Armut im Kindes- und Jugendalter


Hausarbeit, 2018
21 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Armutskonzepte und Definitionen
2.1 Absolute Armut
2.2 Relative Armut
2.3 Armut in der Kindheit / Kinderarmut

3. Folgen von Armut auf Kinder und Jugendliche / Kinderarmut
3.1 Mögliche materielle, physische und psychische Merkmale und Folgen von Armut
3.2 Mögliche soziale Merkmale und Folgen von Armut
3.3 Mögliche sozial-ökologische Merkmale und Folgen von Armut

4. Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen in Deutschland nach dem Alter im Zeitverlauf

Abbildung 2: Verteilung der Clusterzugehörigkeit in der Untersuchungspopulation

1. Einleitung

Die Armut von Kindern und Jugendlichen hat als gesellschaftliches Phänomen in der sozialen Realität Deutschlands eine deprimierende Dimension angenommen (Kürner 1994: 10). Die Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten in der Bundesrepublik führt zu einer Verschärfung der Situation der Familien mit geringem Einkommen. Die Leidtragenden sind dabei vor allem die Kinder als „schwächste soziale Gruppe in der Gesellschaft“ (Brinkmann 1994: 23). Dies hängt nach Klocke (1995) mit den strukturellen Veränderungen innerhalb einer Gruppe der Armutsbevölkerung zusammen. Heute ist Arbeitslosigkeit die Hauptursache für Armut (vgl. ebd.: 186). In der Politik, Fachpraxis, Forschung und Öffentlichkeit besteht weitestgehend Konsens, dass „Kinderarmut“ ein ernst zu nehmendes Problem für Menschen und Gesellschaft darstellt, da das Aufwachsen in familiärer Armut stellt heute nach Zander (2015) eines der zentralen Entwicklungskrisen für Kinder und Jugendliche dar. Kinderarmut ist ein relevantes Thema der öffentlichen Diskussion in Deutschland, da nach Studien nach wie vor zu viele Kinder und Jugendliche in Armut aufwachsen: Das Statistische Bundesamt hat durch die Erhebung „Leben in Europa“ (Statistisches Bundesamt 2016) mitgeteilt, dass 2016 in Deutschland 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen waren – davon waren 15,4 Prozent unter 18-jährige armutsgefährdet. Dabei stellt die Einkommens- und Vermögenssituation nach Butterwegge (2010: 113) den wichtigsten Indikator für die Teilhabe eines Menschen an zentralen Lebensaspekten moderner Gesellschaften dar. Armut und Ausgrenzung stellen daher auch in Deutschland ein Problem dar. Die EU-Kommission (1991:4) definiert Personen in Armut folgendermaßen:

„Einzelpersonen, Familien und Haushalte, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.“

Was mit Armut benannt wird „-Not und Elend, unzureichende Mittel, Deprivation, soziale Exklusion“ (Barlösius 2018: 35) scheint sich je nach Gesellschaft zu unterscheiden und zu wandeln. Bei dem Begriff „Kinderarmut“ geht es nach Laubstein et al. um die Folgen familiärer Einkommensarmut bei Kindern und Jugendlichen (2016:16). Die Metastudie von Laubstein, Holz und Seddig von 2016 für die Bertelsmann Stiftung verdeutlicht die Handlungsnotwendigkeit: Daten der Armutsberichterstattung für Deutschland belegen u.a., dass der Anteil der von Einkommensarmut betroffenen Personen von 1997 bis 2013 von 10,8 % auf 15,5 % gestiegen ist (vgl. ZIBID 2015: 2, zit. in: Laubstein et al. 2016: 18), dass 64 % der Familien mit Kindern noch nie von Einkommensarmut betroffen waren (vgl. BMAS 2013: 16, zit. in: ebd.) und dass die Verweildauer in Armut für betroffene junge Menschen hoch ist. In der AWO-ISS-Langzeitstudie lebten 51 % der beforschten Kinder über zehn Jahre hinweg in Armut (vgl. AWO-ISS-Studie 2012, zit. in. ebd.).

