Nehmen wir an, ein Hund verfolgt eine Katze, die geradewegs auf eine Buche zuläuft. Im letzten Moment springt die Katze jedoch auf einen Ahornbaum und rettet sich. Der Hund, der dies nicht gesehen hat, läuft zur Buche, bleibt unter ihr stehen und bellt.
Warum tut er das? Anscheinend denkt der Hund, die Katze befände sich auf der Buche, unter welcher er auf sie wartet. Kann und darf man dem Hund an dieser Stelle so etwas wie Gedanken zuschreiben? Und wie sieht es mit Krähen aus, die Nüsse immer wieder auf einer befahrbaren, asphaltierten Straße richtig platzieren, bis ein Auto über die robuste Nuss fährt und sie aufknacken lässt. Was denken diese Krähen dabei, wenn sie das tun? Oder denken sie überhaupt etwas? Dass der Mensch ein denkendes Wesen ist, zeigt sich ganz deutlich darin, dass er über eine Sprache verfügt, womit er seine Gedanken anderen Individuen mitteilen kann. So formulierte der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt: Sprache sei „das bildende Organ der Gedanken“. Sprache war für ihn die Grundbedingung eines jeden Gedankens, ohne eine Sprache, wäre denken unmöglich. Denn wir sprechen nicht nur in einer Sprache, wir denken auch in einer Sprache.
Tiere hingegen sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, selbstständig mit Worten zu sprechen und sich auf diese Weise mit ihren Artgenossen zu verständigen. Aber darf man einfach so die Annahme stellen, dass Tiere nicht denken können, nur weil sie kein Kommunikationssystem haben, das sich unserem ähnelt?
Andererseits, kann man Tieren Gedanken zuschreiben, weil sich ihr Verhalten in gewissen Situationen dem der Menschen ähnelt und wir zweifellos, bezogen auf das obere Beispiel, einfach sagen: Der Hund denkt, dass X. Ist das nicht vielleicht lediglich eine Form von Anthropomorphismus und hat nichts mit dem Denken an sich zu tun, wie wir es unter philosophischen Gesichtspunkten definieren. Um all diesen Fragen näher zu kommen, bedarf es zunächst einmal einer Erklärung über den Begriff des Denkens selbst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Eine philosophische Definition von Denken
3 Intentionalität
3.1 Definition des Begriffs Intentionalität
3.2 Intentionalität bei Tieren
3.2.1 Krähen verwenden Metatools
3.2.2 Metakognition bei Rhesusaffen und Delfinen
3.3 Erfassen Tiere andere als intentionale Wesen?
3.3.1 Schimpansen können wissende von unwissenden Personen unterscheiden
3.3.2 Täuschung von Artgenossen
3.4 Auswertung über die These, ob Tiere andere als intentionale Wesen verstehen
4 Teleosemantik
4.1 Funktionen von Repräsentationen
4.2 Intentionalität als eine biologische Eigenschaft
4.3 Explanatorische Kontinuität
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die philosophische Fragestellung, ob Tieren Gedanken und intentionale Zustände zugeschrieben werden können, und analysiert dabei die Abgrenzung zwischen tierischer Kognition und menschlichem Denken unter Einbeziehung biologischer und evolutionärer Aspekte.
- Philosophische Definition des Begriffs "Denken"
- Analyse intentionaler Zustände bei Tieren anhand von Verhaltensbeispielen
- Diskussion über Metakognition und soziales Verständnis bei Primaten
- Teleosemantik als Erklärungsmodell für Intentionalität
- Die Theorie der explanatorischen Kontinuität zwischen Mensch und Tier
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Krähen verwenden Metatools
Bei diesem Experiment, welches Taylor21 2007 ausgeführt hatte, zeigte man zunächst einigen Krähen, wie Futter in eine kleine Glasröhre getan wurde. Wenige Meter davon entfernt platzierte man einen ersten Stock, der jedoch viel zu kurz war, um damit an das Futter in der Glasröhre zu gelangen. Aber es wurde noch ein zweiter, ausreichend langer Stock, der sich allerdings hinter einem Gitter befand, in dem Versuchsraum gelegt. Sechs der sieben getesteten Tiere schnappten sich den kurzen, für sie erreichbaren Stock und flogen daraufhin zum Gitter. Vier Tiere haben sofort mithilfe des kurzen Stöckchens den längeren geangelt und anschließend das Futter aus der Röhre mit dem längeren Stock herausgeholt. Ein weiterer Versuch wurde aufgrund der Annahme von zufällig entstandener Handlungsreihenfolge durchgeführt. Hier ersetzte man den langen Stock hinter dem Gitter mit einem Stein. Die Tiere zeigten sich dabei völlig regungslos und beachteten das Gitter mit dem Stein nicht. Die Krähen können also einen Analogieschluss bilden und verfügen über das Vermögen, sich mithilfe eines Werkzeugs ein weiteres Werkzeug zu verschaffen, mit dessen sie dann an ihr Ziel gelangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problematik der Zuschreibung von Gedanken bei Tieren anhand von Alltagsbeispielen und Abgrenzung zum menschlichen Sprachdenken.
2 Eine philosophische Definition von Denken: Erarbeitung einer allgemeinen philosophischen Definition von Denken als geistiges Phänomen zur Vorbereitung auf die Analyse bei Tieren.
3 Intentionalität: Untersuchung der Intentionalität als zentrales Kriterium für Denken, inklusive empirischer Studien zu Metakognition und sozialem Verhalten bei Tieren.
4 Teleosemantik: Darstellung der Teleosemantik als Theorie, die Intentionalität als biologische Eigenschaft durch evolutionäre Selektion begreift.
5 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten von Tieren und Einordnung in die Theorie der explanatorischen Kontinuität.
Schlüsselwörter
Denken, Intentionalität, Tierphilosophie, Metakognition, Teleosemantik, Mentale Repräsentationen, Evolution, Exzeptionalismus, Animalismus, Kognition, Schimpansen, Werkzeuggebrauch, Sprachdenken, Bewusstsein, Explanatorische Kontinuität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Frage, ob Tiere denken können und ob man ihnen intentionale Zustände zuschreiben darf.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Definition von Denken, die Intentionalität, die Rolle von Repräsentationen sowie die evolutionäre Perspektive auf geistige Fähigkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit tierisches Verhalten als Ausdruck intentionaler Zustände gewertet werden kann und ob sich diese von menschlichen kognitiven Prozessen unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die auf der Analyse existierender Theorien und verhaltensbiologischer Experimente beruht.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die philosophische Bestimmung von Denken, die Analyse intentionaler Fähigkeiten bei Tieren durch Experimente sowie die teleosemantische Einordnung dieser Fähigkeiten.
Welche Schlüsselwörter beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Intentionalität, Tierphilosophie, Teleosemantik und explanatorische Kontinuität charakterisieren.
Wie bewertet der Autor die Täuschungsversuche bei Schimpansen?
Der Autor ordnet diese Verhaltensweisen als gelerntes soziales Handeln ein, das nicht zwingend auf ein Verständnis der mentalen Zustände anderer Artgenossen schließen lässt.
Was besagt die Theorie der explanatorischen Kontinuität?
Sie postuliert, dass menschliche Eigenschaften, wie das Denken, als biologische Eigenschaften verstanden werden können, die sich in evolutionärer Kontinuität aus tierischen Vorstufen entwickelt haben.
- Citation du texte
- B.Ed. Barbara Lampert (Auteur), 2012, Haben Tiere unter den Aspekten von Intentionalität und explanatorischer Kontinuität die Fähigkeit zu denken?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501993