Diese Arbeit untersucht das Bildungs- und Lernverständnis der evidenzbasierten Bildungsforschung und zwar ausgehend von der Arbeitshypothese, dass der evidenzbasierten Bildungsforschung ein ökonomisches und technokratisches Bildungs- und Lernverständnis zugrunde liegt, was dazu führt, dass vor allem inklusive Werte, im Sinne einer Anerkennung und Würdigung von Heterogenität, verloren gehen und informelle Lernwege nicht berücksichtigt werden. Diese vermeintliche Verengung des Verständnisses von Bildung und Lernen wird in einem Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Wandels hin zur neoliberalen Technokratie gesehen.
Die evidenzbasierte Bildungsforschung hat in den letzten Jahren besonders in Deutschland an Bedeutung gewonnen und ist heute ein anerkanntes Paradigma der Erziehungswissenschaften, das zudem eine enorme Praxisrelevanz bekommen hat, da seine Forschungsergebnisse von der Bildungspolitik bevorzugt zu der Bearbeitung von tagespolitischen Fragen herangezogen werden. Nicht nur in der wissenschaftlichen Diskussion, sondern auch in öffentlichen Debatten kam der Studie Lernen sichtbar machen von dem neuseeländischen Professor John Hattie besondere Aufmerksamkeit zu, was vor allem auf die außerordentlich große Datenbasis und die praxisrelevanten Ergebnisse zurückzuführen ist. Dabei wird sich zumindest auf bildungspolitischer Ebene mit dem der Forschung zugrunde liegenden Verständnis von Bildung und Lernen kaum auseinandergesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Neoliberalismus
3. Evidenzbasierte Bildungsforschung
3.1. Entwicklung der evidenzbasierten Bildungsforschung
3.2. Evidenz
3.3. Methoden
4. Die Studie „Lernen sichtbar machen“ von John Hattie
4.1. Vorgehen
4.2. Methoden
4.3. Bildungs- und Lernverständnis
4.4. Modell des sichtbaren Lehrens und Lernens
5. Ökonomisch-technokratisches Bildungs- und Lernverständnis
5.1. Wissenschaftsverständnis
5.2. Die Trennung von Zielen und Mitteln
5.3. Expertenherrschaft
5.4. Außensteuerung
5.5. Alternativlosigkeit
5.6. Schlussfolgerung
7. Folgen eines ökonomisch-technokratisch verengten Bildungs- und Lernverständnisses
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Bildungs- und Lernverständnis der evidenzbasierten Bildungsforschung unter der Hypothese, dass dieses einer ökonomisch-technokratischen Verengung unterliegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch diese Sichtweise inklusive Werte sowie informelle Lernwege vernachlässigt werden und wie dies in den gesellschaftlichen Kontext der neoliberalen Technokratie einzuordnen ist.
- Analyse der evidenzbasierten Bildungsforschung und ihrer historischen Entwicklung
- Kritische Auseinandersetzung mit der Studie „Lernen sichtbar machen“ von John Hattie
- Untersuchung des ökonomisch-technokratischen Wissenschaftsverständnisses
- Herausarbeitung der Folgen für Bildungswesen und Sonderpädagogik
Auszug aus dem Buch
3.2. Evidenz
Den Begriff der Evidenz im Kontext evidenzbasierter Bildungsforschung zu definieren ist schwierig. Obwohl die KMK eine evidenzbasierte Bildungspolitik anstrebt, deutet sie nur die Grundlagen an, um Evidenz zu erzeugen, wie man Evidenz zu verstehen hat allerdings nicht (vgl. Kultusministerkonferenz 2015). Auch in der OECD, die mit internationalen Studien wie PISA Steuerungswissen zur Verfügung stellen wolle, um Evidenzbasierung in Bildungssystemen voranzutreiben, gibt es keine Einstimmigkeit in der Auslegung des Evidenzbegriffs (vgl. Burn/Schuller 2007, S. 22f.). Somit versucht sich den Begriff anhand von Literatur zur evidenzbasierten Forschung zu erarbeiten.
