Der totalitäre Rousseau. Eine kritische Betrachtung des volonté générale


Essay, 2015
6 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Der totalitäre Rousseau-eine kritische Betrachtung des volonté générale

Heutzutage verbinden die meisten Menschen mit dem Konzept der Demokratie die Ideale der Freiheit und Gleichheit. Dass Jean-Jacques Rousseau in seinem 1762 erschienenen Hauptwerk Du Contract Social ou Principes du Droit Politique (Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes) eine radikale Demokratietheorie entwarf, welche totalitäre Züge in sich trägt, erscheint vor diesem Hintergrund umso erstaunlicher. Es stellt sich nun die Frage, inwieweit der Staatsentwurf Rousseaus von einem totalitären Geist durchzogen ist. Um dies aufzuklären, werden im Folgenden an beispielhaften Ausschnitten einzelne Aspekte seines contract social und des damit verbundenen volonté générale kritisch hinterfragt und nach totalitären Elementen untersucht.

Rousseau beginnt sein Werk mit ein paar einführenden Worten, die aber bereits sehr tief in seine Gedanken blicken lassen. „Die gesellschaftliche Ordnung ist ein geheiligtes Recht“1 dogmatisiert er gleich zu Beginn. Wenn etwas heilig ist, dann ist es im allgemeinen Verständnis unantastbar, nicht veränderbar und für den Menschen nicht erreichbar. Er stilisiert also gleich zu Beginn seinen Entwurf einer Demokratie zu etwas Religiösem und Sakralem. Ist dieses System erst einmal implementiert, dann scheint sich jede Kritik an demselben zu verbieten.

Nachdem Rousseau die Voraussetzungen für den Gesellschaftsvertrag beschrieben hat, kommt er nun zu dessen Entstehung. Sein Ziel ist es, einen Entwurf zu formulieren, der das Vermögen und Leben eines jeden Einzelnen schützt, aber die Individuen genau so frei lässt, wie im Naturzustand zuvor. Damit dies geschehen kann, ist es nötig, dass jeder Einzelne sich vollständig an das Gemeinwesen veräußert.2 Dieser Gedanke erscheint in sich widersprüchlich. Eine völlige Rechtslosigkeit gegenüber eines abstrakten volonté générale bietet Freiheit, aber eine Freiheit ohne Rechte. Die völlige Entäußerung ist doch vielmehr Kennzeichen eines totalitären Regimes und gerade nicht einer freiheitlichen Gesellschaft. Der demokratische Akt hierbei soll die Unterwerfung unter den volonté générale eines jeden Einzelnen durch eine freie Entscheidung sein. Der Gehorsam gegenüber einem sich selbst verordnetem Gesetz bietet bei Rousseau also Freiheit.3 Zwar ist der Gehorsam gegenüber einem demokratischen Gesetz nicht primär zu verurteilen, doch welche Folgen diese völlige Entäußerung mit sich ziehen, wird später noch erläutert.

Durch diesen Schritt werden alle Menschen gleich, da dem Einzelnen keine besonderen individuellen Rechte mehr bleiben. Alle stellen sich gemeinsam unter den volonté générale und werden zu einer „Gesamtkörperschaft“4. Bereits an dieser Stelle bietet Rousseau eine große Angriffsfläche für Kritik. Die Gesellschaft wird völlig entindividualisiert. Eine individuelle Freiheit, wie sie Rousseau anfangs noch fordert (s.o.), scheint seltsamerweise nicht mehr möglich. Die Gesellschaft wird zu einer homogenen grauen Masse und bildet damit den perfekten Nährboden für Totalitarismus und Despotismus. Zwar überwindet Rousseau die strikte Trennung des Aristoteles von Herrschenden und Beherrschten und schafft eine für die damalige Zeit revolutionäre Volkssouveränität, doch es stellt sich die Frage, wieso diese Unterwerfung notwendig für eine Gleichheit der Menschen sein soll. Die Trennung der Gesellschaft in Herrschende und Beherrschte ist nicht notwendigerweise die Ursache für Ungleichheit, sofern diese Trennung nicht wie bei Aristoteles an scheinbar angeborenen Voraussetzungen, sondern an demokratischen Verfahren und Rechtsstaatlichkeit festgemacht wird. Der Schritt, den Rousseau hier geht, erscheint allzu drastisch und übereilt. Außerdem beinhaltet er im Endeffekt die Gefahren für Totalitarismus und dergleichen, also das genau Gegenteil von dem eigentlich angestrebten Ziel.

