"Gesundheitssucht" als Radikalisierungstendenz bei Digital Natives auf Basis einer digitalen Singularisierung


Hausarbeit, 2019
32 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Mediatisierung, Singularisierung und Selbstdarstellung
2.1 Digital Natives und die Mediatisierung
2.2 Singularisierung und Selbstdarstellung

3 Selbstoptimierung und zwanghafte Verhaltensweisen
3.1 Self-Tracking als Beispiel der Selbstoptimierung
3.2 (Gesundheits-)Sucht

4 Prozesse der Radikalisierung
4.1 Abschottung
4.2 Self-Tracking: Von Selbstoptimierung zu Radikalisierung

5 Fazit

6 Literatur

1 Einleitung

Die Digitalisierung hat in den letzten Jahrzehnten öffentliche Strukturen jeglicher Art grundle- gend verändert und wird dies voraussichtlich auch in der kommenden Zeit tiefgreifend tun. Auch im Hinblick auf die Netzkultur ist interessant zu beobachten, wie sich Wahrnehmungs- und Darstellungstendenzen ändern und die öffentliche Meinung wechselwirkend beeinflus- sen. Netzwerke wie Instagram gewinnen zunehmend an Popularität und prägen selbst schon in den offiziellen Nachrichtenkanälen das mediale Bild diverser Lebensbereiche. Besonders auffällig ist dabei in diversen Jugendkulturszenen die Zelebrierung der eigenen Gesundheit in Form eines Schönheitsideals sowie dessen Entwicklung. Veganismus, diverse Fitnesstrends und grundlegende Fragen zur gesundheitsbezogenen Lebensweise scheinen die Netzwerke zu fluten und zunehmend die Lebenswelten Jugendlicher zu beeinflussen und mitzubestimmen (Borkenhagen et al. 2016).

Nicht nur prägt die Bevölkerungsgruppe der Jugendlichen, die zu den Digital Natives gehört, die Zukunft Deutschlands – die Digitalisierung selbst übt auch einen tiefgreifenden Einfluss auf alle möglichen Schichten aus und nimmt eine entscheidende Rolle im Zeitgeist der Radikali- sierung ein, indem Vernetzung und zugleich Abschottung, wie hier gezeigt werden wird, ver- einfacht werden. Jugendliche Lebenswelten sind ein Teilaspekt dieser Entwicklung und kön- nen eine heranwachsende Kultur des radikalen Denkens widerspiegeln. Auch die hier thema- tisierte so bezeichnete „Gesundheitssucht“ lässt sich als Teil einer neuartigen Denkweise be- trachten, die zunehmend in allen Altersgruppen an Popularität gewinnt, wie gezeigt werden wird. Auf solche tiefgreifenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen sollte jede Wissenschaft vorbereitet sein, indem sie Trends beobachten, analysieren und auswerten kann. Dazu muss eine theoretische Aufarbeitung des Themas gegeben sein, die einen klaren thematischen Rahmen vorgibt und der Gesellschaft und Politik in all ihrer Relevanz authen- tisch präsentiert werden kann. Das Ziel dieser Arbeit soll daher sein, einen ersten Überblick über Zusammenhänge zu erstellen und deren Verknüpfungen, Ursachen und Wirkungen auf diese Weise sichtbar werden zu lassen. Die Forschungsfrage lautet daher, inwiefern die hier so betitelte Gesundheitssucht als angenommene Radikalisierungstendenz bei Digital Natives tiefer verankert ist als bei anderen Generationen und wie dieses Phänomen mit auf Digitali- sierung basierender Singularisierung zusammenhängen kann.

Das Bild der Singularisierung spielt dabei eine grundlegende Rolle. Nach Reckwitz (2017) ist sie, was in der Forschung bereits als Tatsache gilt, als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen spätmoderner, inzwischen digitalisierter Gesellschaften zu betrachten – im heutigen Ver- ständnis vor allem der jungen Generationen der Digital Natives. Neben Themenfeldern wie der Ökonomie, Arbeitswelt, Lebensführung und Politik ist dabei ihm zufolge auch in der Digi- talisierung ein umfassender Kulturwandel hin zum singularisierten Lebensstil zu beobachten. Die Annahme ihrer Gültigkeit bildet daher einen der drei Pfeiler meiner Argumentation.

