung in unterschiedliche Teilarbeitsmärkte resultiert aus deren verschiedenen Charakteristika. So unterscheiden sich die internen Arbeitsmärkte von dem externen Arbeitsmarkt unter anderem durch die Arbeitsbedingungen (vgl. Sengenberger (1975)). Durch das Prinzip von Stouffers Deprivationsansätzen, die eine erhöhte psychische Belastung durch enttäuschte Erwartungshaltungen erklären (vgl. Stouffer (1949)), sowie mittels Tajfels Theorie zur sozialen Identität, die ein missglücktes Emporheben der Eigengruppe im Vergleich zu Fremdgruppen als Ursache für psychische Belastungen sieht (vgl. Tajfel (1978)), könnten sich unterschiedliche Belastungen aufgrund unterschiedlicher Arbeitsplatzbedingungen oder, aufgrund unterschiedlicher Arbeitsmarktpositionen selbst, erklären lassen.

Die aktuelle Relevanz der steigenden psychischen Belastung von Berufstätigen macht dieses Thema zum Inhalt dieser Forschungsarbeit und miteinhergehend die Überprüfung eben erwähnter Theorien.

Diese Arbeit versucht die Frage zu beantworten, ob die Struktur des deutschen Arbeitsmarktes durch die mit ihr verbundenen Eigenschaften der Arbeitsplätze mit der psychischen Belastung von Beschäftigten zusammenhängt. Zusätzlich wird der Frage nachgegangen, ob neben diesem unterstellten Kausalzusammenhang der Arbeitsmarktposition auf die psychische Belastung auch unter Kontrolle der den Kausalzusammenhang vermutlich hervorrufenden, arbeitsmarktspezifischen Merkmale weiterhin eine direkte Korrelation der Arbeitsmarktposition mit der Belastung von Berufstätigen besteht und wenn ja, wie groß diese ist.

Dafür wird zuerst der theoretische Hintergrund zu den Forschungsfragen aufgearbeitet (Abschnitt 2). Dieser gliedert sich zuerst in die Definition des Begriffs „psychische Belastung“. Dann wird Sengenbergers Segmentationstheorie zur Einteilung der Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt und zur Beschreibung der jeweiligen Arbeitsmarktmerkmale erläutert. Schließlich werden die Deprivationsansätzen nach Stouffer et al. sowie Tajfels Theorie der sozialen Identität beschrieben. Auf deren Basis wird die in dieser Arbeit zu überprüfende Hypothese abgeleitet, die in Form von zwei Modellen getestet werden soll (Abschnitt 3). Die Darstellung bisheriger Forschungsergebnisse schließt sich an (Abschnitt 4).

Da die zu testenden Modelle mithilfe der sogenannten Direct Acyclic Graphs Methode sowie Pearls „Back-Door Criterion“ (Pearl (2000)) aufgestellt und begründet werden, werden in Abschnitt 5 zuerst die Funktionsweisen dieser Methoden beschrieben sowie anschließend auf deren Grundlage die Modelle erläutert.

Danach werden die verwendete Datenbasis und die Schätzmethode erläutert (Abschnitt 6), auf deren Basis die durch die DAG-Methode und mittels „Back-Door Criterion“ ermittelten Variablen operationalisiert und deren Verteilung beschrieben werden (Abschnitt 7).

Es folgt die Datenauswertung (Abschnitt 8), die sich in eine kurze Zusammenfassung über die Prüfung der Modellvoraussetzungen sowie die Untersuchung der aufgestellten Hypothese durch die Regressionsanalysen beider Modelle gliedert. Die Ergebnisse der Regressionsanalysen werden in Abschnitt 9 sowohl auf die Hypothese, wie auch auf den theoretischen Hintergrund rückbezogen. Ein Diskussionsteil und ein abschließendes Fazit (Abschnitt 10) beenden diese Arbeit.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Begriffsdefinition „psychische Belastung“

Psychische Belastung entsteht durch ein Zusammenspiel aller erfassbaren, äußerlichen Belastungsfaktoren. In der DIN EN ISO 10075-11 („Ergonomic principles related to mental work load – Part 1: General terms and definitions / German version”) wird sie als „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken” definiert. Ob die Beanspruchung eine schädliche Wirkung entfaltet, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab (vgl. Bauer (2013), S. 72).

2.2 Die Segmentationstheorie (Sengenberger 1975, 1987)

In den 1970er Jahren entwickelten Lutz und Sengenberger die bis heute am häufigsten verwendete Segmentationstheorie des zweigeteilten Arbeitsmarktes (dualer Arbeitsmarkt). Der Segmentationsansatz postuliert, dass „verschiedenartige Typen von Teilarbeitsmärkten mit jeweils unterschiedlichen Organisationsmustern der Qualifizierung, Allokation und Entlohnung von Arbeitskraft und unterschiedlichen Weisen der Vermittlung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen“ (Sengenberger (1987), S. 55) im Arbeitsmarkt koexistieren. Die theoretische Zweiteilung des Arbeitsmarktes differenziert zwischen den internen Arbeitsmärkten2 einerseits und dem unspezifischen Arbeitsmarkt (auch: externer, Jedermannsarbeitsmarkt) andererseits.

