In der vorliegenden Arbeit soll die Repräsentation der bürgerlichen Familie im deutschen Drama des 18. und 19. Jahrhunderts untersucht werden. Die ausgewählten Dramen sind „Miss Sara Sampson“ (1755) und „Emilia Galotti“ (1772) von Ephraim Gotthold Lessing, „Kabale und Liebe“ (1782) von Friedrich Schiller sowie „Maria Magdalene“ (1844) von Friedrich Hebbel.
Alle vier Dramen zählen zur Gattung des bürgerlichen Trauerspiels, deren Anfang „Miss Sara Sampson“ und deren Ende „Maria Magdalene“ markiert. Einerseits wurden die oben genannten Trauerspiele ausgesucht, weil sie als die bekanntesten und bedeutendsten der insgesamt über 40 Werke der Gattung gelten, andererseits, weil sie über verschiedene Epochen hinaus gemeinsame Merkmale wie die Vater-Tochter-Dyade aufweisen, die einen Vergleich der Dramen interessant machen.
Das Adjektiv „bürgerlich“ im Titel der Arbeit ist mehrdeutig. Im bürgerlichen Trauerspiel bezeichnet es primär den Stand und die Gesinnung der Protagonisten. Bis zum Ende der 70er Jahre wurde der Familie im Trauerspiel wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Erst Seebas Aufsatz „Das Bild der Familie bei Lessing“ rückte das Thema in den Blickpunkt der Forschung (vgl. Seeba, 1977). Seeba behauptet, dass die Familie bei Lessing nicht Gegenstand der Darstellung, sondern nur ein dramaturgisches Medium ist, um das Mitleid der Zuschauer zu steigern. Er beruft sich auf das 14. Stück der Hamburgischen Dramaturgie, in dem Lessing mit einem Zitat von Jean François Marmontel erklärt, dass nicht Könige oder Fürsten, sondern allein der „bloße“ Mensch als Vater, Mutter, Sohn oder Tochter rühre (vgl. Seeba, 1977: 312f.).
Im Gegensatz zu Seeba, der die Familie nur als „mitleiderregende(s) Symbol allgemein-menschlicher Verhältnisse“ sieht, zeigen die neueren Arbeiten von Karin A. Wurst (1988), Günter Saße (1988; 1996), Ulrike Horstenkamp-Strake (1995) und Christoph Lorey (1992), dass die Katastrophe in der bürgerlichen Familie selbst begründet ist (Seeba, 1977: 316). Im Zentrum der vier Trauerspiele steht die Vater-Tochter-Beziehung. Die Töchter sind im heiratsfähigen Alter, so dass der Wechsel von der Herkunfts- in die Zeugungsfamilie unmittelbar bevorsteht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Entwicklung der bürgerlichen Familie im 18. und 19. Jahrhundert
2. Von Lessing bis Hebbel: das bürgerliche Trauerspiel
3. Miss Sara Sampson
3.1. Einführung
3.2. Sir William: der selbstlos liebende Vater?
3.3. Sara und Mellefont: mehr Frust als Lust
3.4. Saras Doppelmoral
3.5. Sara: eine Akrobatin der Tugend?
3.6. Sara – das Opfer der Selbsttäuschung
4. Emilia Galotti
4.1. Einführung
4.2. Die Eltern Galotti: Gegensätze wie Stadt und Land
4.3. Emilia und Appiani: eine „vernünftige“ Liebe
4.4. Erziehung zur Unmündigkeit
4.5. Emilia – das Opfer der Tugend
5. Kabale und Liebe
5.1. Einführung
5.2. Miller und „Dessen Frau“: Eltern- statt Geschlechterliebe
5.3. Miller und Louise: Liebe bis zur Leidenschaft
5.4. Louise und Ferdinand: mehr Leid als Liebe
5.5. Louise – das Opfer der Liebe
6. Maria Magdalene
6.1. Einführung
6.2. Meister Anton: „ein borstiger Igel“
6.3. Die Mutter: keine Hilfe für Klara
6.4. Karl: Aufbruch zu neuen Ufern?
6.5. Klaras Passionsweg
6.6. Klara – das Opfer des Vaters
7. Die Familien im Vergleich
7.1. Einführung
7.2. Die Väter
7.2.1. „O, der rauhen Tugend!“: die Moral der Väter
7.2.2. Von heiß bis kalt: die Liebe der Väter
7.3. „Vater unser..“: die Töchter
7.4. Vergessen und verstorben: die Mütter
Konklusion
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Repräsentation der bürgerlichen Familie in vier zentralen Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei wird die These verfolgt, dass die untersuchten Trauerspiele die Familie nicht als ideales Zusammenlebensmodell, sondern als repressives Abbild staatlicher Strukturen präsentieren, in dem die bürgerliche Erziehung die Selbstbestimmung der Töchter zugunsten von Abhängigkeit unterdrückt.
- Analyse von Vater-Tochter-Beziehungen in Lessings, Schillers und Hebbels Dramen
- Untersuchung von Machtstrukturen, Rollenbildern und Erziehungszielen in der bürgerlichen Kleinfamilie
- Darstellung der Familie als Ort der Unterdrückung und des familiären Wertesystems
- Vergleich der dramatischen Werke zur Aufdeckung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden
- Historische Einordnung des bürgerlichen Familienideals und dessen Bezug zur Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.2. Sir William: der selbstlos liebende Vater?
