Strukturelle Gewalt nach Johan Galtung


Akademische Arbeit, 2019

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Galtungs Konzeption struktureller Gewalt
2.1 Friede und Gewalt
2.2 Die Typologie der Gewaltformen nach Galtung
2.3 Mittel der personalen und der strukturellen Gewalt
2.4 Das Verhältnis von personaler und struktureller Gewalt

3. Ist das Konzept der strukturellen Gewalt plausibel?

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Gewalt ist in ihren Erscheinungsformen und den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Auswirkungen ein hochkomplexes Phänomen. Johan Galtung definiert Gewalt als jede Form der Einschränkung, „ wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (Galtung 1975, S. 9). Sie kann sich im sozialen, politischen und kulturellen Umfeld in unterschiedlichsten Ausprägungen, gegen Personen, Sachen und Tiere1, zeigen. Es ist zu klären, was sinnvollerweise unter struktureller Gewalt zu verstehen ist und, soweit diese legitimierbar ist, in welchem Umfang. Wobei zu differenzieren ist, ob es sich um personale Gewalt gegenüber Subjekten, in Form einer Schmerzzufügung, oder Objekten mit den sich daraus ergebenden spezifischen Aktionen handelt. Gewalt kann auch in struktureller Form ohne direkte Akteure wirksam werden. Es ist dies die abstrakte Form, die das Ziel hat, Menschen zu bedrohen bzw. sie sich zu unterwerfen, was in Form von etablierten Hierarchien und den dazugehörigen Rollenzuweisungen in Form von Sortingprozessen geschieht. Nach Galtung ist diese Art von Gewalt geräuschlos, aber nichtsdestotrotz gewalttätig. Einerseits geht es z.B. um die Regulierung der Gewalt, die als solche in einem demokratischen Rechtsstaat als ein Machtmittel zur Durchsetzung von Regeln benötigt wird, was andererseits zur Frage führt, wie weit die Machtanwendung tatsächlich, z.B. unter dem Aspekt der Menschenwürde, tragbar und damit legitimierbar ist.

Gewalt wird wissenschaftlich von unterschiedlichsten Disziplinen, z.B. der Soziologie, der Rechtswissenschaft und der Politikwissenschaft, unter physischen wie psychischen Aspekten in unterschiedlicher Weise definiert und differenziert. Galtung, ein Friedensforscher aus Norwegen, hat sich mit unterschiedlichen Sichtweisen und den daraus gewonnenen Schlussfolgerungen beschäftigt. Er selbst unterscheidet zwischen direkter (oder personaler), kultureller und struktureller Gewalt. Im Hauptteil dieser Arbeit werden die Formen, deren Mittel sowie das Verhältnis von personaler und struktureller Gewalt untersucht. Als nächster Schritt kommen die Kritiker von Galtungs Konzept zu Wort. In einem Fazit werde ich die gesellschaftlichen Implikationen der in dieser Arbeit vorgestellten Sichtweisen hervorheben, auch wenn dabei nur Teilaspekte berücksichtigt sind und kein Anspruch auf Vollständigkeit dieser komplexen Thematik erhoben werden kann.

2. Galtungs Konzeption struktureller Gewalt

2.1 Friede und Gewalt

Der Friedensbegriff ist für Galtung ein essenzieller Zugang zur Analyse des Begriffes der Gewalt bzw. der dazugehörigen Gewaltformen. „Ich begreife Gewalt als vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist. Die Androhung von Gewalt ist ebenfalls Gewalt“ (Galtung 1993). Er definiert Frieden unter dem Aspekt sozialer Ziele, für die es verbal in der Gesellschaft einen überwiegenden Konsens gebe, die aber komplex und schwierig, wenn auch nicht unerreichbar seien. Wenn der Satz, „ Friede ist die Abwesenheit von Gewalt“, seine Gültigkeit behalten solle müsse der Begriff der Gewalt, mit dem Töten als deren extremster Form, in Bezug auf den Friedensbegriff so umfassend sein, dass er die Basis für konkretes Handeln ermögliche, um inakzeptable Gesellschaftsordnungen zu verhindern. Galtung plädiert damit für eine logische Erweiterung des Gewaltbegriffes. (Galtung 1975, S. 9),

