Die Literatur des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit ist fast ausschließlich eine Literatur des Stadtbürgertums. Die Bürger, die sich durch Handel und Gewerbefleiß eigene Existenzen aufgebaut hatten, drängten auch in der Literatur nach eigenen Ausdrucksformen. Die Unsicherheit des Lebensgefühls und der gesellschaftlich – sozialen Situation dieser Epoche spiegelt sich in einer Vielfalt der Literaturgattungen wieder.
Minnesang und höfische Spruchdichtung fanden im organisierten Meistersang zünftiger Handwerker ihre Nachahmung. Aus den Ritterepen entwickeln sich die Volksbücher, d.h. unterhaltende Prosa.
Schwanksammlungen und Fastnachtsspiele dienten ebenfalls der Unterhaltung. Diese reichhaltige satirische Literatur prangert über die verschiedensten Medien die Missstände der Zeit und die Torheit der Menschen an – geschrieben, gesungen oder als Theaterstück aufgeführt.
In dieser Arbeit werde ich mich ausnahmslos mit der Gattung des Fastnachtspiels befassen. Dazu wird der Begriff der Fastnacht näher erklärt, auf den Ursprung des Begriffes eingegangen und Fastnachtspiele im Allgemeinen näher beleuchtet. Hauptaugenmerk werde ich dabei auf das Fastnachtspiel „Der farendt Schuler im Paradeiß“ von Hans Sachs legen, dessen Figureninventar ich untersuchen, analysieren und beschreiben werde. Dabei werde ich die Frage klären, was die Funktion eben dieses Fastnachtspiels ist. Soll es einfach nur die männliche Überlegenheit gegenüber der Frau zum Ausdruck bringen oder hat es eher eine allgemeingültige erzieherische Funktion?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fastnacht und Fastnachtspiele
3. Hans Sachs´ Fastnachtspiel Der farendt Schuler im Paradeiß
3.1 Figureninventar im Fastnachtspiel von Hans Sachs
3.2 Die Pewrin
3.3 Der Pewr
3.4 Der farendt Schuler
4. Fazit
5. Anhang : Text zu „Der farendt Schuler im Paradeiß“
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Fastnachtspiel „Der farendt Schuler im Paradeiß“ von Hans Sachs mit dem Ziel, die spezifische Funktion des Werkes zu ergründen, insbesondere ob es lediglich männliche Überlegenheit propagiert oder eine allgemein erzieherische Absicht verfolgt.
- Analyse der Gattung des Fastnachtspiels im 15. und 16. Jahrhundert.
- Untersuchung des Figureninventars bestehend aus Bäuerin, Bauer und fahrendem Schüler.
- Diskussion über die Charakterisierung der Figuren als dynamische Charaktere versus statische Typen.
- Analyse der Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Strukturen jener Zeit.
- Deutung der Schlussmoral und der Intention von Hans Sachs.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Pewrin (Bäuerin)
Die Bäuerin ist sich ihrer Rolle als Frau und Ehefrau innerhalb der Gesellschaft sehr bewusst. Sie gilt als das „Weib des Bauern“, nicht als eigenständige Persönlichkeit. Der Bauer hat sie „erworben“ wie man einen Besitz oder ein „Viech“ erwirbt. Somit wurde die Frau ihrem Platz zugewiesen: Sie ist dem Mann zugehörig wie eine Ware, die man erwirbt. Dadurch, dass sie Heim, Herd und Hof in Ordnung hält, ist sie von Nutzen für den Mann. Sie hat weder die Freiheit ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, noch gehört ihr etwas vom Besitz des Bauern. Es ist rechtlich gesehen sein Hof; die Frau ist nur ein kleiner Teil des bäuerlichen Besitzes. Eine Ehegemeinschaft, in der man(n) teilt, existiert nicht. Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass es nicht ihr freier Wille war, den Bauern zu heiraten (hab bey jm weder frewdt noch mut, Z.13.), es war jedoch das kleinere Übel gegenüber einem sozial noch schlechter gestelltem Leben als geschiedene Ehefrau.
