Die kindliche Entwicklung in der Montessori- und Waldorfpädagogik


Bachelorarbeit, 2018
42 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

2 Montessoripädagogik
2.1 Kurzbiografie von Maria Montessori
2.2 Grundgedanken der Montessoripädagogik
2.3 Ziele der Montessoripädagogik
2.4 Das Kind in der Montessoripädagogik
2.5 Besonderheiten der Montessoripädagogik
2.5.1 Die Kosmische Erziehung
2.5.2 Die Materialien
2.6 Kritik an der Montessoripädagogik

3 Die Waldorfpädagogik
3.1 Kurzbiografie Rudolf Steiner
3.2 Grundgedanken der Waldorfpädagogik
3.3 Ziele der Waldorfpädagogik
3.4 Das Kind in der Waldorfpädagogik
3.5 Besonderheiten in der Waldorfpädagogik
3.5.1 Die Eurythmie
3.5.2 Die vier Temperamente
3.6 Kritik an der Waldorfpädagogik

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Bachelorarbeit wird das Thema „Die kindliche Entwicklung in der Montessori- und Waldorfpädagogik“ bearbeitet. Die beiden pädagogischen Konzepte werden stark diskutiert und spielen häufig eine Rolle in Veranstaltungen der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Kein anderes reformpädagogisches Konzept dürfte international so weit verbreitet sein wie die Pädagogik Maria Montessoris. In zahlreichen Ländern aller Erdteile gibt es Einrichtungen, in denen man ihre Pädagogik praktiziert: vornehmlich Kindergärten („Kinderhäuser“) und Grundschulen, aber auch Sekundarschulen“ (Ludwig, 2002, S. 7). Damit wird deutlich, welche bedeutende Rolle Maria Montessoris Pädagogik spielt und in welchem Ausmaß diese Lehre praktiziert wird. Auch die Waldorfpädagogik wird häufig als eine besondere Pädagogik beschrieben, deren Motive und Ziele den Kindern gerecht werden wollen.

Der Bonus, den die Waldorfpädagogik in der pädagogischen Diskussion genießt, dürfte u.a. auch darauf beruhen, daß [sic] sie einem genuin erzieherischen Motiv in besonderer Weise gerecht wird: sie versteht sich als Anwalt des Kindes in einer von „Zwängen“ und kindfremden Anforderung geprägten Umwelt; sie nimmt keine Rücksicht auf das, was „die“ Gesellschaft von der verplanten Erziehung verlangt, sondern widmet sich ganz und gar dem Kind (Prange, 1992, S. 135).

Die einführenden Zitate zeigen die Bedeutsamkeit der beiden Pädagogiken und stellen einen interessanten Forschungsbereich dar. Aktuell gibt es rund 600 Kindertagesstätten beziehungsweise Kinderhäuser und 400 Schulen in Deutschland, die nach den Prinzipien der Montessoripädagogik arbeiten. Die Schulen gliedern sich in etwa 300 Primarschulen und etwa 100 weiterführende Schulen. (Zugriff am 27.08.2018. Verfügbar unter www.montessori-deutschland.de/einrichtungen.html) Waldorfschulen gibt es 244 in Deutschland und Waldorfkindergärten gibt es 1900 weltweit. (Zugriff am 27.08.2018. Verfügbar unter www.waldorfschule.de/service/schulen/schulverzeichnisse/) Damit wird noch einmal deutlich wie bedeutend die Konzepte von Maria Montessori und Rudolf Steiner sind und wie viele Bildungseinrichtungen nach deren pädagogischen Prinzipien arbeiten.