2.2 Die Typologie der Gewaltformen nach Galtung

In Ergänzung seiner Aussage über Gewalt als Differenz zwischen aktueller und potenzieller Verwirklichung erklärt Galtung die Begriffe „aktuell“ und „potenziell“, indem er auf den Unterschied hinweist, den Gewalt als Ursache herstellt zwischen dem, was hätte sein können, und dem, was tatsächlich ist (Galtung 1975, S. 9). Gewalt ist demnach, was den Abstand zwischen dem Potenziellen und dem Aktuellen vergrößert: Wenn das Aktuelle vermeidbar sei, liege Gewalt vor. Weiters klassifiziert Galtung in seinem Konzept als Elemente einer Gewalttypologie die natürliche, kulturelle, strukturelle und direkte Gewalt. Er benutzt diese Dimensionen, um den Begriff der Gewalt umfassender zu definieren, wobei die Einflussnahme durch Personen in einer Konstellation aus Subjekt, Objekt und der dazugehörigen Aktion breiten Raum einnimmt. Gibt es einen Akteur, so bezeichnet Galtung diesen Typ als direkte oder personale Gewalt. Wenn es keinen gibt, spricht er von struktureller oder indirekter Gewalt. Die Klassifizierung von Gewalt geht insofern mit der Unterscheidung sichtbar/unsichtbar einher (Schroer, S.156). Personale Gewalt kann sich als physische Gewalt (Galtung nennt es auch „Werkzeuge“) gegen einzelne Personen richten, etwa durch Entzug der Luft in Form von Ersticken, Entzug von Wasser und Nahrung oder Entzug von Bewegung (u.a. durch Beschränkung des Raumes). Weiters gilt es die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Einflussnahme zu treffen, die in Form von psychischer Gewalt erfolgt, denn mit psychischer Gewalt fügt man Menschen physische Schmerzen zu. Ein Mensch kann nicht nur dazu veranlasst werden, etwas zu tun, das der Beeinflussende für richtig hält, sondern er kann auch daran gehindert werden, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Bezogen auf das Objekt stellt Galtung die Frage, ob es ein Objekt gibt, das verletzt worden ist, Ausgangspunkt ist der Körper, mit der erweiterten Fragestellung, ob wir von Gewalt sprechen können, wenn weder Sachen noch Personen betroffen sind. Als Beispiel nennt er eine Nation, die durch Atomwaffenversuche androht, physische Gewalt anzuwenden, wobei sie mentale Gewalt ausübt, da durch ihre Drohungen der menschliche Handlungsspielraum eingeengt wird. Konkret geht es in diesem Beispiel um die Doktrin vom „Gleichgewicht des Schreckens“ der 1960er/70er-Jahre zwischen der damaligen UdSSR und den USA. Die wichtigste Unterscheidung sieht Galtung in Bezug auf das handelnde Subjekt. Eingangs stellt er die Frage: Gibt es ein Subjekt? Wird diese Frage bejaht, dann gilt der Akteur als Verursacher personaler, also direkter Gewalt. Metaphorisch vergleicht Galtung personale Gewalt mit einer Einwirkung von außen auf ein stilles Gewässer, die dieses in Bewegung versetzt – nicht nur im Sinn einer sanften Bewegung der Wellen an sich. Dagegen ist strukturelle Gewalt in seinen Augen geräuschlos und damit das „stille Wasser“ selbst, das aber insgesamt sogar gewalttätiger sein kann als das einzelne direkte Gewaltereignis (Galtung 1975, S. 16 ff). Galtung spricht von struktureller Gewalt, wenn eine Gewalthandlung ohne Akteure vollzogen wird. Strukturelle Gewalt impliziert, dass die Gewalt in soziale Interaktionsformen, wie Hierarchien und Rollenzuweisungen, und damit in Prozesse eingebettet ist und nicht, wie die personale direkte Gewalt, von Personen ausgeht und umgesetzt wird (Galtung-Institut). Folglich hat strukturelle Gewalt die Eigenschaft, dass sie als solche bestehen bleibt, auch wenn die Akteure indem Gewalt ausübenden sozialen Beziehungszusammenhang ausgetauscht werden, da sich an der ursprünglichen Situation nichts ändert. Galtung beschreibt weiters den Unterschied zwischen manifester (offene Gewalttätigkeit) und latenter Gewalt. Dabei führt er aus, dass die manifeste Gewalt, ob sie in personaler oder struktureller Form auftritt, als potenzielle Verwirklichung, jederzeit vorhanden ist. Latente Gewalt beschreibt er, dass sie zwar noch nicht offen zutage tritt, aber jederzeit zum Vorschein kommen kann, mit der Folge, dass durch das labile Gleichgewicht nicht ausreichend stabile Verhältnisse gewährleistet werden können. Ressourcen sind für Galtung ein potenzieller Faktor von Gewalt, er zeigt dies am Beispiel ungleicher Einkommensverteilung oder ungleicher Bildungschancen. Er moniert, dass die Entscheidungsgewalt über die Ressourcen ungleich verteilt sei, da geringes Einkommen und mangelhafte Bildung einander bedingen und sich dadurch in der Gesellschaftsstruktur negativ auswirken (Galtung 1975, S.12 ff). Hinsichtlich intendierter und nicht intendierter Gewalt beschäftigt er sich damit, wie die Frage der Schuld entschieden werden solle. Galtung beruft sich darauf, dass sowohl in der jüdisch-christlichen Ethik als auch in der römischen Rechtsprechung mehr an die Intention als an die Konsequenzen der Schuld gedacht werde. Folgerichtig müssen sich, wenn es um Frieden geht und dieser die Abwesenheit von Gewalt ist, entsprechende Maßnahmen sowohl gegen personale als auch gegen strukturelle Gewalt richten (Galtung 1975, S.14). Kulturelle Gewalt begreift Galtung als Gewalt, die in unterschiedlichster Form in kulturellen Traditionen enthalten sein kann: „ Unter kultureller Gewalt verstehen wir jene Aspekte der Kultur, der symbolischen Sphäre unserer Welt, – man denke an Religion und Ideologie, an Sprache und Kunst, an empirische und formale Wissenschaften (Logik, Mathematik) – die dazu benutzt werden können, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren“ ( Galtung 1998, S.341). Aktuell wäre kulturelle Gewalt demnach z.B. im Rahmen der Migrationsdebatte in Deutschland zu beobachten, mit der Pauschalaussage, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre.

