Die Frühfinanzierungslücke bei Start-ups. Crowdfunding als Kapitalbeschaffungsform


Bachelorarbeit, 2017
83 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 .Einführung
1.1 Theoretische Forschung
1.2 Empirische Forschung

2 . Theoretische Grundlagen
2.1 Das Crowdfunding
2.1.1 Die Entwicklung des Crowdfundings
2.1.2 Die vier Formen des Crowdfunding
2.1.2.1 Das spendenbasierte Crowdfunding
2.1.2.2 Das gegenleistungsbasierte Crowdfunding
2.1.2.3 Das eigenkapitalbasierte Crowdfunding
2.1.2.4 Das darlehensbasierte Crowdfunding
2.1.3 Die drei Prinzipien des Crowdfundings
2.1.4 Die Eignung von Crowdfunding für Start-ups
2.1.5 Mögliche Nebeneffekte von Crowdfunding
2.2 Das Start-up
2.2.1 Die Kapitalbeschaffung von Start-ups
2.2.1.1 Formen der Kapitalbeschaffung
2.2.2 Die Lebensphasen eines Start-ups
2.2.2.1 Die Early Stage
2.2.2.2 Die Expansion Stage
2.2.2.3 Die Later Stage
2.2.3 Die Entstehung der Frühfinanzierungslücke

3 . Empirische Untersuchung
3.1 Die interviewten Gründer
3.1.1 Ulrich ´Rich´ Ditschler von TobyRich
3.1.2 Hannes Reichelt von Juicies
3.1.3 Christian Brinker von Findus – Die gute Stube für EssKultur
3.2 Der Interview-Leitfaden
3.3 Die Auswertungsmethode
3.4 Die Auswertung der Gründerinterviews

4 . Die Bedeutung von Crowdfunding in der Frühfinanzierung
4.1 Ausblick
4.2 Fazit

Anhangverzeichnis

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beteiligung nach der Crowdfundingform

Abbildung 2: Eingesammeltes Crowdfunding-Kapital in Deutschland

Abbildung 3: Marktdatenerhebung Crowdfunding Deutschland

Abbildung 4: Die vier Formen des Crowdfunding

Abbildung 5: Angaben zur Start-up Kultur in Deutschland 2016

Abbildung 6: Herausforderungen von Start-ups in 2016

Abbildung 7: Lebensphasen eines Start-ups

Abbildung 8: Die Frühfinanzierungslücke

Abbildung 9: Vergleich der Fundingsummen der befragten Start-ups

Abbildung 10: Crowdfunding Erfahrung im Vorfeld

Abbildung 11: Bedeutung der Nebeneffekte für die erfolgreiche Gründung

Abbildung 12: Relevanz von Crowdfunding für die Gründung

Abbildung 13: Wahrscheinlichkeit der Gründung ohne Crowdfunding

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Genderhinweis:

In der folgenden Arbeit wird die grammatikalische männliche Form verwendet, wenn in einem allgemeinen Sinne von Personen die Rede ist. Der Autor möchte damit in keiner Form diskriminieren, sondern lediglich Rücksicht auf die Leser- lichkeit der Arbeit nehmen.

1. Einführung

„ Was die Finanzierung junger Unternehmen angeht, bestätigt der aktuelle Startup Monitor unsere Einschätzungen: Die Kapitalbeschaffung ist für Gründerinnen und Gründer weiterhin eine große Herausforderung. Banken und andere Investoren halten sich insbesondere in der Frühphase der Un- ternehmensgründung zurück. Hier ist Wagniskapital von erheblicher Bedeu- tung“ – Wolfgang Schäuble (Kollmann et al. 2016, S. 4)

Gemeinsam mit dem Mittelstand wird der Start-up-Szene das Potential zugespro- chen, auf lange Sicht die wichtigste Quelle für den zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland zu sein. Im deutschen Startup Monitor (DSM) 2016 weist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf die bestehende Problematik der Frühphasenfinanzierung bei Start-ups hin. Er bezieht sich dabei unter ande- rem auf Daten der Deutschen Bundesbank, nach denen die Kreditvergabe der deutschen Großbanken in den letzten zehn Jahren regelrecht eingebrochen ist. Wurden im Jahr 2006 noch rund 3,9 Mrd. Euro an das hierzulande traditionell von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) geprägte Handwerk vergeben, waren es im Jahr 2016 lediglich noch 847 Mio. Euro (vgl. Tiberius und Rasche 2017, S. 141).

Auch bei der direkten Kreditvergabe kommen laut der KfW die kleinen und mit- telgroßen Betriebe deutlich schlechter weg. Kreditanträge von Unternehmen mit 50 Mitarbeitern oder mehr wurden zu 97 % genehmigt, wohingegen bei Unter- nehmen mit fünf oder weniger Mitarbeitern schon ganze 19 % der Anträge abge- lehnt wurden (vgl. ebd.).

Ist das Eigenkapital aufgebraucht und kommen neben den gescheiterten Kredit- anträgen auch die möglichen alternativen Finanzierungsformen wie Wagniskapi- tal und öffentliche Fördergelder nicht für eine Finanzierung in Frage, so steht die Gründung vor dem Problem der Finanzierungslücke. Denn wird keine passende Kapitalbeschaffungsform gefunden, droht die Gründung zu scheitern ehe sie rich- tig begonnen hat. Eine Umfrage des DSM 2016 hat ergeben, dass 12,4 % der befragten Gründer die Kapitalbeschaffung als größte Herausforderung in der Gründung ansahen (vgl. Kollmann et al. 2016, S. 75).

Dem ungelösten Problem der Kapitalbeschaffung hat sich bereits im Herbst 2010 das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI (Fraunhofer ISI) gestellt. In diesem Zusammenhang hat sich eine empirische Untersuchung dem unkonventionellen Crowdfunding als mögliche Finanzierungsform zur Schlie- ßung dieser Lücke gewidmet. Als Ergebnis dieser Arbeit wurde im Jahr 2011 die Behauptung aufgestellt, „[…] dass Crowdfunding, sehr allgemein formuliert, grundsätzlich das Potenzial hat, einen Beitrag zur Schließung der Early-Stage- Lücke zu leisten“ (Hemer et al. 2011, S. 96).