Das Themengebiet, mit dem sich diese Bachelorarbeit beschäftigt, ist Gegenstandsbereich der Reformpädagogik, weshalb darauf nun kurz eingegangen wird. Zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die autoritäre Struktur, der zu dieser Zeit herkömmlichen Schule, immer wieder stark kritisiert. Diese Kritik führte unzählige neue Schulgestalten und methodische Ansichten mit sich. Noch heute bestehen einige der damals entwickelten Alternativen. (vgl. Skiera, 2003, S. V) Damit nahm die Reformpädagogik oder auch „Neue Erziehung“ oder „Education Vouvelle“ ihren Lauf. (vgl. ebd., S. 1) Neue methodische Richtungen wie der Erlebnisunterricht oder die Kunsterziehungsbewegung und neue Schulgestalten wie die Montessori-, Waldorf- und Freinetpädagogik entwickelten sich. (vgl. ebd., S. 422) Die einzelnen Schulformen und Reformlinien weisen zwar Unterschiede auf, aber in den pädagogischen Grundmotiven gibt es einige Gemeinsamkeiten, da diese die „Alte Erziehung“ beziehungsweise die „Alte Schule“ mit den zahlreichen Momenten des ängstlich-en Zwanges als gemeinsamen Feind sehen und diesen überwinden wollen. Zu den Gemeinsamkeiten der Reformlinien gehört, dass die Pädagogik von den Kindern ausgeht. Gegen die rigide Herrschaft des Lehrplans stehen die Kinder im Mittelpunkt und damit deren Bedürfnisse, Fragen und Interessen. Außerdem gibt es einen neuen Begriff des Lernens, welcher gegen die Dominanz rezeptiver Lernformen und des Frontalunterrichts steht. Die Kinder sollen kreative, aktive, natürliche und lebensverbundene Aktivitäten ausführen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass nun die Erziehung des ganzen Menschen im Mittelpunkt steht, wozu die sozialen, emotionalen, intellektuellen und physischen Möglichkeiten und Fähigkeiten zählen. (vgl. ebd., S. V)

Diese Punkte werden in der Bachelorarbeit aufgegriffen und genauer erläutert. Das wichtigste Ziel ist, die eigentümlichen Philosophien von Maria Montessori, Begründerin der Montessoripädagogik und Rudolf Steiner, Begründer der Waldorfpädagogik, zu beleuchten und darzustellen. Maria Montessori ist 1870 (vgl. ebd., S. 196) und Rudolf Steiner 1861 geboren (vgl. ebd., S. 233). Hier wird deutlich wie weit zurück die Entstehung-en der Pädagogiken liegen und daraus ergibt sich als Ziel der Bachelorarbeit, die Philosophien verständlich darzustellen. Eine weitere wichtige Frage, mit der sich die Bachelorarbeit beschäftigt, ist, inwieweit die Pädagogik vom Kind ausgeht und ob die Individualität der Kinder gefördert wird. Der Einbezug der Primärliteratur ist dabei sehr wichtig. Vor allem die Werke „Grundlagen meiner Pädagogik: und weitere Aufsätze zur Anthropologie und Didaktik“ aus dem Jahr 1988 von Maria Montessori und „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft“ aus dem Jahr 1909 von Rudolf Steiner werden als grundlegende Literatur dieser Bachelorarbeit verwendet. Mithilfe dieser Werke können die Ideen von Maria Montessori und Rudolf Steiner so dargestellt werden wie sie es sich selbst gedacht haben. Daneben findet sich viel Sekundärliteratur, da in dieser die pädagogischen Leitgedanken und Konzepte sehr genau bearbeitet und beleuchtet werden.

Die Bachelorarbeit beginnt mit der Darstellung der Montessoripädagogik. Dabei ist es wichtig, im ersten Schritt auf die Biografie und den Werdegang von Maria Montessori einzugehen, da diese als Mädchen in der Schule und als Frau an der Universität einige Steine in den Weg gelegt bekommen hat und trotz dessen ihren Weg gegangen ist. Um die pädagogischen Gedanken von Montessori verstehen zu können, wird danach auf die pädagogischen Grundgedanken eingegangen. Hier spielen vor allem wichtige Schlüsselbegriffe wie die individuelle Personalität und die vorbereitende Umgebung eine Rolle und auch ihre Ansichten wie die Religiosität. Um die kindliche Entwicklung in der Montessoripädagogik verstehen und beschreiben zu können, ist der nächste Punkt der Bachelorarbeit die Ziele der Montessoripädagogik. Dieser Punkt ist bedeutend, um zu verstehen, wie die Persönlichkeit von Kindern entsteht und sich gerecht entwickelt. Der darauffolgende Punkt ist das Kind in der Montessoripädagogik. In diesem sind vor allem die Entwicklungsstufen der Kinder von großer Bedeutung. Wie in jeder Pädagogik gibt es auch bei der von Maria Montessori Besonderheiten, worauf in Punkt 2.5 eingegangen wird. Hier gestalten sich die kosmische Erziehung, nach welcher die Welt einen bestimmten kosmischen Plan verfolgt, und die Materialen, welche für die Sinnesausbildung wichtig sind, als eine besondere Rolle. Der letzte Punkt zu der Montessoripädagogik ist die Kritik an dieser, denn es ist sehr wichtig, die pädagogischen Leitgedanken, wie die Bedeutung des Spiels oder ihr Vokabular kritisch zu betrachten.