Radikalisierung ist der zweite Begriff, der definiert werden wird und an dieser Stelle kurz um- rissen werden muss, um verständlich zu machen, worauf die Arbeit hinausläuft. Wie bereits angedeutet, findet in modernen Gesellschaften gefühlt eine zunehmende Faszination radika- ler Denkweisen Anklang (Lantermann 2016). Wie es dazu kommen kann, muss fallabhängig diskutiert werden mit Berücksichtigung von in besonderem Maße beeinflussenden Faktoren. In diesem Fall wird sich auf den digital basierten Vorgang der Radikalisierung hin zur Gesund- heitssucht konzentriert, um digitale Einflussnahme und Entwicklungsprozesse zu klären.

Gesundheitssucht ist schließlich das Beispiel, anhand dessen die genannten Prozesse erklärt werden sollen. Zwar ist sie als solche noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt, jedoch ist davon auszugehen, dass sie, ebenso wie andere verhaltensgebundene Suchtformen wie Com- puterspielsucht im Jahr 2019, demnächst anerkannt wird. Hier wird der Begriff als nicht fest definierte, richtungsweisende Formulierung verwendet, die auf gesundheitsschädliche – wenn auch vom Betroffenen selbst als gesundheitsfördernd wahrgenommene – Verhaltens- weisen hinausläuft; Näheres dazu wird im Verlauf der Arbeit erklärt. Als Sucht kann diese Ver- haltensweise anlehnend bezeichnet werden, da sie die typischen Verhaltensmerkmale einer Verhaltenssucht aufweisen kann. Sie stellt damit der Theorie zufolge eine radikalisierte Form eines missglückten Selbstoptimierungsversuches dar, der durch Singularisierungsprozesse, basierend auf der Digitalisierung, verstärkt in Gang gesetzt wird.

Doch wie stark hängen Digitalisierung und Radikalisierungstendenzen wie eine scheinbare Ge- sundheitssucht tatsächlich zusammen? Welche Rolle spielen bei dieser Entwicklung Singulari- sierungsprozesse und die Rahmenbedingungen der Generation der Digital Natives? Und wel- che vermittelnde Funktion spielt der Drang nach Selbstoptimierung auf dem Weg von Selbst- darstellung zur Radikalisierung? Am Beispiel der hier so genannten Gesundheitssucht als Ra- dikalisierungstendenz soll auf der argumentativen Basis einer digitalen Singularisierung der Zusammenhang von Digitalisierung und Radikalisierung herausgearbeitet werden. Dies ge- schieht anhand einer dreigeteilten Argumentationskette, die aufeinander aufbaut: Vorerst werden die Umstände der digitalen Selbstdarstellung von Digital Natives auf Basis von Medi- atisierung und Singularisierung analysiert. Daran anlehnend kann der Vorgang der Selbstopti- mierung näher betrachtet werden, der der Theorie zufolge beispielsweise mit Quantifizierung einhergehen und zu einer aus Nebenschauplätzen entstehenden Grundüberzeugung führen kann. Dies kann schließlich dem fortschreitenden Prozess der Abschottung und Radikalisie- rung als Grundlage dienen. Zuletzt werden die verknüpften Prozesse und Ergebnisse zusam- mengetragen, analysiert und kritisch betrachtet sowie ein kurzer Ausblick gewährt.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden in der gesamten Arbeit männliche als ge- schlechtsneutrale Verallgemeinerungsformen verwendet.

