Welche Rolle spielen Emotionen für empathisches Führungsverhalten?

Die unterschätzte Bedeutung der Emotionen für das wirtschaftliche Handeln


Seminararbeit, 2019
28 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Warum der Verstand Emotionen braucht
2.1 Die moderne Debatte über Emotionen
2.2 Weber-Guskars Konzept der Emotionen
2.3 Die eigenen Gefühle und Emotionen verstehen

3 Empathiekonzepte
3.1 Definitionen
3.2 Empathie als duales Konzept mit emotionalen und kognitiven Komponenten
3.3 Empathie als leibliches Geschehen in der menschlichen Begegnung
3.4 Empathie als verbaler kommunikativer Akt

4 Empathisches Führungsverhalten
4.1 Empathie in der Führungsforschung
4.2 Jodi Halperns Konzept der klinischen Empathie

5 Ist empathisches Führungsverhalten lernbar?
5.1 Empathie als trainierbare Kompetenz
5.2 Wahrnehmungs- und Kommunikationstrainings
5.3 Narrative Interventionen
5.4 Selbsterfahrung
5.5 Wirksamkeitsmessung von Maßnahmen zur Empathieentwicklung

6 Schlussreflektion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Emotionale Bindung der Mitarbeitenden, das zeigen Studien, führt nachweislich zu mehr Motivation, Freude und Leistungsbereitschaft und hat einen entscheidenden Einfluss auf Faktoren wie Fluktuation, Fehlzeiten und Produktivität. Wie sieht das in der Praxis aus? Die jährliche Engagement-Studie von Gallup1 zieht nach 16 Jahren ein ernüchterndes Fazit. Den wenigsten Führungskräften gelingt es, den Mitarbeitenden zu vermitteln, dass sie sich wirklich für sie interessieren. Woran liegt dieses offensichtliche Unvermögen, im Führungshandeln Emotionen angemessen zu berücksichtigen? Ein Grund könnte darin liegen, dass sich die Figur des vollständig rational und eigennützig handelnden Homo Oeconomicus in den Köpfen vieler Manager als Führungsideal festgesetzt hat, auch wenn diese ursprünglich nur ein Modell zur Erklärung menschlichen Verhaltens zum Zweck ökonomischer Theoriebildung darstellen sollte. In BWL-Fakultäten und Business Schools jedenfalls stehen die Themen Emotionen und Empathie eher selten auf dem Lehrplan.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu zeigen, dass Emotionen und Vernunft keine Gegenspieler sind, sondern sich ergänzen. Emotionen haben, – das dürfte die ‚vernunftbetonten‘ Manager beruhigen – einen kognitiven Anteil, der für die Emotion selbst konstitutiv ist. Empathisches Führungsverhalten bedeutet keinesfalls ein rein emotionales Mitfühlen, sondern erfordert ein ganzes Bündel an Kompetenzen. Diese Kompetenzen lassen sich erlernen.

Die vorliegende Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf zwei Wissenschaftlerinnen2:

Eva Weber-Guskar, Jahrgang 1989, Gastprofessorin für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin, die in ihrer Dissertationsschrift Die Klarheit der Gefühle den Prozess der Entwicklung von unbestimmten Gefühlen zu klaren Emotionen überzeugend bestimmt.

Jodi Halpern, Jahrgang 1960, Professorin für Bioethik und medizinische Humanwissenschaften an der Universität in Berkeley. Ihre Arbeiten zur klinischen Empathie berücksichtigen Aspekte der Psychiatrie, Neurobiologie und Philosophie und werden zunehmen auch in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert.