In der Bachelorarbeit folgt nach der Darstellung der Montessoripädagogik die Darstellung der Waldorfpädagogik. Hier sind die Gliederungspunkte ähnlich wie bei der Montessoripädagogik, um eine einheitliche Darstellung sicherstellen zu können. Im ersten Punkt wird auf die Biografie Rudolf Steiners eingegangen, um auch hier nachvollziehen zu können, warum er seine pädagogischen Ideen und Leitgedanken so formuliert, wie er es tut. Der darauffolgende Punkt ist die Darstellung der grundlegenden Gedanken Steiners. Hier spielt vor allem die Anthroposophie eine große Rolle. Im nächsten Punkt werden die Ziele der Waldorfpädagogik behandelt, wobei die Individualität eine bedeutende Rolle spielt. Nachdem auf die Ziele der Waldorfpädagogik eingegangen wird, thematisiert das anschließende Kapitel das Kind in der Waldorfpädagogik. Hierbei ist vor allem die Viergliedrigkeit des Menschen und die Entwicklung in Jahrsiebten wichtig. Wie in der Montessoripädagogik finden sich auch in der Pädagogik von Rudolf Steiner Besonderheiten, die sich im nächsten Punkt darstellen. Die Eurythmie, ein besonderes Schulfach, und die Einteilung der Kinder in vier Temperamente sind hier von großer Bedeutung. Der letzte Punkt ist die Kritik an der Waldorfpädagogik, wobei vor allem die Anthroposophie, die vier Temperamente und der Lehrplan Rudolf Steiners kritisch beleuchtet werden.

2 Montessoripädagogik

2.1 Kurzbiografie von Maria Montessori

Am 31.08.1870 wurde Maria Montessori in Chiaravalle als einziges Kind von Alessandro und Renilde Montessori geboren. Nach drei Jahren musste die Familie berufsbedingt nach Florenz und bereits zwei Jahre später nach Rom ziehen. (vgl. Klein-Landeck & Pütz, 2012, S .9) Maria Montessori besuchte eine Grundschule, in der sie eine restriktiv-autoritäre Erziehung genoss und die den Kindern keine freie Entfaltung ermöglichte. (vgl. Waldschmidt, 2006, S. 12) „Deshalb stillte sie ihren Wissensdurst zu Hause“ (ebd., S. 12f). Erst als sie zehn Jahre alt wurde, änderte sich ihre schulische Passivität und ihr Fleiß und Ehrgeiz erwachte. (vgl. Waldschmidt, 2006, S. 13) Infolgedessen besuchte Maria Montessori die technisch-naturwissenschaftlichen Schulen Regio Scuola Tecnica Michelangelo Buonarotti und Regio Istituto Tecnico Leonardo da Vinci. (Klein-Landeck & Pütz, 2012, S. 9)

Im Jahr 1890 schrieb sie sich an der Universität Rom als Studentin ein und besuchte Vorlesungen in Mathematik, Physik und Naturwissenschaften. Zwei Jahre später legte sie ihr Diploma di licenza mit acht von zehn möglichen Punkten ab und qualifizierte sich damit für ein Medizinstudium an der Universität in Rom. Trotz formaler und menschlich-sozialer Hindernisse wie bewusste Provokationen oder Kontaktverbot mit Männern, ließ sie sich nicht unterkriegen. (vgl. Waldschmidt, 2010, S. 9-15) Sie lernte und arbeitete „unbeirrbar allein, ohne Gedankenaustausch und Diskussionen mit den Kommilitonen“ (Waldschmidt, 2006, S. 16). Mit einer neuro-pathologischen Arbeit zum Thema Verfolgungswahn erwarb sie 1896 als erste Italienerin den Doktortitel in Medizin und Chirurgie. Daraufhin arbeitete sie zwei Jahre als Assistenzärztin an der Psychiatrischen Klinik der Universität Rom. Am 31. März 1898 bekam sie, mit ihrem Klinikkollegen Dr. Guiseppe Montesano, einen unehelichen Sohn namens Mario, den sie zu einer Pflegefamilie auf dem Land gab. Durch regelmäßige Besuche blieb Maria Montessori mit ihm im Kontakt und holte ihn später, nach dem Tod ihres Vaters, wieder zu sich. (vgl. Klein-Landeck & Pütz, 2012, S. 10-21)