Im Lexikon der Erziehungswissenschaften gibt es einen Eintrag zu „evidenzbasierter Praxis“, in dem es heißt, dass die professionelle Praxis auf dem besten verfügbaren wissenschaftlichen Wissen gegründet sein soll (vgl. Hüttemann 2012 S. 372f.). Es lässt sich vermuten, dass das Verständnis von Evidenz, wie auch das Paradigma an sich, einfach aus dem Medizinischen übernommen wurde und kein fachspezifischer Evidenzbegriff ausgearbeitet wurde, der sich von der evidenzbasierten Medizin abgrenzt. Im Lexikon der Psychologie gibt es eine Definition, die auf dem Verständnis der „evidence-based medicine“ beruht. Evidenzbasierung bezeichnet hier „die Berücksichtigung und Nutzung der besten verfügbaren Informationen, wenn Entscheidungen getroffen oder Empfehlungen gegeben werden. E. fordert die systematische Begründung und Integration möglichst aller empirischer Befunde aus hochwertiger Forschung, wenn eine definierte Fragestellung beantwortet werden soll. Im Kontrast zur klassischen Entscheidungsbegründung […] werden gezielt identifizierte empirische Nachweise als Grundlage von Entscheidungen eingefordert (o.V. 2015, S. 536).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Fragestellung und Skizzierung der Arbeit, welche die ökonomisch-technokratische Verengung der evidenzbasierten Bildungsforschung untersucht.
2. Neoliberalismus: Darstellung des Neoliberalismus als politisches Konzept und gesellschaftlicher Transformationsprozess, der ökonomische Logiken auf andere Bereiche überträgt.
3. Evidenzbasierte Bildungsforschung: Analyse der historischen Entwicklung und Institutionalisierung der Bildungsforschung sowie Klärung des Begriffs Evidenz und der methodischen Grundlagen.
4. Die Studie „Lernen sichtbar machen“ von John Hattie: Detaillierte Betrachtung der Meta-Analyse von John Hattie als Paradebeispiel evidenzbasierter Forschung.
5. Ökonomisch-technokratisches Bildungs- und Lernverständnis: Aufzeigen der Charakteristika technokratischer Steuerung und des dahinterliegenden Wissenschaftsverständnisses.
7. Folgen eines ökonomisch-technokratisch verengten Bildungs- und Lernverständnisses: Erörterung der Konsequenzen für die Qualität schulischen Lernens und der Ausschlussmechanismen in der Bildungspraxis.
8. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Rückführung auf die zentrale Forschungsfrage.
Schlüsselwörter
Bildungsforschung, Evidenzbasierung, Neoliberalismus, Technokratie, John Hattie, Lernen sichtbar machen, Ökonomisierung, Steuerungswissen, Bildungsstandard, Meta-Analyse, Sonderpädagogik, Schulmonitoring, Bildungsmonitoring, Effektivität, Wirksamkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch das Bildungs- und Lernverständnis, das der sogenannten evidenzbasierten Bildungsforschung zugrunde liegt, und verortet dieses in einem ökonomisch-technokratischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der evidenzbasierten Bildungsforschung, die Rolle des Neoliberalismus im Bildungssystem, die Analyse von John Hatties „Lernen sichtbar machen“ sowie die Folgen einer technokratischen Steuerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Verständnis von Bildung und Lernen durch die evidenzbasierte Forschung ökonomisch-technokratisch verengt wird, was zu einer Vernachlässigung informeller Lernwege und menschlicher Vielfalt führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die Fachliteratur sowie die Ergebnisse der Forschung von John Hattie heranzieht, um die zugrunde liegenden Paradigmen und deren gesellschaftliche Implikationen zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen zum Neoliberalismus und zur Bildungsforschung insbesondere Hatties Modell des sichtbaren Lernens sowie die Merkmale einer technokratischen Bildungssteuerung (z. B. Expertenherrschaft, Alternativlosigkeit) analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bildungsforschung, Evidenzbasierung, Neoliberalismus, Technokratie und Ökonomisierung charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst der Neoliberalismus laut Autor das Bildungssystem?
Der Neoliberalismus wirkt laut Autor als treibende Kraft, die ökonomische Logiken wie Wettbewerb, Effizienz und die Trennung von Zielen und Mitteln in den Bildungssektor importiert und damit das Verständnis von Lehren und Lernen transformiert.
Warum wird John Hatties Studie als Beispiel herangezogen?
Hatties Studie dient als Paradebeispiel, da sie das evidenzbasierte Paradigma auf breiter Basis anwendet und die durch die Arbeit kritisierte Logik der quantitativen Effizienzmessung und Steuerung durch Experten exemplarisch verkörpert.
Welche Bedeutung hat die Kritik an der Sonderpädagogik in diesem Kontext?
Die Kritik verdeutlicht, dass ein durch technokratische Standardisierung geprägtes System besonders den Bedürfnissen von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf schadet, da deren individuelle Lernprozesse nicht in die ökonomischen Raster passen.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2015, Evidenzbasierte Bildungsforschung. Zum Verständnis von Bildung und Lernen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501615