In diesem Beitrag geht es um die Frage, ob der Staat aus rechtsphilosophischer Sicht Bestimmungen zum Sterben treffen und somit in die höchstpersönliche Sphäre der Entscheidung über den eigenen Tod eingreifen darf. Das in § 216 StGB normierte Verbot der aktiven Sterbehilfe als Verstaatlichung des Sterbens im Sinne eines An-sich-ziehens der Entscheidungskompetenz ist dabei Anknüpfungspunkt der Überlegungen an die real existierende Rechtsordnung.
Primäres Ziel der modernen Rechtsordnung ist es, dem Menschen die freie Entfaltung zu ermöglichen. Hierbei steht die staatliche Schutzpflicht im Spannungsfeld von Paternalismus und Autonomie: Wie gewährleistet der Staat einerseits die Autonomie des Einzelnen, wird aber seinem Auftrag als oberster Schutzherr gerecht? Der Schutz des Menschen vor sich selbst als mögliche Aufgabe des modernen Rechtsstaates ist heftigen Diskussionen ausgesetzt, welche auf moraltheoretische und staatstheoretische Grundlagen zurückführen; eine Erörterung zu Paternalismus muss also einen solchen Ausgangspunkt haben. Daher wird im ersten Teil der Arbeit anhand des konsequentialistischen Konzepts John Stuart Mills ein Antipaternalismus skizziert und anschließend soll deontologische Ansatz Kants ausgeleuchtet werden.
Im zweiten Abschnitt setzt sich diese Arbeit mit dem sogenannten weichen Paternalismus auseinander, einem aktuellen Ansatz, der zwischen staatlicher Schutzpflicht und Selbstbestimmg des Individuums vermitteln will. Dabei interessieren insbesondere die Schwächen des Menschen bei der Bildung eines autonomen Willens (Stichwort bounded rationality) sowie aktuelle neurophilosophische Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
A. Sterben zwischen Paternalismus und Autonomie
B. Antipaternalismus und Wahrung der Autonomie
I. Die Begründung eines Antipaternalismus
1. Paternalismuskritik aus konsequentialistischer Sicht
(a) Nichtmillsche Ansätze
aa) Kommunitaristische Theorien
bb) Paternalismus als Scheinproblem
cc) Radikaler Utilitarismus gegen sich selbst
dd) Zusammenfassung
(b) Millscher Konsequentialismus
aa) Der Mensch als bester Verwalter seiner selbst
bb) Exzentriker für den Fortschritt
cc) Die Kosten des Lebens
(c) Maximierung der Freiheit als utilitaristisches Ziel
(d) Ein moderner konsequentialistischer Ansatz
(e) Fazit: Konsequentialismus und Antipaternalismus
2. Deontologischer Antipaternalismus
II. Bedeutung und Grenzen der Selbstverfügungsfreiheit
1. Einführung in den weichen Paternalismus
2. Autonomie und Ihre Grenzen
3. Eine Anmerkung zur Existenz weichen Paternalismus
4. Modelle des weichen Paternalismus
(a) Die Pflicht gegen sich selbst
(b) Die self- sovereignity
(c) Die „bounded rationality“
(d) Die Möglichkeit der defizitären Entscheidung
(e) Die hypothetische Zustimmung des rational Handelnden
(f) Die Autonomie als Schwellenkonzept
5. Fazit zu II: Kritik am weichen Paternalismus
C. Conlusio: Anti- Antipaternalismus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht aus rechtsphilosophischer Sicht, ob der Staat das Sterben verstaatlichen darf, insbesondere durch das in § 216 StGB normierte Verbot aktiver Sterbehilfe, und hinterfragt dabei das Spannungsfeld zwischen staatlicher Schutzpflicht und individueller Autonomie.