Das Ziel dieser Ausarbeitung ist, die vielfältigen Folgen eines Aufwachsens in Armut detailliert zu untersuchen und einen Einblick zu geben, was Armut konkret für Kinder und Jugendliche bedeutet. Daher lautet die Forschungsfrage: „Wie viele Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von Armut gefährdet und was sind die zentralen Folgen für die Zukunft der Betroffenen?“

Chassé et al. verdeutlichen in Ihrer Studie (2010) auf Basis von qualitativen Fallstudien komplexe Wechselwirkungen von materiellen und immateriellen Folgewirkungen benachteiligter kindlicher Lebenslagen auf. Claudia Laubstein, Gerda Holz und Nadine Seddig vom „Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogig e.V.“ analysieren in Ihrer Veröffentlichung „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse aus empirischen Studien in Deutschland“ dazu 59 quantitative wie qualitative Studien aus Deutschland, die sich mit Kinderarmut befasst haben. Diese Studien werden als Basisliteratur in der vorliegenden Ausarbeitung genutzt.

Im ersten Abschnitt wird der Armutsbegriff erörtert, indem Definitionen von Armut dargestellt und die relevanten Merkmale von Armut und Armutskonzepten gebündelt werden. Im zweiten Abschnitt wird nach den Folgen von Kinderarmut gefragt und abschließend kategorisiert beantwortet. Dabei wird ein kurzer ermöglicht Einblick in die Armutsberichte und Statistiken der vergangenen Jahre ermöglicht. Im letzten Abschnitt werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Forschungsfrage noch einmal beantwortet.

2. Armutskonzepte und Definitionen

Armut ist in der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft generell ein kontrovers diskutiertes Thema und besitzt eine vieldeutige Begrifflichkeit. In der sozialwissenschaftlichen Diskussion gehen die Auffassungen darüber, was genau unter Armut zu verstehen ist, auseinander. Im Folgenden werden wissenschaftliche Armutsdefinitionen dargestellt. Dabei wird Armut in diesen Konzepten anhand der zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen definiert (vgl. Chassé etal. 2010). Das Problem der Definition von Armut lässt sich nach Klein (1987) auf das allgemeine Problem der Definition individuellen Wohlstands zurückführen (ebd.: 110f.). Klein schreibt, in Anlehnung an Goedhart et al. (1977, zit. in Klein 1987: 110f.), dass sich Armut als ein unzureichender Wohlstand interpretieren lässt. Jacobs (1995) schreibt, dass neben den wissenschaftlichen Versuchen, Armut zu definieren, es gleichzeitig eine Bedeutung im Alltagsbewusstsein hat (vgl. ebd. 1994: 403). Definitionen und Konzepte der Armut sind nach Böhnke, Dittmann und Goebel immer abhängig von den Gerechtigkeits- und Gleichheitsvorstellungen in einer Gesellschaft (ebd. 2018: 9). Auch schreibt Elke Weimann (vgl. 2018), dass bei der Definition von Armut die Gesellschaft eine Rolle spielt. Armut wird „innerhalb je einer Gesellschaft relativ bestimmt“ (Hübinger 1996; zit. in ebd.: 28) und bedeutet nach Brinkmann (1994) „eine allgemeine Unterversorgung mit wichtigen Gütern in vielerlei Hinsicht als Folge einer ungleichen Verteilung ökonomischer Ressourcen und gesellschaftlicher Lebenslagen“ (1994:21). Armut lässt sich also definieren als Unterversorgungslage in einem oder mehreren Lebensbereichen. Nach Laubstein et al. ist Armut jedoch mehr als der Mangel an Geld. Armut beraubt den Betroffenen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit gleichzeitig der Fähigkeit, über ihr Leben und das ihrer Kinder selbst zu entscheiden (Laubstein et al. 2016: 19).

Armutskonzepte sollen helfen, Armut zu messen, zu verstehen und zu erklären (Dittmann, Goebel 2018: 21), um sie einer Bearbeitung zugänglich zu machen. Dafür beinhalten diese Konzepte eine Definition von Armut, die relativen Merkmale dieser Definitionen werden gebündelt und zueinander in Beziehung gesetzt. Zu den meist verwendeten Armutskonzepten gehört a. der Ressourcenansatz und b. der Lebensstandardansatz (ebd. 2018: 23).