2.3 Mittel der personalen und der strukturellen Gewalt

Zur personalen Gewalt untersucht Galtung in Hinblick auf die jeweilige physische Verwirklichung, wie sie verringert oder in den Händen des anderen geringgehalten werden könne (Galtung 1975). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist immer der menschliche Körper, wobei er zwei Strategien unterscheidet: einerseits, den Körper zu zerstören, und andererseits, ihn zu beschädigen und seine Funktionen einzuschränken. Er veranschaulicht dieses Konzept am Beispiel der Funktionen von ABC-Waffen. Galtung entwirft eine Typologie der „benutzten Werkzeuge“ der personalen Gewalt, in dem er diese struktur- und funktionsbezogen klassifiziert. So führt er in der Kategorie „Strukturbezogen“ Handlungen wie Zerschmettern, Zerreißen, Durchbohren, Verbrennen, Vergiften und die Einwirkung von Explosionen an. Daraus resümiert er, „Individuen [können] getötet, oder verstümmelt, geschlagen oder verletzt […] werden“ (Galtung 1975, S.19). Zu den „Funktionen“ zählt Galtung den Entzug der Luft, des Wassers, der Nahrung und der Bewegung. Daraus folgert er, dass immer neue Waffen erfunden werden können, aber auch Raum für die Einführung eines neuen Prinzips bestehe (ebd.). Dabei bleibt Galtung die Antwort auf die Frage schuldig, in welcher Art und Weise durch die benannten Funktionen neue Waffen bzw. neue Prinzipien entstehen können. Wie bereits ausgeführt, ist es ein Kennzeichen struktureller Gewalt, dass diese in soziale Interaktionsformen, wie Hierarchien und Rollenzuweisungen, und damit in Prozesse eingebettet ist. Ungleiche Macht- und Herrschaftsverhältnisse in gesellschaftlichen Systemen zeigen sich in linearen Rangordnungen, azyklischen Aktionsmustern, Korrelationen zwischen Rang und Stellung, Kongruenz der Systeme, Konkordanz der Ränge und einer hohen Rangverknüpfung der Ebenen (Galtung 1975, S.21). Strukturelle Gewalt zeigt sich auf der Mikroebene im sozialen Handeln von Individuen in der Interaktion mit anderen; auf der Mesoebene innerhalb von Gesellschaften und Organisationen; auf der Makroebene innerhalb des Nationalstaates, indem er keine ausschließliche, aber doch eine diskursstrukturierende Übermacht besitzt (Imbusch 2000, S. 32). Somit zeigt sich die strukturelle Gewalt, in Form von Mechanismen ungleicher Machtverhältnisse, auf allen Ebenen.

