Englishness im viktorianischen Schulroman

Am Beispiel von Thomas Hughes´ "Tom Brown´s Schooldays" und Frederic William Farrars "Eric, or Little by Little"


Hausarbeit, 2019
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Englishness
2.1 Public School Novel

3. „Tom Brown’s Schooldays“ von Thomas Hughes (1857)

4. „Eric, or Little by Little“ von Frederic William Farrar (1858)

5. Vergleich der Schulromane und Fazit

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der Darstellung von Englishness im viktorianischen Schulroman auseinander. Die US-amerikanische Professorin der Geisteswissenschaften Elizabeth Langland beschäftigt sich mit der viktorianischen Literatur und Kultur sowie Gender Theorien.1 In ihrem Artikel „Nation and nationality: Queen Victoria in the developing narrative of Englishness“ nennt sie im Zusammenhang mit Repräsentationen von England im viktorianischen Zeitalter den englischen Schulroman, der nach ihrer Ansicht der Vermittlung gewisser Aspekte der englischen Nationalidentität bzw. von Englishness diente:

„A significant literary work of this period plays with similar tropes, figuring contemporary England through an Anglo-Saxon past and at the same time establishing a gendered ethos of Englishness that becomes instrumental in empire-building. I refer to Tom Brown’s Schooldays (Hervorhebung E.L.) […].“2

Das Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, inwieweit Englishness in den Schulromanen (public school novels) vermittelt und welches Bild von Englishness kreiert wird. Hierfür wird im zweiten Kapitel der Versuch unternommen, Englishness zu definieren sowie Faktoren der nationalen Identität näher zu beleuchten. Dabei beschränkt sich die Arbeit aufgrund des großen Umfangs des Themas auf die Aspekte, die durch die Literatur dargestellt werden können. Dazu zählen unter anderem der Stellenwert der englischen Herkunft und Männlichkeitsbilder. Der nächste Abschnitt erläutert die Bedeutsamkeit und Funktion des englischen Schulromans und geht auf die Erziehung zum englischen Gentleman ein. Anschließend werden im zweiten Teil die Vorstellungen von Englishness auf die Romane „Tom Brown’s Schooldays“ von Thomas Hughes von 1857 und „Eric, or Little by Little“ von Frederic William Farrar 1858 bezogen. Das zweite Werk wurde für einen Vergleich ausgewählt, da es ein Jahr später erschien und ebenfalls vom Heranwachsen eines Schuljungen handelt, der sich in eine neue Gemeinschaft integrieren muss. Bei der Analyse wird der Fokus unter anderem auf die Entwicklung der Protagonisten, die Schule als Mikrokosmos und das Bild eines englischen Gentlemans gelegt. Im fünften Kapitel findet ein Vergleich beider Romane miteinander statt und schließlich wird ein Fazit gezogen.

2. Englishness

Um 1830 kam erstmals die Idee des Nationalcharakters und einer kollektiven nationalen Identität auf. Die englische Bevölkerung begann, sich stärker mit ihrer Nation zu identifizieren, wobei sie sich von anderen Staaten abgrenzte und sogenannte englische Charaktereigenschaften benannte.3 Schriftsteller, wie unter anderem der US-Amerikaner Ralph Waldo Emerson mit seinem Werk „English Traits“ (1857), setzten sich mit dem Selbstbild der Engländer auseinander. Infolgedessen entwickelten sich Konzepte der nationalen Identität weiter. Es existieren zahlreiche verschiedenartige Definitionen der nationalen Identität, die sich seit dem 19. Jahrhundert aufgrund sozialer, kultureller und politscher Entwicklungen verändern.