2 Warum der Verstand Emotionen braucht

2.1 Die moderne Debatte über Emotionen

Bezüglich der philosophischen Frage, was Emotionen sind, gibt es zwei entgegengesetzte Positionen. Auf der einen Seite behaupten die Non-Kognitivisten, dass Emotionen keinen kognitiven Gehalt besitzen, sondern dass sie allein in einem Erlebnis bestehen, und zwar meist einem Erlebnis von körperlichen Zuständen, mit denen man auf die Umwelt reagiert. Zu den ersten Vertretern dieser Auffassung gehört William James. Er veröffentlichte 1884 seine Emotionstheorie, die konträr zur Alttagsauffassung steht.3 Diese besagt, dass körperliche Veränderungen Ausdruck und Folge des Erlebens von Emotionen sind; zum Beispiel: Ich weine, weil ich traurig bin. James kehrt diese Beziehung um. Er behauptet, dass körperliche Veränderungen den Emotionen vorangehen, also: Ich bin traurig, weil ich weine. Trauer ist für James das Wahrnehmen unseres Weinens. Auch wenn James viel Kritik für sein Empfindungstheorie erhielt und seine Positionen mehrfach änderte, ist sein Theorieansatz, der sich auch bereits bei Philosophen der Antike findet, auch heute noch von Bedeutung.

Die Kognitivisten auf der anderen Seite betonen, dass Emotionen auf Dinge, Situationen und Wesen der Welt bezogen sind und keinesfalls nur als körperlichen Erfahrungen zu verstehen sind. Anthony Kenny legte 19634 den Grundstein für die Auffassung, dass Emotionen einen rationalen Kern haben. Seine These: Emotionen sind intentional. Sie erkennen etwas, nämlich ein Objekt in der Welt. Mit diesem Ansatz öffnete er eine Tür dahin, Emotionen nicht mehr nur als irrationale und damit sich der Vernunft entziehenden Reaktionen zu verstehen.

Zu den jüngsten Vertretern dieser reduktiven Position gehört die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum. Sie versteht Emotionen ganz in stoischer Tradition als Werturteile – value judgements –, in denen Menschen ausdrücken, dass ihnen eine Sache gefällt oder nicht gefällt.5 Emotionen sind für Nussbaum begründete Wertungen, die sich in Gedanken abspielen, und zwar in Form von Urteilen. Nussbaum gesteht zwar zu, dass Körperreaktionen notwendigerweise mit Emotionen verbunden sind, aber sie spielt diesen Aspekt völlig herunter. Von der Körperreaktion könne nicht auf die vorliegende Emotion geschlossen werden. Als Beispiel kann das ‚Rot-Werden‘ dienen. Hierfür kann es viel Gründe geben: Scham, Wut, Zorn, Wechseljahre. Die Körperreaktion allein liefert keinen hinreichenden Hinweis. Deshalb nützt es auch nur wenig, in sich selbst hineinzufühlen, um die Emotion zu verstehen.

Kritiker stimmen diesem Argument zwar zu, weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass das Phänomen der Emotion selbst nicht erfasst wird, wenn die Körperreaktion nicht zur Analyse mit hinzugenommen wird.

Peter Goldie setzt sich explizit von der Idee ab, Emotionen hätten immer bestimmte Überzeugungen zum Kern oder auch nur als Voraussetzung. Er teilt zwar mit den Kognitivisten die Idee der Intentionalität der Emotionen, aber nicht die Marginalisierung des Fühlens. Er vertritt eine Konzeption, bei der die Intentionalität in das Fühlen selbst gesetzt wird. Emotionale Erfahrungen werden in seiner Konzeption als narrative Strukturen verstanden, die Gedanken, Empfindungen, Körperveränderungen und Körperausdruck als Teile einer strukturierten Episode zu einer emotionalen Erfahrung verbinden. Dies erläutert er am Begriff der Gefährlichkeit. Begegnen wir6 etwas Gefährlichem, fürchten wir uns. Aber das Verhältnis dabei ist nicht notwendig ein begriffliches, weil es keine begriffliche Aufschlüsselung für ‚gefährlich‘ gibt – außer, dass wir darauf gewöhnlich mit Furcht reagieren. Allerdings machen wir die Erfahrung, dass der, der darauf zu reagieren weiß, heil durchs Leben kommt. Eine Emotion in Bezug auf etwas zu haben, heißt also, dieses Ding als etwas zu sehen, das mich angeht. Und dieses ‚Mich-Angehen‘ ist erlernt.7 Darüber, ob das formale Objekt tatsächlich vorliegt, ob die Situation also tatsächlich gefährlich ist, kann man im einzelnen Fall unterschiedlicher Ansicht sein; darüber, ob es ein Objekt für die Emotion geben muss, allerdings nicht.