Diese getroffene Annahme nimmt sich die folgende Arbeit als Grundlage, um knapp sechs Jahre später zu erforschen, ob und inwieweit Crowdfunding einen Beitrag zur Schließung der Frühfinanzierungslücke bei Start-ups leisten kann.

Um die Eignung von Crowdfunding als Kapitalbeschaffungsform in der Frühphase von Unternehmensgründungen zu prüfen, ergibt sich die Hypothese dieser Arbeit wie folgt:

Crowdfunding als Kapitalbeschaffungsform leistet einen Beitrag zur Schließung der Frühfinanzierungslücke von Start-ups.

Dabei ist zunächst zu prüfen, worum es sich bei einer Frühfinanzierungslücke im Detail handelt und warum es trotz einer Vielzahl an alternativen Finanzierungs- formen zum Auftreten dieser Lücke kommt.

Inhaltlich gliedert sich diese Arbeit in zwei Hauptthematiken. Um eine verständli- che Einführung in das Thema zu gewährleisten, werden im ersten Teil der theo- retischen Forschung die Grundbegriffe zunächst definiert und anschließend in der für diese Arbeit bedeutsamen Ausführlichkeit erläutert. Eingangs wird Crow- dfunding im Allgemeinen, mit Hinblick auf Entstehung, Formen, Prinzipien und die Eignung als Finanzierungsform beschrieben. Des Weiteren wird dargelegt, was unter einem Start-up verstanden wird und welche Finanzierungsmöglichkei- ten in den unterschiedlichen Unternehmensphasen zur Verfügung stehen und zweckmäßig sind. Um den Leitgedanken dieser Arbeit zu verfolgen, wird hierbei der Fokus auf die Frühfinanzierungsphase, genauer auf die vorhandene Frühfi- nanzierungslücke, eines Start-ups gelegt. Der zweite Teil, die qualitative empiri- sche Forschung, basiert auf drei leitfadenorientierten Gründerinterviews. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden alle Ergebnisse in Bezug auf die ge- stellte Hypothese ausgewertet. Abschließend wird ein Resümee gezogen und ein Ausblick auf eine mögliche weitere Entwicklung von Crowdfunding als Frühfinan- zierungsform gegeben.

Anmerkung: In dieser Arbeit meint der Begriff Crowdfunding stets die klassische Form, also das gegenleistungsbasierte Crowdfunding, sofern nicht explizit auf eine andere Form hingewiesen wird. Der detaillierte Ablauf einer Crowdfunding- Kampagne sowie die rechtlichen und steuerlichen Aspekte sind für die Beantwor- tung der Forschungsfrage nicht relevant und werden daher in dieser Arbeit nicht explizit behandelt.

1.1 Theoretische Forschung

Die theoretische Forschung wurde in dieser Arbeit im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring durchgeführt. Hierbei wurde auf das Durcharbeiten einer Vielzahl von (Fach-) Büchern, das umfangreiche Recherchieren im Internet, auf diverse Artikel in Fachzeitschriften sowie auf das Lesen von Gesetzestexten zurückgegriffen. Dabei wurde zunächst eine grobe Lektüreauswahl getroffen, die im weiteren Verlauf zunächst mehrmals erweitert und anschließend, gezielt die Forschungsfrage betreffend, eingegrenzt wurde. Die Inhalte wurden gesichtet und nach Themengebieten kategorisiert. Da sich die Arbeit speziell mit dem Zeit- raum 2011 - 2017 befasst, wurde ältere Literatur (vor 2011) lediglich zur Definition und Erläuterung von unveränderlichen Begrifflichkeiten und Vorgängen verwen- det, und auch nur, wenn diese dort besonders treffend formuliert wurde. Dennoch wurde vom Autor fortwährend darauf geachtet, möglichst aktuelle Literatur zu verwenden, um selbst geringfügige Neuerungen zu erfassen. Speziell die recht- liche Grundlage des Crowdfunding unterliegt in Deutschland fortlaufend ein- schneidenden Veränderungen.

1.2 Empirische Forschung

Die empirische Grundlage für diese Arbeit bildet eine eigens angelegte Inter- viewstudie von drei Start-ups aus dem Bremer Raum, die alle Crowdfunding als Finanzierungsform in der Frühphase der Gründung genutzt haben.

Im Rahmen der empirischen Forschung wurden qualitative Leitfadeninterviews mit den jeweiligen Start-up-Gründern durchgeführt. Diese Interviews ermöglichen es, die Forschungsfrage auf Beispiele aus der Praxis anzuwenden, um realisti- sche Ergebnisse zu erhalten. Die Erstellung des Leitfadens, die anschließende Gesprächsvorbereitung sowie die eigentliche Interviewdurchführung ist an das Script „Forschen mit Leitfadeninterviews und qualitativer Inhaltsanalyse“ ange- lehnt (Vogt und Werner 2014, S. 23–42). Die anschließende Auswertung erfolgt nach der Entdeckungsstrategie im Rahmen der interpretativen Auswertungsstra- tegie von Meuser und Nagel (vgl. 1989, S. 12).

Hinsichtlich des Umfangs dieser Arbeit beschränkt sich das Datenmaterial auf drei leitfadenbasierte Interviews. Demnach ist sie von exemplarischer Natur und nicht repräsentativ. Wichtig war hierbei vor allem, dass das notwendige Kriterium eines Startups, Crowdfunding als Finanzierungsform in der Frühphase genutzt zu haben, erfüllt ist.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Das Crowdfunding

Das Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung definiert Crowdfun- ding wie folgt:

„ Crowdfunding ist eine Finanzierungsform, die im Wesentlichen über einen öffentlichen Aufruf im Web 2.0 erfolgt und zum Ziel hat, finanzielle Ressour- cen für ein Vorhaben entweder ohne Gegenleistung oder gegen irgendeine Art von Gegenleistung (finanzielle/materielle Vergütung, immaterielle ide- elle Leistungen und/oder Rechte z. B. Stimmrechte) zu erhalten und damit einen bestimmten Zweck zu erreichen“ (Hemer et al. 2011, S. 3).