Von großer Bedeutung für die folgende Analyse ist die Feststellung, dass „Identität […] nichts Naturgegebenes [ist], sondern etwas Hergestelltes, ein soziales Konstrukt, welches eng mit Emotionen verwoben und deshalb nur schwer objektivierbar ist“4. Die englische Sozial- und Politikwissenschaftlerin Montserrat Guibernau hebt den kollektiven Aspekt der Identifizierung mit der Nation hervor: „National identity is a collective sentiment based upon the belief of belonging to the same nation and of sharing most of the attributes that make it distinct from other nations.“5 Konzepte der nationalen Identität wurden in der Form erst im 19. Jahrhundert mit der Bildung der Nationalstaaten geschaffen.6

Dabei muss zwischen den Begriffen Britishness und Englishness unterschieden werden, obgleich keine trennscharfe Definition möglich ist, da verschiedene Auffassungen der Wortbedeutungen vertreten oder auch synonym verwendet wurden, da Englishness hauptsächlich als Abgrenzung zu anderen Nationalitäten entstand, vor allem zu Scottishness und Welshness.7 Auf den britischen Inseln entwickelten sich im 19. Jahrhundert verschiedene Konzepte nationaler Identitäten, „in which different varieties of Englishness, Irishness, Scottishness and Welshness co-existed or contended with other, more localized, loyalties, or with the facets of a more comprehensive ‘British‘ identity“8.

Das viktorianische Zeitalter, auf dem der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt, gilt rückblickend als Repräsentation dessen, was bis heute noch unter englischen Werten verstanden wird.9 Der sogenannte Viktorianismus, der hauptsächlich die Zeitspanne der Regentschaft von Queen Victoria (1837 bis 1901) einnimmt, ist sowohl geprägt von einem konservativem Gesellschaftsbild und Prüderie als auch von der Industrialisierung und sozialen und politischen Reformen.10

In Hinblick auf die Differenzierung zwischen den englischen Begriffen Victorianism und Englishness nimmt Langland neben dem historischen Rahmen Bezug auf die genderspezifischen Unterschiede. Während Queen Victoria als Symbolfigur der viktorianischen Epoche die weibliche Häuslichkeit repräsentierte, lag der Fokus von Englishness in dieser Zeit auf maskulinen Merkmalen: „To the extent that Victoria embodied wifehood and maternality, she became the imagined essence of Victorianism but, therefore, not the quintessence of Englishness.“11 Unter der Bezeichnung Englishness wurde hingegen die Übereinstimmung in drei Kategorien verstanden, die die Trias race-class-gender vorgab.12 Englisch waren Weiße mit angelsächsischen Wurzeln, die aus der Mittelklasse stammten und männlich waren: „English character takes its shape from Anglo-Saxon roots, finds its embodiment in the Victorian middle classes, and locates its most distinctive expression in English public schools and imperialism.“13

Bezüglich der ersten Kategorie, race, existieren zwei grundlegende Kennzeichen von Englishness: Imperialismus und die angelsächsische Herkunft.

Die Engländer definierten sich im weiteren Sinne als Zugehörige zum Britischen Empire, dessen Macht sich in Staaten rund um die Erde ausbreitete. Daher vertraten sie auch dementsprechend stolz ihre Kultur und grenzten sich von anderen Ländern ab, auch von Schottland und Irland auf den britischen Inseln. Vor allem seit den 1840er Jahren zogen Historiker wie Thomas Carlyle Vergleiche zwischen dem British Empire und dem Römischen Reich. Im Sinne des Imperialismus verfolgten die Briten das Ziel, andere Nationen zu zivilisieren, wobei sie als die herrschende Gruppe Angehörige von Fremdgruppen unterwarfen und ihre Kultur, unter anderem ihre Sprache, ihre Religion und ihre Institutionen, verbreiteten.14 Kulturen hingegen, die aus Sicht der Briten mit der eigenen nicht übereinstimmten, wurden abgewertet. Vielmehr wurde die Existenz anderer Nationalidentitäten bestritten und dementiert. Die Position gegenüber Indien, das in den 1850er Jahren unter die Herrschaft des British Empire fiel, veränderte sich während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zunächst fühlten sich die Briten Indien wie auch jeder anderen Nation überlegen. Der Wunsch, Indien zu kolonisieren und zivilisieren, wurde als „Last des weißen Mannes“ bezeichnet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch eine gewisse Abhängigkeit und teilweise auch Faszination von Indien.15 Dennoch nahm Indien immer eine subalterne, degradierte Rolle ein.16 Den Engländern wird in dieser Zeit ein ausgeprägter Patriotismus zugeschrieben, der darüber hinaus auch in der zeitgenössischen Literatur hervorgehoben wird, jedoch nicht als spezifisch englisches Merkmal gelten kann.17 Dennoch implizierte die Englishness des viktorianischen Zeitalters einen starken Nationalstolz, der sich in den Schriften von damaligen Autoren widerspiegelt. Zentral ist hierbei die Hingabe und Aufopferung aus Liebe zum Heimatland und die sentimentale Leidenschaft für das ländliche England und die Natur.18

