CO2-Offsetting. Symbolisches und substanzielles Handeln in der Logistikbranche

DHL GoGreen - Substanzieller Umweltschutz oder symbolisches Handeln?


Bachelorarbeit, 2019
35 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis.

1. Einführung und Zielsetzung.

2. Theoretischer und konzeptioneller Rahmen.
2.1 Legitimität
2.2 Symbolisches und substanzielles Handeln.

3. Fallbeispiel CO2-Offsetting.
3.1 Fallauswahl und Vorgehensweise.
3.2 Aufbau und Gewinnung von Legitimität
3.3 Analyse.
3.3.1 GoGreen-Website.
3.3.2 CO2-Kompensationsprojekte.
3.3.3 Rolle von Standards.
3.3.4 Ergebnisse der Analyse.

4. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung und Zielsetzung

„Es ist unsere moralische Pflicht und Verantwortung, aus Solidarität mit den Armen und mit zukünftigen Generationen den Klimawandel zu bekämpfen“ (Overbeck 2018).

Im Rahmen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen wurde am 11. Dezember 1997 das Kyoto-Protokoll verabschiedet, welches nach dem Austragungsort Kyoto in Japan benannt wurde. Die 191 Staaten, die das Protokoll ratifizierten, haben sich dazu verpflichtet ihre zugesagten Emissionsreduktionsziele zu erreichen. Zur einfacheren Einhaltung dieser Ziele soll den Industrieländern unter anderem das Instrument des Emissionshandels dienen, welches ihnen erlaubt Emissionsrechte untereinander zu handeln.

Neben diesem Mechanismus steht Ländern im Rahmen des Clean Development Mechanism (CDM) noch ein weiteres Werkzeug zur Verfügung. Der CDM besagt, dass ein Land, welches in einem Entwicklungsland ein Klimaschutzprojekt finanziert, die daraus resultierenden Emissionsminderungen in Form von Minderungszertifikaten gutgeschrieben bekommt. Im Jahr 2007 wurde das Kyoto-Protokoll durch den programmatischen Ansatz ergänzt. Dieser Ansatz erlaubt es Unternehmen und Privatpersonen CDM-Projekte zu registrieren, welche fortan ebenfalls eine Vielzahl von Emissionsreduktionszertifikaten in Entwicklungsländern erwirtschaften sollen. Hierdurch soll ein flächendeckender Ansatz für eine nachhaltige Verhaltensänderung von Haushalten und Unternehmen etabliert werden (vgl. BMU 2017). Aus Sicht des Bundesumweltministeriums leisten Haushalte und Unternehmen damit „[…] in der Regel einen substanziellen und breitenwirksamen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung der Partnerländer, der so durch Einzelprojekte nicht erreicht werden kann“ (BMU 2017). Ein theoretisches Konzept, welches hinter den Gedanken des CDM steht, ist die CO2-Kompensation, welche auch unter dem international gebräuchlichen Begriff CO2-Offsetting bekannt ist. Ein Unternehmen, welches diesen Ansatz im Rahmen seiner Umweltpolitik verfolgt ist die Deutsche-Post-AG-Tochter DHL International GmbH, im Folgenden DHL. DHL führte im Jahr 2005 das Programm GoGreen ein und wirbt seither, innerhalb Deutschlands klimaneutral zu versenden (vgl. Gregori/Wimmer 2011: 184). Das Umweltbundesamt warnt in Bezug auf CO2-Kompensation explizit vor sogenanntem Green-Washing (vgl. Umweltbundesamt 2016). Kritiker der CO2-Kompensation sprechen von einer modernen Form des Ablasshandels, in dem das schlechte Gewissen aufgrund eines umweltschädlichen Verhaltens durch die Zahlung eines gewissen Geldbetrages wieder reingewaschen werden könne (vgl. Revkin 2007). Im Bereich der Umsetzung der von den Stakeholdern einer Organisation geforderten Maßnahmen ist laut einer Studie von Walker/Wan (2011) festgestellt worden, dass symbolisches Handeln einer Organisation nachweislich finanziell schaden kann (vgl. Walker/Wan 2011: 240). Neben der Berücksichtigung der oben genannten Kritik soll in Hinblick auf die gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Zweifel an der substanziellen Umsetzung des CO2-Offsettings im Verlauf dieser Bachelorarbeit die folgende Forschungsfrage beantwortet werden:

„Inwiefern besitzt das Programm GoGreen des Logistikunternehmens DHL in Bezug auf die Umsetzung von CO2-Offsetting substanziellen Charakter?“

Wenn das Programm GoGreen substanziellen Charakter aufweist, könnte dies für das Management einer Organisation und damit für die Organisationsforschung im Allgemeinen einen Vorbildcharakter für die Umsetzung der Forderungen von Anspruchsgruppen im Bereich des Umweltschutzes darstellen. Aktuelle Veröffentlichungen, wie die von Hyatt/Berente (2017) zeigen, dass für die Organisationsforschung darüber hinaus ein großes Interesse an den Auswirkungen und unterschiedlichen Ausprägungen symbolischen und substanziellen Handelns besteht. Das zugrundeliegende organisationswissenschaftliche Forschungsinteresse sowie die politische Aktualität in Bezug auf eine substanzielle Umsetzung des CO2-Offsettings bekräftigen die Relevanz dieser Arbeit.

In den Kapiteln 2.1 und 2.2 wird durch eine Literaturrecherche ein allgemeiner Theorierahmen für diese Arbeit ausgearbeitet. Zum besseren Verständnis soll die Bedeutung von Stakeholdern für die Legitimität organisationalen Handelns in Kapitel 2.1 herausgearbeitet werden. Hierbei wird insbesondere die Arbeit von Suchman (1995) als definitorische Grundlage dienen. Das Kapitel 2.2 soll die Theorie in Bezug auf symbolisches und substanzielles Handeln näher erläutern. Besonders die Arbeiten von Ashforth/Gibbs (1990) und Walker/Wan (2011) werden dafür als Theoriegrundlage dienen. In Kapitel 3.1 wird das Thema CO2-Offsetting behandelt, bevor in Kapitel 3.2 analysiert wird, welche Form der Legitimität DHL versucht durch das Programm GoGreen aufrecht zu erhalten oder zu erlangen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird auf der Beantwortung der Forschungsfrage liegen. In Kapitel 3.3 werden die zuvor herausgearbeiteten theoretischen Konzepte zum Thema symbolisches und substanzielles Handeln auf das Fallbeispiel GoGreen angewendet. Dies soll mit Hilfe einer kriterienbasierten Inhaltsanalyse der DHL Website erfolgen, sowie durch eine Analyse der von DHL zur Kompensation genutzten Klimaschutzprojekte. Den Abschluss dieser Arbeit wird das Kapitel 4 bilden, in dem die Ergebnisse diskutiert und schlussendlich in Form eines Fazits interpretiert und kritisch reflektiert werden.

2. Theoretischer und konzeptioneller Rahmen

In dem nun folgenden Teil dieser Arbeit werden die für die Beantwortung der Forschungsfrage relevanten theoretischen und konzeptionellen Grundlagen erläutert. Dabei wird im ersten Abschnitt der Begriff der Legitimität detailliert erklärt. Darüber hinaus werde ich die für meine Arbeit relevante Definition von Legitimität erläutern, welche sich nach Suchman (1995) richten wird. Im zweiten Teil sollen die beiden Begriffe symbolisches und substanzielles Handeln voneinander abgegrenzt werden. Hierbei werden besonders die Arbeiten von Ashforth/Gibbs (1990), sowie Walker/Wan (2011) dienlich sein. Dieser grundlegende Einstieg soll ein klar definiertes und einheitliches Verständnis schaffen, welches für eine sachliche und objektive Betrachtung des Themas unerlässlich ist.