Crowdfunding bietet die Möglichkeit, benötigtes Kapital in Form von kleinen Geld- beträgen von vielen Individuen zur Finanzierung verschiedenster Unternehmun- gen und Projekte einzusammeln.

Bei dem Begriff Crowdfunding handelt es sich um einen Neologismus, der sich aus den englischen Wörtern „Crowd“ (Pöltner und Horak 2016, S. 2) für die Ge- meinschaft und „Funding“ für die Aufbringung von Kapital zusammensetzt (Tiberius und Rasche 2017, S. 164–165). Angelehnt ist er zudem an den Begriff „Crowdsourcing“, der „[…] die Auslagerung des Arbeits- und Kreativitätsprozes- ses von Unternehmen an eine unbestimmte Anzahl von Privatpersonen in der Regel über das Internet darstellt,[…] “ (Fox et al. 2015, S. 1–2). Die Weisheit der Crowd wird von Pöltner auch als „Schwarmintelligenz“ bezeichnet. Demnach können Gruppen im Kollektiv intelligenter sein als der klügste Angehörige dieser Gruppe für sich. Als Beispiel führt er hierbei den Publikumsjoker in der TV-Show „Wer wird Millionär“ an. Hier stimmt das Publikum, die Crowd, über eine Frage ab und aufgrund der ihr zugeschriebenen „Schwarmintelligenz“ wird die meistge- nannte Antwort i. d. R. auch vom Kandidaten als richtig erachtet und ausgewählt (vgl. Pöltner und Horak 2016, S. 2). Crowdfunding hingegen greift nicht aus- schließlich auf Faktoren wie Arbeit, Wissen oder Lösungsvorschläge der Crowd zurück, sondern vorrangig auf deren finanzielle Mittel (vgl. Beck 2012, S. 15).

Beim Funding wird ein festgelegter Geldbetrag, das Finanzierungsziel, das zur Finanzierung eines Projektes benötigt wird, von nichtprofessionellen Individuen und nicht wie üblich von Banken, Fördergesellschaften oder Wagniskapitalgesell- schaften, bereitgestellt. Für gewöhnlich handelt es sich um gemeinnützige, künst- lerische Vorhaben oder um innovative und gewinnorientierte Projekte. Diese ste- hen häufig in Verbindung mit der Herstellung eines Prototyps (vgl. Hemer et al. 2011, S. 18).

Crowdfunding bedient sich dabei eines Aufrufes im Web 2.01, der über einen In- termediär, i. d. R. über sogenannte Crowdfunding-Plattformen, der Öffentlichkeit zugetragen wird (vgl. Hemer et al. 2011, S. 19). Eine Idee, die von einer einzelnen Person oder einer Gruppe vorgebracht werden kann, wird der Crowd auf der Plattform meist in Form eines kurzen Videos vorgestellt. Durch das Schaffen von Begeisterung für das dargestellte Projekt oder Produkt, ist die Crowd bereit, in- nerhalb einer festgelegten Zeitspanne, Geldbeträge zur Erreichung eines Finan- zierungsziels, beizutragen. Diese können von einigen wenigen bis hin zu mehre- ren tausend Euro reichen. Die Unkompliziertheit in der administrativen Abwick- lung sowie die meist ausbleibenden Transaktionskosten für Investoren machen Crowdfunding zusätzlich attraktiv (ebd., S. 5).

Die Tatsache, dass die Höhe der bereits geleisteten Beträge jederzeit für jeden offen ersichtlich ist, hat dabei beträchtlichen Einfluss auf potentielle Investoren. Hierbei bedient sich das Crowdfunding einem bestimmten Herdentrieb, der die „Macht der Crowd“ genannt wird. Dieses Verhalten wurde von Paul Pöltner im Buch „Crowdfunding und Crowdinvesting“ (2016, S. 6) anhand treffender Bei- spiele verdeutlicht. Eines davon ist ein interessantes Experiment aus dem Jahr 1968, das von den Sozialpsychologen Stanley Milgram, Leonard Bickman und Lawrence Berkowitz durchgeführt wurde. In diesem Experiment wurde eine Per- son beauftragt, 60 Sekunden lang an einer Straßenecke in den Himmel zu bli- cken. Dabei wurde das Verhalten der vorbeilaufenden Passanten beobachtet. Zunächst liefen die meisten Personen ungerührt an dem Geschehen vorbei. Le- diglich ein paar wenige blickten für einen kurzen Moment hinauf. Beim zweiten Mal wurden fünf Personen an die Straßenecke beordert, um in den Himmel zu blicken. Die Anzahl der stehenbleibenden und gen Himmel blickenden Passanten vervierfachte sich. Als anschließend 15 Personen an der Straßenecke platziert wurden, schaute bereits fast jeder Zweite (45 %) zum Himmel. Infolgedessen vergrößerte sich die Anzahl hinaufblickender Passanten weiter, sodass letztend- lich etwa 80 % stehen blieben, um in den Himmel zu blicken (vgl. Surowiecki 2004, S. 41). Laut James Surowiecki (vgl. Pöltner und Horak 2016, S. 6) zeigt dieses Experiment die Idee des „social proof“, d. h. der Glaube der Menschen daran, dass es stets einen Beweggrund dafür geben muss, dass Menschen et- was tun. Beim Crowdfunding kann dieser Effekt bewirken, dass Projekte, die be- reits früh viele Geldbeträge durch eine möglichst große Anzahl an Geldgebern vorweisen können, wiederum weitere Investoren dazu animieren in das Projekt zu investieren (ebd.).

Neben der Kapitalbeschaffung für Projekte und junge, innovative Unternehmen bietet Crowdfunding der Allgemeinheit die Möglichkeit, sich bereits „[…] mit klei- nen Beträgen in einer frühen Phase am wirtschaftlichen Erfolg von spannenden Unternehmen zu beteiligen “ (Tiberius und Rasche 2017, S. 164–165). Verglichen mit der Beteiligung an bereits etablierten Aktiengesellschaften besteht über- durchschnittliches Wachstumspotential (ebd.).

