Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti". Wie werden die Männerfiguren dargestellt?


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturhistorischer Kontext
2.1 Die Epoche der Aufklärung
2.2 Unterströmung der Empfindsamkeit
2.3 Das bürgerliche Trauerspiel

3. Die höfische Gesellschaft im 18. Jahrhundert
3.1 Patriarchalismus als Familienmodell

4. Männliche Charaktere in ‚Emilia Galotti‘
4.1 Odoardo Galotti
4.2 Der Prinz
4.3 Graf Appiani
4.4 Marinelli

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit untersucht die Darstellung des Männerbildes in Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel ‚Emilia Galotti’. Das Drama aus dem Jahr 1772 handelt vom Prinzen Hettore Gonzaga, seiner fanatischen Liebe zu Emilia Galotti und seinem Vorhaben, das Mädchen zu erobern. Angesiedelt ist das Werk im 18. Jahrhundert und spielt in einem italienischen Fürstentum. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, darzustellen, wie Lessing das Männerbild in Emilia Galotti entwickelt. Mittels Charakteranalysen des Verhaltens, der Lebensvorstellungen und der Interaktionen mit anderen Figuren werden Männlichkeitskonzepte der Protagonisten abgeleitet. Die Forschungsfrage lautet:

Wie passt das in ‚Emilia Galotti’ dargestellte Männlichkeitskonzept zum allgemeinen Geschlechterverständnis des 18. Jahrhunderts?

Eine Beantwortung der Forschungsfrage soll einen Beitrag zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Genderdiskussion leisten, da sich die vorherrschende Literatur überwiegend mit dem Frauenbild des behandelten Dramas und vergleichbarer Werke beschäftigt.

Methodisch gliedert sich diese Seminararbeit in vier Kapitel, die nachfolgend beschrieben sind. Kapitel 2 betrachtet zunächst den literaturhistorischen Kontext. Vor dem Hintergrund der Epoche der Aufklärung wird insbesondere auf den gesellschaftlichen Wandlungsprozess eingegangen, der durch politische Ereignisse wie den 30-jährigen Krieg und die französische Revolution geprägt ist. Danach erfolgt ein Fokus auf die Unterströmung der Empfindsamkeit, die in Literatur und Theater die Mitteilung von Gefühlen immer weiter in den Vordergrund stellt. Abschließend werden Charakter und Funktion des bürgerlichen Trauerspiels beschrieben, dessen Popularität in der Aufklärung steigt. Hierbei steht nicht mehr ein heroischer, königlicher Held im Mittelpunkt des dramatischen Geschehens, sondern private Menschen, ihre Familien, sowie deren persönliche Werte und Gefühle.

In Kapitel 3 werden weitere Grundlagen zum Verständnis des damaligen Männerbilds geschaffen, indem zunächst die höfische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts und danach der Patriarchalismus als Familienmodell erklärt werden.

Kapitel 4 widmet sich einer Analyse der vier zentralen Männerfiguren des bürgerlichen Trauerspiels ‚Emilia Galotti’: Odoardo Galotti, der Prinz von Guastalla, dessen Kammerherr Marinelli, sowie Graf Appiani. Hierbei spielen Odoardo Galotti als Vertreter des damaligen Bürgertums und Vater der Protagonistin Emilia Galotti, sowie dessen Gegenspieler, der Prinz von Guastalla als dem Adel zugehöriges Oberhaupt des Herzogtums eine herausragende Rolle. Deshalb wird in der Folge detailliert auf diese beiden Charaktere eingegangen. Die Figuren Marinelli und Graf Appiani gehören ebenso zu den wichtigen Männerfiguren in Lessings Trauerspiel und werden im Anschluss als weitere Vertreter des Bürgertums und Adels auf Entsprechungen zu den Ersteren analysiert, um das Verständnis des Männerbildes in Lessings Werk zu komplettieren.