2.1 Legitimität

Verschiedene Stakeholder, wie zum Beispiel Kunden, Arbeitnehmer, Investoren, die Regierung und die Gesellschaft im Allgemeinen können ein Interesse an der betrieblichen Umwelt eines Unternehmens zeigen. Unternehmen können wiederum ein Interesse daran haben, den Ansprüchen ihrer Stakeholder gerecht zu werden, um unter anderem ihre Legitimität aufrecht zu erhalten. Eine Definition, welche in der Legitimations-Forschung “einschlägig geworden ist” (Koch 2018: 194), beschreibt Legitimität als „ generalized perception or assumption that the actions of an entity are desirable, proper, or appropriate within some socially constructed system of norms, values, beliefs and definitions “ (Suchman 1995: 574).

Aus dieser Definition können zwei Arten von Anspruchsgruppen abgeleitet werden. Auf der einen Seite die Organisationen, welche im Zuge der Ausübung ihres Kerngeschäftes bestimmte Handlungen vornehmen und auf der anderen Seite ein soziales System, beispielsweise die Gesellschaft, welche diese Handlungen aus einer normativen Perspektive beurteilt. Liegt aus Sicht der Stakeholder kein konkludentes Verhalten vor, kann dies zu Beeinträchtigungen für eine Organisation führen, welche die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit, die Rechtmäßigkeit der betriebsbezogenen Aktivitäten oder die soziale Akzeptanz des Verhaltens gefährdet (vgl. Woodward et al. 1996: 331.) Dabei ist besonders zu beachten, dass Legitimität als ein langfristig-orientierter Prozess verstanden werden muss. Für die Zuschreibung von Legitimität ist hierbei nicht die reale, vielmehr die von den Stakeholdern wahrgenommene Ausformung der Merkmale von Bedeutung. Welche Merkmale die Stakeholder beurteilen ist situativ und besonders davon abhängig, ob sie der Organisation angehören oder ob sie die Organisation als Außenstehende betrachten. Weitestgehend unklar bleibt jedoch, wie eine Organisation durch ihre Stakeholder Legitimität erreicht. Suchman (1995) konnte hier einen wichtigen Beitrag zur Erkenntnisgewinnung leisten, in dem er zuerst den Begriff der Legitimität aus einer organisatorischen Perspektive beschreibt, welche für diese Arbeit von grundlegender Bedeutung ist. Diese Perspektive umfasst zwei Ansätze der organisatorischen Legitimität, zum einen den strategischen, zum anderen den institutionellen Ansatz.

Der strategische Ansatz bezeichnet Legitimität als eine operative Ressource, welche aus dem kulturellen Umfeld einer Unternehmung gewonnen, und zur Verfolgung der Unternehmensziele eingesetzt wird (vgl. Suchman 1995: 576). Legitimität wird demnach ganz bewusst durch die Unternehmensführung für organisatorische Ziele eingesetzt. Dabei wird eine besonders ausgeprägte Einflussnahme durch das Management auf den Legitimationsprozess von Suchman (1995) hervorgehoben. Diese Einflussnahme kann durch symbolisches Handeln, welches exogen nur sehr eingeschränkt nachgeprüft werden kann oder durch substanzielles Handeln, in Form von greifbaren, realen Ereignissen, geschehen. Inwieweit sich die Ausprägungen und Auswirkungen von substanziellem und symbolischem Handeln unterscheiden, wird im Unterkapitel 2.2 näher erläutert werden.

Der institutionelle Ansatz widerspricht dem strategischen Ansatz, da Legitimität und der Zugang von Organisationen zu externen Ressourcen vielmehr als ein Nebenprodukt des Strebens nach einer ganz natürlichen und bedeutungsvollen Existenz jener Organisation verstanden wird (vgl. Suchman 1995: 576). Es kommt folglich auf die Perspektive an, aus der Legitimität betrachtet wird. Für diese Arbeit ist insbesondere der strategische Ansatz der organisatorischen Legitimität relevant, welcher Legitimität als eine veränderbare Ressource beschreibt, die durch ein (opportunistisches) Management mit Hilfe von substanziellem und/ oder symbolischem Handeln manipulierbar ist. Suchman (1995) hebt jedoch explizit die Dualität der Begrifflichkeiten hervor und weist daraufhin, dass beide Strategien als „ […] larger picture, that highlights both the ways in wich legitimacy acts like a manipulable resource and the ways in which it acts like a taken-for-grand belief system “ (ebd.: 577) verstanden werden müssten. In der organisatorischen Legitimität unterscheidet Suchman (1995) neben diesen beiden Ansätzen drei verschiedene Arten von Legitimität, die auch als Idealtypen der Legitimität verstanden werden können: Pragmatische, moralische und kognitive Legitimität (vgl. ebd.: 577). Dabei gilt für die drei Formen der Legitimität die Annahme, dass Organisationen von einem durch Werte und Normen geprägten, kulturellen System umgeben sind, welches das Verhalten der Organisation beurteilt. Der Unterschied liegt hierbei in der Beurteilung selbst.