2.2 Weber-Guskars Konzept der Emotionen

Eva Weber-Guskar stellt sich in ihrer Konzeption der Emotionen gegen die kognitivistische Position Nussbaums und folgt im Wesentlichen Goldie. „Ich gehe davon aus, dass Gefühle eigenständige Phänomene sind und nicht auf andere Einheiten wie Überzeugungen, Wünsche oder Körperempfindungen reduziert werden können.“8 Weber-Guskar versteht Emotionen – ähnlich wie Goldie – als gerichtetes Fühlen.

Dieses gerichtete Fühlen hat einen eigenen Gehalt, einen anderen als eine reine Merkmalsfeststellung. Dieses Fühlen darf nicht als eine atomistische Komponente verstanden werden. Stattdessen kommt es nur holistisch vor, d.h. immer in Verbindung mit einem „Faktorenkomplex“, der eine Emotion insgesamt ausmacht.9

Ein gerichtetes Fühlen ist immer körperliches Fühlen. Es kann jedoch emotional sein oder nicht, je nachdem, ob es sich auch auf etwas jenseits des Körpers bezieht oder nicht. So kann man beispielsweise den eigenen Herzschlag beschleunigt spüren, einfach aufgrund körperlicher Anstrengung wie beim Laufen. Dieses Fühlen des Herzschlages unterscheidet sich aber vom Fühlen des Herzschlages in einer Situation der Furcht.

‚Fühlen‘ hat mithin einen eigenen spezifischen Gehalt, der von anderen Einstellungen gegenüber demselben Objekt unterschieden ist. Was wir dabei erfahren, ist etwas anderes, als es uns durch Sinneswahrnehmung allein oder durch Überlegungen möglich wäre.

Fühlen ist danach zu umschreiben als ein perzeptiv-imaginativ wertender Bezug auf Dinge der Welt, der Körperveränderungen, Ausdrucksverhalten, Handlungstendenzen und Gedanken mit sich zieht. Alles zusammen macht eine Emotion aus.10

Emotionen ähneln in einiger Hinsicht Wahrnehmungen. Beide sind sowohl intentional als auch phänomenal und sie stehen in einem ähnlichen Verhältnis zu Überzeugungen. In der Wahrnehmung wie in der Emotion können Überzeugungen aber falsch sein. Die Wahrnehmung täuscht – wie jeder aus eigener Erfahrung weiß – häufig, und wir bemühen das Wissen, um der Täuschung gewahr zu werden. Ähnlich verhält es sich mit Emotionen. Wenn ich mich fürchte, so kann ich annehmen, dass es einen Grund gibt, weshalb ich mich fürchte. Wir wissen aber auch, dass die Furcht auch weiter bestehen kann, wenn ihr auslösendes Moment nicht mehr gegeben ist.

2.3 Die eigenen Gefühle und Emotionen verstehen

Folgt man der Auffassung, dass Emotionen kognitive Anteile haben, dann geht es nicht nur ums ‚Fühlen‘, sondern darum, die Gefühle zu verstehen. Dieses Verstehen ist nicht trivial. Häufig fühlt man etwas und man weiß, dass man etwas fühlt, aber es ist nicht klar, um welche Emotionen es sich handelt. Wie lassen sich aus der Vielzahl von Empfindungen und Gefühlen klare Emotionen herausarbeiten? Eine Antwort findet sich in der Intentionalität der Emotionen. Jede Emotion ist auf etwas gerichtet, hat ein oder mehrere Objekte. Weber-Guskar unterscheidet drei Arten von intentionalen Objekten.11

Erstens kann eine Emotion ein einzelnes Objekt, eine Person, ein Ding oder auch ein Ereignis zum Gegenstand haben. Die Antwort auf die Frage ‚warum diese Emotion‘ rekapituliert das physische Erleben: Ich empfinde meine Arbeit als erfüllend, ich liebe meine Mutter, ich erfreue mich an meinem neuen Gemälde. Deshalb bezeichnet Weber-Guskar diese Ebene als den allgemeinen Gegenstand.