2 Mediatisierung, Singularisierung und Selbstdarstellung

Den Kern der hier aufgeführten Radikalisierungstheorie bietet die Selbstdarstellung, vorrangig in sozialen Netzwerken wie beispielsweise Instagram. Trotz der Allgegenwärtigkeit und Un- umgänglichkeit der Digitalisierung, die die Gesellschaft im Ganzen betrifft und beeinflusst, ist die Nutzermasse dieser Medien relativ eindeutig gewichtet: Vorrangig wird eines der belieb- testen, auf jeden Fall das aktuell am stärksten aufsteigende Social Network, Instagram, von 15 Millionen Deutschen benutzt. Weltweit sind 90 Prozent der Nutzer unter 35 Jahre alt, 60,4 Prozent sind zwischen 18 und 24 Jahre alt (Clement 2019). Auf Basis allgemeiner jugendlicher Eigenheiten ist davon auszugehen, dass diese jungen Nutzer vor allem die Möglichkeiten der Selbstdarstellung besonders intensiv nutzen und nicht nur eine Rolle als sogenannte Follower einnehmen. Studien gibt es bisher nicht zu der konkreten Fragestellung, wer vor allem folgt und wer vorrangig Selbstdarstellung betreibt. Da Instagram jedoch auf der Veröffentlichung von Medien wie Fotos und kurzen Videos basiert, wird quasi jeder Nutzer automatisch zum Selbstdarsteller. Zudem muss man, um eine höhere Reichweite eigener Beiträge zu erreichen, möglichst vielen anderen Nutzern folgen, sodass ein System entsteht, bei dem durch das Fol- gen anderer für den eigenen Erfolg schnell ein großes Netzwerk entsteht. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass der größte Teil der Nutzer, die ja erwiesenermaßen recht jung sind, eine breit gefächerte Selbstdarstellung betreibt, da sie sonst vermutlich auf andere Netzwerke zurückgreifen würden, in denen das Verfolgen anderer Personen oder gar ganz andere Interessen im Vordergrund stehen. Auf dieser Gruppe baut die nachfolgende Theorie daher auf. Damit ist die Beobachtungsgruppe recht präzise einzugrenzen und ermöglicht die These, dass bei ihr ein in unterschiedlichen Ausprägungen aufzufindender Grad eines Drangs nach (digitaler) Selbstdarstellung festzustellen sein könnte.

2.1 Digital Natives und die Mediatisierung

Der Begriff der Digital Natives, der auf die gesamte Altersgruppe der thematisierten Beobach- tungsgruppe angewendet werden kann, bezeichnet Aufgewachsene in einer digitalen Kultur, hier der westlich-europäischen, also junge Menschen, die heute junge Erwachsene sind, sowie alle jüngeren hier lebenden. Sie sind in eine Welt mit Handys, Fernsehen und Internet hinein- geboren worden und kennen sie dadurch fast zwangsläufig von Klein auf. Im Gegensatz dazu gibt es die sogenannten Digital Immigrants, das sind diejenigen, die erst als Erwachsene inten- siv mit digitalen Medien in Berührung kommen. (Prensky 2001)

Über den Lauf der Jahre wurde eine deutliche Zunahme der Internetnutzung festgestellt, wäh- rend die Nutzung anderer Medien wie Fernseher oder Radio nicht wesentlich abgenommen hat. Dies bedeutet, dass es zu einer rasanten Ausdehnung der Beschäftigungszeit mit Medien kommt. (MPFS 2018: 31 ff.) Mit 97% steht das Smartphone inzwischen an erster Stelle der Freizeitbeschäftigung Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren (ebd.: 14). Die Verfügbarkeit diverser Medien ist nahezu immer überall ermöglicht, 99% der Haushalte in Deutschland ver- fügen inzwischen über mindestens ein Smartphone (ebd.: 6) und der Ausbau schneller Inter- netnetze wird deutschlandweit kontinuierlich vorangetrieben. Die Digitalisierung ist fest in der Gesellschaft und ihren Strukturen verankert, in den Generationen der Digital Natives spielt sie bereits im Kindesalter in Form von Spielen oder digitalen Haushaltshelfern der Eltern wie Smart-Home-Vorrichtungen eine entscheidende Rolle. Die jüngsten Generationen wachsen von Klein auf mit der Digitalisierung heran (Palfrey&Gasser 2008) und tragen dadurch eventu- ell grundlegende Risiken der sogenannten Internetsucht in sich. In Deutschland wird von einer Internetabhängigkeit von einem bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausgegangen, wäh- rend unter Jugendlichen bis zu 5 Prozent festzustellen sind; die Schätzungen über riskanten oder schädlichen Internetgebrauch liegen sogar um den zwei- bis dreifachen Faktor höher (Rumpf et al. 2016: 169).