Die pragmatische Legitimität beschreibt, dass Legitimität durch einen Austauschprozess zwischen einer Organisation und dem kulturellen System erreicht werden kann. Dabei basiert diese Zielerreichung auf einem egoistischen Selbstinteresse der Organisation, denn kann die Organisation die an sie gestellten Ziele nicht erreichen besteht die Möglichkeit, dass das kulturelle System die Legitimität entzieht. Besonders bei der Vermischung oder der Veränderung von Zielsystemen ist dieser Vorgang zu beobachten (vgl. Sandhu 2014: 1170). Steht für einen gemeinnützigen Verein plötzlich eine Gewinnorientierung im Vordergrund, verschieben sich auch die Zieldefinitionen des Vorstands. Die Legitimität, die dem Verein durch Mitglieder des kulturellen Systems aufgrund seiner gemeinnützigen Ausrichtung zugesprochen wurde, kann im Laufe der Neuausrichtung wieder entzogen werden.

Die moralische Legitimität orientiert sich im Gegensatz zu der pragmatischen Legitimität nicht an der Zielerreichung, sondern vielmehr an den kulturellen Normen und Werten der Unternehmensumwelt. Nur wenn Organisationen die gesellschaftlich festgelegten Normen und Werte einhalten, gelten sie als moralisch legitimiert. Dabei können sich widersprechende Werte auch zu Legitimitätskonflikten führen (vgl. Sandhu 2014: 1170).

Die dritte Form ist die kognitive Legitimität. Hierbei spielt das Erfüllen der Normen und Werte eine eher untergeordnete Rolle. Eine Organisation erhält Legitimität, wenn sie als plausibel und selbstverständlich wahrgenommen wird, Suchman (1995) spricht auch von „ taken-for-grantedness “ (ebd.: 582). Eine Daseinsberechtigung reicht somit aus. Das kulturelle System fungiert nicht als Wächter über die Einhaltung von Werten und Normen durch die Organisation, sondern klassifiziert Organisationen und ordnet sie in entsprechende Kategorien ein (vgl. Sandhu 2014: 1171).

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass Legitimität durch eine Attribution des kulturellen Umfelds, also einer äußeren Zuschreibung, entsteht. Demnach ist die externe Wahrnehmung von Organisationen von wesentlicher Bedeutung für den Fortbestand ebendieser. Welchen Einfluss diese Erkenntnisse auf die Umsetzung der Forderungen der Stakeholder für eine Organisation haben, wird im nächsten Kapitel näher erläutert. Darüber hinaus werden die Unterschiede zwischen symbolischem und substanziellem Handeln näher beleuchtet. Eine klare Abgrenzung ist besonders für die in Kapitel 3 folgende Analyse unerlässlich.

2.2 Symbolisches und substanzielles Handeln

Nach Ashforth/Gibbs (1990) kann eine Organisation durch zwei Handlungen Legitimität erreichen: substanzielle und symbolische Handlungen. Dabei definieren die Autoren substanzielle Handlungen wie folgt:

This approach involves real, material change in organizational goals, structures, and processes or socially institutionalized practices “ (Ashforth/Gibbs 1990: 178).

Damit eine Handlung folglich als substanziell anerkannt werden kann, muss eine reale Veränderung von Strukturen oder Prozessen in Bezug auf die zu erfüllende Rollenerwartung stattfinden (vgl. Stelzer 2009: 101). Im Gegensatz dazu definieren Ashforth/Gibbs (1990) symbolische Handlungen folgendermaßen:

Rather than actually change its ways, the organization might simply portray – or symbolically manage – them so as to appear consisten with social values and expectations. Symbolic management, in short, transforms the meaning of acts “ (Ashforth/Gibbs 1990: 180).

