Grillparzers "Das goldenen Vliess". Eine wertend-asymmetrische, ethnozentrische Griechen-Barbaren-Antithese?

Das Vließ als "nur ein sinnliches Zeichen"?


Referat (Ausarbeitung), 2018
4 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Das Vließ als „nur ein sinnliches Zeichen“ in Grillparzers „Das Goldene Vliess“?

Thesen:

These 1: Das goldene Vlies ist nicht nur ein „sinnliches Zeichen des Wünschenswerthen“1, sondern unterliegt durch weitere Symbole (Peronto-Statue, Drachenhöhle) Bedeutungswechsel.

Beleg 1: In den Fällen von Aietes, Pelias und Kreon operiert das Vlies nicht nur als Initiator und Objekt der Gier in variierender Intensität, sondern auch als Symbol der unrechtmäßig erworbenen Gewinne und der zwangsläufigen Vergeltung.

Beleg 2: Für Jason ist das Vlies anfänglich das Symbol der abenteuerlichen neuen Welt und glorreichen Errungenschaften, welches schließlich für die unerträgliche Last der vergangenen Taten, die nicht mehr mit seinen neuen Wünschen vereinbar sind, steht. Grillparzer kommentiert: „Das Ganze ist die große Tragödie des Lebens. Daß der Mensch in seiner Jugend sucht, was er im Alter nicht brauchen kann.“ (zit. nach Dunham 1960: 76)

Beleg 3: Phryxus sieht das Vlies als Zeichen der göttlichen Gunst und Symbol für eine respekt- und würdevolle Zukunft, die ihm Ansehen bringt.

Beleg 4: Medea ist die einzige Figur unter den Hauptakteuren, die keine Bestrebung hat, das Vlies zu besitzen, da es für sie mit einer männlichen Welt der Gewalt und der grausamen Liebe assoziiert ist.

These 2: Nicht nur das Motiv ‚Böses bringt Böses hervor‘ ist mit dem Vlies verbunden, sondern es ist auch das Symbol dafür, wonach Männer in der Welt streben bzw. dem männlichen Prinzip schlechthin.

Beleg 1: Als ein Objekt ist das Vlies nutzlos, nichts als ein schönes, exotisches Symbol der Macht, sodass Grillparzer hervorgeben will, dass die meisten Männer nach wertlosen, leeren und illusorischen Dingen streben

Beleg 2: Phryxus sieht das Vlies zum ersten Mal im Traum, was für die irrationalen Kräfte im Mann steht.

These 3: Die Statue des kolchischen Gottes Peronto wird in dem griechischen Pantheon durch Apollo neutralisiert. Das Vlies, welches verbunden ist mit Peronto und primitiven, unterirdischen Trieben, übt seine dionysische Kraft nur dann aus, wenn es aus dem apollinischen Umfeld entwendet ist.

Beleg: Medeas Entschluss am Ende der Trilogie das Vlies zurück nach Delphi zu bringen, vereinigt nicht nur die drei Dramen bzw. schließt deren Zirkel, sondern ist symbolisch zu verstehen: Sie bringt das Vlies an den einzigen Ort, an dem es Menschen nicht bedrohlich ist. Medeas damit einhergehender Verzicht auf Ruhm und Glück ist begleitet von der symbolischen Entsagung der illusorischen Ziele und Leidenschaften, die Männer verfolgen.

These 4: Die Statue des Peronto ist ein Symbol des Irrationalen, dessen Platz in Die Argonauten die Drachenhöhle einnimmt.

Beleg: Die Höhle spiegelt (deutlicher als die Statue) die Schauer erregende Tiefe des Irrationalen wider. Anders als das männlich konnotierte Vlies, repräsentiert die Höhle Medea in ihrer symbolischen, aber auch in der wörtlichen Bedeutung: Auf der wörtlichen Ebene bewegt sich Die Argonauten auf die Höhle und das Vlies zu und auf der symbolischen Ebene bewegt sich Medea von den unterdrückten Gefühlen abwärts in den Abgrund der Leidenschaften. Die Beschreibung der Höhle ist die symbolische Darstellung ihres eigenen Unterbewusstseins (vgl. Die Argonauten, V. 1439-53). Durch die Verwehrung Jason Eintritt in die Höhle zu verschaffen, versperrt sie ihm auch seinen Weg in ihr privates, innerstes Wesen. So wie Jason die Höhle ohne Medeas Hilfe nicht öffnen kann, so kann er keinen wirklichen Kontakt zu ihr herstellen bis zu dem bewussten Aufschließen ihrer inneren Natur. Auf einer weiteren Ebene ist das Symbol deutlich sexuell, womit Medeas Widerstand als Verteidigung ihrer Keuschheit verstanden wird und Jasons Penetration der Höhle symbolisiert seine männliche Eroberung.

These 5: Jasons symbolische Bewegung ist primär zum Vlies und nur sekundär zur Höhle, weil für ihn Abenteuer und Ruhm Vorrang haben vor Liebe:

Beleg: „Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr, und wie / Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe“ (Medea, V. 466f.). Anders als Medea, hat Jason in der Höhle Angst, was seine Oberflächlichkeit unterstreicht.