Verbunden sind interne mit externem Arbeitsmarkt durch Übergangspositionen (ports of entry, ports of exit), „über die sich der Austausch von Arbeitskräften vollzieht. Alle übrigen Arbeitsplätze werden durch interne Mobilität von Beschäftigten besetzt, die bereits Zutritt zu den internen Märkten erlangt haben. Folglich sind deren Arbeitsplatzpositionen dem direkten Einfluß des Wettbewerbs auf dem externen Arbeitsmarkt entzogen“ (Sengenberger (1975), S. 28), d.h zwischen den Segmenten bestehen Mobilitätsbarrieren, die einzelnen Teilmärkte sind „nicht allen Arbeitskräften in gleicher Weise zugänglich“ (Blossfeld & Mayer (1988), S. 262). In internen Teilarbeitsmärkten Tätige genießen somit eine privelegierte Behandlung im Vergleich zu auf dem Jedermannsarbeitsmarkt Beschäftigten (vgl. Sengenberger (1975), S. 28). Unterschieden werden die Arbeitsmärkte zum einen hinsichtlich der Betriebsgröße und der Qualifikationsanforderung, zum anderen in der Bindungsstärke zwischen den Arbeitsmarktparteien, in der Stärke institutionalisierter Regelungen und Richtlinien sowie in der Qualität des Arbeitsplatzes.

Interne Arbeitsmärkte treten in größeren Betrieben auf. Sie selektieren durch Zugangskriterien die Bewerber, das heißt eine dortige Beschäftigung setzt bspw. eine abgeschlossene Ausbildung, ein Studium oder Berufserfahrung voraus. Anstellungen in den internen Arbeitsmärkten kennzeichnen sich meist durch eine gute Arbeitsplatzqualität und überbetrieblich festgelegte Standards, die das Machtgefälle zwischen Unternehmen und Arbeitskräften begrenzen, etwa durch gesetzlichen Kündigkungsschutz durch den Arbeitgeber oder gesetzlich festgeschriebene (Maximal-)Arbeitszeiten, die nicht unentgeltlich überschritten werden dürfen. Sie zeichnen sich durch Prozesse betrieblicher Weiterbildungen aus und bieten Aufstiegschancen.

Auf dem externen Arbeitsmarkt finden sich hingegen kleine Betriebe, deren Arbeitsplätze sich durch eine geringere Arbeitsplatzqualität (oft aufgrund körperlich anstrengender Arbeit oder wegen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, bspw. aufgrund von Lärm oder Staub), niedrigere Anforderungen und Qualifikationen sowie wenig betriebsinterne Aufstiegsmöglichkeiten charakterisieren. Institutionell festgelegte Standards sowie eine Regulierung der Lohnstruktur fehlen weitgehend, sodass sich zwischen Arbeitgeber und -nehmer ein Machtungleichgewicht zugunsten des Arbeitgebers bildet. Durch dieses Ungleichgewicht können Arbeitnehmer der Willkür ihrer Arbeitgeber stärker ausgesetzt sein3.

Während die internen Teilarbeitsmärkte eine hohe Beschäftigungssicherheit und gute Löhne gewähren, zeichnet sich der Jedermannsarbeitsmarkt durch eine eher geringe Beschäftigungssicherheit sowie eine im Vergleich schlechtere Bezahlung aus. Auch findet sich dort, aufgrund des Arbeitskräfteüberschusses, keine Beschäftigungsstabilität: Arbeitnehmer sind auf dem Jedermannsarbeitsmarkt, anders als auf den internen Arbeitsmärkten, hohen Einkommens- und Beschäftigungsrisiken ausgesetzt (vgl. Sengenberger (1975); Sengenberger (1987)).

All diese Unterschiede können als mögliche Ursachen für die psychische Belastung am Arbeitsplatz in Frage kommen, denn

„die Merkmale der Arbeitsplätze werden mit der Zeit auf die Arbeitskräfte übertragen. Die im stabilen Primärsegment Beschäftigten werden gemäß ihren Beschäftigungsbedingungen zu stabilen Arbeitern mit langfristiger, betriebsbezogener Arbeits- und Arbeitsmarktorientierung. Doch auch die Arbeitskräfte des sekundären Sektors nehmen die Eigenheiten ihrer Arbeitsplatzumgebung und ihrer Beschäftigungsbedingungen an: Durch die Kurzlebigkeit der Arbeitsplätze und den dadurch ausgelösten Zwang zum Betriebswechsel werden sie ungewollt zu instabilen Arbeitnehmern, tragen alle damit verbundenen Risiken und werden darüber hinaus zunehmend als »ungeeignet« für eine Beschäftigung im Primärsektor abgestempelt“ (Sengenberger (1987), S. 61).

2.3 Deprivationsansätze (Stouffer et al. 1949)

Deprivation meint den Entzug von etwas Erwartetem, worauf Menschen frustriert oder verärgert reagieren und sich Gefühl von Unzufriedenheit einstellt. Von den Deprivationsansätzen wird hier im Speziellen der der relativen Deprivation erläutert:

„We define relative deprivation as a judgment that one or one’s ingroup is disadvantaged compared to a relevant referent, and that this judgment invokes feelings of anger, resentment, and entitlement” (Smith & Pettigrew (2015), S. 2).

