Die Hauptfragen, die sich durch die ganze Arbeit ziehen werden, lauten folgendermaßen: Welche Rolle spielt die Jahreszeit-Metaphorik bei der Suche nach einer angemessenen Sprache in der Lyrik Bachmanns nach dem Holocaust? Welche Parallelen oder Gegensätzlichkeiten lassen sich im Vergleich zu Celans Gedichten herauslesen und welche Bedeutung spielt ihre Dichter- beziehungsweise Liebesbeziehung dabei?
Diese Fragen sollen im Verlaufe der Arbeit, in der alle vier Jahreszeiten in einem separaten Kapitel unterkommen, eingehend analysiert und immer mit Blick auf das Celansche Werk untersucht werden, das dem Briefwechsel zufolge einen immensen Eindruck auf Bachmann gemacht hat. Spätestens nach der von der Germanistikforschung langersehnten Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen den beiden Lyrikern im Jahr 2008 weiß man, welch intensive Verbindung sie sowohl in Bezug auf die literarische Tätigkeit als auch privat zueinander hatten. Zentrales Ziel dieser Arbeit wird es also sein, die geistige Verwandtschaft der beiden Autoren anhand ausgewählter Gedichte, in denen die Jahreszeiten, aber auch der Wechsel von Finsternis und Licht thematisiert werden, noch verstärkt hervorzuheben und zu prüfen, inwiefern sie sich in ihrem dichterischen Schaffen beeinflusst haben könnten. Der Briefwechsel wird dabei zur Analyse herangezogen, da er einen Schlüssel zur Poetik beider Autoren liefert und als Quelle für wichtiges, biographisches Wissen dient.
Der Briefwechsel ermöglicht es, die These aufzustellen, Celan habe der sechs Jahre jüngeren Studentin sein poetisches Programm der Holocaust-Erinnerung und der Trauerarbeit vorgegeben und seine Gedichte seien bedeutende Prätexte und Inspirationsquellen für Bachmann gewesen. Sowohl die Briefe als auch die gegenseitig gewidmeten Gedichte und Gedichtzyklen liefern wichtige Belege dafür und werden daher im ersten Kapitel eingehend analysiert. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll die ältere Forschungsliteratur vor 2008 betrachtet werden, um sie mit den neuen Erkenntnissen, die der Briefwechsel liefert, zu ergänzen oder gegebenenfalls zu revidieren. Die einzelnen Kapitel werden dabei unter Beachtung der Jahreszeiten in vier Teile gegliedert. Abschließend folgt eine Zusammenfassung, welche die daraus resultierenden Ergebnisse noch einmal aufgreift und deutlich macht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Herzzeit: Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
3 Der Herbst: Bäume und Blätter
3.1 Die Ambivalenz des Blattes
3.1.1 Schreibblockade vs. Unendlichkeit der Möglichkeiten
3.1.2 Zeichen der Vergänglichkeit und der Erneuerung
3.2 Auf den Spuren von Saussure
3.2.1 Das Problem der Darstellung von Wirklichkeit
3.2.2 Die Veränderung des Sprachgebrauchs
4 Der Winter: Eis, Schnee und Kälte
4.1 Das Schweigen bei Bachmann
4.2 Das Schweigen bei Celan
5 Der Frühling: Das Eis schmilzt
5.1 Wasser als veränderter Aggregatzustand
5.2 Wasser als bewegliches Element
6 Der Sommer: Sonne, Meer und Blume
6.1 Der Sommer als utopistische Hoffnung bei Bachmann
6.2 Grenzüberschreitung: Der Aufbruch oder die Flucht in den Süden
6.3 Celans Wiedergutmachung
6.4 Das Dilemma in Celans Dichtung – „Der Stein“ und „die Blume“
7 Der Einbruch in die Idylle oder das Scheitern der Hoffnung
8 Zusammenfassung und Ausblick
Die Bukowina und ihre Dichter
Die literarische Tradition in Bezug auf die Jahreszeiten
Immanuel Weißglas
Alfred Margul-Sperber
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung jahreszeitlicher Metaphorik in der Lyrik von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, insbesondere unter Einbeziehung ihres Briefwechsels Herzzeit. Das primäre Ziel ist es, die wechselseitige poetische Beeinflussung der Autoren zu ergründen und aufzuzeigen, wie Naturmetaphern als sprachreflexives Mittel im Kontext von Kriegs- und Holocausttraumata sowie der Suche nach einer "neuen Sprache" fungieren.
- Analyse der sprachreflexiven Bedeutung von Herbst-, Winter-, Frühling- und Sommermotiven.
- Untersuchung des Briefwechsels als Schlüssel zur biographischen und poetologischen Interdependenz.
- Erforschung der Konzepte "Sprachhoffnung" und "Sprachskepsis" bei Bachmann und Celan.
- Kontrastierung von "Stein" und "Blume" als zentrale Chiffren im Celanschen Werk.
