Demokratisches Erzählen - Eine narratologische Analyse zu Heinrich Manns "politischem" Roman "Die kleine Stadt"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Die kleine Stadt“ – geistloser Roman eines „leeren Technikers“?

2. Der Modus des Erzählens in „Die kleine Stadt“
2.1 Erzählerische Distanz zum Geschehen
2.1.1 Erzählung von Ereignissen in „Die kleine Stadt“
2.1.2 Erzählung von Worten (und Gedanken) in „Die kleine Stadt“
2.2 Fokalisierung in „Die kleine Stadt“

3. Funktionen des Erzählers in „Die kleine Stadt“

4. Demokratisches Erzählen

5. Die Erzähltechnik als Mittler des demokratischen Geistes von

„Die kleine Stadt“

Sigeln

Literaturverzeichnis

1. „Die kleine Stadt“ – geistloser Roman eines „leeren Technikers“?

Heinrich Mann hat seinen 1909 erschienen Roman „Die kleine Stadt“ zeitlebens als seinen „beste[n]“[1] bezeichnet. An Ludwig Ewers schrieb er kurz nach dem Erscheinen: „Die kleine Stadt ist mir von meinen Romanen der liebste, denn er ist nicht nur technisch eine Eroberung sondern auch geistig“[2].

Die zeitgenössische Kritik befindet indes anders und verurteilt Mann im Zuge der Rezension des Romans „wieder einmal […] zur ‚Tragik des Virtuosenthums’“[3]. Man attestiert dem Autor zwar (erzähl-) technische Kunstfertigkeit, gleichzeitig brandmarkt man ihn aber als „leere[n] Techniker“[4], als geistlosen Künstler. Dementsprechend wird der Roman weitgehend „als Heimatkunst, nur ins Italienische gewendet [missverstanden]“[5], dass „Die kleine Stadt […] politisch zu verstehen [ist], als Hohe Lied der Demokratie, […] merkt kein Mensch“[6].

Angesichts der stereotypen zeitgenössischen Kritik, die sich an „Die kleine Stadt“ erneut entzündet, schreibt Heinrich Mann dem Schriftstellerkollegen René Schickele:

Ich habe die Technik, die „Kunst“ nie für etwas anderes genommen als für Voraussetzung, für Mittel, um Geistiges und Seelisches sinnlich zu machen. Um so schlimmer für dieses schwache Geschlecht [die Rezensenten], wenn sie es überhaupt für möglich halten, ein starker Techniker könne etwas anderes sein als ein starkes Herz.[7]

Ich möchte in dieser Arbeit versuchen nachzuweisen, dass Manns poetologische Idee von der (Erzähl-)Technik als Mittler des „Geist[es]“[8] seiner Werke gerade in „Die kleine Stadt“ verwirklicht ist.

Dazu untersuche ich zunächst immer die Art und Weise wie die Geschichte des Romans erzählerisch vermittelt wird, um dann zu fragen: ‚Warum wird sie gerade so vermittelt und nicht anders, welche Funktion könnte die gewählten Darstellungsverfahren, verstanden als integraler Bestandteil eines „politische[n], demokratische[n] Roman[s]“[9], haben?’.

Bei meiner narratologischen Betrachtung von „Die kleine Stadt“ stütze ich mich im Wesentlichen auf die von Gérard Genette, in seinem Standardwerk „Die Erzählung“[10], formulierte Erzähltheorie. Genette unterscheidet fünf Hauptkategorien der Erzähltextanalyse (1. Ordnung, 2. Dauer, 3. Frequenz, 4. Modus, 5. Stimme[11] ). Im Hinblick auf die erzählerischen Eigenarten des Romans, scheint es mir nicht sinnvoll diese Kategorien unbesehen in die narratologische Analyse aufzunehmen. So ist z.B. eine umfangreiche Untersuchung der Ordnung der Erzählung nicht nötig, da die chronologische Ereignisfolge seitens des Erzählers nicht ein Mal umgestellt wird. Fragen der Dauer lassen sich hier leicht im Zusammenhang mit dem Modus der Erzählung darstellen und auch eine Analyse der Frequenz erscheint wenig lohnend, da Ereignisse nur in der Form der singulativen Erzählung („,einmal erzählen, was sich einmal ereignet hat’“[12] ) präsentiert werden. Ich werde mich also auf die Kategorien Modus (Distanz, Erzählung von Ereignissen und Worten/Gedanken, Fokalisierung) und Stimme (Funktionen des Erzählers) konzentrieren, wobei ich auch hier zur Analyse nur jene Unterkategorien heranziehe, die in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand und die Zielsetzung dieser Arbeit einen wirklichen Erkenntnisgewinn versprechen.

2. Der Modus des Erzählens in „Die kleine Stadt“

2.1 Erzählerische Distanz zum Geschehen

Geschehen kann in unterschiedlichen Graden von Mittelbarkeit präsentiert werden. Schon Platon hat das erkannt und zwei „narrative Modi“[13] unterschieden. Einmal kann der Dichter demnach selbst reden, ohne vorzugeben ein anderer rede (diêgêsis) andrerseits kann er bewusst den Eindruck erzeugen ein anderer (eine Figur) spreche (mimêsis). Es ist klar, dass der mimetische Modus die Illusion von Unmittelbarkeit („Mimesis-Illusion[14] “) fördert, während der diegetische Modus die Mittelbarkeit erzählerischer Präsentation (Distanz) betont.

Platons Unterscheidung zwischen Diegisis (reiner Erzählung) und Mimesis (Nachahmung) bezieht sich zunächst nur auf die Präsentation von Worten, sie ist aber auf die Erzählung von Ereignissen übertragbar.