Durch die Zusammensetzung des Souveräns aus den Mitgliedern, die durch ihn beherrscht werden, sind keine sich widersprechenden Interessen möglich.5 Im volonté générale gibt es somit keinen Antagonismus von sich widerstreitenden Interessen.6 Dieser Umstand erscheint geradezu utopisch, denn selbst in den kleinsten Gruppen gibt es konträre Meinungen über das gemeinsame Wohlbefinden. Die Gesellschaft Rousseaus setzt sich idealerweise aus einer möglichst homogen denkenden Masse an Menschen zusammen. Wenn man nun einmal in eine beliebige Partei in der Bundesrepublik blickt, die sich bekanntermaßen aus Menschen zusammen setzt, die größtenteils dasselbe Weltbild besitzen und dieselben politischen Ziele verfolgen, so stellt man fest, dass es dennoch heiße Diskussionen und wortgewaltige Auseinandersetzungen gibt. Vor diesem Hintergrund erscheint es paradox, wie dies erst in einem (wenn auch kleinen) Staat funktionieren soll. Die Folgen hieraus wären dramatisch. Die vom volonté générale abweichenden Meinungen könnten unterdrückt, anders denkende Menschen eingeschüchtert werden. Diktatur, Zensur und Verfolgung wären die logische Konsequenz aus Rousseaus Denken, damit die „Einheit“ des Staates, wenn auch nur vordergründig, erhalten bleibt.

Doch auch Rousseau konstatiert, dass es Einzelwillen geben kann, die vom volonté générale abweichen. Seine angebotene Lösung bestätigt die oben befürchteten Folgen: Das Individuum kann „von der gesamten Körperschaft dazu gezwungen [werden]“7, den Gesamtwillen zu befolgen, denn dies würde nichts anderes bedeuten, als jemanden zwingen frei zu sein. Diese Begründung erscheint geradezu grotesk und unsinnig, denn Entscheidungsfreiheit besteht doch gerade darin, sich selbständig zu etwas zu entscheiden. Wenn man nun zu etwas gezwungen wird, ist dies doch gerade das Gegenteil von Freiheit. Wie kann also ein Zwang Freiheit bedeuten? Nun zeigen sich die Folgen des Gehorsams gegenüber dem selbstauferlegten Gesetz. Der Gehorsam verlangt eine völlige Unterordnung unter den volonté générale, Abweichungen hiervon werden schlichtweg nicht akzeptiert.

In seinem zweiten Buch konkretisiert Rousseau nun seine Vorstellung einer Gesellschaft. Der Souverän, der wie bereits beschrieben aus jedem einzelnen Mitglied des Staates besteht, kann nicht repräsentiert oder übertragen werden.8 Folglich ist der einzige Weg, den volonté générale auszuüben, eine direktdemokratische Partizipation aller an der Entscheidungsfindung. Hieraus, sowie aus dem Vorhergehendem folgt, dass ein Einzelwille zwar kurzfristig mit dem Gesamtwillen übereinstimmen kann, aber nie längerfristig und auf Dauer. Was sich letztlich daraus ergibt, wird von Rousseau schlichtweg an dieser Stelle ausgespart. Denn wenn der Einzelne auf Dauer von der Ausübung des Gesamtwillens benachteiligt wird und seine Interessen keinen Platz in der Gemeinschaft finden, wird er über kurz oder lang seinen Gehorsam aufgeben, sich mit Gleichgesinnten umgeben und einen Konflikt provozieren. Dieser Konflikt mündet dann entweder in einer Abspaltung und Gründung eines neuen Staates mit einem neuen, eigenen volonté générale oder einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit dem verbleibenden Rest der staatlichen Gemein-schaft.9 Dieser Prozess würde dann solange fortgesetzt, bis es nur noch eine schiere Menge an Kleinststaaten gäbe, die faktisch nicht agieren könnten und somit nicht überlebensfähig wären, oder bis ein Despot die Gelegenheit ergreift und die sich streitenden Parteien mit Gewalt zusammenhält. Wieder einmal zeigt sich der Utopismus und das totalitäre Potential von Rousseaus Gesellschaftsvertrag.