Bestimmte Handlungen zu betonen ohne dabei eine strukturelle Anpassung in der Realität vorzunehmen, stellt ein typisches Merkmal von symbolischen Handlungen dar (vgl. Stelzer 2009: 101). Ashforth/Gibbs (1990) ergänzen die Definitionen durch konkrete Beispiele symbolischer und substanzieller Handlungen. Die für diese Arbeit relevanten Beispiele werden in Kapitel 3 erläutert. Diese Formen von symbolischem und substanziellem Handeln sollen anschließend in Kapitel 3.3 gemäß ihrer Ausprägung im Programm GoGreen geprüft werden. Hierzu werden einzelne Kompensationsprojekte hinsichtlich ihrer qualitativen Umsetzung geprüft. Darüber hinaus werden die Aussagen, die DHL auf ihrem Kundenbereich der Homepage tätig mit Hilfe der Abgrenzungen von Ashforth/Gibbs (1990) analysiert, bewertet und anschließend kategorisiert.

Wie eine Organisation den Ansprüchen ihrer Umwelt im Einzelfall gerecht wird, hängt jedoch von vielen Faktoren ab. Pfeffer/Salancik (2003) stellen in der Ressource Dependence Theorie unter anderem die Annahme auf, dass eine Organisation dazu tendieren wird, den Anforderungen derjenigen Anspruchsgruppen nachzukommen, die die für die Organisation essenziellen Ressourcen kontrolliert (vgl. Pfeffer/Salancik 2003: 44). In Anlehnung daran erwarten Ashforth/Gibbs (1990), dass das Management einer Organisation symbolische Handlungen den substanziellen Handlungen bevorzugt. Allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Organisation substanziell tätig wird, wenn die Anspruchssteller über größere Macht, Motivation und politischen Einfluss verfügen (vgl. ebd.: 182). Um diesen Einfluss, der auf die Abhängigkeit von bestimmten Ressourcen zurückzuführen ist, und die daraus resultierende Macht einer Anspruchsgruppe zu verringern, können Unternehmen zum einen den Anforderungen ihrer Anspruchsgruppen nachkommen. Zum anderen könnten sie den Eindruck erwecken, die Forderungen seien bereits erfüllt (vgl. Nienhüser 2008: 15). Da Kunden über finanzielle Mittel und damit über eine der zentralen kritischen Ressourcen für Organisationen verfügen, besteht Grund zur Annahme, dass Organisationen den Anforderungen ihrer Kunden nachkommen werden, da diese gemäß der Ressource Dependence Theorie über erhebliche Macht verfügen. Fraglich ist, ob diese Anforderungen substanziell erfüllt werden, oder lediglich ein symbolisches Handeln den Schein einer Erfüllung der Anforderungen erwecken soll.

Neben den Begriffen des symbolischen und substanziellen Handelns lässt sich der Begriff Green-Washing ergänzen, welcher auch als Ergebnis der Differenz aus substanziellem und symbolischem Handeln verstanden werden kann (vgl. Walker/Wan 2011: 234). Eine Organisation, welche sich als besonders grün ausgibt, ohne dabei die Produktions- und Dienstleistungsprozesse tatsächlich umweltfreundlicher gestaltet zu haben, erhöht das Risiko sich langfristig finanziell zu schaden (vgl. Walker/Wan 2011: 237). Als Handlungsempfehlung für das Präsentieren von umweltfreundlichen Aktivitäten kann Unternehmen geraten werden, den begrenzten Raum einer Website dazu zu nutzen, nur abgeschlossene und erfolgreich umgesetzte Umweltmaßnahmen und Prozessverbesserungen darzustellen. Zukünftig geplante Maßnahmen oder zukünftig potenziell erreichbare Ziele sollten dahingegen nicht genutzt werden, um das ökologische Bewusstsein einer Organisation auszudrücken, denn dieses Verhalten kann der Organisation im schlimmsten Fall einen finanziellen Schaden zufügen (vgl. Walker/Wan 2011: 238). Ob DHL auf ihrer GoGreen-Website dieser Handlungsempfehlung Folge leistet, wird in Kapitel 3.3 untersucht. Die bis hierhin erläuterten theoretischen Ausführungen zu symbolischen und substanziellen Handlungen sind für die weitere Ausarbeitung dieser Arbeit hinreichend. Dennoch sollte bedacht werden, dass symbolische und substanzielle Handlungen als theoretische Extreme verstanden werden. In der Realität bildet sich vielmehr ein fließender Übergang. Eine klare Abgrenzung mit einer trennscharfen Unterteilung, wie bei den Farben schwarz und weiß, gibt es nicht. Vielmehr könne man sich das Spektrum des symbolischen und substanziellen Handelns als gräulichen Schleier vorstellen (vgl. Ashforth/Gibbs 1990: 181).

