Genetische Erklärungsansätze in der Soziologie zwischen Erkenntnisgewinn und Determinismusvorwurf


Essay, 2018
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Erkenntnisgewinn vs. Determinismusvorwurf

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Durkheim postulierte im Jahr 1895, dass für die Soziologie gelte, Soziales nur mit Sozialem zu erklären (vgl. Gruber 2010: 5). Bei ungenauer Betrachtung kann daraus nur all zu leicht geschlussfolgert werden, dass lediglich die Soziologie zur Erklärung des Sozialen befähigt sei, wodurch jedoch unterschlagen werden würde, dass das Soziale möglicherweise auch durch weitere, nicht-soziale, Faktoren erklärt werden könnte (vgl. Udry 1995: 1267). Die Soziologie hat sich demnach zwar der Erklärung des Sozialen verschrieben, jedoch hat sich das Soziale dadurch nicht automatisch allein der Erklärung durch die Soziologie hingegeben.

Betrachtet man aktuelle Entwicklungen der biologischen Forschung im Allgemeinen und der genetischen Forschung im Speziellen, zeigt sich hingegen, dass sich auch naturwissenschaftliche Disziplinen sozialen Fragestellungen annehmen. Zur Veranschaulichung sei hier exemplarisch auf drei Forschungsprojekte verwiesen: Zunächst ist das Humangenomprojekt zu nennen, welches im Jahr 1990 begonnen hat das Ziel der Entschlüsselung des menschlichen Genoms umzusetzen (vgl. Nationales Genomforschungsnetz) und damit zwar keine direkte soziale Fragestellung bearbeitet hat, aber u.a. für die folgenden zwei Projektvorhaben den Weg bereitete. Im Jahr 2014 startete zum einen das auf sechs Jahre ausgelegte Projekt Sociogenome mit dem Ziel den Zusammenhang zwischen Genen und reproduktivem Verhalten näher zu untersuchen (vgl. Sociogenome). Zum anderen startete im gleichen Jahr die auf zwölf Jahre ausgelegte TwinLife-Studie. In dieser wird sich durch eine Verknüpfung individueller genetischer Differenzen und sozialer Wirkungszusammenhänge der Entwicklung sozialer Ungleichheit angenommen (vgl. TwinLife).

Erinnerungen an frühere Entwicklungen des Sozialdarwinismus und der zum Teil darauf zurückführbaren verheerenden wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ereignisse (vgl. Mühlmann 1969: 952f.) – exemplarisch seien hier nur Eugenik und die nationalsozialistische Vorstellung der Rassenhygiene genannt – scheinen im Kontext des Einbezugs genetischer Erklärungsansätze in Bezug auf soziale Fragestellungen wachgerüttelt zu werden. Zumindest werden in Bezug auf Ergebnisse der Verhaltensgenetik, Verhaltensendokrinologie, Soziobiologie, Molekularbiologie und der Neurowissenschaften Thesen des genetischen Determinismus sowie die (mangelnde) Berücksichtigung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse diskutiert (vgl. u.a. Baldus 2002; Gruber 2010; Udry 1995; van den Daele 1986) oder gleich von einer gescheiterten Biologisierung der Soziologie gesprochen (vgl. Richter 2005).

Die zentrale Frage, welche dieser Arbeit zugrunde liegen soll, lautet daher: Inwiefern führt die Berücksichtigung genetischer Erklärungsansätze in Bezug auf soziale Fragestellungen zu einem Erkenntnisgewinn für die Soziologie oder zu einem biologisch-deterministischen und unterkomplexen Verständnis des Sozialen?