Relative Deprivation beschreibt demzufolge die subjektive Ansicht eines Menschen darüber, dass die eigene Person oder die eigene Gruppe im Vergleich zu einer gleichwertigen und gleichrangigen anderen Person oder Fremdgruppe – tatsächlich oder vermeintlich – ungerecht behandelt und benachteiligt, d.h. diskriminiert wird. Dadurch entstehen Gefühle wie Ärger, Missgunst, Verbitterung oder Feindseligkeit sowie ein Anspruchsdenken über Ressourcen, die diesem subjektiven Urteil nach eigentlich hätten zugestanden werden müssen. Das Prinzip der relativen Deprivation folgt dabei stets vier grundlegenden Schritten: Zuerst werden wahrnehmbare Vergleiche aufgestellt. Anschließend bildet sich auf Basis dieser Vergleiche die Meinung, dass die eigene Person / die Eigengruppe benachteiligt wird (ob tatsächlich der Fall oder lediglich subjektiv empfunden spielt hierbei keine Rolle). Dieser Tatbestand wird als unangemessen und „nicht fair“ beurteilt, was letztlich oben beschriebene Gefühle der Unzufriedenheit und Verbitterung hervorruft (vgl. Stouffer et al. (1949); Smith & Pettigrew (2015)).

Handelt es sich also bspw. um das Gefühl der Benachteiligung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, hervorgerufen durch eine dortige als „nicht angemessen“ oder „zu niedrig“ empfundene Positionierung oder davon abhängige arbeitsmarktspezifische Jobeigenschaften (wie etwa eine als zu gering angesehene Bezahlung oder ein als zu unsicher empfundener Arbeitsplatz), kann das die (gefühlt) benachteiligten Arbeitnehmer psychisch belasten.

2.3 Die Theorie der sozialen Identität (Tajfel, 1978)

Soziale Identität beschreibt das Bewusstsein einer Person zu einer oder mehreren Gruppen dazuzugehören. Das Wissen um die Dazugehörigkeit wird dabei von mehreren Personen geteilt. Die Gruppenmitgliedschaft wird mit der Vorstellung von der Gruppe in Verbindung gebracht, dementsprechend positiv oder negativ bewertet und hat so eine individuell emotionale Bedeutung. Tajfel beschreibt soziale Identität

„as that part of an individual's self-concept which derives from his knowledge of his membership of a social group (or groups) together with the value and emotional significance attached to that membership" (Tajfel (1978), S. 63).

Eine soziale Gruppe meint eine Zusammenkunft von Menschen, die ein Verbundenheitsgefühl teilen, die überzeugt sind, selbst Mitglied dieser Gruppe zu sein und die auch von den anderen Gruppenmitgliedern als zur Gruppe zugehörig angesehen werden (vgl. Schaupp (2011), SS. 107, 120). Wörtlich definiert Tajfel eine Gruppe als

„a collection of individuals who perceive themselves to be members of the same social category, share some emotional involvement in this common definition of themselves, and achieve some degree of social consensus about the evaluation of their group and of their membership in it." (Tajfel/Turner (1986), S. 15).

Soziale Identität definiert sich folglich als die Summe der eigenen Mitgliedschaften in den jeweiligen sozialen Gruppen. Dabei entscheidet die Gruppierung durch Abgrenzung nach Merkmalen wie Geschlecht oder Status etc. (der Prozess der sozialen Kategorisierung) darüber, welchen Gruppen Personen angehören („Ingroup“/Eingengruppe) und welchen nicht („Outgroup“/Fremdgruppe). Die „Ingroup“ unterscheidet sich also von „Outgroups“.

Soziale Identität bestimmt einen großen Teil der Selbstwahrnehmung einer Person mit. Da Personen grundsätzlich eine möglichst positive Selbstbewertung erstreben, sind sie also zugleich bemüht, die Eigengruppe mittels sozialer Vergleiche zu den Fremdgruppen so positiv wie möglich darzustellen, d.h. eine positive Distinktheit zur Outgroup herzustellen (vgl. Schaupp (2011), SS. 110-114). Positive Distinktheit kann auf verschiedenem Weg erreicht werden: Eine Option ist das gezielte Herabstufen der Outgroup und vice versa das Emporheben der eigenen Ingroup. Führt das nicht zur erstrebten positiven Distinktheit, kann das Hauptaugenmerk des Vergleichs verschoben, oder die Vergleichsgruppe getauscht werden, sodass der Vergleich mit gezielt „unterlegeneren“ Gruppen vorgenommen wird. Letzte Möglichkeit ist das Verlassen der Eigengruppe, durch Quittieren der Mitgliedschaft und durch den Anschluss an statushöhere Gruppen. Diese bieten nun wieder die Möglichkeit, die Vergleichsgruppen abzuwerten, sodass ein positives Selbstwertgefühl durch das Favorisieren der Eigengruppe erreicht werden kann (vgl. Schaupp (2011), SS. 116-119).

Anders als bei den Deprivationsansätzen entscheidet bei der Theorie der sozialen Identität also nicht der Entzug von etwas Erwartetem über das Entstehen von Frust und Ärger, wodurch wiederum psychische Belastungen hervorgerufen werden können. Belastungen resultieren bei der Theorie der sozialen Identität nicht aufgrund von Merkmalen, die bspw. eine jeweilige Positionierung auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringt. Vielmehr geht hier ein negatives Selbstbild aus dem Gefühl einer subjektiv als schwach empfundenen Gruppe anzugehören, hervor, d.h. durch die Gruppenzugehörigkeit selbst. Dieses negative Selbstbild kann dann psychische belastend wirken.

Angehörige von internen Arbeitsmärkten können dementsprechend durch ihre besseren Arbeitsplatzbedingungen (siehe Abschnitt 2.2) ein positives Selbstbild erzeugen, indem sie diese in den Vergleich zu den Berufsbedingungen auf dem externen Arbeitsmarkt setzen. Angehörige der Gruppe des externen Arbeitsmarktes vergleichen sich dementsprechend ebenfalls mit der anderen Arbeitnehmergruppe des dualen deutschen Arbeitsmarktes, mit den intern Beschäftigten. Gegenüber diesen ist auch der extern Beschäftigte bestrebt, eine positive Distinktheit herzustellen, um eine möglichst gute Selbstwahrnehmung herzustellen. Gelingt dies nicht, bspw. aufgrund der schlechteren Arbeitsplatzbedingungen auf dem externen Arbeitsmarkt, so bleibt als letzte Möglichkeit die Quittierung der Mitgliedschaft und der Anschluss an statushöhere Gruppen.

Da der Gruppentausch bei der Berufswahl, bzw. bei der Wahl der Arbeitsplatzposition auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht ohne weiteres möglich ist, da dafür bspw. bestimmte Qualifikationsanforderungen nötig sind, kann unter Umständen keine positive Distinktheit errreicht werden und das Empohrherben der Eigengruppe misslingt. Das könnte zu erhöhter Belastung der auf dem externen Arbeitsmarkt Beschäftigten führen.

3 Ableitung der Forschungshypothese

Auf Basis des eben dargestellten theoretischen Hintergrundes wird, wie nachfolgend noch eingehender erläutert wird, folgende Hypothese aufgestellt, die diese Arbeit prüfen soll:

H: Im offenen Arbeitsmarkt (externer Arbeitsmarkt) Beschäftigte haben eine signifikant höhere psychische Belastung als in geschlossenen Arbeitsmärkten Tätige (interne Arbeitsmärkte).

Theoretisch lässt sich die aufgestellte Hypothese folgendermaßen fundieren: Gemäß dem Ansatz des zweigeteilten Arbeitsmarktes wird ein Arbeitsplatz entweder dem externen oder internen Arbeitsmärkten zuschreiben. Diese Teilarbeitsmärkte und dementsprechend ihre Arbeitsplätze zeichnen sich durch gewisse Eigenschaften aus, die durch das Wirken von relativer Deprivation Einfluss auf die psychische Belastung der Arbeitnehmer nehmen können. Handelt es sich also um einen Industriearbeiter, dessen Arbeitsplatz aufgrund typischer Charakteristika wie zum Beispiel geringer Qualifikationsanforderungen, aber auch geringer Bezahlung, ungeregelter Arbeitszeiten oder schlechterer Arbeitsplatzbedingungen der Segmentationstheorie nach dem externen Jedermannsarbeitsmarkt zuzuschreiben ist, würde dessen psychische Belastung im Vergleich zum intern Beschäftigten signifikant höher sein. Eine Bestätigung4 der Hypothese würde die Deprivationstheorie bestärken: Empfinden sich Beschäftigte des externen Arbeitsmarktes als benachteiligt aufgrund eben dieser schlechteren Arbeitsbedingungen, können Ärger, Missgunst und Verbitterung, d.h. Formen von psychischer Belastung entstehen.

Dieser Hypothese wird ein Kausalzusammenhang unterstellt: Die Wirkung der Arbeitsmarktposition auf die psychische Belastung entfaltet sich, wie eben beschrieben, durch enttäuschte Erwartungen bzgl. dem jeweiligen Arbeitsmarkt zugeschriebener Eigenschaften und Merkmale5 (Modell 1). „Kausalzusammenhang“ meint also den durch arbeitsmarktspezifische Merkmale hervorgerufenen Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktposition und psychischer Belastung 6.

Anhand eines zweiten Modells soll nun überdies geklärt werden, ob es unter Kontrolle arbeitsmarktspezifischer Variablen zusätzlich einen direkten Zusammenhang der Arbeitsmarktposition mit der psychischen Belastung gibt (Modell 2). Ist dies der Fall, bestärkt das Tajfels Theorie der sozialen Identität, da bei dieser ein positives Selbstbild nicht über die Merkmale einer Gruppe, sondern durch Gruppenzugehörigkeit selbst hergestellt wird: Durch den misslungenen Versuch des auf dem externen Arbeitsmarkt Beschäftigten, die Eigengruppe im Vergleich zur Fremdgruppe (hier: Mitglieder der internen Arbeitsmärkte) emporzuheben, also eine positive Distinktheit der Eigengruppe zur Fremdgruppe herzustellen, lässt sich folglich kein ausreichend gutes Selbstbild erzeugen. Als einzige Möglichkeit, dieses Ziel doch noch zu erreichen, bliebe dem extern Beschäftigten das Verlassen der Eigengruppe und der Anschluss an statushöhere Gruppen, in diesem Fall hieße das eine Beschäftigung in internen Arbeitsmärkten. Da ein Arbeitsplatzwechsel vom externen in einen internen Arbeitsmarkt, aufgrund von Mobilitätsbarrieren zwischen den Teilarbeitsmärkten oft nur schwer realisierbar ist, verbleibt der Arbeitnehmer auf dem externen Arbeitsmarkt und in dem Vergleich mit den intern Beschäftigten. Dadurch kann er letztlich kein positives Selbstbild erzeugen. Auf diese Weise kann die Positionierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt direkt zu einer erhöhten psychischen Belastung führen.