Die jugendlichen Digital Natives sind demzufolge diejenigen, die gemessen an der Gesamtbe- völkerung die meiste Zeit auf sozialen, Selbstdarstellung fördernden Netzwerken unterwegs sind und unter anderem dadurch auch suchtfördernde Tendenzen in sich tragen. Hier wird thematisch nicht so weit in das Thema der Internetsucht eingestiegen, jedoch bietet sie eine präzise Richtungsweisung zu den Tendenzen hin, die bei Jugendlichen bezüglich des Internets und gerade bestimmter Nutzungsformen sehr etabliert sind. Da nicht von einer grundlegen- den Internetsucht an sich gesprochen werden kann, da das Internet ein viel zu breit gefächer- tes Repertoire an Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, müssen extreme Verhaltensweisen von bestimmten Nutzungsmöglichkeiten abhängig sein (Te Wildt 2015: 57 f.). An dieser Stelle überschneiden sich die spezifische Internet- und die damit verbundene Gesundheitssucht und der thematische Bogen zwischen Digitalisierung, der extremen Nutzung durch Digital Natives und deren selbstschädigendem Verhalten kann gedanklich gespannt werden.

Der Begriff der Digitalisierung bedarf thematisch gebunden ebenso einer spezifischen Eingren- zung und Präzisierung und ist hier daher zu verstehen als „Leistungserbringung in einem digi- talen, computerhandhabbaren Modell“ (Wolf&Strohschen 2018: 58), in dem „die digitalen Ökosysteme […] und die technischen Geräte […] untereinander und mit uns per Datenüber- tragung kommunizieren, sich abstimmen und synchronisieren“ (Hamidian&Kraijo 2013: 9). Sie ist folglich als eine sich ausbreitende Handlungs-, Gegenstands- und Kommunikationsform an- zusehen, die eine wachsende gesellschaftliche Rolle einnimmt wie beispielsweise im Sport, im Haushalt, in der Arbeit und unter Freunden. Diese Rolle mag bei Digital Natives durch ihre im digitalen Raum intensive sozial intendierte Nutzung, ich bezeichne es als „digitalisierte Sozia- lisation“, verstärkt gegeben sein und beeinflusst nahezu alle Bereiche des Lebens, in Form der sozialen Vernetzung jedoch besonders stark das Sozialleben.

Krotz (2017) geht in seinen Behauptungen sogar noch etwas weiter und legt dar, dass ein – wohl vorrangig bei den Digital Natives verorteter – sozialer Zwang zur Mediatisierung bestehe. Mediatisierung und Digitalisierung bedingen sich gegenseitig dahingehend, dass eine Media- tisierung, also die zunehmende Ausbreitung elektronischer Medien in wirtschaftlichen, politi- schen und gesellschaftlichen Bereichen, die Grundlage der Digitalisierung bildet, die ihrerseits wie zuvor definiert vor allem auf Kommunikationsformen basiert.