In den 1850er Jahren wurde sich intensiver mit dem Rassenbegriff auseinandergesetzt. Das Denken verschiedener Rassentheoretiker wie Arthur de Gobineau wurde vor allem bei der Thematisierung von Rassenmischung deutlich. Es wurde davon ausgegangen, dass Rassen durch bestimmte Charakteristika definiert und somit vereinheitlicht werden konnten.19 Der Anatomist Robert Knox glaubte an starre rassische Unterschiede und die Unvereinbarkeit unterschiedlicher Rassen. Er definierte die Angelsachsen, ein germanisches Sammelvolk, von dem die Engländer abstammten und die ihre Identität prägten20, folgendermaßen:

„Thoughtful, plodding, industrious beyond all other races, a lover of labour for labour’s sake; he cares not its amount if it be but profitable; large handed, mechanical, a lover of order, of punctuality in business, of neatness and cleanliness. In these qualities no race approaches him; the wealthy with him is the sole respectable, the respectable the sole good; the word comport is never out of his mouth – it is the beau ideal of the Saxon. […] The self-esteem is so great, the self-confidence so matchless, that they cannot possibly imagine any man or set of men to be superior to themselves.“

Das überspitzte Bild der charakterlichen Überlegenheit und menschlichen Höherwertigkeit geht ebenfalls aus den Schriften des englischen Historikers John Seeley hervor, der die Ausweitung des Imperiums in den Vordergrund des „genius of the Anglo-Saxon race“ stellt: „It seems to us clear that we are the great wandering, working, colonising race, descendend from searovers and Vikings. The sea, we think, is ours by nature’s decree, and on this highway we travel to subdue the earth and to people it.“21

Um die Jahrhundertmitte spielte die angelsächsische Herkunft noch eine bedeutsamere Rolle für die nationale Identität. Später beschränkte sich das Konzept von Englishness nicht auf die Angelsachsen, sondern weitete sich in zweierlei Hinsicht aus. Zum einen trennten sie das eigene Land und seine Kultur prinzipiell von allen nicht-englischen Nationen, zum zweiten wurden auch andere ethnische Gruppen in Großbritannien, beispielsweise die Kelten, ausgeschlossen. Insbesondere den Iren wurden Eigenschaften wie Rückständigkeit, Labilität und Unvernunft zugeschrieben.22

Ein weiteres Charakteristikum von Englishness ist die Mittelklasse bzw. -schicht, die sich zwischen dem Adel und der Arbeiterklasse herausbildete.23 Die Berufe der Mittelschicht, wie Literaten, Geistliche oder Journalisten, ermöglichten eine große Einflussnahme auf die Kultur.24 Die wachsende Klasse vereinte dennoch eine große Spannbreite unterschiedlicher Arbeitsfelder, von Landarbeiter über kleine Ladenbesitzer bis Mediziner, die gewisse Werte und Normen teilten. Sie schätzte Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz und Pflichtbewusstsein, lebte nach moralischen und solidarischen Prinzipien und hielt es für essentiell, dass insbesondere die Söhne, aber auch vermehrt die Töchter eine gute Schulbildung mit praktischen Anteilen erhielten. Angehörige der Mittelklasse maßen der Familie einen großen Stellenwert bei und legten daher auch besonderen Wert auf eine bedachte Vermählung. Außerdem nahmen der christliche Glauben und der regelmäßige Kirchenbesuch einen wichtigen Platz in ihrem Alltag ein.25 Insbesondere ab den 1880er Jahren „‘Englishness‘ was to be found in the past, within the cultural history and literature of England, and its use reflected an upper middle class expression of national identity associated with institutions like the Anglican Church“26. Die starke Verbundenheit mit der protestantischen Kirche ging einher mit einer ausgeprägten Abneigung bzw. Abscheu gegen den katholischen Glauben und somit gegen katholische Länder, wie beispielsweise Irland und Frankreich. Nach Ansicht verschiedener Historiker und Autoren nahm der Protestantismus eine zentrale Rolle in der Konstruktion der nationalen Identität ein. Dadurch dass die Religion einen wesentlichen Einfluss auf politische und kulturelle Belange nahm, wurde auch von einer anglikanischen Kultur gesprochen.27