Ab 1900 setzte sich Maria Montessori intensiv mit medizinisch-heilpädagogischen Schriften französischer Ärzte auseinander und fand dabei viele Anregungen für ihre spätere pädagogische Arbeit. Ein weiterer Arbeitsbereich Montessoris war die Arbeit in einem medizinisch-pädagogischen Institut zur Ausbildung von Lehrkörpern für die Erziehung geistig behinderter Kinder. Ihr erstes Kinderhaus, eine Tagesstätte für noch nicht schulpflichtige Kinder, eröffnete sie 1907 im römischen Elendsviertel San Lorenzo. (vgl. Klein-Landeck & Pütz, 2012, S. 11-13) Ihre erste Arbeit hatte den Titel „Il metodo della pedagigica scientifica“. Die deutsche Übersetzung des Buches erschien erst vier Jahre später unter dem Titel „Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter“ im Verlag Hoffmann in Stuttgart. Ab 1910 begann Montessori sich zunehmend dem Katholizismus zuzuwenden und gab ihre Arztpraxis auf. In den Jahren 1913 und 1914 reiste sie zum ersten Mal in die USA, wo schon 1911 die erste Montessori Schule eröffnet wurde. Ihre Bekanntheit nahm aufgrund ihres ersten Buches zu und sie führte weitere internationale Kurse durch, um ihre Erziehungsphilosophie zu verbreiten. Bis zum Jahr 1914 entstanden Montessori Einrichtungen in Japan, Kanada, China, Russland und Chile. Mit der Rücknahme ihrer Dozentur bekannte sie sich ausdrücklich als Pädagogin. (vgl. Waldschmidt, 2010, S. 26-27)

1916 siedelte Montessori nach Barcelona über und behielt den Wohnsitz bis 1936 bei. In den Jahren 1920 bis 1929 entstanden weltweit Montessori Einrichtungen. (vgl. ebd., S. 27-29) Mit ihrem Sohn Mario gründete sie die „Association Montessori Internationale“ in Berlin, welche seit 1935 ihren Hauptsitz in Amsterdam hat. Ab 1933 spaltete sich die Montessori Bewegung durch den Faschismus. In Italien mussten ihre Schulen geschlossen werden, was sie aber nicht davon abhielt, weitere Ausbildungskurse zu geben. Mit Vorträgen in Brüssel, Genf und Kopenhagen setzte sie sich für die Bewahrung des Friedens ein. Bis 1945 wurden alle deutschen Montessori Einrichtungen geschlossen. Maria Montessori und ihr Sohn verließen Europa und reisten 1939 nach Indien, wo sie die Praxis entwickelten, die als Kosmische Erziehung bezeichnet wird. Alle ihre bis dahin entstandenen Überlegungen fassten Montessori und ihr Sohn zu ihrem wichtigsten Werk „Das kreative Kind“ zusammen. (vgl. Klein-Landeck & Pütz, 2012, S. 14-23)

1949 kehrte sie endgültig nach Europa zurück, um auf Vortragsreisen in Schweden, Italien und Österreich ihre Erziehungsphilosophie weiter zu verbreiten. Es fand auch ein Internationaler Montessori Kongress mit dem Thema „Erziehung ist Hilfe für die natürliche Entwicklung der Psyche des Kindes von der Geburt bis zur Universität“ statt. Für England und Italien wurde sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, konnte diesen aber nicht gewinnen. (vgl. Waldschmidt, 2010, S. 30f) Am 6. Mai 1952 starb sie unerwartet in den Niederlanden. (vgl. Klein-Landeck & Pütz, 2012, S. 15)

2.2 Grundgedanken der Montessoripädagogik

Der Kernpunkt der Montessoripädagogik beschäftigt sich mit der individuellen Personalität von Menschen. Davon unabhängig sind Geschlecht, kulturelle Herkunft oder Religion. (vgl. Hedderich, 2011, S. 27) Die Persönlichkeit des Menschen wird hierbei in zwei Ansichten unterschieden, zum einen die Sozialität und zum anderen die Individualität. Beide Ansichten sind von Geburt an von Bedeutung, bis zum Ende der Kindheit ist aber die Förderung der Individualität und im Jugendalter die Sozialität wichtiger. (vgl. Ludwig, 2002, S. 15) Immer wieder betont Maria Montessori, wie essentiell die Förderung der Individualität ist. Ihrer Meinung nach besteht die Gesellschaft aus einer Vereinigung von Individuen und die Qualität dieser Gesellschaft hängt von der Entfaltung und der Konsistenz der Individualität der einzelnen Menschen ab. (vgl. ebd., S. 15)