- Einordnung des dichterischen Scheiterns und der Flucht in die Prosa als Reaktion auf Sprachkrisen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Schreibblockade vs. Unendlichkeit der Möglichkeiten
Bevor ich auf Bachmanns Gedichte selbst zu sprechen komme, möchte ich zuerst auf eine beachtenswerte Studie von Monika Schmitz-Emans eingehen, die den Ausgangspunkt für meine Untersuchungen darstellt. Das folgende Zitat aus Bachmanns fünftem Teil der Frankfurter Vorlesungen mit dem Titel Literatur als Utopie steht dabei im Mittelpunkt:
So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen- so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen. Unser Verlangen macht, dass alles, was sich aus Sprache schon gebildet hat, zugleich teilhat an dem, was noch nicht ausgesprochen ist, und unsere Begeisterung für bestimmte herrliche Texte ist eigentlich die Begeisterung für das weiße, unbeschriebene Blatt, auf dem das noch Hinzuzugewinnende auch eingetragen scheint.
Bachmanns Verständnis von Literatur manifestiert sich angesichts dieses Zitats in einer Spannung zwischen wirklichen – das heißt schon existierenden und damit sichtbaren Texten – und möglichen, noch ungeschriebenen Schriften. Damit, so Schmitz-Emans, kreuzt Bachmann wichtige Gedanken und Vorstellungen der Poetik des 20. Jahrhunderts: Zum einen weise „das weiße, unbeschriebene Blatt“ auf den literarischen Schreibprozess hin, den Robert Musil und Paul Valéry als wichtiger erachten, als das vollendete, literarische Werk an sich, da jeder fertige Text „nur eine Durchgangsstation in jener als prinzipiell unabschließbar zu denkenden Schreibbewegung“ darstelle.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die literarische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Sprachkrise der Nachkriegszeit sowie die Bedeutung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan in diesem Kontext.
2 Herzzeit: Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Dieses Kapitel analysiert den Briefwechsel als zentrales biografisches Dokument, das die wechselseitige poetische Inspiration und die Liebesbeziehung der Autoren erhellt.
3 Der Herbst: Bäume und Blätter: Das Kapitel untersucht die Herbstmetaphorik als Zeichen für Vergänglichkeit und den Schreibprozess, wobei die Spannung zwischen Schreibblockade und utopischem Potenzial im Zentrum steht.
4 Der Winter: Eis, Schnee und Kälte: Hier wird der Winter als Symbol für Sprachlosigkeit und Schweigen in der Lyrik beider Autoren gedeutet.
5 Der Frühling: Das Eis schmilzt: Die Untersuchung befasst sich mit dem Frühling als Prozess der sprachlichen Erneuerung und der Überwindung von Starrheit.
6 Der Sommer: Sonne, Meer und Blume: Das Kapitel beleuchtet den Sommer als Gegenpol zum winterlichen Schweigen und als utopistische Hoffnung, zeigt aber auch dessen Scheitern auf.
7 Der Einbruch in die Idylle oder das Scheitern der Hoffnung: Hier wird das Verstummen der Lyrikerin Bachmann in ihren späten Jahren und im Nachlass thematisiert.
8 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die parallelen Entwicklungen und die gegenseitige Beeinflussung von Bachmann und Celan zusammen.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Herzzeit, Lyrik nach 1945, Holocaust, Sprachskepsis, Sprachhoffnung, Jahreszeiten, Metaphorik, Schreibprozess, Schweigen, Utopie, Sprachkrise, poetologische Analyse, Briefwechsel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit untersucht die Bedeutung und Funktion jahreszeitlicher Motive in der Lyrik von Ingeborg Bachmann und Paul Celan und wie diese mit ihrer jeweiligen Poetik nach dem Holocaust korrespondieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die Sprachskepsis und Sprachhoffnung nach Auschwitz, die poetische Verarbeitung von Kriegs- und Holocausttraumata sowie die Rolle des Briefwechsels für das dichterische Werk beider Autoren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bachmann und Celan sich gegenseitig in ihrem Schreiben beeinflussten und wie sie metaphorisch nach einer angemessenen Sprache für die Unsagbarkeit des Holocaust suchten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche, poetologische Analyse, die primär textimmanente Interpretationen der Gedichte mit biographischen Dokumenten (Briefen) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist chronologisch und thematisch nach den vier Jahreszeiten gegliedert, wobei jede Jahreszeit als Metapher für spezifische Zustände von Sprache, Verstummen oder Hoffnung analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Herzzeit, Holocaust, Sprachkrise, Metaphorik und Jahreszeiten.
Welche Bedeutung hat das Gedicht "In Aegypten" für die Autorenbeziehung?
Es markiert den Beginn des Briefwechsels und dient der Autorin als Beleg dafür, wie Celan Bachmann mit der schweren Holocaust-Thematik konfrontierte und ihr eine poetische Verantwortung auferlegte.
Wie lässt sich der Wandel von der Lyrik zur Prosa bei Bachmann erklären?
Die Arbeit deutet diesen Übergang als eine bewusste Abkehr von der ästhetisierten Metaphernsprache, die Bachmann gegen Ende ihres Lebens als unangemessen und als Verfälschung der Wirklichkeit empfand.
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- Caroline Brülhart (Author), 2013, Die Jahreszeit-Metaphorik in der Lyrik Ingeborg Bachmanns und Paul Celans, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494093