Die zweite Dimension fragt nach dem Worüber oder Wovor. Weber-Guskar bezeichnet sie als das formale Objekt. Es wird häufig in einer Präposition ausgedrückt: Ich freue mich auf den Besuch meiner Mutter zu Ostern; ich hoffe, bis dahin mit dieser Seminararbeit endlich fertig zu werden; ich sorge mich um den Gesundheitszustand meines Kindes.

Drittens kann es komplexe Verbindungen von Gegenständen, Eigenschaften, Motiven und Wünschen geben, die häufig auf bisherigen Erfahrungen basieren. Freue ich mich auf den Besuch meiner Mutter, weil ich mich als gute Tochter zeigen will? Weil sie so lange nicht mehr bei mir war? Und ist es wirklich ausschließlich Freude, die ich fühle, oder schwingen noch andere Gefühle mit? Es geht um die persönliche Bedeutung der Situation für mich. Weber-Guskar nennt dies den Bedeutungsfokus.

Die eigenen Emotionen verstehen, bedeutet, sich über alle drei Dimensionen klar zu werden und eine narrative Erklärung zu Entstehung und Verlauf der Emotion geben zu können. Die innere Wahrnehmung zu schärfen, reicht nicht. Gefordert ist begriffliche Differenzierung. Ist dieses Gefühl, das ich gerade empfinde, Angst oder eher Ärger? Und wogegen richtet sich dieser Ärger? Wer sich mit solchen Fragen beschäftigt, wird sich die Einzelheiten der Situationen vergegenwärtigen und die Entwicklung der Gefühle und Wünsche ansehen, ihren Ort in der Lebensgeschichte.

Das wird nicht ohne Folgen für das Erleben selbst bleiben. Das Erkennen greift in das Erkannte ein. Das Bemühen um das Verständnis einer Emotion verändert sie. Nach Weber-Guskar ist das auf dreierlei Weisen möglich:

Erstens kann man sagen, dass wir eine Emotion insofern dadurch verändern, dass wir sie besser verstehen, als wir uns dafür genauer mit ihr beschäftigen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie richten, geben wir ihr mehr Raum und Möglichkeit zur Entfaltung. Zweitens kann dieses Verstehen durch narrative Erklärung, in der wir die Geschichte einer Emotion immer weiter ausbuchstabieren, die spezifische Ausführung eines Emotionstyps beeinflussen. Drittens kann sich eine Emotion im Verstehensprozess auch insofern verändern, als wir Einstellung und/oder Emotionen zweiter Stufe bezüglich der Emotion ausbilden. […] Die narrative Erklärung kann neue Erkenntnisse über die Emotion zu Tage bringen, kann uns neue Urteile über sie fällen oder auf sie mit neuen Emotionen reagieren lassen.12

Klarheit über die eigenen Gefühle und Emotionen zu gewinnen, geht damit einher, Licht in die eigene Gedankenwelt zu bringen und zu überprüfen. Dies allein ist schon ein Unterfangen, noch komplexer wird die Aufgabe, die Gefühle anderer zu versehen. Empathie – ist das ein reines Einfühlen, Mitfühlen, Nachfühlen? Geht das überhaupt, die Gefühle anderer zu fühlen? Ist das für das Verstehen überhaupt notwendig?

3 Empathiekonzepte

3.1 Definitionen

Im allgemeinen Verständnis wird Empathie als Konstrukt mit zwei Komponenten verstanden: Empathie beinhaltet zum einen die emotionale Fähigkeit eines Menschen, die Gefühle anderer zu teilen, sie mitzufühlen. Zum anderen beinhaltet sie die kognitive Fähigkeit, Erleben und Emotionen anderer zu verstehen.