Zu welchen Ergebnissen bisherige Forschungen bzgl. dieses Themas bereits gekommen sind, zeigt das anschließende Kapitel (Abschnitt 4).

Nachfolgend wird dann mittels der Direct Acyclic Graph–Methode (abgekürzt: DAG-Methode) und mithilfe des sogenannten „Back-Door Criterion“ (Pearl, 2000) das eben kurz beschriebene Kausalmodell genauer erläutert und erklärt, wie dessen Zusammenhänge und Kausalabhängigkeiten begründet sind (Abschnitt 5). Durch diese Methoden soll das Vorhaben auch unterstützt werden, um einer redundanten Kontrolle von Störvariablen vorzubeugen.

4 Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes

Die Aufarbeitung des Forschungsstandes zu den Einflüssen der arbeitsmarktbedingten Arbeitsplatzcharakteristika auf die Belastung von Berufstätigen zeigt zusammengefasst folgende Ergebnisse:

Nach einer Studie von Osterland sind vor allem Industriearbeiter, die gemäß Segmentationstheorie zu Arbeitern des externen Arbeitsmarktes zählen, negativen Umgebungseinflüssen ausgesetzt. Belastungen wie Lärm, Staub und Hitze sowie körperliche Schwerarbeit sind täglich auszuhalten (vgl. Osterland (1973)). Dass diese Belastungen sich auf die individuelle psychische Verfassung der Arbeitskräfte auswirkt, zeigen Böhle und Altmann: Fließbandarbeit oder die Bedienung von Maschinen am Arbeitsplatz, beides ebenfalls Berufe, die dem Jedermannsarbeitsmarkt zuzuordnen sind, lässt Arbeiter mit stetiger Ausübung dieser Tätigkeiten in eine zunehmend schwierige Situation geraten: Im Vergleich zur Leistungsfähigkeit steigen die Anforderungen und die Sicherung des Arbeitsplatzes ist gefährdet. Mögliche Folgen sind die Angst, nicht mithalten zu können und daraus folgend die Angst um den Verlust des Lebensstandards, oder letztlich die Angst vor dem unfreiwilligen gänzlichen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben (vgl. Böhle & Altmann (1972)).

Untersuchungen von Brose zeigen, dass auch die Umgangsmöglichkeiten mit arbeitsplatzbedingten Belastungen Einfluss auf Wahrnehmung und Beurteilung von eben diesen Belastungen durch den Arbeitnehmer haben. Kann Monotonie am Arbeitsplatz bspw. durch Kommunikation mit Kollegen, intensiveres und vielseitigeres Arbeiten oder durch angemessene Anforderungen ausgeglichen werden, so werden Belastungen als geringer empfunden (vgl. Brose (1983)).

Letztlich haben nicht nur die von außen einwirkenden Faktoren Einfluss auf die psychische Belastung der Arbeitnehmer. Auch, ob die eigene Arbeit als sinnhaft interpretiert und in dieser eine Selbstbestätigung wiedergefunden wird, beeinflusst die Psyche. Damit rückt die Hinnahme von unlieben Arbeitsbedingungen in den Blick, die mit einer Deprivation von Ansprüchen an die Arbeit einhergeht. Nach Knapp werden auch bei einfacheren Arbeiten, wie bspw. Fließbandarbeit, Ansprüche an Sinnhaftigkeit und subjektive Befriedigung in der Arbeit geltend gemacht (vgl. Knapp (1981)). Werden die Qualifikationsanforderungen als zu gering oder die Handlungsspielräume als zu restringiert empfunden, so zeigen Volmerg et al., dass das, gemäß den Deprivationsansätzen, zu Missmut führt und sich auf die Belastung der Arbeiter auswirkt (vgl. Volmerg et al. (1986)).

Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 zeigt ähnliche Ergebnisse differenziert nach Geschlecht: So leiden Männer in un- und angelernten Tätigkeiten dreimal und Frauen fünfmal häufiger unter einem schlechteren gesundheitlichen Zustand, als Männer bzw. Frauen in hohen beruflichen Positionen (BMAS, (2008)). Großen Einfluss dabei haben die Arbeitsplatzbedingungen für Un- und Angelernte. Borell et al. weisen nach, dass eben diese Arbeitnehmergruppe einer Vielzahl an Belastungen wie Nacht- oder Schichtarbeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust oder Umgebungsbelastungen wie bspw. Lärm, Staub, Hitze, etc. ausgesetzt sind. Zudem sind ihre Tätigkeiten eher monoton, repetitiv und körperlich anstrengend. Gleichzeitig fehlen individuelle Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten sowie Handlungsspielräume (vgl. Borell et al. (2004)). In der Summe wirkt sich dieses Ungleichgewicht aus Belastungen und Ressourcen bei der Arbeit, nach den Ergebnissen von Bamberg et al., in vielfacher Weise auf die psychische Belastung aus, meist in Form von Stress (vgl. Bamberg et al. (2003)). Auch haben die Belastungen einer Beschäftigung auf dem externen Arbeitsmarkt Einfluss auf das subjektive psychische Befinden. Personen, die unteren sozioökonomischen Schichten angehören, berichten deutlich häufiger von psychosomatischen Störungen und Schmerzen (vgl. Borell et al. (2004)).