3. Fallbeispiel CO2-Offsetting

Laut einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Umweltbundesamtes zum Umweltbewusstsein in Deutschland sind 63% der Befragten (n = 2.117) der Meinung, „dass ein hinreichender Umwelt- und Klimaschutz eine grundlegende Bedingung dafür ist, dass Zukunftsaufgaben wie zum Beispiel die Globalisierung gemeistert werden können“ (Umweltbundesamt 2014: 11). Die Auswirkungen der Handlungen von Organisationen auf die Umwelt haben für die Gesellschaft in den letzten Jahren, neben den sozialen Bedingungen, besonders an Relevanz gewonnen (vgl. Cho et al. 2013: 109). Damit Unternehmen ihre Legitimität auch zukünftig erhalten können, müssen Werte und Normen, wie zum Beispiel umweltbewusstes Verhalten, aus der Perspektive der Stakeholder eingehalten werden. Wie in der Einleitung bereits beschrieben, sprechen einige Kritiker in Bezug auf das CO2-Offsetting von einer modernen Form des Ablasshandels. Neben der Berücksichtigung dieser und auch weiterer, aktueller Kritik am CO2-Offsetting soll im Verlauf des nächsten Kapitels untersucht werden, ob der Weg, den DHL mit seinem Programm GoGreen einschlägt, substanziellen Charakter aufweist oder ob sich Anhaltspunkte erarbeiten lassen, die für ein symbolisches Handeln sprechen könnten.

Erste Anhaltspunkte könnten die Aussagen über die Umweltfreundlichkeit des Unternehmens auf der GoGreen-Homepage von DHL liefern. Diese werden deshalb auf substanziellen oder symbolischen Charakter untersucht. Hierbei wird im Hinblick auf die von DHL verfolgte CSR-Strategie nach Anhaltspunkten für das sogenannte Green-Highlighting gesucht, welches in Kapitel 3.3.1 näher erläutert wird. Darüber hinaus wird das Verhältnis von Aussagen über bereits getätigte Projekte und Aussagen über geplante Vorhaben auf der Homepage untersucht. Anschließend werden die unterschiedlichen Ausprägungen substanziellen und symbolischen Handelns erläutert und zur Kategorisierung dieser Aussagen herangezogen. So lassen sich die Informationen, die DHL durch ihre Website an die Kunden weiterleitet, in symbolische und substanzielle Kategorien aufteilen. Weitere Einstufungen lassen sich über eine Analyse der einzelnen Kompensationsprojekte vornehmen. Erste Anhaltspunkte könnten die Untersuchungen im Rahmen des Abschlussberichtes Treibhausgas-Kompensationsanbieter in Deutschland liefern (vgl. Strasdas et al. 2010: 105 f.). Hierbei werden einzelne Faktoren, wie zum Beispiel die Realitätsnähe der Emissionsberechnung, die Kundenkommunikation im Rahmen der Kompensationsgutschrift sowie die Preistransparenz in Bezug auf den Prozentsatz einer Zahlung, der tatsächlich in die Kompensation fließt, bewertet. Zusammen mit den Ausarbeitungen von Ashforth/Gibbs (1990) können die Ergebnisse Aufschluss über die Qualität der von DHL zur Kompensation unterstützten Projekte geben.