Empathie ist zu unterscheiden von:

1. Sympathie. Damit ist Zuneigung gemeint; sie ist eine emotional positiv gefärbte Einstellung, die durchaus oberflächlich bleiben kann und nicht unbedingt ein nennenswertes empathisches Engagement erfordert.
2. Mitgefühl. Mitgefühl bezieht sich entweder auf konkrete Lebewesen oder auf eine Gruppe von Lebewesen und drückt eine Haltung aus in Richtung Verringerung und Vermeidung von Leiden. Dabei nimmt sie auch Stellung, z.B. durch Trösten.
3. Gefühlsansteckung. Hierbei überträgt sich das bei der anderen Person wahrgenommene Gefühl auf die wahrnehmende Person selbst. Wenn sie einem traurigen Menschen begegnet, dann wird sie selbst traurig.

3.2 Empathie als duales Konzept mit emotionalen und kognitiven Komponenten

Bezüglich der Frage, wie der Mensch Zugang zur geistigen Erfahrung anderer Menschen findet, gibt es zwei entgegengesetzte Positionen: das emotionale Verständnis (Simulationstheorie) und das kognitive Verständnis (Theorie-Theorie).

Die emotionale Simulationstheorie ist zurückzuführen auf Lipps Konzept der „ Einfühlung13. Ursprünglich subsumiert Lipps unter diesen Begriff viel mehr als die Erfahrung von fremdem Bewusstsein, da er zunächst fordert, dass jede Auffassung eines Wahrgenommenen bereits Einfühlung sei. Wahrnehmung muss begleitet sein von einem inneren Mitgehen und dieses ‚In-oder-bei-einer-Sache-Sein‘ bedingt eine Belebung des wahrgenommenen Gegenstandes. Dieses Leben findet man aber nur in seiner eigenen Persönlichkeit. In der Einfühlung leiht man dem wahrgenommenen Gegenstand Merkmale der eigenen Persönlichkeit: Was man bei anderen Menschen einfühlend beobachtet, ist mithin eine Reproduktion der eigenen Erlebnisse. Das heißt im Umkehrschluss auch: Um das Gefühl einer anderen Person zu verstehen, muss man es selbst haben, man muss sich in sie ‚einfühlen‘.

In der Simulation tue ich also so, als wäre ich in der Situation einer anderen Person. Durch diese imaginäre Erfahrung generiere ich mentale ‚Als-ob‘-Zustände, die den Überzeugungen, Wünschen oder Emotionen der anderen Person nachempfunden sind. Diese mentalen Zustände schreibe ich der anderen Person zu. In der erweiterten Variante der Simulationstheorie stelle ich mir vor, an Stelle der anderen Person zu sein und ihre Emotion zu haben. Ich versuche, zu fühlen, wie es ist, die andere Person zu sein.

Wenn ich von mir auf andere schließe, heißt das dann nicht, dass ich eine Emotion erst selbst erfahren haben muss, um sie einer anderen Person zuschreiben zu können? Nicht unbedingt, argumentieren die Vertreter der Simulationstheorie. Es reicht, einen Anknüpfungspunkt zum eigenen Erleben zu finden, um mich in die Emotionen eines anderen Menschen zumindest ähnlich einfühlen zu können.

Kritiker der Simulationstheorie, u.a. Weber-Guskar, wenden ein, dass es selbst in der Vorstellung kaum möglich sei, auch nur annähernd dasselbe zu fühlen wie der andere. Und selbst wenn, was sollte für das Verstehen gewonnen sein, wenn man aktuell die Emotion des anderen simuliert? Weber-Guskar argumentiert: „Die Tatsache, eine Emotion zu erleben, schließt nicht automatisch mit ein, sie auch zu verstehen.“14 Ist es schon kaum möglich, die eigenen Emotionen zur Gänze zu verstehen, wie soll man da auch noch alle Emotionen des anderen verstehen?

Bei der erweiterten Simulationstheorie kommt noch erschwerend hinzu, dass ich mir nicht vorstelle, an der Stelle des anderen zu sein, sondern gedanklich tatsächlich die Stelle des anderen einnehmen soll. Dazu muss ich ein paar Vorannahmen treffen, was die Persönlichkeit der anderen Person ausmacht. Simulation kommt also auch nicht ganz ohne Theorie aus.