- Rechtsphilosophische Analyse von Paternalismus versus Autonomie
- Kritik konsequentialistischer und deontologischer Antipaternalismus-Konzepte
- Untersuchung des "weichen Paternalismus" als Vermittlungsansatz
- Evaluation der menschlichen Entscheidungsfähigkeit (Bounded Rationality)
- Diskussion der Legitimität staatlicher Eingriffe in die Sterbehilfe
Auszug aus dem Buch
A. Sterben zwischen Paternalismus und Autonomie
In diesem Beitrag soll es um die Frage gehen, ob der Staat aus rechtsphilosophischer Sicht Bestimmungen zum Sterben treffen und somit in die höchstpersönliche Sphäre der Entscheidung über den eigenen Tod eingreifen darf. Das in § 216 StGB normierte Verbot der aktiven Sterbehilfe als Verstaatlichung des Sterbens im Sinne eines An-sich-ziehens der Entscheidungskompetenz ist dabei Anknüpfungspunkt der Überlegungen an die real existierende Rechtsordnung. Das Verbot der Abgabe von Mitteln zur Selbsttötung kann im Rahmen dieser Arbeit nicht behandelt werden, auch da bereits die paternalistische Natur dieser Reglementierung umstritten ist, wenngleich Analogien zur hier porträtierten Debatte sicherlich nicht ausgeschlossen sind.
Dabei soll von der Prämisse P ausgegangen werden, dass die aktuelle Regelung des § 216, also das Verbot der aktiven Sterbehilfe, paternalistisch ist.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Sterben zwischen Paternalismus und Autonomie: Einführung in die Fragestellung zur staatlichen Befugnis, Regelungen zum Sterben zu treffen, unter der Prämisse, dass das Verbot aktiver Sterbehilfe paternalistisch ist.
B. Antipaternalismus und Wahrung der Autonomie: Eingehende Prüfung konsequentialistischer und deontologischer Theorien zur Begründung eines Antipaternalismus sowie eine detaillierte Analyse der Modelle des weichen Paternalismus und ihrer Grenzen.
C. Conlusio: Anti- Antipaternalismus: Fazit, in dem das Scheitern des weichen Paternalismus konstatiert und die Notwendigkeit eines harten Paternalismus für bestimmte staatliche Aufgaben diskutiert wird.
Schlüsselwörter
Paternalismus, Autonomie, Sterbehilfe, § 216 StGB, Rechtsphilosophie, Antipaternalismus, Selbstverfügungsfreiheit, Konsequentialismus, Deontologie, Weicher Paternalismus, Bounded Rationality, Selbstbestimmung, Staatliche Schutzpflicht, Rechtspaternalismus, Sterben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert aus rechtsphilosophischer Perspektive, ob staatliche Eingriffe in die Entscheidung über den eigenen Tod, wie sie im Verbot aktiver Sterbehilfe (§ 216 StGB) vorliegen, gerechtfertigt sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen staatlicher Schutzpflicht und individueller Selbstbestimmung (Autonomie) sowie die philosophische Rechtfertigung oder Ablehnung von Paternalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob der Staat das Sterben "verstaatlichen" darf und ob sich das aktuelle Verbot aktiver Sterbehilfe durch die untersuchten philosophischen Konzepte rechtfertigen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine rechtsphilosophische und staatstheoretische Untersuchung, indem sie verschiedene Konzepte (Konsequentialismus, Deontologie, weicher Paternalismus) auf die aktuelle Rechtsordnung und das Thema Sterbehilfe anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst konsequentialistische (Mill) und deontologische (Kant) Argumente gegen Paternalismus geprüft. Anschließend wird der "weiche Paternalismus" inklusive aktueller verhaltensökonomischer Ansätze kritisch analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Paternalismus, Autonomie, Sterbehilfe, Selbstverfügungsfreiheit und das Konzept der Bounded Rationality charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den "weichen Paternalismus"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Konzept des weichen Paternalismus unvollkommen ist, da es keine hinreichend klaren Kriterien für staatliche Eingriffe liefert und die Problematik letztlich als "Sackgasse" bezeichnet wird.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit hinsichtlich des Sterbens?
Der Autor schlussfolgert, dass der Staat Bestimmungen zum Sterben treffen darf und dass ein offenes Bekenntnis zu einem harten Paternalismus rechtspolitisch erstrebenswerter wäre als die unklaren Grenzziehungen des weichen Paternalismus.
- Arbeit zitieren
- Vincent König (Autor:in), 2019, Verstaatlichtes Sterben. Paternalismus versus Autonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501518