In Maria Montessoris eigenem Werk „Grundlagen meiner Pädagogik“ beschreibt sie die Erziehung als ein Prozess, der ab dem ersten Tag des Lebens stattfindet. Häufig gibt es das Problem, dass die Erwachsenen den Nutzen der pädagogischen Lehre haben und nicht das Kind. Sie stellt das Kind und den Erwachsenen als Vereinigung dar, welche einen Kampf auslöst. Damit ist für sie ein soziales Problem aufgedeckt, welches kaum beachtet wird. Das Kind und die Erwachsenen sind zwei vollkommen unterschiedliche Wesen. Auf der einen Seite ist der Erwachsene ein herrschender und willensstarker Mensch und im Gegensatz dazu das Kind, dass hilflos dem Erwachsenen anvertraut wird und somit ein Fremder in der sozialen Ordnung der Erwachsenen ist. Deshalb stellt ihre Pädagogik Forderungen auf, die sich an die Erwachsenen richten. Es ist klar, dass die Kindheit ein Stadium der Menschheit darstellt und sich vollkommen vom Erwachsensein unterscheidet. In jedem Kind wächst eigenes Leben, welches seinen Sinn in sich selbst hat. (vgl. Montessori, 1988, S. 6f)

„Das Reifen des Menschen im Kinde ist eine Art Schwangerschaft, die länger währt als die Schwangerschaft im Mutterleib, und das Kind allein ist der Bildner seiner Persönlichkeit“ (Montessori, 1988, S. 7). Damit unterstützt Montessori ihre Ansicht, dass die Kindheit eine eigenständige Lebensform ist. Die Erwachsenen nehmen nicht die Rollen der überlegenen und mächtigen Erzieher ein, sondern sollen viel mehr die Beziehung zwischen sich und den Kindern harmonisch gestalten und eine verständnisvolle Einstellung gegenüber dem Kind einnehmen. Dabei spielen Bescheidenheit und Geduld eine fundamentale Rolle und müssen von allen Müttern und Vätern und Personen, die mit dem Kind in Berührung kommen, beachtet werden. Montessori beschreibt ein Kind in der frühen Lebensepoche als weiches Wachs, welches nur von der entfaltenden Persönlichkeit selber geformt werden kann. Dabei ist die Aufgabe der Erwachsenen, die Formung des Wachses von Störungen zu bewahren. (vgl. Montessori, 1988, S. 7f)

Der Körper von Kindern wächst und entwickelt sich in Intervallen und so geschieht es auch mit der Persönlichkeit, die sich in Perioden bestimmter Sensibilität entwickelt. Kinder haben ein unbewusstes Streben, womit sie durch ihre Selbstständigkeit und durch Loslösung von den Erwachsenen sich zu einer freien Persönlichkeit entwickeln. Deshalb ist es für die Erwachsenen wichtig, dem Kind dabei zu helfen, selbstständig zu werden. (vgl. Montessori, 1988, S. 8f) Dies stellt einen weiteren wichtigen Grundgedanken der Montessoripädagogik dar. Sie ist der Meinung, dass Erwachsene den Kindern helfen müssen, Dinge selbst zu tun. Deshalb sollen die Erwachsenen als Beobachter und Wissenschaftler und stets mit Geduld und Liebe agieren. Um dem Kind Raum für Aktivitäten zu lassen, ist die Rolle der Erwachsenen passiv. Selbstbestimmung und Freiheit sind in der Montessoripädagogik Grundlagen einer kindgerechten Erziehung. Dabei bedeutet Freiheit aber nicht die Loslösung von Regeln, sondern die Freiheit zum richtigen Handeln. (vgl. Hedderich, 2011, S. 41f)