Alle für ein Investment elementaren Informationen können über ein und densel- ben Kommunikationsträger, dem Internet, mit minimalem Aufwand aufgerufen und verglichen werden. Darüber hinaus kann, vorausgesetzt das Fundingziel wird erreicht, direkt ein Investment ausgelöst werden, „[…] ohne das Brüche im Ablauf entstehen“ (Beck 2012, S. 41).

Neben neuen Investoren, bringt Crowdfunding eine Vielzahl von Unternehmens- gründern hervor. Insbesondere diejenigen, die erst durch das Crowdfunding eine risikoarme Möglichkeit sehen, ihre Idee zu realisieren werden animiert. Der Zu- gang zu Risikokapital sowie zu einer Gemeinschaft voller potenzieller Marken- botschafter ist für Gründer besonders attraktiv (vgl. Tiberius und Rasche 2017, S. 163).

Howard J. Leonhardt spricht bei Crowdfunding gar von dem bedeutendsten Aus- druck menschlicher Kreativität und wirtschaftlichem Wachstum in der Geschichte der Menschheit (Harms 2017b, S. 1)2.

2.1.1 Die Entwicklung des Crowdfundings

Das Prinzip des Crowdfunding hat seinen heute bekannten zeitlichen Ursprung schon vor gut 300 Jahren, Anfang des 18. Jahrhunderts. So beschaffte sich be- reits der englische Dichter Alexander Pope im Jahre 1713 benötigtes Kapital für eine Veröffentlichung aus der Gemeinschaft. Für die Gegenleistung von zwei Goldmünzen wurden die Unterstützer in einem Beiblatt namentlich erwähnt (vgl. Virgin.com Limited 2016, S. 1).

Das aber wohl bekannteste Crowdfunding Projekt der älteren Vergangenheit ist die Finanzierung zum Aufbau der Freiheitsstatue der Vereinigten Staaten von Amerika um das Jahr 1885. Während die Statue selbst ein Geschenk des fran- zösischen Volkes war, musste der Sockel von amerikanischer Seite aus finan- ziert werden. Aufgrund schlechter wirtschaftlicher Lage in den 1880-er Jahren, stellte sich eine Finanzierung durch die Stadt New York als Hürde dar. Der Idee des amerikanischen Herausgebers Josef Pulitzer ist es zu verdanken, dass der Sockel dennoch gebaut werden konnte. In seiner Zeitung The New York World rief er die New Yorker Bevölkerung dazu auf eine Spende zu leisten. Im Gegen- zug sollte dafür, ungeachtet von der Spendenhöhe, jeder Unterstützer namentlich in seiner Zeitung genannt werden. 160.000 Spender trugen so innerhalb von 5 Monaten die notwendigen 101.091 USD zusammen und die Statue konnte auf- gestellt werden (vgl. bbc.com 2013).

An dieser Kampagne lassen sich bereits klare gemeinsame Merkmale zu dem heute bekannten Crowdfunding erkennen. Zum einen basiert ein Großteil der Spenden (75 - 80 %) aus Einzelspenden, die aus der breiten Masse der Bevöl- kerung stammen. Zum anderen lagen die Spenden überwiegend in einer Grö- ßenordnung von 1 USD, umgerechnet heute ca. 20 Euro, die damit heutigen Crowdfunding-Projekten ähnelt. Außerdem hat sich Josef Pulitzer bereits einem der grundlegendsten Aspekte des Crowdfunding bedient: Der „Anerkennung und Wertschätzung der Crowd […] “ (Harms 2017a).

Die erste crowdfunding-ähnliche Internetplattform, die es ermöglichte, Kapital über die Crowd einzusammeln, war ArtistShare.com im Jahr 2003. Hier konnte die Gemeinschaft erstmals Geld für Musiker zur Produktion eines Albums online zur Verfügung stellen (vgl. Stahlmann 2014, S. 19).

Im Jahr 2006 war es der US-Amerikaner Michael Sullivan, der erstmals den Be- griff Crowdfunding verwendete (Harms 2015). Noch im selben Jahr ging die erste offizielle Crowdfunding-Plattform namens „ Sellaband “ online. Die Gründungen der Crowdfunding-Plattformen „ Indiegogo “ 2008 und „ Kickstarter “ 2009, war der Start des klassischen Crowdfunding in den USA. Ein Jahr später startete schließ- lich mit „ Startnext “ die erste deutsche Plattform für klassisches Crowdfunding. Mit der Onlineschaltung der Plattform „ Seedmatch “ im Jahr 2011 begann die erste Plattform, die es Startups ermöglichte, Kapital über Crowdfunding zu beschaffen. Die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne zur Produktion des Kinofilms „Strom- berg – Der Film“, mit einem Fundingziel von einer Million Euro, brachte das Thema Crowdfunding erstmals in Deutschlands breite Öffentlichkeit (Harms 2014). Steven Dresner (2014, S. 3) fasst Crowdfunding mit folgendem Zitat treffend zusammen:

„Today´s Crowdfunding enables anyone to use the Internet to gauge the value of people´s ideas and use online reputations and their own judgment and experience to make their own decisions about which ideas have the best chance for success. […] Crowdfunding is a new way to do something old.“

Eine Umfrage zum Bekanntheitsgrad von Crowdfunding in Deutschland heute, hat folgendes ergeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beteiligung nach der Crowdfundingform (vgl. Harms 2016b, S. 5)

Zum einen ist der Anteil derer, die sich bereits an Crowdfunding-Projekten betei- ligt haben, mit 9 % relativ gering. Zum anderen zeigt sich, dass das klassische Crowdfunding, welches für diese Arbeit von Relevanz ist, die unter den Befragten meist genutzte Form des Crowdfunding in Deutschland darstellt.