Erst um 1900 erkannten Mitglieder der Mittelschicht, dass die von ihnen degradierte Arbeiterklasse, der bis zur Jahrhundertwende eine ethische Gesinnung und eine eigene Kultur abgesprochen wurde, entgegen ihrer Erwartungen über ein eigenen Bestand kultureller Praktiken verfügten. Auch deren harte Arbeit wurde zunehmend als wertvollere Tätigkeit, die Respekt und Ansehen verdient hatte, angesehen.28

Verstärkt durch die religiöse Orientierung schuf die Mittelklasse seit Beginn des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Leben Praktiken und Ideologien, die Geschlechter- und Klassenunterschiede festigten. Infolgedessen manifestierte sich auch die strikte Trennung der geschlechtlichen Sphären und somit die dichotome Teilung in den privaten häuslichen, femininen Bereich und den öffentlichen politischen, maskulinen Bereich. Eine Abweichung oder Überschreitung der zugeteilten Normen war undenkbar, da die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Schicht fest mit den Attributen zusammenhing.29

In der Auseinandersetzung mit dem dritten Aspekt, gender, steht zunächst die Kontrastierung von passiven Tugenden der Frauen, wie Selbstaufopferung und Zärtlichkeit, und aktiven Neigungen der Männer, unter anderem Mut, Standhaftigkeit und Tatendrang, im Mittelpunkt.30

Allerdings existierten Vorstellungen über vermeintlich typisch feminine Eigenschaften nicht in der Weise, wie die Männer charakterisiert wurden. Zu den wesentlichen Merkmalen, die den Frauen zugeordnet wurden, zählten lediglich Häuslichkeit und die Auslebung der Mutterschaft als sogenannte „angel in the house“31. Mit diesen weiblichen Attributen wurden Frauen zwar weltweit versehen, jedoch bestand die These, dass die englische Frau diese Fähigkeiten zur Perfektion verkörperte. Frauen wurden betrachtet als „the embodiment of the spiritual essence of the race, the guardian of the spiritual and moral values of the English“32. Da ihnen somit von der Gesellschaft ein transnationaler Charakter auferlegt wurde, wurde ihnen im gleichen Schritt ein nationaler Charakter abgesprochen und damit waren Frauen vom Konzept der Nationalität ausgeschlossen. Obwohl die englischen Frauen ebenso wie Männer patriotisch denken und leben konnten, war ihre Rolle auf die Reproduktion und Erziehung ihrer Nachkommen beschränkt, während die Männer aktiv in Erscheinung traten und die Nation beschützen und aufrechterhielten.33 Im Zusammenhang mit einem gegenderten Diskurs von Englishness nennt Langland die Assoziation von England, dem femininen Britannien, als fruchtbarer Boden für Englands Söhne und deren Errungenschaften. Englishness hingegen wurde wie erwähnt maskulin konnotiert und konstruiert.34 Die Nation nahm einen so hohen Stellenwert ein, dass Männer sogar ihre Ehefrauen für ihren Schutz geopfert hätten, denn „nation is herself that most sacred figure requiring defense, and her men enact their pride of nationality in defending her“35.