Seine Theorie baut auf der Annahme auf, dass durch die zunehmende Mediatisierung der Öf- fentlichkeit, die auch durch die Gesellschaft selbst getragen wird, einzelne Individuen gar nicht mehr frei entscheiden können, ob sie daran teilhaben möchten, da sie durch soziale, werbe- technische, wirtschaftliche, zeitliche und arbeitsbezogene Faktoren quasi gezwungen werden, an einem Mindestmaß an Mediatisierung zu partizipieren. Gewiss lässt sich daran kritisieren, dass ein Einsiedlerleben ohne jegliche Medien durchaus möglich sein kann, doch damit gehen einige Einschränkungen mit einher, die in der heutigen digitalisierten Gesellschaft immer schwieriger zu umgehen sein werden. Genannt seien nur zunehmende nur noch online auszu- füllende Formulare für diverse öffentliche Ämter, die Pflicht zum digitalen Personalausweis sowie die Datenspeicherung aller Bankdaten, die zudem darauf zurückgehen, dass einige Dinge nur noch per Bankeinzug bezahlt werden können. Paradoxerweise treten solche Ein- schränkungen gerade zunehmend in ländlichen Gebieten auf, da dort viele Einkaufsmöglich- keiten und sogar ärztliche Versorgung kaum mehr vorhanden sind und demnach online gere- gelt werden müssen. Eine Person, die in einem mindestens normalen Maß an der Gesellschaft teilhaben möchte, ist daher durchaus einem Zwang zur Mediatisierung ausgesetzt und muss demzufolge auch an der Digitalisierung partizipieren:

„Die ständige potenzielle Verbundenheit jedes Individuums mit allen anderen Individuen und Institutionen, also eine zunehmende und radikale Verdichtung von Vergemeinschaftung bzw. Vergesellschaftung, kann als besonderes Kennzeichen des Entstehens einer computerkontrollierten digitalen Infrastruktur gesehen werden.

Eine daran anschließende These ist, dass die zunehmend über ihre Teilhabe an der computergesteuerten digitalen Infrastruktur vergesellschafteten Individuen das Netz immer weitergehend zu ihrem Lebensraum machen.“

(Krotz 2017: 28)

Krotz sieht also nicht nur die soziale Zukunft im Internet, legt jedoch einen Schwerpunkt da- rauf und hat wohl schon damals Recht damit gehabt im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen. Ich nehme mir das Recht heraus, diese als „digital-sozial“ zu bezeichnen. Dies mache ich daran fest, dass vor allem Kommunikation zunehmend digital stattfindet, sowohl über diverse Mes- sengerdienste wie WhatsApp, Telegram oder den Facebook-Messenger, als auch über Kom- mentare, „liken“ oder anderweitige Interaktionen auf teil-öffentlichen sozialen Netzwerken. Diese Kommunikationsformen haben alle gemeinsam, dass sie einen gewissen Grad an Selbst- darstellung mit sich bringen. Zwar gibt es die Möglichkeit, sich kein Profilbild zuzulegen und keinen Status zu posten; die gegenteiligen Möglichkeiten aber, das Profilfoto regelmäßig zu ändern und den Status, egal ob im Messenger oder im sozialen Netzwerk, zu einer langsam wachsenden Chronik aufzubauen, nehmen wesentlich mehr Raum in der Wahrnehmung ein und werden daher umfassend genutzt. So entsteht mit der digitalen Kommunikation einher- gehend eine im gleichen Umfang wachsende Möglichkeit zur Selbstdarstellung.

Inwiefern sich dies als (gesamt-)gesellschaftliche Mentalität festlegen lässt, bleibt eine offene Frage. Zwar steigen die Nutzerzahlen von Messengerdiensten und sozialen Netzwerken durch die nachkommenden Generationen der Digital Natives weiter an, jedoch ist die demographi- sche Verteilung und Gewichtung der Nutzer und Nicht-Nutzer unter der Betrachtung der Ge- samtgesellschaft unbekannt. Werden wie anfangs nur die Nutzer bestimmter sozialer Netz- werke betrachtet, in denen das Beispiel des Gesundheitshypes besonders ausgeprägt zu be- obachten ist, lässt sich dennoch durchaus von einem Trend zur Selbstdarstellung sprechen, zumindest unter Nutzern dieser sozialen Netzwerke. Inwiefern sich dieser Trend offline und in anderen Bevölkerungsgruppen fortsetzt, bleibt fraglich, ist aber auch kein Teil der hier ge- nannten Fragestellung.