In der folgenden Abbildung sind dazu die durchschnittlichen Wachstumsraten des über Crowdfunding eingesammelten Kapitals abgebildet. Zwischen 2010 und 2014 lagen sie teilweise im dreistelligen Prozentbereich. Der rasante Anstieg wurde durch die zunehmende Nutzung des Internets, sowie die Entwicklungen auf den Finanzmärkten nach der Finanzkrise vorangetrieben. Also Folge der Fi- nanzkrise zeigten sich Banken und Venture Capital Gesellschaften zunehmend zögerlich bei der Investition in Start-ups (vgl. Tiberius und Rasche 2017, S. 16). Seit 2014 hat sich der Anstieg der Wachstumsraten allerdings wieder verringert und lag im letzten Jahr sogar im leicht negativen Bereich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Eingesammeltes Crowdfunding-Kapital in Deutschland (vgl. Klein und Pin- kert 2017, S. 2)

Der Jahresbericht Crowdfunding in Deutschland von René Klein und Torsten Pin- kert (Klein und Pinkert 2017, S. 1) weist für das Jahr 2016 ein Finanzierungsvo- lumen in Höhe von 9,7 Mio. Euro auf, finanziert durch 1.158 erfolgreiche Projekte. Gegenüber dem Vorjahr hat es sich dabei um knapp 1 % verringert (2015: 9,8 Mio. Euro in 1.213 Projekten). Bei einer Gesamtzahl von 2.156 angemeldeten Projekten beläuft sich die Erfolgsquote auf 54 % (2015: 57 %). Dem gegenüber stehen daher 998 nicht erfolgreiche Projekte. Verglichen mit dem Vorjahr ent- spricht das einem Plus von 9 % (2015: 915). Während sich die Anzahl der Pro- jekte leicht verringert hat, ist die durchschnittliche Projektgröße von 8.064 Euro (2015) auf 8.368 Euro (2016) gewachsen. Erfolgreiche Projekte konnten im Durchschnitt 117 Unterstützer mit einer durchschnittlichen Fundingsumme von 72 Euro pro Unterstützer vorweisen. 2015 waren es 105 Unterstützer mit einer Fundingsumme von durchschnittlich 77 Euro. Erfolgreiche Projekte wurden dabei im Bundesdurchschnitt um knapp ein Drittel (30 %) überfinanziert. Insgesamt wurden seit dem Jahr 2010 über 36,1 Mio. Euro durch 4.977 Projekte eingesam- melt. Im Bereich des klassischen Crowdfunding ist die Plattform „ Startnext “ mit einem Markanteil von 91,6 % das absolute Schwergewicht in Deutschland (vgl. ebd., S. 2).

Das spenden- und gegenleistungsbasierte Crowdfunding umfasst aktuell 49 Plattformen. Die Aktivität einzelner konnte dabei nicht gänzlich geklärt werden. Werden alle vier Formen des Crowdfunding berücksichtigt, gibt es in Deutschland derzeit etwa 87 Plattformen, wobei gerade im Crowdinvesting-Bereich laufend neue dazukommen und alte vom Netz genommen werden (vgl. Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 21).

Bei der Marktdatenerhebung kommt es teilweise zu gravierenden Unterschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Marktdatenerhebung Crowdfunding Deutschland (vgl. Harms 2016a)

Um Einheit zu wahren bezieht sich diese Arbeit beim Heranziehen von externen Daten sofern möglich, immer auf die aktuellsten Daten des Crowdfinanzierung- Monitor.

2.1.2 Die vier Formen des Crowdfunding

In Gliederungspunkt 2.1 wurde das Crowdfunding bereits mit dem Grundgedan- ken des Crowdsourcing in Verbindung gebracht. Wie aufgezeigt, greift das Crow- dfunding nicht ausschließlich auf die Arbeit, das Wissen oder die Lösungsvor- schläge der Unterstützer zurück, sondern vorrangig auf deren finanzielle Mittel zu. Abhängig von der Crowdfundingform erhalten die Kapitalgeber eine Danksa- gung (beim spendenbasierten Crowdfunding), eine Gegenleistung (beim gegen- leistungsbasierten Crowdfunding), eine finanzielle Beteiligung (beim eigenkapi- talbasierten Crowdfunding) oder einen Zins (beim kreditbasierten Crowdfunding) (vgl. Beck 2014, S. 25). Je nach Projekt empfehlen sich dafür unterschiedliche Formen des Crowdfundings, die sich im Wesentlichen in der versprochenen Gegenleistung unterscheiden (vgl. Beck 2012, S. 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die vier Formen des Crowdfunding (in Anlehnung an, vgl. Beck 2014, S. 25)

Abbildung 4 verschafft einen Überblick über die vier Formen des Crowdfundings. Dabei fällt auf, dass einige Parallelen zwischen dem spenden- und gegenleis- tungsbasierten Crowdfunding vorliegen. Zur genaueren Differenzierung und um die Komplexität des heutigen Crowdfundings zu verstehen, ist eine detailliertere Erläuterung allerdings unerlässlich und wird im Folgenden beschrieben.

2.1.2.1 Das spendenbasierte Crowdfunding

Das spendenbasierte Crowdfunding, auch „donation-based“ Crowdfunding ge- nannt, ist eine Möglichkeit, Kapital ohne die Herausgabe einer materiellen Ge- genleistung zu erhalten. Diese spendenähnliche Art der Finanzierung bezieht sich in der Regel auf ein ganz bestimmtes Projekt oder Vorhaben, wohingegen herkömmliche Spenden für beispielsweise humanitäre Hilfen oder für eine Sammlung verschiedener Hilfsprojekte genutzt werden (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 12). Anders als bei konventionellen Spenden wissen die Spender im Vorfeld, oft im Detail, über das Projekt und die Mittelverwendung Bescheid. In der Regel ist es den Spendern beim spendenbasierten Crowdfunding ein persönliches An- liegen, das entsprechende Projekt finanziell zu unterstützen. Handelt es sich bei dem Projekt beispielsweise um die Aufnahme der ersten CD einer Band, so kann der Unterstützer ein jahrelanger Fan sein, der endlich auch zu Hause die Musik genießen möchte. Wöchentliche Berichterstattungen über Blogs und soziale Me- dien erhöhen hier die persönliche Bindung zur Spende und zum Projekt (vgl. Pöltner und Horak 2016, S. 3).