Lampert et al. (2010) zeigen, dass materielle und soziale Benachteiligungen von Arbeitnehmern zu einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko führen können. Beschäftigte der unteren Einkommensklassen haben ein doppelt so hohes Risiko vor dem 65. Lebensjahr zu sterben als Beschäftigte der höchsten Einkommensklasse (vgl. Lampert et al. (2010)). Eine mit Benachteiligungen behaftete Beschäftigung, die zumeist aus den dortigen Arbeitsbedingungen resultiert, hat zudem oft zur Folge, dass Arbeitnehmer häufiger psychosozialen Belastungen ausgesetzt sind, als Personen mit höherem sozioökonomischen Status. Depressionen treten bei sozial benachteiligten Personen weitaus häufiger auf (vgl. Lampert & Kroll (2010)).

Neuste Erkenntnisse entstammen dem 5th European Working Condition Survey. Die Ergebnisse der in 34 europäischen Ländern durchgeführten Umfrage weisen Mitarbeitern in geringqualifizierten Tätigkeiten ein erhöhtes Risiko für physische und psychosoziale Belastungen, für Beeinträchtigungen der subjektiven Gesundheit, für psychosomatische Beschwerden sowie für psychische Gesundheitsrisiken nach (vgl. Eurofound (2012)). Aufgrund typischer Arbeitsplatzbedingungen des externen Arbeitsmarktes zeigen dort Berufstätige eine depressive Symptomatik und klinisch relevante depressive Störungen (vgl. Ylipaavalniemia et al. (2005)).

Dass also die Arbeitsplatzposition aufgrund der dort gegebenen arbeitsplatzspezifischen Merkmale mit der psychische Belastung von Berufstätigen zusammenhängt, zeigt die Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes. Einerseits können bereits frühere Studien eine Korrelation der Arbeitsmarktposition und der psychischen Belastung feststellen, andererseits kommen auch neuere Forschungsarbeiten zu ähnlichen Ergebnisse. Sie alle weisen einen Zusammenhang der Arbeitsplatzposition mit der psychischen Belastung nach, der aufgrund der dort vorfindlichen Arbeitsplatzbedingungen und Arbeitsplatzmerkmalen hervorgerufen wird. Ob allerdings die Arbeitsplatzposition (Tätigkeit in internen Arbeitsmärkten / Tätigkeit auf dem externen Arbeitsmarkt) nur auf diese Weise, d.h. kausal, mit der Belastung Berufstätiger zusammenhängt, oder diese nach Kontrolle der Bedingungen auch noch direkt mit der Belastung korreliert, geht aus oben beschriebenen Forschungsergebnissen nicht hervor. Diese Forschungsarbeit soll demnach einerseits dazu dienen, bisherige Forschungsergebnisse auf ihre Aktualität zu prüfen, andererseits ist deren Aufgabe, zur Schließung der eben beschriebenen Forschungslücke beizutragen. Die soziologische Relevanz besteht in der Untersuchung der Deprivationsansätze und der Theorie der sozialen Identität.

Nachfolgend werden nun mittels der Direct Acyclic Graph–Methode (abgekürzt: DAG- Methode) und mithilfe des sogenannten „Back-Door Criterion“ (Pearl, 2000) das in Abschnitt 3 angesprochene Kausalmodell genauer erläutert und erklärt, wie dessen Zusammenhänge begründet sind. Dafür wird zuerst ein Einblick in die Funktionsweise und den Nutzen der DAG- Methode sowie des „Back-Door Criterions“ gegeben (Abschnitt 5.1 und 5.2). Mittels der Methodik des „Back-Door Criterions“ wird dann ermittelt, welche Variablen in Modell 1 bzw. Modell 2 zu kontrollieren sind, um den Kausalzusammenhang der Arbeitsmarktposition mit der Belastung zu berechnen bzw. die direkte Korrelation der Arbeitsmarktposition auf die psychische Belastung zu isolieren (Abschnitt 5.3 und 5.4).

5 Direct Acyclic Graphs & Das „Back-Door Criterion“ (Pearl, 2000)

5.1 Direct Acyclic Graphs

Die Methode der Direct Acyclic Graphs (DAG-Methode) bietet die Möglichkeit, Kausalzusammenhänge von Variablen und Strategien zu deren Identifikation auf eine leistungsstarke und überzeugende Art und Weise zu denken. Dadurch werden einerseits die Zusammenhänge zwischen diesen Variablen besser geschätzt, andererseits können redundate Kontrollvariablen identifiziert werden. Pearl hebt hierbei vor allem das Ausfindigmachen sogenannter „Collider-Variablen“ und Variablen, die zwischen interessierender Variable und Zielvariable liegen, hervor, deren Kontrolle das Analyseergebnis verzerren könnte. Besonderere Vorteile von Pearls Methode sind zum einen deren Unabhängigkeit von jeglichen parametrischen Voraussetzungen, d.h. eine genaue Bestimmung der funktionalen Abhängigkeit zwischen unabhängiger und abhängiger Variable ist unnötig. Zum anderen stellt die DAG- Methode – neben weiteren Methoden – drei grundlegende Vorgehensweisen zur Verfügung, mithilfe derer ein Kausalzusammenhang identifiziert werden kann (vgl. Morgan & Winship (2007), SS. 61ff):