Obgleich nach außen ein prüdes Bild der Viktorianer bestand, wurde sich dennoch mit Fragen über die männliche und weibliche Sexualität beschäftigt. Zahlreiche Wissenschaftler, von Biologen bis Historikern, wiesen um die Jahrhundertmitte herum die vermeintliche Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau nach, wobei das weibliche Geschlecht auf verschiedene Weise diskriminiert und degradiert wurde. Rückblickend gilt als Ursache für die Herabwürdigung der Frau die eigene Identitätskrise des Mannes gegen Ende des viktorianischen Zeitalters.36

Bezüglich der Männlichkeitsbilder ist zunächst die Unterscheidung zwischen masculinity und manliness wichtig. Der erste Begriff bezeichnete zum einen die geschlechtliche Männlichkeit. Zum anderen wurde hierbei das Grobe, Starke und Aggressive des männlichen Charakters ausgedrückt und die Kampflust und der Sexualtrieb in den Mittelpunkt gestellt. Hierbei wurden über Klassen- und Ländergrenzen hinweg alle Merkmale, zum Beispiel Berufe, Kleidung oder Charakterzüge, die als männlich erachtet wurden, zusammengefasst. Der englische Ausdruck manliness hingegen entwickelte sich erst im Laufe des viktorianischen Zeitalters in Verbindung mit den moralischen Anforderungen, die spezifisch innerhalb der Mittelklasse an den Mann gerichtet wurden. Manliness implizierte demnach alle tugendhaften, ehrenwerte Eigenschaften, die das viktorianische Männlichkeitsideal repräsentierten. In erster Linie zählten hierzu die Beherrschung des Sexualtriebs sowie ein gefestigter Charakter mit ausgeprägten moralischen Werten. Darüber hinaus wurden Tapferkeit, Willensstärke, Intelligenz und Produktivität hoch geschätzt.37 Der Pastor und bekannte Prediger Hugh Stowell Brown setzte manliness mit Tugend gleich und fasste zusammen:

„Virtue and manliness are identical: if we know what virtue is, we know what manliness ist – whatever is virtuous is manly, whatever is not virtuous is not manly. Truthfulness is a virtue; it is therefore an element of manliness. Temperance is a virtue; it is therefore a feature of manliness. […] Benevolence is a virtue, it is therefore a constituent of manliness.”38

Besondere Relevanz nahm nach Ansicht Browns die Religiosität bzw. der Glaube an Gott ein, denn er zog eine direkte Verbindung zwischen Tugend, Frömmigkeit, Christlichkeit und manliness.39

Mit den Anforderungen an den Mann als moralische Führung steht das Konzept des Gentlemans in Beziehung. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff als charakteristisch englisch. Ein Gentleman repräsentierte „an ideal of unemotional, rational, ’asexual’ maleness”40 und verband die Bevölkerung mit den Ursprüngen der Nation. Er wurde sowohl für politische Fortschritte als auch für Klassenzusammenhalt als maßgebend erachtet.41 Der Widerspruch der Idee vom Gentleman, der zudem angelsächsischer Herkunft war, bestand in der Vorstellung, dass dieser individuelle Freiheit und integre Unabhängigkeit verkörpere, während die Gesellschaft die Forderung an eine kollektive Identität stellte. Daher wurde dem Gentleman die Aufgabe gestellt, diese Diskrepanz aufzulösen und die eigene Freiheit mit dem Wohlbefinden der Gesellschaft in Einklang zu bringen.42 Die Konfrontation mit dem Konzept des Gentleman führten zu Diskussionen, ob diese Qualitäten angeboren oder möglicherweise auch alternative Männlichkeitsbilder vorstellbar waren.43 Die Erziehung der Jungen zu einem aufrichtigen, vorbildlichen Gentleman, die überwiegend in den öffentlichen Schulen stattfand, wird eingehender in der Analyse der Schulromane thematisiert. Zur selben Zeit, zu der sich allmählich eine Krise der Männlichkeit entwickelte, wurde eine grobe, unerschütterliche, durchsetzungsfähige Form der Männlichkeit unterstützt, die insbesondere durch die Interaktion von Schuljungen in Internaten gefördert wurde:

„Zumindest bis zum ersten Weltkrieg […] wird in England ’Zum-Mann-werden’ mit grausamen Mutproben, körperlicher Gewalt, Terror und Demütigung, mit außerordentlicher Strenge, Mannschaftsspielen, militärischer Ausbildung und Disziplin sowie karger Kost gleichgesetzt; mit Erfahrungen des Schmerzes und der Zerstörung […], die manche der Opfer ihr Leben lang nicht loswerden.”44

An den Schulen lag der Schwerpunkt auf der Charakterentwicklung der Jungen, die im Sinne des Empire Qualitäten wie Führungsstärke, Mut und Solidarität verinnerlichen sollten. Der Schulsport diente als Übung für die späteren militärischen Einsätze für das Heimatland, da auf diese Weise unter anderem Teamfähigkeit, Einsatzbereitschaft und die Anerkennung von Autoritätspersonen gefördert wurden. Ein Sportler stellte den Gegensatz vom Bild des sogenannten verweichlichten Mannes dar und verkörperte die Idee der muscular Christianity.45 Dieses Konzept kombiniert Religiosität und Teamsport miteinander, die beide als feste Rituale zur Festschreibung des englischen Gentlemans galten und in den öffentlichen Schulen praktiziert wurden. Insbesondere Cricket, das sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zum ersten englischen Nationalsport entwickelte, sollte zur Bildung des englischen Nationalcharakters beitragen.46 Als wesentlicher Bestandteil von Englishness wurde Cricket zum Sport der ländlichen Mittelklasse, durch den Fairness vermittelt wurde und die Schüler nach Ansicht verschiedener Historiker einen englischen nationalen Charakter entwickelten. Diese erlernten Fähigkeiten sollten im Erwachsenenalter den imperialistischen Zielen Englands dienen. Das Spiel förderte ein widerstandsfähiges Männlichkeitsbild, „where character is a euphemism for a masculinity that is inherently (white) British (imagined as always English), athletic and suited to imperial rule“47.48

Nach Auffassung vieler Literaturwissenschaftler bieten Romane dieser Epoche, wie beispielsweise Werke von Charles Dickens, einen Einblick in die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, die zur Identitätsfindung und -stabilisierung der Engländer beigetragen haben und rückblickend die Assoziation mit sogenannten englischen Werten begründeten.49

2.1 Public School Novel

„[T]he Englishness of the late nineteenth and early twentieth centuries was mostly a cultural definition. It was an affair of poets, novelists, literary critics, philologists, folklorists, and historians.“50 Romane bilden infolgedessen einen Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Gruppe, so wie public school novels (Schulromane) zur Nationalidentität der Engländer beitragen konnten, indem sie Wertvorstellungen, Weltanschauungen und Selbst- und Fremdbilder einer Epoche erfassten und publizierten.51 In den 1830er Jahren entwickelten sich die Kindheit und Jugend zu einem essentiellen Zeitraum, in dem Individuen ihre eigene Identität formten. Daher richtete sich das Genre des Schulromans vor allem an Kinder und Jugendliche, die aus den fehlerhaften wie auch tugendhaften Handlungen der Charaktere lernen und sich die erfolgreichen, moralischen Figuren zum Vorbild nehmen sollten. Die Zielgruppe umfasste darüber hinaus auch Erwachsene, die sich an die eigene Schulzeit zurückerinnern wollten.52 Die Leserschaft, die hauptsächlich aus der Mittelklasse stammte, konnte sich mit den thematisierten Lebensumständen, Ängsten und Wünschen identifizieren und sich zudem ihrer Überlegenheit gegenüber unteren Schichten und fremden Kulturen versichern. Schulromane erschufen den Mythos einer elitären Gemeinschaft, die das Idealbild sowohl dieser speziellen Gruppe als auch der gesamten Nation verkörperten. Sie verfolgten das Ziel, den Lesern die Möglichkeit aufzuzeigen, durch Standhaftigkeit das Konzept des englischen Gentlemans zu realisieren. Hierzu diente die Orientierung an der konstruierten Nationalidentität, die ein Bild davon erschuf, wie das Dilemma der Kombination von individueller und kollektiver Identität gelöst werden sollte.53 Die Gruppendynamik wirkte sich demnach auf die eigene Identität aus:

„Identity of the individual results from his solidarity with the group, or at least with his leader, just as the identity of the group depends on the loyalty of its members. That is the bonds of honour. Honour demands self-restraint, discipline, moderation, loyalty, chivalry, a sense of duty and responsibility, fellowship and leadership.”54

Des Weiteren wurden Helden der englischen Geschichte, die das Land stets erfolgreich verteidigt hatten und denen die unangefochtene Machtposition des Empires zu verdanken war, in die Erzählungen inkludiert, wodurch das bedingungslose Engagement für das Vaterland hervorgehoben wurde.55

[...]