Fest steht nach den bisherigen Erkenntnissen hingegen der Zusammenhang zwischen Gene- rationen der Digital Natives und deren ausgeprägter sozialer Zwang zur Mediatisierung. Wie wirkt sich dies jedoch auf Prozesse wie eine Singularisierung und Selbstdarstellung aus?

2.2 Singularisierung und Selbstdarstellung

Reckwitz geht weiter davon aus, dass von den technologischen Ausprägungen in einer Gesell- schaft abhängig ist, wie innerhalb derer gehandelt wird. Die Kommunikationstechnik sei un- trennbar mit sozialen Praktiken verknüpft und bildet so eine „technische Kultur“. (Reckwitz 2017: 225) Diese fordert eine „Singularisierung des Sozialen“ (ebd.: 226) heraus, indem sie eine „Kulturmaschine“ erzeugt (ebd.), in der primär kulturelle Elemente wie Bilder, Narratio- nen und Spiele im Sinne kurzfristiger Attraktionen produziert und rezipiert werden, was zu einer Emotionalisierung führt. Dies bedingt eine Performativität und ein Dauererleben, das durch seine Gegenwärtigkeit irgendwann erwartet und gebraucht wird. Dadurch entsteht ein Streben nach Einzigartigkeit, um bei der Reizüberflutung die knappe Aufmerksamkeit der (di- gitalen) Umgebung gewinnen zu können. Durch Gleichzeitigkeit, Neuartigkeit und ständige Aktualisierung durch die Nutzer, die immer auch gleichzeitig Produzenten der medialen Wirk- lichkeit sind, entsteht eine zeitliche Beschleunigung, die eine Kettenreaktion entstehen lässt. (Reckwitz 2017)

Anstelle einer allgemeingültigen Kultur entstehen so in ständiger Reproduktion vielfältige For- men der Singularisierung. Die digitale Gemeinschaft kann demnach als Voraussetzung und Er- gebnis gegenseitiger Selbstentblößung gesehen werden, was bedeutet, dass die betroffenen Individuen sich gegenseitig mit ihrer Selbstdarstellung konfrontieren und dabei nicht zwin- gend nur ihre gewissen ungeschriebenen Regeln zufolge vorzeigbaren Seiten präsentieren. Im Gegenteil, Reckwitz zufolge geht es bei der Selbstdarstellung eben nicht um Unfehlbarkeit und Perfektion, sondern um den Reiz des Besonderen. Es soll eine darstellerische Glaubwürdigkeit entstehen, die zu Sichtbarkeit und sozialer Anerkennung führt. Dies geschieht durch Origina- lität, Andersheit, Permanenz des Neuen, visuelles Erleben, in sozialen Netzwerken durch das Setzen von Links, liken, viele Freunde und eine Gegenseitigkeit der Reaktionen. Wichtig ist dabei immer Gegenwärtigkeit und Aktualität. (Reckwitz 2017) Dieser Druck auf Einzigartigkeit hin führt zur Veröffentlichung verschiedenster Produkte, die bis in privateste Bereiche hinein- reichen können. Die Mitglieder einer thematisch definierten Community sind also, so könnte man sagen, gemeinsam einsam und verbunden in ihrer Konkurrenz.

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Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
"Gesundheitssucht" als Radikalisierungstendenz bei Digital Natives auf Basis einer digitalen Singularisierung
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V499619
ISBN (eBook)
9783346025784
ISBN (Buch)
9783346025791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesundheitssucht, radikalisierungstendenz, digital, natives, basis, singularisierung
Arbeit zitieren
Olivia Mantwill (Autor), 2019, "Gesundheitssucht" als Radikalisierungstendenz bei Digital Natives auf Basis einer digitalen Singularisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499619

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