2.4 Das Verhältnis von personaler und struktureller Gewalt

Galtung fragt, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen personaler und struktureller Gewalt gebe. Als Antwort verweist er auf eine Wechselwirkung: Komponenten struktureller Gewalt seien in der personalen Gewalt vorhanden, ein personales Element in der strukturellen Gewalt (Galtung 1975, S. 23). Denn der Gewalt Ausübende sei jemand, “der seine Entscheidung, mit Gewalt zu handeln, nicht nur auf der Grundlage individueller Überlegungen fällt, sondern auf der Grundlage statusbedingter Rollenerwartungen, die an ihn gerichtet werden und durch deren Erfüllung er sein soziales Selbst verwirklicht“ (ebd.). In der Konsequenz bedeutet diese Aussage, dass diese Person eine direkte Entscheidung darüber trifft, ob sie in diesem Zusammenhang eine persönliche Bindung zwischen sich und dem Subjekt oder Objekt herstellt, und nicht, ob diese Bindung als Gewalt wahrgenommen wird. Es interessieren nur die objektiven Konsequenzen und nicht die subjektiven Intentionen. Er unterstellt weiter, dass bei einer genauen Betrachtung von struktureller Gewalt bei der Überprüfung ihrer Vorgeschichten personale Gewalt der Auslöser dafür sind und sich somit wechselseitig erzeugen. Er stellt weiterhin die Frage, ob ein Typus dazu neigt, den anderen in latenter oder manifester Form hervorzubringen oder aufrecht zu erhalten. (Galtung 1975, S.28 ff). Zu dieser Frage führt er vier Thesen an:

1) Strukturelle Gewalt genügt, um personale Gewalt zu beseitigen. Dies wird von Galtung bejaht, mit der Folge, dass sie dazu diene, personale Gewalt aufzuteilen, was zu einer wechselnden Folge von Perioden der Ab- und Anwesenheit von personaler Gewalt führen könne.
2) Strukturelle Gewalt ist notwendig, um personale Gewalt zu beseitigen: Diese These verneint Galtung, da personale Gewalt in dem Moment aufhöre, wo sie nicht praktiziert werde.
3) Personale Gewalt genügt, um strukturelle Gewalt zu beseitigen: Gegen diese These spricht nach Galtung, dass es die eine Sache sei, gewalttätige Strukturen zu beseitigen, aber eine andere, ob die etablierten Hierarchien dieses zuließen – das wird von Galtung massiv angezweifelt. Denn im unterstellten Fall, dass diese abgeschafft werden, könnten diese wieder in Form von anderen Strukturen und Akteuren neu geschaffen werden.
4) Personale Gewalt ist notwendig, um strukturelle Gewalt zu beseitigen: Galtung argumentiert dagegen in empirischer, theoretischer und axiologischer Form.

[...]


1 In dieser Arbeit beziehe ich mich ausschließlich auf die Gewalt gegen Personen.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Strukturelle Gewalt nach Johan Galtung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Bachelorseminar Gewalt
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V501293
ISBN (eBook)
9783346035851
ISBN (Buch)
9783346035868
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Galtung, Strukturelle Gewalt, Friedensforschung
Arbeit zitieren
Udo Goldstein (Autor), 2019, Strukturelle Gewalt nach Johan Galtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501293

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Strukturelle Gewalt nach Johan Galtung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden