Die Spätantike ist geprägt von Umbrüchen und Veränderungen. Das Ende Roms und die Verlegung der Hauptstadt des römischen Reiches nach Konstantinopel zeugen davon ebenso wie die zahlreichen „Barbaren“einfälle in römischem Reichsgebiet und das Christentum als neue Staatsreligion. Das alte System bricht allmählich zusammen. Die Spätantike löst sich nach und nach von der antiken Tradition. Eine neue, eigenständige Kultur beginnt sich auszubilden.
Diese tief greifenden Veränderungen im politischen wie kulturellen Leben zeichnen sich auch in der Bauweise ab. Gerade im sakralen Bereich entstehen mit der neuen Religion andere rituelle Anforderungen; die christliche Basilika wird zum dominierenden Gebäudetypus. Besonders deutlich werden die neuen Formen im Bereich der Bauplastik und hier wiederum an den Kapitellen. In Auseinandersetzung mit den klassischen Vorbildern werden diese vereinfacht, ergänzt, neu kombiniert. Es entstehen vielfältige Um- und Neubildungen, bis schließlich im frühen 6. Jahrhundert mit dem reinen Kämpfer- bzw. Korbkapitell eine eigenständige frühchristliche Kapitellform gefunden ist, die gegen Ende des 6. Jahrhunderts zur dominierenden Baudekoration wird.
Welche formalen Veränderungen entstehen, hauptsächlich ausgehend vom korinthischen Kapitell? Welche neuen Dekorationstypen werden entwickelt? Welche Beziehungen und Wechselwirkungen bestehen und wie führen sie schließlich zum Korbkapitell? Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten. Es wird versucht, in die Erkenntnisse beispielhafter jüngerer Literatur zu diesem Forschungsgebiet zu referieren und auszuwerten.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Die Abkehr von der klassischen Bautradition: Spolienverwendung und Aufkommen des Prinzips der varietas
3.1) Korinthische Kapitelle und ihre Umbildungen
3.2) Gliederung des Kircheninnenraums: Einsatz der verschiedenen Kapitellformen
3.3) Entwicklung zur Einzonigkeit: Figuralkapitelle und ihr Einfluss auf die Entstehung des reinen Kämpferkapitells bzw. Korbkapitells
3.4) Ionisches Kämpferkapitell
4) Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Kapitellformen in der spätantiken Bauplastik des 5. und 6. Jahrhunderts, um zu ergründen, wie sich die Architektur durch die Abkehr von klassischen Normen hin zu neuen, eigenständigen Gestaltungstypen entwickelte. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich auf die formalen Veränderungen ausgehend vom korinthischen Kapitell sowie die Wechselwirkungen, die schließlich zur Etablierung des Korbkapitells führten.
- Die Entwicklung und Transformation der klassischen Kapitellformen in der Spätantike.
- Die Bedeutung der Spolienverwendung und des Prinzips der varietas für den ästhetischen Wandel.
- Die formale Gliederung des Kircheninnenraums und der Einsatz unterschiedlicher Kapitelltypen.
- Der Übergang von der strengen Zonenteilung hin zur Einzonigkeit und zur Flächenkomposition.
- Die Analyse der Entstehung des reinen Kämpfer- beziehungsweise Korbkapitells.
Auszug aus dem Buch
2) Die Abkehr von der klassischen Bautradition: Spolienverwendung und Aufkommen des Prinzips der varietas
Bevor die Entwicklung der Formensprache an konkreten Beispielen nachgezeichnet werden kann, sind zunächst einige Überlegungen anzustellen, wie es zu der variantenreichen Bauplastik, besonders im Bereich der Kapitelle, kommen und sich mit diesen eine Abkehr von der klassisch-antiken Bautradition vollziehen konnte. Hierzu ist ein Rückblick auf die Praktik der Spolienverwendung als „Ornament- und Profilträger“ in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten nötig.
In der Spätantike wird es üblich, Bauteile älterer, hauptsächlich antiker Bauten, die sogenannten Spolien, die als besonders wertvoll geschätzt wurden, in neuen Gebäuden wiederzuverwenden. In konstantinischer Zeit beginnt die systematische Spoliennahme in großem Umfang. Im späten 3. und besonders im 4. Jh. n. Chr. setzen entscheidende Veränderungen in der Baupraxis ein. Es kommt zu einem nachhaltigen Wandel der ästhetischen Bauprinzipien. Ein Überblick über die Veränderungen der Baupraktiken in dieser Zeit verdeutlicht dies.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Umbrüche der Spätantike und die damit verbundene Neuausrichtung in der christlichen Sakralarchitektur, insbesondere im Bereich der Kapitellplastik.
2) Die Abkehr von der klassischen Bautradition: Spolienverwendung und Aufkommen des Prinzips der varietas: Dieses Kapitel analysiert, wie die systematische Verwendung von Spolien und ein neues ästhetisches Verständnis der varietas die Loslösung von antiken Bauordnungen einleiteten.
3.1) Korinthische Kapitelle und ihre Umbildungen: Der Text beschreibt die Vereinfachung und formale Transformation des korinthischen Kapitelltypus im 4. und 5. Jahrhundert durch neue Gestaltungstechniken.
3.2) Gliederung des Kircheninnenraums: Einsatz der verschiedenen Kapitellformen: Hier wird untersucht, wie durch die bewusste Kombination unterschiedlicher Kapitelltypen innerhalb von Kirchenräumen eine heterogene und repräsentative Ausstattung erreicht wurde.
3.3) Entwicklung zur Einzonigkeit: Figuralkapitelle und ihr Einfluss auf die Entstehung des reinen Kämpferkapitells bzw. Korbkapitells: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Figuralkapitelle und neue Flächenkompositionen den Übergang zum Korbkapitell als dominierende Bauform vorbereiteten.
3.4) Ionisches Kämpferkapitell: Die Untersuchung befasst sich mit der Genese des ionischen Kämpferkapitells als typisch spätantiker Sonderform und dessen Position innerhalb der Emporenarchitektur.
4) Zusammenfassung: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse über den Prozess der Kapitellentwicklung und die Etablierung des Korbkapitells als neue architektonische Norm zusammen.
Schlüsselwörter
Spätantike, Kapitellformen, Korbkapitell, Spolienverwendung, Varietas, Bauplastik, Korinthisches Kapitell, Figuralkapitell, Kämpferkapitell, Kirchenarchitektur, Konstantinopel, Ornamentik, Baugeschichte, Architekturtheorie, Formwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der stilistischen Entwicklung der Kapitellplastik in spätantiken Kirchenbauten und dokumentiert die Loslösung von der klassischen Formensprache.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Verwendung von Spolien, die Etablierung der neuen Ästhetik der varietas sowie die formale Evolution der Kapitelle, die schließlich zum Korbkapitell führt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die formalen Veränderungen und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kapitelltypen nachzuzeichnen und die Entstehung des Korbkapitells als neuen Architekturstandard zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine kunsthistorische Analyse der Bauplastik, wobei die stilistische Auswertung von Kapitellformen und deren räumliche Verwendung in den Kirchen analysiert werden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil behandelt die Transformation korinthischer Vorbilder, den Formenaustausch zwischen verschiedenen Ornamentträgern sowie die spezielle Rolle von Figuralkapitellen und Kämpferkapitellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt?
Die zentralen Begriffe umfassen Spätantike, varietas, Korbkapitell, Spolienverwendung, Bauplastik und Formwandel.
Inwiefern beeinflussten Spolien die Entwicklung neuer Formen?
Die begrenzte Verfügbarkeit einheitlicher Spolien zwang zur Kombination verschiedener Typen, was den ästhetischen Anspruch der varietas förderte und neue, eigenständige Formen begünstigte.
Warum wird das Korbkapitell als „reines Kämpferkapitell“ bezeichnet?
Der Begriff Korbkapitell beschreibt treffender die spezifische Form und das durch Hinterschneidung entstandene netzartige Dekor, im Gegensatz zum eher irreführenden, älteren Begriff Kämpferkapitell.
Welche Rolle spielt Konstantinopel in der Untersuchung?
Konstantinopel wird als das wahrscheinlichste Zentrum der stilistischen Veränderungen betrachtet, von dem aus wichtige Impulse für die Neuentwicklungen der Bauplastik ausgingen.
- Quote paper
- M. A. Simone Kraft (Author), 2004, Das Ende der klassischen Formensprache: Neue Kapitellformen (Entwicklungen im 5./6. Jahrhundert), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49743