Der Ressourcenansatz leitet Aussagen über mögliche Versorgungslücken und eine damit verbundene Armut aus den fehlenden Ressourcen ab, die den Menschen zur Verfügung stehen. Dabei werden finanzielle Ressourcen, vor allem das Einkommen, als relevante Bestimmungsgrößen von Armut angesehen. Durch Einkommen werden Güter wie bspw. Kleidung, Essen, Wohnung, erworben. Aus der Sicht des Ressourcenansatzes liegt dann Armut vor, wenn Menschen nicht über ausreichend finanzielle Ressourcen für den Erwerb als notwendig erachteter Güter und Dienstleistungen verfügen (vgl. ebd.: 23). Die ressourcenorienterte Definition kann sich auch am immateriellen Wohlstand orientieren, dabei fließen Ressourcen wie Bildung und Gesundheit (Lampert 2018: 225) in die Armutsmessung mit ein.

Bei dem Lebensstandardansatz wird Armut relational zu einem bestehenden Lebensstandard konzipiert. Der britische Sozialwissenschaftler Peter Brereton Townsend ging davon aus, dass ein allgemein akzeptierter Lebensstandard der Bevölkerung beobachtbar und identifizierbar sei (vgl. Dittmann, Goebel 2018: 24). Was genau unter „Lebensstandard“ verstanden wird, sei weder zeitlich konstant zu erfassen, noch existiere eine klare Vorgabe für die Grenzziehung zwischen einem Lebensstandard, der als arm oder nicht arm bezeichnet werden kann: „Ausgangspunkt des Lebensstandardansatzes ist in der Regel eine Liste von Dingen und Aktivitäten, die nach Ansicht des jeweiligen Forschers oder einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe die wesentlichen Aspekte des notwendigen Lebensstandards in einer Gesellschaft umfassen“ (Andreß 2008: 474). Weiterhin weist Andreß darauf hin, dass Armut bzw. Deprivation, also der Mangel, einen unfreiwilligen „Ausschluss von mehr oder minder großen Teilen eines allgemein akzeptierten Lebensstandards“ (vgl. ebd.) darstellt. Arm wäre nach dieser Definition die Person, die nicht über einen allgemein akzeptierten Lebensstandard verfügt. Auch die Europäische Union verwendet den Begriff der Deprivation und greift für ihre Beschreibung von Armut die Überlegungen zum Lebensstandard auf. Dabei gilt als materiell depriviert, wer für mindestens drei der folgenden neun Aussagen nicht aufkommen kann (vgl. Dittmann, Goebel 2018: 25): 1. Hypotheken- oder Mietschulden oder Rechnungen für Versorgungsleistungen; 2. Angemessene Beheizung der Wohnung; 3. Unerwartete Ausgaben; 4. Regelmäßige fleisch- oder eiweißhaltige Mahlzeiten; 5. Urlaubsreisen; 6. Fernseher; 7. Waschkessel, Waschmaschine; 8. Auto; 9. Telefon. Aufgrund der eingeschränkten Seitenzahl der vorliegenden Ausarbeitung wird nicht näher auf die am häufigsten verwendeten Armutskonzepte eingegangen.

Die Beschreibung der Armutskonzepte macht deutlich, dass es nicht nur ein richtiges Konzept zur wissenschaftlichen Beschreibung und Analyse von Armut gibt. Welches Konzept zur Anwendung kommt, ist nach Dittmann und Goebel immer abhängig vom gesellschaftlichen Umgang mit Armut und den entsprechenden gesellschaftlichen Wertsetzungen (vgl. ebd.: 31).