Häufig findet das spendenbasierte Crowdfunding auch bei der Beihilfe zur Ent- wicklung von Open-Source-Software, wie beispielweise Wikipedia, bei gemein- nützigen Einrichtungen oder bei sozialen und politischen Kampagnen Anwen- dung. Die Wahlkämpfe zur Präsidentschaftskandidatur Barack Obamas in den Jahren 2008 und 2012 sind dafür populäre Beispiele. Über 1,7 Mrd. USD konnte der erste schwarze Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten insge- samt einsammeln. 70 % der über 10 Mio. Einzelspender spendeten dabei über das Internet (vgl. Orthwein 2014, S. 17 und Sixt 2014, S. 101 zit. nach Assenma- cher 2017, S. 7–8).

War die Motivation zur Spende in diesem Beispiel eher persönlich begründet, so liegen die Gründe anderer Unterstützer im spendenbasierten Crowdfunding häu- fig in rein altruistischen Motiven. Die Unterstützung richtet sich häufig an Künstler sowie soziale und kreative Projekte. Ganz nach dem Motto: „ Wer in so einen Topf einzahlt [!] bekommt alles und nichts - nämlich das Gefühl etwas Gutes getan zu haben “ (Thurnhofer 2017, S. 12). Auf der größten deutschen Plattform Startnext, kamen die meisten Projekte im Jahr 2016 aus den Bereichen Musik und Film (vgl. Startnext 2017).

Neben Startnext ist seit Mai 2015 auch die weltweit führende Crowdfunding-Platt- form Kickstarter in Deutschland vertreten. Insgesamt ist der Markt für spenden- basiertes Crowdfunding in Deutschland dennoch signifikant kleiner als der für die Segmente Crowdinvesting und Crowdlending (vgl. Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 22–26; Klein und Pinkert 2017, S.1)

2.1.2.2 Das gegenleistungsbasierte Crowdfunding

Gegenleistungsbasiertes Crowdfunding wird auch als das klassische Crowdfun- ding bezeichnet (vgl. Pöltner und Horak 2016, S. 4). Bei der Variante des gegen- leistungsbasierten Crowdfundings erhalten die Geldgeber eine nichtmonetäre Gegenleistung, den „Reward“ (Sterblich et al. 2015, S. 13). Dieser „Reward“ oder auch Prämie oder Dankeschön genannt, kann ideeller Natur, wie z. B. Erstrechte zum Download von Software, oder materieller Natur, in Form einer (handsignier- ten) CD sein. Sie bilden den entscheidenden oder zusätzlichen Anreiz zur Unter- stützung (vgl. Pöltner und Horak 2016, S. 3).

„ So finanziert man vielleicht mit 15 € ganz normal eine CD vor und ist der Erste vor [dem] offiziellen Verkaufsstart, der sie in den Händen halten kann. 5 € mehr und der Künstler unterschreibt persönlich die CD. Ab 50 € wird man z. B. zur offiziellen und geheimen Record Release Party eingeladen und für 100 € bekommt man einen Backstage Pass und kann die ganze Band kennen lernen“ ( vgl. crowdfunding.startnext.de zit. nach Beck 2012, S. 15)

Neben dem zu finanzierenden Produkt selbst, das nach erfolgreicher Crowdfun- ding-Finanzierung an die Geldgeber ausgegeben oder vergünstigt verkauft wird, versprechen viele auch die öffentliche Nennung des Namens des Geldgebers im Zusammenhang mit dem Crowdfunding-Projekt. Bei höheren Summen wird häu- fig auch ein persönliches Treffen mit den Gründern, Künstlern oder Projektinitia- toren ermöglicht. Darüber hinaus sind viele weitere geldwerte Leistungen vor- stellbar (vgl. Orthwein 2014, S. 17 zit. nach Assenmacher 2017, S. 8).

Ein besonderer Aspekt und wichtiger Wachstumstreiber für das gegenleistungs- basierte Crowdfunding ist die Feedbackfunktion. Durch den engen und persönli- chen Kontakt zum Unterstützer und potentiellen Kunden ermöglicht es diese Fi- nanzierungsform, die potenzielle Nachfrage nach einem Produkt oder einer Dienstleistung frühzeitig abzuschätzen. Gleichzeitig kann das Produkt bzw. die Dienstleistung durch Ideen der Crowd verbessert und kundenoptimiert werden (vgl. Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 22–26). Auf weitere positive Nebeneffekte von Crowdfunding wird in Gliederungspunkt 2.1.5 eingegangen.

Nach Douglas J. Cumming (vgl 2016 zit. nach Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 22–26) gibt es beim gegenleistungsbasierten Crowdfunding keinen Anlass zu er- höhten Sicherheitsbedenken. Betrügerische Absichten verfolgten lediglich etwa 0,01 % der erfolgreich finanzierten Projekte auf den weltbekannten Plattformen Kickstarter und Indiegogo (ebd.).

Einige Crowdfunding-Plattformen, stellen im Rahmen des Auswahlprozesses ex- plizite Anforderungen an Start-up-Unternehmen. Diese Anforderungen müssen erfüllt sein, um auf der Plattform gelistet zu werden und die Möglichkeit zu erhal- ten, über Crowdfunding finanziert zu werden. Folgende Kriterien müssen erfüllt sein:

- Vielversprechende Geschäftsidee mit Alleinstellungsmerkmalen und Wachstumspotenzial
- Ausführlich ausgearbeiteter Business- und Finanzplan, der das Ge- schäftsmodell einem nicht-fachkundigen Investor plausibel macht und die- sen begeistern kann
- Bereits erfolgter oder unmittelbar bevorstehender Markteintritt
- Team mit benötigten (insbesondere betriebswirtschaftlichen) Kompeten- zen besetzt
- Gesellschaftsform GmbH oder UG, bereits gegründet
- Bereitschaft, das eigene Vorhaben einem größeren Publikum vorzustellen (vgl. Beck 2014, S. 196–197)

Welche der genannten Formen sich am besten zur Finanzierung eignet, hängt neben dem Start-up an sich, besonders von der jeweiligen Unternehmensphase ab, in der sich ein Start-up befindet, ab (ebd.).