Eine Emotion steht außerdem nie allein da, sondern ist immer in einen Kontext eingebettet. Das präzise Nachfühlen der Emotion eines anderen Menschen durch Simulation seiner Situation setzt eine präzise Kontextualisierung der Emotion voraus. Doch dafür müsste man ja die Emotion verstehen, was wiederum gegen ein rein emotionales Verständnis spricht.15

Die Theorie-Theorie (therory of mind) behauptet, dass Menschen einen verstandesmäßigen Zugang zur Erfahrung anderer bekommen, indem sie eine alltagspsychologische Theorie bilden, die ihnen ermöglicht, Beobachtungen und Informationen plausibel und ‚verstehend‘ zu erklären. Wir beobachten die andere Person, schreiben ihr innere mentale Zustände zu und formulieren Erklärungen über ihr Verhalten, ihre Überzeugungen und Absichten.

Dieses kognitive Verständnis von Theorie beruht auf verallgemeinerbaren Strukturen im Verhalten, Denken und Fühlen der Menschen. Wir schließen auf einen Zustand, indem wir eine Regel anwenden, z.B.: Wer an einer Bushaltestelle steht, wartet dort auf den nächsten Bus. So machen wir das auch bei den Gefühlen. Wir leiten von dem, was wir von einer Person wahrnehmen und über den Kontext wissen, ab, was diese Person fühlt.

Gegen ein solches Empathieverständnis lassen sich hauptsächlich drei Einwände vorbringen:

Empathische Vorgänge laufen viel zu schnell ab, als dass die Beteiligten Zeit genug hätten, mentale Theorien über das Erleben der anderen Person zu bilden. Außerdem kann man kognitiv höchstens den allgemeinen Gefühlstyp erfassen, nicht aber die individuelle Emotion des anderen. Der gewichtigste Einwand liegt aber in der unübersteigbaren Kluft vom Ich zum Du: Mit unseren alltagspsychologischen Theorien über die andere Person können wir völlig falsch liegen. Streng genommen müssen wir sogar falsch liegen, denn unsere Gedanken über die Eigenschaften und Beweggründe anderer Menschen sind ja Interpretationen unserer inneren Welt. Jede Theoriebildung über die mentalen Zustände der Anderen sind immer die eigenen Theorien.

[...]


1 Gallup 2018.

2 In der folgenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit meistens die weibliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Menschen jeglichen Geschlechts.

3 Vgl. James 1884, 188 - 205.

4 Vgl. Kenny 1963, 27 - 29.

5 Vgl. Nussbaum 2002, 4.

6 Die ‚Wir‘-Formulierung im Rahmen dieser Arbeit ist als generelle Aussage über ‚wir Menschen‘ zu verstehen; die ‚Ich‘-Formulierung wird zur Verdeutlichung der Perspektive eines einzelnen Menschen verwandt;.

7 Vgl. Goldie 2000, 31.

8 Weber-Guskar 2009, 10.

9 Weber-Guskar 2009, 32.

10 Ebd. 33.

11 Weber-Guskar 2009, 51.

12 Weber-Guskar 2009, 143.

13 Lipps 1903, 188.

14 Weber-Guskar 2009, 77.

15 Weber-Guskar 2009, 77.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielen Emotionen für empathisches Führungsverhalten?
Untertitel
Die unterschätzte Bedeutung der Emotionen für das wirtschaftliche Handeln
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Veranstaltung
Was fühlt der Homo Oeconomicus
Note
1.3
Autor
Jahr
2019
Seiten
28
Katalognummer
V500486
ISBN (eBook)
9783346039972
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homo economicus, Emotionen, Empathie, empathisch, Halpern, Weber-Guskar, Führung, Mitarbeiterführung
Arbeit zitieren
Gerda-Marie Adenau (Autor), 2019, Welche Rolle spielen Emotionen für empathisches Führungsverhalten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500486

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