In der Literatur wird Armut unterschiedlich kategorisiert und systematisiert. Es werden zwei Grundformen der Armut voneinander unterschieden: die absolute und die relative Armut. Der Begriff der Absoluten Armut beruht auf einer Grenzziehung, deren Unterschreitung körperliche Schäden und lebensbedrohliche Mangel bedeutet, wobei der Begriff der relativen Armut auf einem Schwellenwert beruht, dessen Festlegung im gesellschaftlichen Kontext beruht (Chassé etal. 2010: 17).

2.1 Absolute Armut

Die absolute Armut ist von lokal oder national gegebenen Bedingungen unabhängig und definiert sich nach Dittmann & Goebel anhand des Unterschreitens eines physischen Existenzminimums (vgl. Dittmann, Goebel 2018: 22). Als absolut oder „ extrem“ arm (Butterwege 2010: 19) wird ein die physische Existenz bedrohendes Niveau des Lebensstandards bezeichnet, welches die Ausstattung mit lebenswichtigen Gütern nicht gewährleistet. Von absoluter Armut ist also betroffen, wer die Grundbedürfnisse nicht zu befriedigen kann. Die Grundbedürfnisse entbehren die für das Überleben notwendigen Nahrungsmittel, sicheres Trinkwasser, den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung und Wohnung sowie eine medizinische Basisversorgung (vgl. Butterwegge 2017: 9ff.). Begründer dieses Ansatzes sind die englischen Armutsforscher Booth und Seehbohm Rowntree (vgl. Brentano 1978:9ff., zit. in: Wallimann, Schmid 1998: 23f.). Laut Angaben der Weltbank (The World Bank) beginnt die absolute Armut bei 1,90 Dollar pro Tag. Mit dieser Armutslinie, die sich starr am Einkommen orientiert, kann angegeben werden, wer als arm gilt (vgl. Wallimann, Schmid 1998). Das Konzept der absoluten Armut wird häufig auf Länder mit geringem Lebensstandard angewendet. An diesen Orten besitzt die Frage des physischen Überlebens eine hohe Relevanz. Die Fachwelt ist sich einig, dass es sich in wohlhabenden Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland i.d.R. um ein relatives und nicht um ein absolutes Armutsproblem handelt (vgl. Butterwegge 2010: 19) und absolute Armutsdefinitionen hauptsächlich noch für die Drittweltländer angewendet werden, wobei Wallimann und Schmid anmerken, dass es problematisch ist, Länder in diese Kategorie einzuteilen. Drittweltländer seien zu stark von den Blickwinkeln der westlichen Industrienationen geprägt, die viele der dort herrschenden Probleme im Zuge der Kolonialisierung mitbewirkt haben (vgl. Zimmermann 1993: 221ff. zit. in: Wallimann, Schmid 1998: 24). Wallimann und Schmid schreiben zudem, dass die absolute Armutsdefinition jegliche Subjektivität der Armut verleugnet: „der Mensch wird nicht als soziales Wesen gesehen, und die Befriedigung seiner Bedürfnisse im sozialen Miteinander werden vernachlässigt. Der definierte Minimalstandard berücksichtigt weder individuelle Ernährungsgewohnheiten, noch ob die Menschen in der Lage sind, mit dem Geld so zu wirtschaften, dass sowohl die Nährstoffe als auch die Ressourcen optimal eingesetzt werden“ (ebd. 1998: 24). Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Ausmaß von absoluter Armut, also um den Anteil an absoluter Armut statistisch zu erfassen, zu messen. Die für diese Ausarbeitung wichtige Auffassung wird von der Weltbank übernommen. Die Weltbank propagiert eine monetäre Definition. Demnach gelten Menschen als absolut arm, die weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag haben.