2.1.2.3 Das eigenkapitalbasierte Crowdfunding

Das eigenkapitalbasierte Crowdfunding, meist Crowdinvesting genannt, ist eine Form bei der die Crowd über eigenkapitalähnliche Beteiligungen am wirtschaftli- chen Erfolg des Start-up-Unternehmens beteiligt ist (vgl. Harms 2017c, S. 10). Neben Gewinnbeteiligungen und Zinsen für das meist langfristig zur Verfügung gestellte Kapital erhalten die Geldgeber auch Anteile am unterstützten Unterneh- men. Dabei nehmen sie bewusst das Risiko des Totalverlustes in Kauf (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 12). Die finanzielle Beteiligung kann aus Mischformen aus eigen- und fremdkapitalbasierten Crowdinvestment erfolgen. Diese Misch- formen werden auch die Mezzanine-Finanzierungsinstrumente genannt (siehe Exkurs 1 im Anhang). Die bekanntesten Formen sind einfache und stille Gewinn- beteiligungen, Genussrechte, Aktien und vor allem partiarische (Nachrang-) Dar- lehen. Letztere sind die aktuell verbreitetsten und von den meisten deutschen Crowdinvesting-Plattformen angebotenen Formen zur Investition (vgl. Assenma- cher 2017, S. 9).

Dies wird durch die deutsche Rechtslage zum Thema Crowdinvesting begründet. Der rechtliche Rahmen des Crowdinvestings ist ein komplexes Thema, das lau- fend Änderungen unterworfen ist. Für diese Arbeit sind diese Änderungen nur von untergeordnetem Belang. Im Folgenden werden daher nur die ausschlagge- benden rechtlichen Grundlagen kurz dargestellt.

Grundsätzlich war Crowdinvesting nach deutschem Recht bis Mitte 2012 noch nicht spezifisch geregelt und ist seit jeher zulässig. Da es keine eigenen Rege- lungen gab unterlag es den allgemeinen Vorgaben des Bank-, Kapitalmarkt- und Gewerberechts (vgl. Fox et al. 2015). Durch das Inkrafttreten des VermAnlG am 01.06.2012 wurde dieses Recht beträchtlich eingeschränkt. Das Gesetz besagt, dass öffentlich angebotene Vermögensanlagen die Summe von 100.000 Euro nicht überschreiten dürfen. Bei Überschreitung dieser Summe unterliegen die Vermögensanlagen der Pflicht zur Erstellung eines Verkaufsprospekts (gemäß § 32 Abs. 1 KWG; § 3 Abs. 1 WpPG bzw. § 34f Abs. 1 GewO; § 6 VermAnlG) (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 42–47). Dessen enorme Kosten machten die damals beliebtesten Investitionsformen, die stille Beteiligung und das Genussrecht, zu- nehmend unattraktiv. Besonders für Vermögensanlagen, die knapp über dieser Grenze von 100.000 Euro lagen. Eine neue Form, das partiarische (Nachrang-) Darlehen unterlag lediglich einer Erlaubnispflicht als Makler aufzutreten (gemäß § 34c GewO) und ermöglichte es dann, eine Vermögensanlage in unbegrenzter Höhe ohne Prospekt zu vergeben. In den Folgejahren erlebte das Crowdinves- ting eine starke Zunahme mit teils dreistelligen Wachstumsraten (Durchschnitt- lich um 220 %). Durch die Einführung des KlAnlSchG wurde das Limit für die prospektfreie Vermögensanlage auf ein Emissionsvolumen von 2,5 Mio. Euro festgesetzt (vgl. Klöhn et al., 2016 zit. nach Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 26– 30).

Die vier Formen des Crowdinvestings sind im Exkurs 2 im Anhang dargestellt.

2.1.2.4 Das darlehensbasierte Crowdfunding

Im Gegensatz zu den anderen Formen, basiert das darlehensbasierte Crowdfun- ding, auch Crowdlending genannt, auf einem Kreditverhältnis zwischen Unter- nehmen und Geldgeber. Statt einer Beteiligung am Start-up-Unternehmen, wie es beim eigenkapitalbasierten Crowdfunding stattfindet, erhält der Kapitalgeber einen Darlehensvertrag mit Anspruch auf Rückzahlung und Verzinsung. Er ist nicht direkt am Erfolg des Unternehmens beteiligt, profitiert also nicht von Gewin- nen, trägt dabei aber auch nicht das Risiko des Totalverlustes (vgl. Beck 2012, S. 16). Dementsprechend steht den Kreditgebern auch kein formales Mitsprache- recht bei der Geschäftsführung zu. Die Gründer haben somit freie Hand bei der Gestaltung und Umsetzung ihrer Ideen.

Die Stückelung erfolgt in wiederholenden, kleinen Beträgen und das Kapital steht den Unternehmen lediglich zeitlich befristet zur Verfügung. Regelmäßige Zins- und Tilgungszahlungen wirken sich auf die Liquidität des Start-up-Unternehmens aus und sollten nicht unterschätzt werden (vgl. Fox et al. 2015).

Darlehensnehmer können sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen sein, bei denen etwa jeder vierte (ca. 23 %) das aufgenommene Kapital zur Tilgung von Altschulden verwendet (vgl. Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 32–35). Von dem Gros der Geldgeber wird darlehensbasiertes Crowdfunding als Kapitalanlage ge- nutzt. Anders als Kreditinstitute sind private Darlehensgeber normalerweise nicht den einschränkenden Basel-III-Regelungen hinsichtlich Eigenkapitalunterlegung sowie Anforderungen an Sicherheit und Transparenz unterworfen (vgl. Fox et al. 2015). Die Risikokalkulierung erfolgt über plattformeigene Risikoklassifizierun- gen, Schufa-Auskünften oder mit Hilfe der Ratings von externen Anbietern wie der Creditreform AG (vgl. Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 32–35).