Das Trauerspiel beginnt mit dem Auftritt des weinenden Vaters, der gekommen ist, um seiner Tochter zu vergeben. Die Tränen, die als Signum eines mitfühlenden, menschlichen Herzens gelten, charakterisieren Sir William als Vertreter der Empfindsamkeit. Obwohl Sara aus dem Elternhaus floh und ihre Unschuld vor der Ehe verlor, will der Vater die ungehorsame Tochter nicht strafen. Im Gegenteil: Er bereut die Härte, mit der er gegen Saras Verführer Mellefont vorging: „Ich wollte unerbittlich gegen ihn sein, und überlegte nicht, dass ich es gegen ihn nicht allein sein könnte. Wenn ich meine zu späte Strenge erspart hätte, so würde ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben.“ (III,1)
Sir William erweckt den Eindruck, als würde er das Ideal des empfindsamen Vaters verkörpern: Er stellt den christlichen Akt der Vergebung über die konventionelle Moral und scheint bereit, aus seinen Fehlern zu lernen. Bereits in der Exposition gesteht der Vater aber, dass er der Tochter nicht nur aus Liebe und Verständnis verzeihen will: „Ich kann sie länger nicht entbehren; sie ist die Stütze meines Alters, und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versüßen hilft, wer soll es denn tun?“ (I,1)
Obwohl er ein zärtlicher Vater ist, verfolgt Sir William egoistische Ziele, die Sara auf ihre Funktion als Tochter reduzieren. Aus Angst vor Einsamkeit rechtfertigt der Vater sogar Saras Verstoß gegen die Tugend- und Moralvorstellungen der Familie.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Definition der Forschungsfrage zur Repräsentation der bürgerlichen Familie in den vier ausgewählten Dramen.
1. Die Entwicklung der bürgerlichen Familie im 18. und 19. Jahrhundert: Historische Herleitung des bürgerlichen Kleinfamilien-Ideals und seiner moralischen und ökonomischen Grundlagen.
2. Von Lessing bis Hebbel: das bürgerliche Trauerspiel: Gattungsgeschichtliche Einordnung des Trauerspiels als Medium bürgerlicher Auseinandersetzung.
3. Miss Sara Sampson: Analyse der väterlichen Autorität und der Gewissenskonflikte der Tochter in Lessings erstem Werk.
4. Emilia Galotti: Untersuchung der zerstörerischen Wirkung von Tugendidealen auf die Familiendynamik am fürstlichen Hof.
5. Kabale und Liebe: Darstellung der familiären Repression und ökonomischer Abhängigkeitsverhältnisse bei Schiller.
6. Maria Magdalene: Analyse der schroffen kleinbürgerlichen Moral und der Unterdrückung der Töchter bei Hebbel.
7. Die Familien im Vergleich: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Vater-, Mutter- und Tochterfiguren über die Epochen hinweg.
Konklusion: Abschließende Feststellung, dass bürgerliche Erziehung in den Dramen regelmäßig in die Katastrophe führt.
Schlüsselwörter
Bürgerliches Trauerspiel, Familie, Vater-Tochter-Beziehung, Tugend, Moral, Unmündigkeit, Empfindsamkeit, Patriarchalismus, Erziehung, Geschlechterrollen, Repression, Selbstbestimmung, Dramatik, Aufklärung, Familienideologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der bürgerlichen Familie in zentralen deutschen Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts und deckt auf, wie familiäre Machtstrukturen die Tragik der weiblichen Hauptfiguren begünstigen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Vater-Tochter-Beziehung, der Wandel der Familienideologie, die Rolle der Tugend als Unterdrückungsinstrument und das Verhältnis zwischen bürgerlichem Privatleben und staatlichen Systemen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass die Familie in den untersuchten Trauerspielen kein harmonischer Rückzugsort ist, sondern durch rigide Moralvorstellungen die Autonomie der Töchter zerstört.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die ausgewählten Dramen unter Berücksichtigung soziologischer Aspekte der Familiengeschichte interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen der Dramen "Miss Sara Sampson", "Emilia Galotti", "Kabale und Liebe" sowie "Maria Magdalene" und schließt mit einem vergleichenden Abschnitt ab.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen bürgerliches Trauerspiel, Patriarchalismus, Tugend, väterliche Autorität, Rollenbilder und Familienideologie.
Welche besondere Bedeutung hat die Vaterfigur in den Dramen?
Der Vater wird meist als Träger einer repressiven Machtstruktur dargestellt, die seine Tochter durch emotionalen Druck und moralische Kontrolle in die Unmündigkeit zwingt.
Wie unterscheidet sich Hebbels "Maria Magdalene" von den Werken Lessings?
Während Lessings Trauerspiele oft noch adlige oder gehobene Schichten thematisieren, fokussiert Hebbel das kleinbürgerliche Milieu, in dem der Vater die Ehre zur absolutistischen Norm erhebt.
Warum endet die Arbeit mit einem Vergleich der Mütter?
Der Vergleich verdeutlicht die strukturelle Randständigkeit und das Scheitern der Mütter, die oft als Puffer zwischen Vater und Kind fungieren, letztlich aber an der patriarchalischen Ordnung scheitern.
- Quote paper
- Jacqueline Guse (Author), 2005, Die Repräsentation der bürgerlichen Familie im deutschen Drama des 18. und 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50181