1. Durch Kontrollieren derjenigen Variablen, durch die alle sogenannten „Back-Door-Paths“, die zusätzlich zum Effekt der interessierenden Einflussvariablen Störeffekte auf die abhängige Variable hervorrufen können, blockiert werden.
2. Durch exogene Variation bei einer dafür geeigneten Instrumentalvariablen, um Kovariation der Einflussvariablen und der beeinflussten Variablen zu isolieren.
3. Durch Entwickeln eines flächenabdeckenden Mechanismus, durch den der Effekt der Kausalvariablen auf die Einflussvariable abgefangen werden kann. Anschließend kann dieser durch den Weg durch den Mechanismus berechnet werden (vgl. Morgan & Winship (2007), S. 67).

Die für diese Arbeit relevante und benutzte Vorgehensweise ist das Blockieren aller „Back- Door-Paths“ durch Kontrolle der dafür benötigten Variablen. Diese wird im Folgenden erläutert. Dafür muss vorab ein Einblick in die Grundstrukturen von möglichen kausalen Zusammenhängen gegeben werden:

Kausale Zusammenhänge zwischen Variablen können drei unterschiedliche Muster annehmen, die Form einer Kette von Vermittlungen („chain of mediation“ (ebd. (2007), S. 64)), einer gemeinsamen Abhängigkeit („mutual dependence“ (ebd. (2007), S. 64)) oder aber das Muster einer gemeinsame Wirkung („mutual causation“ (ebd. (2007), S. 64)). Abbildung 1 soll die Vorstellung der eben erwähnten Zusammenhangsmöglichkeiten vereinfachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Basismuster kausaler Beziehungen für drei Variablen (vgl. ebd. (2007), S. 65).

Anhand dieser drei Basismuster werden die Kausalzusammenhänge identifiziert. Im Falle einer „mediation“ beeinflusst A B mittels des Kausaleffekts von A auf C und von C auf B. Handelt es sich um eine „mutual dependence“, sind auch hier A und B bedingungslos durch deren gemeinsame Abhängigkeit von der Einflussvariablen C miteinander verbunden. Auch im letzten Muster besteht Anschluss von A an B. Beide Variablen üben eine Wirkung auf C aus. Bildlich gesprochen kollidieren die Effekte von A und B bei C, weshalb Pearl Variable C auch Kollisionsvariable („collider variable“ (ebd. (2007), S. 64)) nennt. Aber anders als die Variablenkonstellationen der Muster 1.1 und 1.2 erzeugen Kollisionsvariablen (Konstellation 1.3) keinen bedingungslosen Zusammenhang zwischen A und B. Hier zeigen Kollisionsvariablen ihre Besonderheit: Der Weg A à C ß B blockiert durch seine Struktur automatisch den Informationsfluss von der Variablen A zu B und umgekehrt. Folglich ist Kollisionsvariablen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Deren Kontrolle kann konditionelle Abhängigkeiten schaffen, die Kausalanalysen verzerren. Hierin liegt die zentrale Aussage von Pearls Methode: Der Informationsfluss von A zu B ist bereits durch die Beziehungsstruktur, die durch die Kollisionsvariable C entsteht, blockiert. Die Kontrolle von C würde demnach diese Blockade aufheben und einen Weg von A zu B ermöglichen (vgl. ebd. (2007), SS. 63ff).

5.2 Das „Back-Door Criterion“

Mithilfe der drei Basiskonstellationen von kausalen Zusammenhängen zwischen Variablen können diese Zusammenhänge auch in allen größeren Modellen identifiziert werden. Zur Unterstützung dieses Identifikationsprozesses entwickelte Pearl sein sogenanntes „Back-Door Criterion“. Dieses zeigt, ob durch Kontrolle eines beobachtbaren Variablensets der interessierende Kausaleffekt identifiziert werden kann. Dazu bedient sich Pearl der gezielten Blockierung sogenannter „Back-Door-Paths“ mittels der Kontrolle bestimmter Variablen. Diese Methode wird auch für die hier vorliegende Forschungsarbeit angewandt.

„Back-Door-Paths“ beschreiben Pfade zwischen mindestens zwei kausal aufeinanderfolgenden Variablen, deren Verbindung einen auf die erste Variable direkt gerichteten Pfeil enthält. So ist das Beispiel A ß C à B ein Back-Door-Path, da auf A ein direkter Pfeil gerichtet ist, der Konstellation A à B hingegen fehlt dieser, weshalb diese Verbindung nicht als „Back-Door-Path“ angesehen werden kann. Für den Fall ein oder mehrere „Back-Door-Paths“ verbinden die Einflussvariable mit der beeinflussten Variablen, kann durch die gezielte Kontrolle eines Variablensets „Z“ der Kausalzusammenhang zwischen eben diesen Variablen entlarvt werden. Vorausgesetzt dadurch werden alle „Back-Door-Paths“ blockiert. Pearl zeigt in seinem „Back-Door Criterion“, dass alle „Back-Door-Paths“ durch Kontrolle von Z blockiert werden, wenn jeder „Back-Door-Path“:

1. Eine „chain of mediation“ enthält, in welcher die mittlere Variable in Z ist
2. Eine „mutual dependence“ enthält, in welcher die mittlere Variable in Z ist, oder
3. Eine „mutual causation“ enthält, in welcher die mittlere Variable und alle von ihr abhängenden Variablen nicht in Z sind.