Je nach Risiko und Laufzeit variiert der Zinssatz, sodass es laut „ Fundingcircle “ (2016 zit. nach Dorfleitner und Hornuf 2016, S. 32–35) zu einer Renditespanne von 2,8 % bis 16,6 % kommen kann. Gerade in Zeiten der Niedrigzinsphase sind solche Renditepotentiale attraktive Anlageformen.

Crowdlending-Plattformen ermöglichen Privatpersonen, sich gegenseitig Kredite zu gewähren. „Auxmoney“ und „Funding Circle“ gehören dabei zu den volumen- mäßig größten Plattformen Deutschlands.

2.1.3 Die drei Prinzipien des Crowdfundings

Das gegenleistungsbasierte Crowdfunding ist durch drei Prinzipien charakteri- siert:

a. Das Alles-oder-nichts-Prinzip

Beim Crowdfunding wird zu Beginn einer Kampagne immer die Summe des be- nötigten Kapitals, das sogenannte Fundingziel, angegeben. Beim Alles-oder- nichts-Prinzip wird das von der Crowd eingesammelte Kapital nur dann an den Initiator ausgezahlt, wenn das Fundingziel innerhalb des vorher definierten Zeit- raums vollständig erreicht ist. Gelder, die darüber hinausgehen, d. h. das Vorha- ben ist überfinanziert, stehen dem Kapitalsuchenden ebenfalls zur Verfügung (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 16). Dieses Prinzip prägt den Charakter von Crowd- funding und zeigt der Crowd, dass jeder kleine Geldbetrag wichtig und das Ziel nur gemeinsam zu erreichen ist. Das erzeugt ein Gefühl der Gemeinschaft bei den einander unbekannten Unterstützern (vgl. Sixt 2014, S.65 f. zit. nach Assen- macher 2017, S. 11–12).

Wird das Fundingziel nicht zu hundert Prozent erreicht, erhalten alle Unterstützer ihr eingezahltes Kapital zurück und das Vorhaben wird nicht umgesetzt. Damit soll gewährleistet werden, dass geplante Vorhaben auch das zur Verwirklichung notwendige Kapital in voller Höhe erhalten, um die gewünschte Qualität zu erfül- len. Gleichzeitig schützt es den Kapitalsuchenden auch davor die versprochene Gegenleistung zu erbringen, ohne über die ausreichenden finanziellen Mittel zu verfügen (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 16). Für die Kapitalgeber bietet es den Schutz vor dem Verlust ihres Kapitals, ohne eine Gegenleistung zu erhalten.

Manch wenige Plattformen verfolgen auch das Nimm-was-du-kriegen-kannst- Prinzip. Bei diesem Prinzip kann auch der beim Laufzeitende der Kampagne ein- gezahlte Betrag, der das Fundingziel nicht erreicht hat, an die Innovatoren aus- gezahlt werden. Überwiegend findet dies allerdings im spendenbasierten Crowdfunding Anklang, um dort gemeinnützige Projekte zu unterstützen (vgl. ebd., S. 63).

b. Das Gegenleistungsprinzip

Das Gegenleistungsprinzip bedeutet, wie es der Name schon sagt, dass Unter- stützer eines Crowdfunding-Projektes eine Gegenleistung für das bereitgestellte Kapital erhalten (vgl. ebd., S. 16). Je nach Art des Projektes und Höhe des Geld- beitrages kann die Gegenleistung ideeller (z. B. Danksagung im Abspann eines Filmes oder gar ein Kennenlernen der unterstützten Band) oder materieller (z. B. die neu aufgenommene CD oder ein Premiumpaket mit goldener Schallplatte) Natur sein. Eine nach der Höhe des Geldeinsatzes aufgebaute Staffelung ermög- licht dabei Unterstützern mit einem höheren geleisteten Beitrag, eine wertigere Gegenleistung (siehe Beispiel oben) anzubieten. Das Aufwand-Nutzen-Verhält- nis sollte dabei allerdings ausreichend Beachtung finden (vgl. ebd., S. 149).

c. Das Transparenz-Prinzip

Da es sich beim Crowdfunding um eine Kapitalbeschaffungsform handelt die von persönlichen und emotionalen Verbindungen zu dem zu finanzierenden Projekt profitiert, ist es existenziell, das Vorhaben so transparent wie möglich zu gestal- ten. Die Crowd sollte von der anfänglichen Planung bis zur anschließenden Rea- lisierung durch Blogs oder wöchentliche Updates stets auf dem Laufenden ge- halten werden (vgl. Sterblich et al. 2015, S. 16). Dabei sollten auch besonders Probleme offen kommuniziert und Kritiken ernst genommen werden. Das schafft zum einen weiteres Vertrauen und zum anderen können die Initiatoren von Ver- besserungsvorschlägen der Crowd durchaus profitieren. Schließlich handelt es sich hierbei um die zukünftige Zielgruppe (vgl. ebd., S. 179–180).

[...]


1 Das Web 2.0 ermöglicht, eine individuelle Generierung von (digitalen) Inhalten sowie die Fä- higkeit diese über das Internet zu verbreiten und dient insbesondere in Form von Blogs und Sozialen Medien wie Facebook, Twitter etc. zur Kommunikation unter den Nutzern (vgl. He- mer et al. 2011, S. 18).

2 Für das Originalzitat siehe Anhang Nr. 1

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Die Frühfinanzierungslücke bei Start-ups. Crowdfunding als Kapitalbeschaffungsform
Hochschule
Hochschule Bremen  (Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
International Studies of Global Management
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
83
Katalognummer
V490194
ISBN (eBook)
9783668958715
ISBN (Buch)
9783668958722
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Entrepreneurship, Start-up, Crowdfunding, Finanzierungslücke
Arbeit zitieren
Jens Behrensen (Autor), 2017, Die Frühfinanzierungslücke bei Start-ups. Crowdfunding als Kapitalbeschaffungsform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490194

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