2.2 Relative Armut

Während die absolute Armut eine existentielle Mangelerscheinung ist, verweist die relative Armut auf den Wohlstand, der sie hervorbringt. Ausschlaggebend bei der relativen Armut sind die sozioökonomischen Verhältnisse, unter denen die Betroffenen leben müssen (vgl. Butterwegge 2017: 11). Dabei ist von relativer Armut betroffen, wer seine Grundbedürfnisse befriedigen, sich aber mangels finanzieller Mittel nicht, oder nicht in ausreichendem Maße, am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann (ebd.: 12). Diese Form führt zu sozialer Ausgrenzung und beruht auf Mangel an Teilnahmemöglichkeiten, bedingt durch fehlende Ressourcen. Carolin Butterwegge schreibt, dass im Vergleich zur absoluten Armut die relative Armut als eine extreme Ausprägung sozialökonomischer Ungleichheit verstanden wird, bei welcher der Lebensstandard von Armen in Bezug zum durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft gesetzt wird (vgl. Butterwegge 2010: 20, Wallimann, Schmid 1998: 25). Dabei gelten als relativ arm Personen oder Haushalte, „die über nur so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in der Bundesrepublik als unterste Grenze des Akzeptablen annehmbar ist“ (Klocke & Hurrelmann 2001: 12). Die Armutsgrenze entsteht im Zusammenhang mit dem jeweiligen Wohlstand der Gesellschaft und wird im Vergleich zur absoluten Armut nicht absolut bestimmt. Das bedeutet, die Entscheidung, ob eine Armutslage vorliegt oder nicht, entscheidet sich am Niveau der Versorgung mit bestimmten Ressourcen - in Relation zu gesellschaftlichen Versorgungsstandards (vgl. Chassé etal.2010: 17). Diese Form einer „milderen Armut“ Butterwegge 2017: 12) führt zu sozialer Ausgrenzung und beruht im Wesentlichen auf einem durch fehlende Ressourcen bedingten Mangel an Teilhabemöglichkeiten.

2.3 Armut in der Kindheit / Kinderarmut

Die Armutsforschung bedient sich verschiedener Mess- und Operationalisierungsmethoden, genauso wie um Betroffenengruppen. In dem vorliegenden Abschnitt geht es um die Gruppen Kinder und Jugendliche. Kinderarmut wird in Deutschland in der Öffentlichkeit und Politik als gesellschaftliches Problem wahrgenommen und diskutiert (Laubstein et al. 2016: 18). Die Metastudie von Claudia Laubstein, Gerda Holz und Nadine Seddig (2016) vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. für die Bertelsmann Stiftung belegt, dass je länger Kinder in Armut leben, desto negativer die Folgen für ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen sind. Kinderarmut wird in erster Linie am Einkommen der Eltern gemessen. Die Einkommenssituation der Haushalte, in denen Kinder aufwachsen, spielt nach Laubstein et al. eine entscheidende Rolle für ihre Chancen (vgl. ebd.), weil sie sowohl für ihre materielle Grundversorgung als auch für ihre Teilhabemöglichkeiten bestimmend ist. Dabei ist „Kinderarmut“ ein allgemein genutzter Kurzbegriff. Darin geht es um die Folgen familiärer Einkommensarmut bei Kindern und Jugendlichen (ebd.: 19). Alleinerziehende und die in ihren Haushalten lebenden Kinder gelten als die zweite große Risikogruppe, die von Armut gefährdet und betroffen sind (vgl. Cremer 2016:34; Klocke 1995: 186)). 2016 lebten 1,6 Millionen Alleinerziehende mit 2,3 Millionen Kindern in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2015 zit. in: Cremer 2016: 34). Nach Studien hatten etwa 40 % von ihnen ein Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle. Trennung und Scheidung der Eltern gelten daher als ein gravierendes Armutsrisiko.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen in Deutschland nach dem Alter im Zeitverlauf.

Abbildung 1 zeigt die Armutsgefährdungsquote der unter 18-Jährigen in Deutschland im Zeitverlauf. Die Armutsgefährdungsquote ist laut dem Statistischen Bundesamt ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut und ist definiert als Anteil der Personen mit einem Aquivalenzeinkommen von weniger als 60 Prozent des Bundesmedians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten (Statistisches Bundesamt 2018). Im Jahr 2017 betrug die Armutsgefährdungsquote von Kindern und Jugendlichen in Deutschland 15,2 Prozent, nachdem 2016 die Armutsgefährdungsquote von unter 18-Jährigen 15,4 Prozent betrug. 2010 hatte die Quote ihren Höhepunkt bei 17,5 Prozent. Zu sehen ist, dass in der Bundesrepublik immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut aufwachsen (vgl. Abbildung 1; Klocke, Hurrelmann 1998) und die Tendenz nach 2015 (14,6 %) wieder steigt. Daher ist es wichtig, über die Folgen zu sprechen bzw. sich mit den gravierenden Folgen von Armut für Kinder und Jugendliche zu befassen.