Neben der Nicht-Repräsentierbarkeit der Souveränität ist sie auch unteilbar. Rousseau vergleicht den Souverän mit einem menschlichen Körper. Der Souverän kann ebenso wie der menschliche Körper nicht zerteilt und anschließend wieder wirr zusammengesetzt werden, was bei der Gewaltenteilung allerdings der Fall wäre. Rousseau schließt hier also die Gewaltenteilung nicht nur kategorisch aus, sondern er kritisiert sie auch massiv.10 Gewaltenteilung sei etwas „unnatürliches“, es strebe gegen das Wesen eines Staates. Dabei ist die Gewaltenteilung ein Grundpfeiler aller demokratischen Staaten dieser Erde. Sogar empirisch gesehen herrschten bis auf wenige Ausnahmen in jedem Staat ohne Gewaltenteilung Unrecht, Zensur, Gewalt und dergleichen. Hierbei genügt ein Blick auf die absolutistischen Staates des Mittelalters oder die Regime des 20. und 21. Jahrhunderts. Rousseau ignoriert hier geradezu die empirische Wirklichkeit und demaskiert somit unfreiwillig seine eigene Theorie.

Nun könnte man einwenden, dass Rousseau doch die Ausübung des volonté générale nicht absolutistisch einer Person oder Gruppe überlässt, sondern der ganzen Gemeinschaft aufträgt. Doch was passiert, wenn sich wie am obigen Beispiel aufgezeigt, Gruppierungen und Parteien mit denselben Interessen herausbilden? Für Rousseau entsteht der volonté générale durch die Summe der Unterschiede der Einzelwillen. Wenn sich nun also Vereinigungen heraus bilden, dann gibt es weniger Stimmen, als es Menschen in dem Staat gibt und der entstehende volonté générale wäre weniger allgemein, genauer gesagt wäre er nicht einmal mehr ein volonté générale. Da Parteien und ähnliche Interessens-gruppierungen dem Gemeinwillen und dem daraus entstehenden Gemeinwohl schaden, sind sie für Rousseau nicht zulässig. Sein Ausweg daraus besteht in der absichtlichen Zersplitterung und Destabilisierung ebendieser Gruppierungen.11 Dies stellt natürlich einen eklatanten Eingriff in die Meinungsfreiheit dar. Wenn man sich nicht mit Gleichgesinnten versammeln und gemeinsame Interessen artikulieren, sondern sich nur isoliert seine eigene Meinung bilden darf12, dann existiert faktisch kein echter Meinungsbildungsprozess, da man nie anderslautende Argumente zu Gesicht bekommt. Ferner, und dies ist um einiges desolater, hätte der Einzelne keinerlei Einfluss auf das politische Geschehen, da das Erringen von Mehrheiten nur mithilfe von Diskussionen und dem Überzeugen anderer von statten gehen kann, was aber hier nicht möglich wäre. Wer aber genau diese Zersplitterung übernehmen soll, lässt Rousseau unerwähnt. Auch hier kann nur spekuliert werden über eine Entgleisung in den Totalitarismus.

[...]


1 Rousseau, Jean-Jacques (1763): „Du Contract Social ou Principes du Droit Politique“ In: Ders.: Gesellschaftsvertrag. Hrsg. Brockard, Hans. Stuttgart: Reclam. S. 6.

2 Vgl. Ebd.: 17.

3 Röhrs, Hermann (1966): Jean-Jacques Rousseau. Vision und Wirklichkeit. Heidelberg: Quelle & Meyer Verlag. S. 110.

4 Rousseau (1763): 18.

5 Vgl. Ebd.: 20.

6 Vgl. Mensching, Günther (2000): Rousseau. Zur Einführung. Hamburg: Junius-Verlag. S. 108.

7 Rousseau (1763): 21.

8 Vgl. Ebd.: 27.

9 Vgl. Mensching (2000): 106-107.

10 Vgl. Rousseau (1763): 28-29.

11 Vgl. Ebd.: 31-32.

12 Vgl. Ebd.: 31.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Der totalitäre Rousseau. Eine kritische Betrachtung des volonté générale
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V495520
ISBN (eBook)
9783346004604
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rousseau, eine, betrachtung
Arbeit zitieren
Andreas Schumacher (Autor), 2015, Der totalitäre Rousseau. Eine kritische Betrachtung des volonté générale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495520

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