3.1 Fallauswahl und Vorgehensweise

Der Logistiksektor stellt mit einem Umsatzvolumen von 200 Mrd. EUR und 2,7 Mill. Beschäftigen den drittgrößten Wirtschaftssektor in Deutschland dar – nach Automobilindustrie und Handel. Der globale Anteil der Logistikbranche an den weltweiten Treibhausgas-Emissionen lag 2005 bei knapp 13% (vgl. Gregori/Wimmer 2011: 16). DHL führt mit einem Jahresumsatz von ca. 9,6 Mrd. EUR in 2017 die Umsatzspitze der Logistikunternehmen in Deutschland an, vor der Deutschen Bahn mit 7,5 Mrd. EUR und Hermes Europe mit 1,8 Mrd. EUR (vgl. Statista 2019). Da DHL folglich als umsatzstärkstes Logistikunternehmen in Deutschland agiert, eignet sich DHL in besonderem Maße für eine exemplarische Untersuchung im Hinblick auf die substanziellen und symbolischen Umsetzungen von Umweltmaßnahmen in der Logistikbranche. Nach eingehender Prüfung des Carbon Footprint Teilgutachtens fiel auf, dass DHL mit einem Ausstoß von 32,2 Mill. t CO2 pro Jahr einen erheblichen Beitrag zur Treibhausgasemission in Deutschland beiträgt (vgl. Umweltbundesamt 2012: 6). Im Vergleich hierzu weist das zweitstärkste Logistikunternehmen in Deutschland, die Deutsche Bahn, einen Jahresausstoß von 14,3 Mill. t CO2 auf (vgl. Umweltbundesamt 2012: 6).

Demnach besteht aus gesellschaftlicher sowie aus organisationswissenschaftlicher Perspektive ein besonderes Interesse daran, dass die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen seitens DHL substanziellen Charakter besitzt. DHL versucht überwiegend durch Kompensationsgutschriften einen Beitrag zu mehr Umweltschutz zu leisten. Dabei ist die Kernaussage des Programms GoGreen, dass jedes Paket in Deutschland klimaneutral versendet werden kann. Problematisch ist, wenn der Begriff klimaneutral von Kunden und Lieferanten nicht hinterfragt wird, denn neutral bedeutet nicht, dass während des Auslieferungs- und Zustellprozesses kein CO2 ausgestoßen wird. Diese Annahme wäre besonders für die deutschen Großstädte wünschenswert, da dort der Grenzwert des NO2- Richtwertes von 40 µg/m³ regelmäßig überschritten wird. Insgesamt haben im Jahr 2017 durchschnittlich 41 Prozent aller verkehrsnahen Messstationen einen Wert über dem des im Jahr 2010 zum Schutze der menschlichen Gesundheit festgelegten Höchstwertes gemessen (vgl. Umweltbundesamt 2018b: 10). Unter dem Begriff klimaneutral ist jedoch etwas anderes zu verstehen. Für den GoGreen-Versand müssen die durch den Transport und die Bearbeitung der Sendung entstehenden CO2-Emissionen vorab berechnet werden. Diese Emissionen lassen sich wie bereits erwähnt unter dem Begriff Carbon Footprint zusammenfassen. Damit DHL nun mit einem klimaneutralen Versand werben kann, investiert die Tochter der Deutschen Post AG in Klimaschutzprojekte in Ländern wie Uganda, China, Lesotho oder Kambodscha. In Lesotho subventioniert DHL in einem eigenen Projekt Brennholz sparende Kocher, die bei Inbetriebnahme gegenüber einer herkömmlichen Feuerstelle bis zu 80 Prozent CO2 einsparen sollen. Dieses CO2-Einsparung wird DHL über Prozesse im Emissionshandel gutgeschrieben und kann fortan zur Kompensation von Paketen der Versandart GoGreen genutzt werden (vgl. Gregori/Wimmer 2011: 186). Die Projekte erfüllen die im ersten Abschnitt angesprochenen Rahmenbedingungen des CDM. Darüber hinaus wird die Qualität der Projekte durch Standardisierung in besonderem Maße hervorgehoben. Die besondere Rolle von Standardisierungen wird im Kapitel 3.3.3 erörtert.