Abschließend erfolgt ein Fazit, das aus einer Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der in Kapitel 4 betrachteten bürgerlichen Figuren und Vertretern des Adels, sowie der Einbindung des historischen Kontextes, das von Lessing dargestellte Männerbild erschließt.

2. Literaturhistorischer Kontext

2.1 Die Epoche der Aufklärung

G. E. Lessing wird nach gängiger Literaturgeschichtsschreibung der Epoche der Aufklärung zugezählt. Aber was ist überhaupt Aufklärung?

Die wohl geläufigste Antwort auf diese Frage lieferte 1783 der Philosoph Immanuel Kant in seinem Beitrag in der Berlinischen Monatsschrift:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. (...) Sapere aude ! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Motiv für die Aufklärung ist vor allem die Benutzung des Verstandes, der Aberglaube und blinde Untertänigkeit ersetzen soll. Durch Handel, Bankgewerbe und das schnell wachsende Industriewesen gewann die neue Schicht des Bürgertums schnell an Bedeutung, Reichtum und sozialer Prestige. Angetrieben vom entstehenden Wirtschaftsliberalismus entwickelten sich die Bürger auch politisch langsam zu den Trägern der Ideen eines neuen Zeitalters. Nach der Französischen Revolution von 1789 - 1799 war die Forderung nach einem Einräumen der Menschenrechte groß und die Herrschenden sollten nun durch die Bürger in Form von Gewaltenteilung und Wahlrecht kontrolliert werden. Mit dem Buchdruck konnte sich auch das bürgerliche Publikum Bücher leisten und es entstand erstmals ein Buch- und Zeitungsmarkt in Europa. Das zentrale Streben des modernen Bürgers war es, sich durch Wissen, Bildung und strenge Wertevorstellungen in diesem neuen Zeitalter des Lesens vom Adel und Klerus abzusetzen. Die Literatur war deshalb besonders wichtig für die Aufklärung, weil sie als Erkenntnisquellen[2] neue Ideen und Denkanstöße zu lehren und verbreiten versuchte. Viele Schriftsteller lösten sich aus der finanziellen Abhängigkeit der Fürsten und lebten als freie Schriftsteller, wie zeitweilig Lessing, welcher als „Vorbild des geistig unabhängigen Intellektuellen“[3] galt. Trotzdem musste er mit der Tatsache kämpfen, dass der Großteil der Bevölkerung am Anfang des 18. Jahrhunderts weder lesen noch schreiben konnte und die Bürger, die es konnten, beschränkten ihre Lektüre meist auf die Bibel und sonstige religiöse Schriften.

2.2 Unterströmung der Empfindsamkeit

Die literarische Strömung der Empfindsamkeit lässt sich etwa in die Zeit von 1730 - 1790 einordnen. Erwachsen ist diese aus der literarischen Epoche der Aufklärung und ist mehr eine Ergänzung, als eine Gegenströmung dieser. Das Adjektiv ‚empfindsam’ schlug Gotthold Ephraim Lessing als eine Übersetzung des Wortes ‚sentimental’ des Romantitels „ A sentimental journey through France and Italy “ (1768) von Laurence Sterne vor.

„Empfindsam“ bedeutet dabei soviel wie gefühlvoll, romantisch, einfühlsam und verträumt und „kann zum Synonym für die Versöhnung von Kopf und Herz werden.“[4] Im Gegensatz zur Aufklärung wird diese Strömung jedoch als rational und vernünftig beschrieben. Gemeinsam haben beide Tendenzen, dass sie sich gegen eine Vorherrschaft von Adel und Klerus wenden. Im Mittelpunkt steht wieder der selbstbewusste Bürger der seine moralischen und ethischen Grundsätze einer natürlichen Vernunft und einem natürlichen Menschsein verdankt. Gefühle und die Fähigkeit, ihre Regungen intensiv zu erleben, gelten den Empfindsamen als Maßstab für die Ausbildung ihrer Persönlichkeit. Das Schreiben wird zum Instrument der Selbsterforschung. Zentrale Motive der Empfindsamkeit sind das Entdecken und Erleben der Natur, Tugend, Gefühle und Moral sowie Gefühlsüberschwang und Schwärmerei. Ziel ist die moralische Erziehung der Bürger.