Neben harter Arbeit auf dem Hof, wo sie durchaus als eine dem Mann ebenbürtige Arbeiterin gilt, hat sie auch noch die Schläge des Mannes zu erdulden (rutsches aus jm sejn hand), die an der Tagesordnung zu sein scheinen, da sie diese Art der Misshandlung durch den eigenen Ehemann auch noch rechtfertigt. Dies geschieht einerseits aus der weiblichen Abhängigkeit vom Mann, wirtschaftlich sowie sozial. Verärgert sie ihn, verlässt ihn vielleicht sogar, ist das ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Todesurteil. Andererseits rechtfertigt sie seine Taten, weil sie gelernt hat, die Frau sei aus dem Leibe des Mannes erschaffen worden und sei ihm somit untergeordnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Fastnachtspiel in der Literatur des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der Funktion des Werkes.
2. Fastnacht und Fastnachtspiele: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Fastnacht und die historische Entwicklung sowie Charakteristika der Fastnachtspiele als komische Possen.
3. Hans Sachs´ Fastnachtspiel Der farendt Schuler im Paradeiß: Das Hauptkapitel bietet eine Analyse des Handlungsablaufs und der Figurenkonstellation des spezifischen Stücks.
3.1 Figureninventar im Fastnachtspiel von Hans Sachs: Dieser Abschnitt führt in die bäuerliche Schicht als Quelle für komische Figuren ein und stellt die drei handelnden Akteure vor.
3.2 Die Pewrin: Die Figur der Bäuerin wird hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Rolle, Abhängigkeit und ihrer Entwicklung im Spiel analysiert.
3.3 Der Pewr: Die Analyse des Bauern fokussiert sich auf seine stereotype Zeichnung als komische Figur und seine Entwicklung vom vermeintlichen Besserwisser zum Verlierer.
3.4 Der farendt Schuler: Dieser Teil beleuchtet die Rolle des Schülers als hinterlistigen Antagonisten und vergleicht ihn mit dem Typus des Till Eulenspiegels.
4. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage und kommt zu dem Schluss, dass Sachs das Spiel in den Dienst der sittlichen Erziehung stellt, statt lediglich Geschlechterüberlegenheit zu propagieren.
5. Anhang : Text zu „Der farendt Schuler im Paradeiß“: Dieser Abschnitt enthält den originalen Text des Fastnachtspiels von Hans Sachs.
Schlüsselwörter
Hans Sachs, Fastnachtspiel, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Der farendt Schuler im Paradeiß, Figurenanalyse, Geschlechterrollen, Bauernstand, Ehe, Didaktik, Sozialgeschichte, Komödie, Sittliche Erziehung, Volkstheater.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Fastnachtspiel „Der farendt Schuler im Paradeiß“ von Hans Sachs, um dessen dramaturgische Funktion und die Darstellung der Figuren zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Gattung der Fastnachtspiele, die soziale Stellung der Frau und des Mannes im Mittelalter sowie die moralisch-didaktischen Absichten der Literatur dieser Epoche.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Es wird der Frage nachgegangen, ob das Stück lediglich die männliche Überlegenheit gegenüber der Frau thematisiert oder ob es eine allgemein gültige erzieherische Funktion erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, um die Figureninventare, Handlungsstrukturen und zeitgenössischen Kontexte des Werkes zu untersuchen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung und Analyse der drei Figuren – der Bäuerin, des Bauern und des fahrenden Schülers – sowie deren Entwicklung innerhalb der Handlung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Neben dem Autor Hans Sachs sind Begriffe wie Fastnachtspiel, Didaktik, Geschlechterverhältnisse und die Analyse von Charakteren und Typen zentral.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „fahrenden Schülers“?
Der Schüler wird als statische Figur vom Typus des „Schelms“ oder „Eulenspiegels“ gesehen, dessen Boshaftigkeit und Schalkhaftigkeit die Handlung vorantreiben.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Moral des Stücks?
Der Autor schlussfolgert, dass Sachs durch das Lachen heilen möchte und das Stück zur gegenseitigen Nachsicht und zum Frieden in der Ehe mahnt, anstatt einseitige Dominanz zu feiern.
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- M.A. Nicole Gast (Author), 2003, Dichtung des 15. und 16. Jahrhunderts: Der farendt Schuler im Paradeiß von Hans Sachs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49814