So kann man eine distanzierte, zeitraffende, reflektierende und kommentierende Erzählweise als diegetisch beschreiben. Während man dann im Falle von einem scheinbar abwesenden Erzähler, einem (nahezu) zeitdeckenden, unreflektierten, (überflüssig) detailreichen Erzählen/Beschreiben von einem mimetischen Erzählmodus spricht.

Im Folgenden möchte ich im Bezug auf Genettes Kategorie der Distanz anstatt von einer Opposition von Diegisis vs. Mimesis von einer Opposition von „ narrative[m] Modus (= mit Distanz) vs. dramatische[m] Modus (= ohne Distanz)“[15] reden.

2.1.1 Erzählung von Ereignissen in „Die kleine Stadt“

Genuine Aufgabe des Erzählers ist es, die nichtsprachlichen Elemente (Ereignisse) der erzählten Welt, wie nonverbale Figurenhandlung, „natürliche“ Geschehnisse sowie Eigenschaften und Zustände, sprachlich zu vermitteln. Wie erfolgt diese Vermittlung in „Die kleine Stadt“?

Ulrich Weisstein schreibt, der Roman sei „der erste Versuch Heinrich Manns ein ganzes Volk episch zur Darstellung zu bringen“[16]. Dass dieser Versuch gelungen ist, liegt an dem geschickten Umgang Manns mit dem dramatischen Erzählmodus.

Die Figuren erscheinen durch die spotlightartig-präzise erzählerische Beschreibung ihres Aussehens, ihrer Gestik und Mimik, ihrer Sprechweise sowie ihrer Bewegungen zum Greifen nahe. Schon der erste Satz des Romans erzeugt das, was Bachtin „Realitätseffekt“[17] nennt. „Der Advokat Belotti trat schwänzelnd an den Tisch vor dem Café ‚Zum Fortschritt’, wischte mit dem Taschentuch um seinen kurzen Hals und sagte erstickt […]“[18].

Derartige scheinbar auf präzise Beobachtung beruhende Beschreibungen von Figuren/Szenen dominieren die Erzählung von nichtsprachlichen Ereignissen im Roman. Die „technische“ Leistung Manns besteht dabei darin, mit einigen wenigen prägnanten mimetischen Pinselstrichen im Kopf des Lesers ganze Bilder entstehen zu lassen. Nur auf diese Weise kann es etwa gelingen einem Gutteil von „annährend hundert Einzelfiguren“[19] auf relativ engem Raum „markant[e]“[20] Charaktere zu verleihen.

Denn das Volk der Demokratie, der „kleinen Stadt“, soll nicht als „gesichtslose Masse“[21] erscheinen. Es besteht aus gleichberechtigten Individuen, mit verschiedenen Überzeugungen, Interessen und oft allzu menschlichen Eigenschaften[22]. Dieses Volk als „moralisch-politische[s] Utopie-Modell“[23] soll dem Leser greifbar-lebendig vorkommen. Diese Durchschnittsmenschen schaffen und leben Demokratie auf eine ganz unkonventionelle und menschliche Weise, dies soll unmittelbar und damit nachvollziehbar dargestellt werden. Demokratie ist nichts Abstraktes, sie ist konkret machbar, überall dort, wo „Menschen“ sind, könnte die erzähltechnisch transportierte Botschaft lauten. Die beschriebene mimetische, „volksnah“-lebendige Erzählweise ist also alles andere als bloße „‚Kunst’“.

[...]


[1] Ewers-Briefe: 441 (24.3.1909) und vgl. Lemke-Briefe: 46 (29.1.1947).

[2] Ewers-Briefe: 449 (13.12.1909).

[3] Dok.: 119 (Brief an René Schickele, 7.2.1910).

[4] Dok.: 119 (Brief an René Schickele, 7.2.1910).

[5] Koopmann 2003: 432.

[6] Dok.: 122 (Brief an René Schickele, 27.12.1909).

[7] Dok.: 119 (Brief an René Schickele, 7.2.1910).

[8] Brantl-Briefe: 402 (21.1.1910.)

[9] Koopmann 2003: 433.

[10] Genette 1994.

[11] Vgl. Genette 1994: 5 f.

[12] Martinez/Scheffel 2000: 45.

[13] Genette 1994: 116.

[14] Genette 1994: 117.

[15] Martinez/Scheffel 2000: 49.

[16] Weisstein 1962: 96.

[17] Martinez/Scheffel 2000: 117.

[18] KS: 9 (eigene Hervorhebung, S. S.).

[19] Martin 1993: 207.

[20] Stein 2002: 58.

[21] Martin 1993: 208.

[22] Vgl. „Zukunft”: 266 (offener Brief an Lucia Dora Frost, 19.2.1910).

[23] Haupt 1980: 51.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Demokratisches Erzählen - Eine narratologische Analyse zu Heinrich Manns "politischem" Roman "Die kleine Stadt"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Heinrich Manns Frühwerk
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V50020
ISBN (eBook)
9783638463300
ISBN (Buch)
9783638863766
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit den Mitteln der Narratologie wird gezeigt, dass es sich bei Heinrich Manns "Die kleine Stadt" nich um den geistlosen Roman eines "leeren Technikers" (O-Ton der zeitgenössischen Kritik), sondern um ein bemerkenswertes Bekenntnis zur Demokratie handelt. - Bei der Analyse, wird im wesentlichen auf die Kategorien von Genette zurückgegriffen.
Schlagworte
Demokratisches, Erzählen, Eine, Analyse, Heinrich, Manns, Roman, Stadt, Frühwerk
Arbeit zitieren
Sven Soltau (Autor), 2005, Demokratisches Erzählen - Eine narratologische Analyse zu Heinrich Manns "politischem" Roman "Die kleine Stadt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50020

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