These 6: So wie das Vlies für Jason, so ist für Medea die Truhe das Symbol der Vergangenheit bzw. ihrer kolchischen Identität, die Medea versucht abzulegen, was ihr letztlich nicht gelingt.

Beleg: Medeas Identitätskrise: „Allein wer gibt Medeen mir, wer mich?“ (Me dea, V. 1056) Diese Identitätssuche ist repräsentiert in drei Symbolen: Der Schleier, die Leier und die Robe. Der Schleier steht für die barbarische Kultur, die Leier für die angestrebt harmonische hellenistische Persönlichkeit und das Zerreißen der griechischen Robe repräsentiert die Trennung ihres Bundes mit Jason und die Vernichtung ihrer Liebe. Medea findet heraus, dass sie weder ihre Liebe so leicht wie die Robe zerstören konnte noch, dass sie ihre Identität widererlangt durch den Schleier in der Truhe.

Fazit: Durch die multiplen Funktionen des Vlieses wird der Text poetisch aufgewertet und gibt einen Einblick in die menschliche Psyche.

Forschungsliteratur: T. C. Dunham: Symbolism in Grillparzer’s das Goldene Vließ. In: PMLA 75 (1960), H. 1, S. 75‒82.

Thesenpapier zum Referat

Grillparzers „Das goldenen Vliess“- eine wertend-asymmetrische, ethnozentrische Griechen-Barbaren-Antithese?

These 1: Der ethnozentrische Kult der griechischen Humanität stößt bei den barbarischen Kolchern auf einen ethnozentrischen, nativistischen Widerstand.

Beleg: Phryxus will aus Kolchis eine griechische Kolonie machen: „Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden“. (V. 236), ist sich so wie Jason (vgl. Argonauten V. 828-843) seiner kulturellen Überlegenheit bewusst.

These 2: Die Griechen konstruieren ihre eigene Identität durch die Ausschließung des Hellenischen aus dem Barbarischen.2:

Beleg 1: „Wie eine Heimat fast dünkt mir dies fremde Land […] / Und wieder, ist das Fremde mir bekannt, / So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes.“ (Argonauten V. 1190, 1194f.)

Beleg 2: Durch den kolonialistischen Besitzanspruch Medeas manifestiert sich die Funktion der Antithese des Eigenen und des Fremden (vgl. Argonauten V. 1202-1214)

These 3: Die Fixierung auf kulturelle Identität konstruierende Grenzziehung führt zur gewaltsamen Verkehrung des Eigenen ins Fremde.

Beleg: Indem Jason Medea den Schleier abreißt (vgl. Argonauten V. 910), zerstört er die mythische Grenze, die sie zwischen sich und dem ihr vermeintlich fremd Weiblichen errichtet hat und er bekräftigt die Grenze zwischen dem Griechischen und dem Barbarischen.

These 4: Die vermeintlich wesensverschiedenen Kulturräume der Griechen und Barbaren überlappen sich und sind hybrid.

Beleg 1: Die Sprache der Kolcher wirkt verglichen mit derjenigen der Griechen fremd, unruhig und unbeherrscht, weil ihre Sätze häufig elliptisch sind oder nur auf kurzen Ausrufen bestehen und weil Metrum und Rhythmus der Verse keiner bestimmten Regel folgen. Von den Blankversen der Griechen heben sich die der Kolcher durch die Kürze, Länge oder Freiheit ab. Doch bisweilen sind sie auch wie diejenigen der Griechen regelmäßig alternierend. (vgl. Gastfreund V. 81-93)

Beleg 2: Der Verweis auf die Norm des Gastrechts der beiden Parteien dient nur als Mittel zum Zweck der Täuschung. Gewaltsam wird danach gestrebt, sich das Gut der jeweils anderen anzueignen: der Grieche durch die Kolonisation des barbarischen Territoriums, der Barbar durch den Raub der Schätze der Griechen.

Indem Jason das Vlies raubt, verkehrt sich tatsächlich sein griechisches Selbst in ein barbarisches. Der Raub ist ein barbarischer Akt sowohl auf der Ebene der Handlungskausalität (die Mithilfe der Barbarin Medea) als auch auf der historischen Semantikebene des Barbarischen, da in der Ethnographie und Anthropologie des 18. Jahrhunderts der Raub als typisch barbarisch gilt und dem zivilisierten Tausch gegenübersteht.

[...]


1 Aus Grillparzers Tagebuch von 1822 zit. nach Dunham 1960: 75.

2 In den “Argonauten” ist das Wort Barbar neunzehn Mal belegt, im „Gastfreund“ einmal, in „Medea“ fünfmal.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Grillparzers "Das goldenen Vliess". Eine wertend-asymmetrische, ethnozentrische Griechen-Barbaren-Antithese?
Untertitel
Das Vließ als "nur ein sinnliches Zeichen"?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar Judith, Medea, Elektra: Frauenfiguren in der Tragödie (1819-1926)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
4
Katalognummer
V490826
ISBN (eBook)
9783668980990
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grillparzer, Das goldene Vliess, Thesenpapier, Medea, Symbolik, asymmetrische Antithese
Arbeit zitieren
Alexandra Priesterath (Autor), 2018, Grillparzers "Das goldenen Vliess". Eine wertend-asymmetrische, ethnozentrische Griechen-Barbaren-Antithese?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490826

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