Kompensationsprojekte bieten die Möglichkeit durch Zahlung eines bestimmten Betrags den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern. Der Preis drückt sich in Euro pro zu kompensierende Tonne CO2 aus. Hierbei kann dieser Preis bereits Aufschluss darüber geben, wie kostspielig es für ein Projekt sein wird, eine Tonne CO2 in einem bestimmten Zeitraum einzusparen. Der Preis pro Tonne CO2 kann bei verschiedenen Anbietern stark variieren. Im Rahmen ihrer CSR-Strategie nutzen Unternehmen wie DHL mittlerweile diesen Ansatz und geben Aufschluss über ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck. Dabei können spezialisierte Unternehmensberatungen eine Organisation bei der Berechnung ihres ökologischen Fußabdrucks unterstützen. Dieser soll anschließend durch finanzielle Unterstützung von Klimaschutzprojekten kompensiert werden (vgl. nachhaltig-sein.info 2019). Dieses Instrument nutzt seit 2005 auch die Deutsche-Post-Tochter DHL. Firmenkunden von DHL wird mithilfe dieser CO2-Rechner ermöglicht, ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck, der durch das Versenden von Waren mit DHL entsteht, auszurechnen. Dadurch, dass DHL die entstanden Emissionen wiederum kompensiert, hat jeder Firmenkunde von DHL die Möglichkeit durch eigens ausgestellte Zertifikate transparent zu beweisen, wie viel CO2 durch die Kooperation mit DHL vermeintlich eingespart wurde. Aus ökonomischer Perspektive stellt dies für beide Unternehmen eine vorteilhafte Situation dar. Mit sehr geringen Kosten schaffen es Versandhändler, die DHL als Logistikunternehmen mit dem Versand von Paketen beauftragen, ein ökologisches Image zu vermitteln. Die Kundenbindung kann durch die einzigartig direkte Kompensationsmaßnahme zu Gunsten von DHL erhöht werden. Des Weiteren ist DHL durch die ISO 14001 Zertifizierung in besonderem Maße von exemplarischer Bedeutung für diese Arbeit. So ermittelten Russo/Harrison (2004), dass zertifizierte Mitglieder ihren Emissionsausstoß nach Implementierung der Umweltmanagementnorm ISO 14001 erhöht haben, anstatt ihn zu verringern. Als Grund dafür wird genannt, dass das ISO 14001 Zertifikat als „ […] way to ‘provide cover’ for poor emissions performance by appearing to take steps in the right direction” (Russo/Harrison 2004: 15) angesehen werden könnte. Des Weiteren tendiert das Management einer Organisation, selbst im Falle eines vorhandenen Bewusstseins für die Bedeutung ökologischer Performanz, dazu, sich für die Alternative mit der kostengünstigsten und einfachsten Umsetzbarkeit zu entscheiden (vgl. Berrone/Gomez-Mejia 2009: 105). Nachfolgend soll deshalb am Beispiel von DHL und der Versandart GoGreen geprüft werden, ob Unternehmen durch Kompensationsgutschriften ihrer gesellschaftlichen Verantwortung substanziell gerecht werden können. Vorab wird im nächsten Kapitel kurz erläutert, wie DHL durch das Projekt GoGreen versucht ihre Legitimität aufrecht zu erhalten.

[...]

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Details

Titel
CO2-Offsetting. Symbolisches und substanzielles Handeln in der Logistikbranche
Untertitel
DHL GoGreen - Substanzieller Umweltschutz oder symbolisches Handeln?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fakultät für Wirtschaftswissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
35
Katalognummer
V496148
ISBN (eBook)
9783668994034
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DHL GoGreen CO2-Kompensation CO2-Offsetting Symbolisches Handeln CRM Stakeholder Umweltschutz Logistik Greenwashing
Arbeit zitieren
Johannes Middendorf (Autor), 2019, CO2-Offsetting. Symbolisches und substanzielles Handeln in der Logistikbranche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496148

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