3. Folgen von Armut auf Kinder und Jugendliche / Kinderarmut

Sind Kinder von Armut betroffen, so gilt das nach Böhnke et al. als besonders handlungsrelevant oder gar als gesellschaftlicher Skandal (vgl. Böhnke etal. 2018: 12f.). Für die vorliegende Arbeit ist die Altersstufe des Grundschulalters, bzw. der Mittleren Kindheit, also das Alter zwischen sechs und zehn Jahren, von besonderem Interesse, da dieser Lebensabschnitt für die Entwicklung eines Menschen von besonderer Bedeutung ist (vgl. Weimann 2018: 42). Eike Weimann definiert in Ihrer Studie den Begriff „Armut“ aus Kindersicht: „Armut bedeutet trotz vieler Bemühungen aus Kindersicht oft eine Benachteiligung im Vergleich zu anderen Kindern. Armut bedeutet nicht nur, kurzfristig kein oder wenig Geld zu haben, sondern langfristig keine oder nur eine schlechte Perspektive entwickeln zu können“ (ebd.: 58). Das Forschungsprojekt „Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen im unteren Einkommensbereich“ von der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht der Frage nach, was es für Kinder und Jugendliche bedeutet, in einem Land wie Deutschland von Armut gefährdet oder betroffen zu sein. Dabei untersucht die Studie des IAB zum einen, welche Bedingungen im Haushalt der Kinder einen Einfluss darauf haben, Armutslagen zu erleben und zum anderen untersucht sie, inwiefern Armutserfahrungen in Kindheit und Jugend einen Einfluss auf die soziale Teilhabe von jungen Menschen haben. Dabei könnten Beeinträchtigungen des emotionalen, sozialen, somatischen und physischen Wohlbefindens der armen Kinder und Jugendlichen eine unmittelbare Folge ihrer „sozial prekären Lebenslage selbst“ (Mansel 1998: 143) sein. Wie auch Abbildung 1 zeigt, ist es noch nicht gelungen, die Kinderarmut deutlich zu reduzieren. Nach der Studie von Laubstein et al. ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen im SGB-II Bezug seit 2011 gestiegen (vgl. Laubstein etal. 2016:7). Die Studie „Armutsmuster in Kindheit und Jugend“ untersuchte über einen Zeitraum von fünf Jahren jährlich die Einkommenssituation von Familien. In einer Armutslage befinden sich nach der Definition der Autoren Kinder in Familien, die mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder staatliche Grundsicherung beziehen (vgl. Tophoven etal. 2017). Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die folgende Abbildung zeigt die Verteilung der Clusterzugehörigkeit in der Kindheit und Jugend. Dabei soll die Ebene der individuellen Einkommensverläufe der Kinder bzw. Gruppen von Kindern betrachtet werden, die sich hinsichtlich ihrer Einkommensverläufe ähnlich sind (Tophoven etal. 2017: 33ff.). Zentrale Entscheidungsregel zur Bildung der Gruppen ist dabei per Definition, dass sich die Einkommensverläufe der unterschiedlichen Gruppen voneinander unterscheiden und dass sich die individuellen Einkommensverläufe, die zu einer Gruppe gebildet werden, stark ähneln. Nach Tophoven et al. ermöglicht dies eine Bündelung von typischen individuellen Einkommenverläufen im Kindesalter, „um charakteristische Muster aufzuzeigen“ (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Armut im Kindes- und Jugendalter
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V496612
ISBN (eBook)
9783346015624
ISBN (Buch)
9783346015631
Sprache
Deutsch
Schlagworte
armut, kindes-, jugendalter
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Armut im Kindes- und Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496612

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