Auch die vorbereitende Umgebung ist ein Schlüsselbegriff der Montessoripädagogik. Es soll eine kindgerechte Umgebung geschaffen werden, damit die Kinder ihre Tätigkeiten selbst ausführen können. Beschäftigungen werden nicht vorgeschrieben, sondern Kinder können ihre inneren Bedürfnisse äußern und befriedigen und somit eigenständig handeln. Alles in der Umgebung, auch Gegenstände inbegriffen, wird soweit für das Kind vorbereitet, dass es die Tätigkeit selbst ausführen kann. (vgl. Montessori, 1988, S. 14) Kinder begreifen durch eigene Aktivität und nicht durch die Kulturübernahme der Erwachsenen. Deshalb ist es wichtig, Angebote für Übungen der Bewegung und des praktischen Lebens bereitzustellen. Auch Entwicklungsmaterial zur Pflege, Angebote für moralische und soziale Erfahrungen oder Materialsysteme zum Erwerb sogenannter Kulturtechniken gehören zu einer guten vorbereitenden Umgebung, die Kindern ermöglicht, sich frei zu bewegen und herauszufinden wie es Menschen tun. (vgl. Holstiege, 1994, S. 48f)

Der absorbierende Geist beschreibt einen weiteren Grundgedanken von Maria Mon-tessori. Damit beschreibt sie eine privilegierte Geistform, die nur Kinder besitzen. Der Geist von Erwachsenen kann nie dasselbe erreichen wie der Geist von Kindern. Erwachsene nehmen ihr Wissen mit Hilfe von Intelligenz auf, aber Kinder absorbieren Wissen mit dem psychischen Leben und die Eindrücke dringen nicht nur in den Geist ein, sondern sie formen ihn. (vgl. Oswald & Schulz-Benesch, 1996, S. 23) Die innere Entwicklung kann zur Reife kommen ehe sie sich nach außen zeigt. Beobachtungen haben Maria Montessori zu der Erkenntnis geführt, dass im Kind eine absorbierende Sensitivität besteht. (vgl. Holstiege, 1999, S. 93) „Im absorbierenden Geist zeigen sich Tätigkeiten der noch unbewußten [sic] Intelligenz, die mit einer vitalen Form von Gedächtnis arbeiten und in der eine Art „geistiger Chemie“ am Werke ist“ (ebd., S. 93). Unter Führung innerer Sensibilitäten arbeitet der absorbierende Geist. Diese Sensibilitäten sind richtungsgebend und leiten das menschliche Verhalten in der Umwelt. Maria Montessori ist auch der Meinung, dass diese im Organismus angesiedelt und vorgegeben sind. (vgl. ebd., S. 95)

Montessoris gesamte Werke sind von religiösen Motiven, Anklängen und Verweisen durchzogen. Damit gibt sie Begrifflichkeiten eine religiöse Färbung und unterstreicht einen Anspruch auf universelle Gültigkeit. Die religiöse Thematik ist in relativ allgemeiner Form gehalten, was ihren Werken eine zusätzliche Attraktivität verschafft. Verschiedenste weltanschauliche Gruppen, wie Personen aus politischen Parteien, Religionen und aus allen sozialen Klassen, können die Weltanschauung von Maria Montessori mit ihren eigenen Zielen in Verbindung bringen. Mit ihren Ansichten und ihren Methoden gilt sie als Wegmarke zwischen der Wissenschaft und dem Glauben und ihre Assoziationen verdecken keineswegs die Sicht auf die konkreten Bedingungen des sozialen Lebens und die damit verbundenen Hinderungsgründe für eine neue Erziehung. (vgl. Skiera, 2003, S. 210)

Maria Montessoris Weltanschauung lässt sich schwer kategorisieren. Sie findet Zustimmung in verschiedenen weltanschaulichen Ordnungen wie bei Sozialisten, liberalen Intellektuellen, Katholiken, Faschisten und Theosophen. Zur Vermeidung in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, bezeichnet sie sich selbst als Montessorianerin. Damit hat sie auch versucht, die Konzentration weiterhin auf das Wesentliche beschränken zu können, nämlich den Kindern zu dienen. Dies bedeutet, dass Montessori und ihre Pädagogik für eine grundlegende Erneuerung der Erziehung eintreten. (vgl. ebd., S. 197)

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die kindliche Entwicklung in der Montessori- und Waldorfpädagogik
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
42
Katalognummer
V492652
ISBN (eBook)
9783668984493
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, montessori-, waldorfpädagogik
Arbeit zitieren
Anna-Sophie Hartig (Autor), 2018, Die kindliche Entwicklung in der Montessori- und Waldorfpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492652

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