In anderen Worten: Die Kontrolle von Kollisionsvariablen trägt nicht zur Identifikation von Kausalzusammenhängen bei, denn eine Kollisionsvariable, die nicht kontrolliert wird, blockiert bereits einen Informationsfluss, welcher jedoch unter Kontrolle freigegeben wird.

Folgendes Beispiel dient der Veranschaulichung (Abb.2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beispiel eines Kausaldiagramms, in welchem A eine Kollisionsvariable darstellt.

Um den Kausaleffekt von C auf D zu identifizieren, müssen gemäß Pearls „Back-Door Criterion“ alle „Back-Door-Paths“ blockiert werden. In diesem Beispiel finden sich zwei „Back-Door-Paths“: C ß A ß I à E à D (Pfad 2.1) und C ß B ß J à A ß I à E à D (Pfad 2.2).

Pfad 2.1 beinhaltet keine Kollisionsvariable, auf Pfad 2.2 wird A von einer Vermittlervariablen zu einer Kollisionsvariablen. Wie bereits erläutert, wird durch Kontrolle einer Kollisionsvariablen der Kausaleffekt verzerrt. In diesem Beispiel finden sich demnach zwei wirksame Möglichkeiten den Kausaleffekt von C auf D zu isolieren:

1. Durch Kontrolle der Variablen E: In diesem Beispiel spielt sie in beiden möglichen Pfaden die Rolle einer Vermittlervariablen (I à E à D). Nach Pearls „Back-Door Criterion“ bewirkt die Kontrolle bestimmter Vermittlervariablen die Blockade aller „Back-Door-Paths“, sodass der Effekt von C auf D herausgefiltert werden kann (siehe Regel 1).
2. Durch Kontrolle der Variablen A und B: A ist auf Pfad 2.1 die mittlere Variable einer Vermittlungskette (C ß A ß I). B spielt dieselbe Rolle für Pfad 2.2 (C ß B ß J ). Durch die Kontrolle von A wird der erste „Back-Door-Path“ blockiert. Weil A jedoch in Pfad 2.2 zu einer Kollisionsvariablen wird, gibt deren Kontrolle den Informationsfluss für Pfad 2.2 wieder frei. Durch die Kontrolle von B wird dieser Informationsfluss aber vorher unterbrochen (siehe Regel 1 und 3) (vgl. ebd (2007), SS. 69ff).

Pearl zeigt anhand seines „Back-Door Criterions“ und auf Basis der DAG-Methode, wie Kausalzusammenhänge durch gezielte Kontrolle einzelner Variablen identifiziert werden können. Diese Strategie veranschaulicht zum einen den kausalen Zusammenhang der interessierenden Variablen, zum anderen schafft sie den Vorteil, nicht alle erdenklichen Störvariablen in eine Kausalanalyse aufnehmen zu müssen.

[...]


1 Die Norm EN ISO 10075 ist ein internationaler Standard. Er beschreibt Richtlinien der Arbeitsgestaltung bezüglich psychischer Arbeitsbelastung.

2 Die internen Teilarbeitsmärkte sind später in betriebsspezifischen Arbeitsmärkte und den fachspezifische Arbeitsmärkte weiter differenziert worden. Die Beschäftigungsbedingungen dieser beiden blieben jedoch dieselben (vgl. Sengenberger (1987), S. 58), weshalb sich diese Arbeit nicht zusätzlich mit Unterschieden innerhalb der internen Teilarbeitsmärkte befasst.

3 bspw. unbezahlte Überstunden aus Angst vor eventuellem Jobverlust aufgrund von mangelhaftem Arbeitnehmerschutz.

4 Die Bestätigung der Hypothese meint in dieser Arbeit die Nicht-Ablehnung der Hypothese.

5 Für diese Arbeit wurden die Merkmale/Variablen „Einkommen“, „wöchentliche Arbeitsstunden“ sowie die „Angst vor Arbeitslosigkeit“ gewählt, da sie gut zu beobachten sind und nach der Segmentationstheorie eine große Rolle bei der Differenzierung der Arbeitsmärkte spielen (siehe Abschnitt 6).

6 Die Kausalität des Zusammenhangs resutliert aus Zusatzannahmen. Diese werden in Abschnitt 5.3 detailliert erläutert.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Der duale Arbeitsmarkt in Deutschland und die psychische Belastung Berufstätiger
Untertitel
Eine Korrelationsanalyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
60
Katalognummer
V489748
ISBN (eBook)
9783668968479
ISBN (Buch)
9783668968486
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitsmarkt, deutschland, belastung, berufstätiger, eine, korrelationsanalyse
Arbeit zitieren
Julia Zuber (Autor), 2015, Der duale Arbeitsmarkt in Deutschland und die psychische Belastung Berufstätiger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489748

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