2.3 Das bürgerliche Trauerspiel

Emilia Galotti ist nach Lessings Miss Sarah Sampson eines der ersten bürgerlichen Trauerspiele. Es geht um tragisch dargestellte bürgerliche Probleme, für welche die prosaische Schreibart „nach dem Gebot der Nützlichkeit und Wahrscheinlichkeit“[5] durchgesetzt wird und die Handlung frei erfunden sein darf. Während in der antiken Tragödie noch die Ständeklausel galt, nach der nur Könige und höhere Adlige als solche auftreten durften sind als Neuerung Personen bürgerlichen Standes Helden der Tragödie. Diese Charaktere sind nicht mehr nur von Grund auf „gut“ oder „schlecht“, sondern vereinen mehrer Charakterzüge in sich, sodass das Publikum sich viel leichter mit diesen glaubhaften Figuren identifizieren kann. So schreibt Pfeil: „Ich behaupte, daß das buergerliche Trauerspiel erstlich unser Herz weit staerker ruehrt und hernach auch weit eher zu bessern fähig ist, als die uebrigen Gattungen der Schaubuehne.“[6] Mit dem Ziel die Menschen moralisch zu bessern, geht das bürgerliche Trauerspiel besonders nach dem Mitleidskonzept vor. Mitleid und Schrecken werden hier als Quelle aller sozialen Tugenden angesehen. Es wird so argumentiert, dass es eine nachhaltigere Erschütterung nach sich zieht, würden Fürsten und Könige vom Thron gestürzt und eben nicht eine Person niedrigen Standes die ohnehin nicht viel zu verlieren hat. Das Mitleid mit ihrem Schicksal soll die moralische Entwicklung des Einzelnen befördern und damit die sittlichen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft befördern. Begründet wurde die Forderung nach der Ständeklausel mit dem Gesetz der tragischen Fallhöhe. „Ständisches, standesbedingtes Verhalten, wie es sich etwa in der Liebe oder Verführung über die Standesgrenzen hinweg oder im Kindesmord-Thema zur Geltung bringt, wird Agens des Tragischen.“[7] Mit der Durchbrechung der Ständeklausel trägt das bürgerliche Trauerspiel damit zur politischen Emanzipation des Bürgertums bei, „in dem sowohl das neue städtische Bürgertum und die neuartige Familienstruktur mit ihren Rollen und ihrer Intimität als auch die erstarkende Tendenz der Empfindsamkeit ihren Ausdruck finden.“[8]

[...]


[1] Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift 4 (1784), S. 481–494.

[2] Fick, M., & SpringerLink. (2016). Lessing-Handbuch Leben – Werk – Wirkung / von Monika Fick. (4.th ed.), S.37.

[3] Ebd., S.35.

[4] Ebd., S.54.

[5] Fick, M., Lessing-Handbuch Leben, S.149.

[6] Pfeil: Vom bürgerlichen Trauerspiele, S.104 (§ 9)

[7] Jeßing, Benedikt/ Köhnen, Ralph: Einführung in die Neure deutsche Literaturwissenschaft. 3., aktualistisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 2012, S. 41.

[8] Guthke, K. (1994). Das deutsche bürgerliche Trauerspiel / Karl S. Guthke. (5., überarb. und erw. Aufl. ed., BV000001328 116 : Abt. D, Literaturgeschichte). Stuttgart u.a.: Metzler.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti". Wie werden die Männerfiguren dargestellt?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V492592
ISBN (eBook)
9783668984837
ISBN (Buch)
9783668984844
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emilis Galotti, Männerfigur, Lessing
Arbeit zitieren
Vanessa Schlurmann (Autor), 2016, Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti". Wie werden die Männerfiguren dargestellt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492592

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