1 Vgl.: https://isearch.asu.edu/profile/1110598

2 Langland (1997): S. 16

3 Mandler (2006): S. 3ff.

4 Gstöhl (1999): S. 13

5 Guibernau (2007): S. 11

6 Vgl.: Colls (2002): S. 34ff.

7 Die klare Differenzierung zwischen Englishness und Britishness stellt sich im Detail als kompliziertes Unterfangen heraus, da sich viele Parallelen und Überschneidungen vorfinden (Vgl.: Kumar (2003): S. 173f.; Ward (2004): S 44f.)

8 Powell (2002): S. 89

9 Vgl.: Scheunemann (2008): S. 215

10 Vgl.: Gelfert (2005): S. 221f.

11 Langland (1997): S. 24

12 Vgl.: Poon (2008): S. 22f.

13 Langland (1997): S. 29

14 Vgl.: Kumar (2003): S: 18f.

15 Vgl.: Colls (2002): S. 99ff.

16 Vgl.: Tripathi (2016): S. 13

17 Vgl.: Scheunemann (2008): S. 265ff.

18 Vgl.: Brooker, Widdowson (1986): S. 117

19 Vgl.: Geulen (2007): S. 70f.

20 Vgl.: Colls (2002): S. 133

21 Seeley (1883): S. 80

22 Vgl.: Possin (1992): S. 187

23 Vgl.: Colls (2002): S. 80

24 Vgl.: Tosh (1999): S. 12

25 Vgl.: Mitchell (1996): S. 21f.

26 Marshall (2003): S. 381

27 Vgl.: Nixon (2004): S. 1ff.

28 Vgl.: Dodd (1986): S. 8

29 Vgl.: Hall, McClelland, Rendall (2000): S. 31ff.

30 Vgl.: Langland (1997): S. 18

31 Moore (2012): S. 23

32 Possin (1992): S 185

33 Vgl.: Mackay, Thane (1986): S. 191f.

34 Vgl.: Langland (1997): S. 14

35 Ebd.: S. 21

36 Vgl.: Horlacher (2005): S. 133ff.

37 Vgl.: Bederman (1995): S. 17ff.

38 Brown (1858): S. 33f.

39 Vgl.: Ebd.: S. 72

40 Doyle (1989): S. 70

41 Vgl.: Colls (2002): S. 69

42 Vgl.: Possin (1992): S. 180

43 Vgl.: MacDonald (2015): S. 25f.

44 Vgl.: Horlacher (2005): S. 135

45 Vgl.: Flothow (2007): S. 89f.

46 Vgl.: Possin (1992): S. 188f.

47 Westall (2016): S. 36

48 Vgl.: Ebd.: S. 33ff.

49 Vgl.: Scheunemann (2008): S. 215

50 Kumar (2001): S. 51

51 Vgl.: Scheunemann (2008): S. 29ff.

52 Vgl.: Holt (2008): S. 21ff.

53 Vgl.: Possin (1992): S. 179ff.

54 Ebd.: S. 194

55 Flothow (2007): S. 68

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Englishness im viktorianischen Schulroman
Untertitel
Am Beispiel von Thomas Hughes´ "Tom Brown´s Schooldays" und Frederic William Farrars "Eric, or Little by Little"
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V500441
ISBN (eBook)
9783346021823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
englishness, eric, farrars, william, frederic, schooldays, brown´s, hughes´, thomas, beispiel, schulroman, little
Arbeit zitieren
Fenja Gruetz (Autor), 2019, Englishness im viktorianischen Schulroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500441

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