II. Erkenntnisgewinn vs. Determinismusvorwurf

Um einer möglichen Antwort auf die gestellte Frage näher zu kommen, muss diese zunächst in entsprechende Unterfragen aufgebrochen werden. Zu Beginn wäre es zunächst ratsam zu umreißen, was unter genetischen Erklärungsansätzen verstanden werden kann und wie diese auf das Soziale Bezug nehmen. Genetische Erklärungsansätze sind dabei selbst nur ein Teil der biologischen Ansätze zur Erklärung sozialer Fragestellungen. Udry stellte bereits 1995 (vgl.: 1268ff.) die Soziobiologie, die Verhaltensendokrinologie und die Verhaltensgenetik als zentrale Disziplinen heraus, die sich neben der Soziologie, sozialen Fragestellungen widmen. In der genannten Reihenfolge werden die aufgeführten Disziplinen in ihren Erklärungsansätzen fortwährend kleinteiliger. So werden im Rahmen der Soziobiologie evolutionstheoretische Mechanismen (z.B. natürliche Selektion) zur Erklärung sowohl tierischen als auch menschlichen Sozialverhaltens herangezogen (vgl. ebd.: 1268ff.). In der Verhaltensendokrinologie wird hingegen der Einfluss von Hormonen auf das soziale Verhalten untersucht (vgl. ebd.: 1274ff.), während die Verhaltensgenetik der Frage nachgeht, inwiefern genetische Dispositionen einen Einfluss auf das Verhalten haben (vgl. ebd.: 1270ff.).

Es wird also zweierlei deutlich: Erstens zeigt sich bereits an dieser kurzen Auflistung ausgewählter biologischer Disziplinen, dass unterschiedliche biologische Forschungsansätze auf soziale Fragestellungen angewendet werden. Zweitens stellt sich heraus, dass das Soziale, auf das sich diese biologischen Erklärungsansätze im Allgemeinen und genetische Erklärungsansätze im Speziellen fokussieren, das soziale Verhalten ist. Konkret setzen sich derartige Studien beispielsweise mit dem Zusammenhang zwischen reproduktivem Verhalten, der sozialen Mobilität sowie dem Gesundheits- und Suchtverhalten und des Einflusses genetischer Dispositionen auseinander. Dazu werden unterschiedliche Studiendesigns verwendet. Zur Veranschaulichung seien hier u.a. genomweite Assoziationsstudien und Zwillings- bzw. Adoptivstudien genannt. Die genaue Funktionsweise der jeweiligen Studiendesigns ist für die weiteren Ausführungen nicht von Bedeutung, geht es doch im Kern darum, den genetischen Einfluss auf das entsprechend zu untersuchende Verhalten operationalisierbar und dadurch messbar zu machen.

Bevor der Einbezug genetischer Erklärungsansätze zur Untersuchung sozialer Fragestellungen zwischen einem möglichen Erkenntnisgewinn auf der einen Seite und der Vorwurf des Determinismus auf der anderen Seite verortet werden kann, ist zu klären, was nachfolgend unter Determinismus verstanden werden soll. Von Determinismus ist häufig als Gegenkonzept des freien Willens die Rede und meint dementsprechend ein allgemeines Vorbestimmtsein menschlichen Handelns (vgl. Hügli & Lübcke 2003: 146). Für die folgenden Ausführungen liegt der Fokus jedoch auf dem genetischen Determinismus. Dieser meint konkret das Vorbestimmtsein phänotypischer Merkmale – in diesem Fall das soziale Verhalten – allein durch den Genotyp bzw. die genetischen Dispositionen (vgl. Mayntz 2006: 12). Als mögliche Folge derartiger genetisch-deterministischer Perspektiven führt van den Daele bereits 1986 (vgl.: 150) die Dystopie einer gesellschaftlichen Arbeitsplatzzuteilung auf Basis genetischer Dispositionen an. In diesem Szenario würden Personen entsprechenden Berufen zugewiesen werden, für deren mögliche Berufskrankheiten sie eine möglichst geringe Disposition aufweisen. Für die Arbeitgeber ergibt sich so der Vorteil abnehmender krankheitsbedingter Ausfälle, während Arbeitnehmer damit konfrontiert werden würden, ihren Beruf nicht frei wählen zu können.

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Details

Titel
Genetische Erklärungsansätze in der Soziologie zwischen Erkenntnisgewinn und Determinismusvorwurf
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
"Socio-Genomics": Neue Herausforderungen für die Sozialwissenschaften?
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V498030
ISBN (eBook)
9783346013736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genetik, Soziologie, Essay, Determinismus, Biologismus, Soziologismus, Socio-Genomics, Familiensoziologie
Arbeit zitieren
Martin Radtke (Autor), 2018, Genetische Erklärungsansätze in der Soziologie zwischen Erkenntnisgewinn und Determinismusvorwurf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498030

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