Geschmack und Vorurteile als Produkt der Sozialisierung


Hausarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Geschmack
2.2 Vorurteile
2.3 Sozialisierung

3 Argument
3.1 P1: Geschmack wird geprägt durch Vorurteile
3.2 P2: Vorurteile entstehen durch Sozialisierung
3.3 K: Also wird Geschmack stark durch Sozialisierung geprägt

4 Implikationen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 EINLEITUNG

Mit der Äußerung unseres ästhetischen Geschmacks bekommen wir das Gefühl, ein Stück unserer Identität nach außen zu tragen. Mit der Kleidung im Schrank, den Songs auf der persönlichen Playlist, den Büchern im Regal und der Wahl der Freundesgruppen identifizieren wir uns. Durch die Auswahl von Dingen und Personen, mit denen wir uns umgeben, passen wir uns an Stile bestimmter Gruppierungen, Stände oder Klassen an und unterscheiden uns gleichzeitig von anderen (vgl. Böhme 2016: 81). Es gibt Dinge und Menschen, mit denen man sich umgibt und welche man als geschmackvoll oder „gut“ ansieht, andere, zu denen man keine Meinung hat und wieder andere, von denen man sich abgrenzen möchte, weil sie von Geschmacklosigkeit; politisch, moralisch oder rein ästhetisch, zeugen.

In vorliegender Arbeit argumentiere ich dafür, dass Geschmack stark durch Sozialisierung geprägt wird und zeige infolgedessen, was wir gesellschaftlich und individuell aus dieser Einsicht lernen können.

Der Inhalt gliedert sich dabei in fünf Sektionen. Die Erste besteht aus der Einleitung, woraufhin in der zweiten Sektion die für die Arbeit zentralen Begriffe definiert werden. Die folgenden beiden Sektionen bilden den Hauptteil der Arbeit. Mit der dritten Sektion erfolgt die Rechtfertigung des entlang der Hausarbeit verfolgten Arguments:

(P1) Geschmack wird stark geprägt durch Vorurteile.
(P2) Vorurteile entstehen durch Sozialisierung.
(K) Also wird Geschmack stark durch Sozialisierung geprägt.

In Sektion vier werden die Implikationen dieser Erkenntnis diskutiert, die sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene auftreten und wirken können. Im Vordergrund steht dabei das Austreten aus dem persönlichen, eingeschränkten Sichtfeld und die Entwicklung von Empathie für unterschiedliche Lebensverläufe, -umfelder und Ansichten, um mehr Verständnis zu schaffen und vorschnelle, unrechte und unbegründete Verurteilung zu mindern. Die fünfte und letzte Sektion bildet das Fazit, in welchem zentrale Ergebnisse zusammengetragen, und weiterführende Gedanken zur Rolle von Vor- und Geschmacksurteilen in der Gesellschaft dargelegt werden.

2 DEFINITIONEN

Im Folgenden werden die für vorliegende Arbeit zentralen Begriffe Geschmack, Vorurteil und Sozialisierung definiert.

2.1 Geschmack

Unter dem Begriff Geschmack ist stets der ästhetische Geschmack eines Menschen zu verstehen. Das ästhetische Geschmacksvermögen zeigt sich in intuitiven Gefühlen des Wohlgefallens oder der Ablehnung bezüglich eines Gegenstandes, einer Person, einer kulturellen Strömung oder einer moralischen Haltung. Man gebraucht den ästhetischen Geschmack in Lebensbereichen, in denen man Geschmacksurteile fällt, ohne ein Interesse damit zu verfolgen. Er äußert sich, indem man spürt, wozu man sich hingezogen fühlt und wogegen man Abneigung empfindet. Geschmacksurteile sind dabei stets rein subjektiv, weil sie, wie wir sehen werden, zum großen Teil vom sozialen Leben eines jeden abhängen und zugleich dadurch ausgebildet werden. Sie genießen für den Einzelnen meist subjektive Allgemeingültigkeit, wobei die Inhalte des Urteils jedoch wandelbar sind und sich im Laufe des Lebens verändern können.

2.2 Vorurteile

Als Vorurteil wird hier ein Urteil verstanden, das gar nicht oder unzureichend durch Reflexion, Realitätsgehalt und Erfahrungen zustande kommt. Oft bestehen Vorurteile bereits vor einer tatsächlichen Erfahrung und können damit endgültige Urteile beeinflussen. Vorurteile beziehen sich meist nicht auf Einzelfälle, sondern auf Gruppen von Urteilsgegenständen und haben dabei einen generalisierenden Charakter, der inhaltlich oft starr und fehlerhaft ist. Mit Vorurteilen stellt man richtende Bewertungen über Personen, Dinge und Sachverhalte auf, die oftmals motivgesteuerte Handlungen zur Folge haben.

Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang positive und negative Vorurteile. Zu positiven Vorurteilen zählen beispielsweise die Sicht einer/eines Verliebten auf ihre/seine Geliebte(n) oder die eines Kindes auf die unbegrenzten Kräfte der Eltern. Negative Vorurteile sind ablehnende oder abwertende Einstellungen und Überzeugungen gegenüber Menschen(gruppen) und Sachverhalten, bei denen man meist unreflektiert übergeneralisiert und von Einzelnem auf Allgemeines schließt. Oft implizieren sie negative Emotionen und Handlungstendenzen, die Diskriminierung und Intoleranz zur Folge haben. (Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2006: o.S.)

2.3 Sozialisierung

Mit Sozialisierung ist der Prozess gemeint, den ein Mensch erfährt, sobald er sein Leben in Gesellschaft führt. Sozialisierung beinhaltet jemandes Gewohnheiten, Ansichten, Haltungen in der sozialen Welt, generelle Lebensweise und Wertvorstellungen. Sie lässt sich anhand der Betrachtung des Lebensstils einer Person beobachten und durch „das, womit man (im Laufe seines Lebens) in Berührung kommt“ ausgebildet. Sozialisierung erfährt man individuell. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten in den jeweiligen Sozialisierungsprozessen der Menschen, welche die Einteilung in soziale Klassen und Gruppierungen zulassen, denen wiederum bestimmte Lebensstile zugeordnet werden. (Vgl. Bourdieu 1979: 279ff)

3 ARGUMENT

Im ersten Hauptteil der Arbeit wird das folgende Argument ausgeführt und gerechtfertigt:

(P1) Geschmack wird stark geprägt durch Vorurteile.

(P2) Vorurteile entstehen durch Sozialisierung.
(K) Also wird Geschmack stark durch Sozialisierung geprägt.

Da das hierfür relevante Vokabular vorab definiert wurde, kann nun mit der Analyse der Prämissen sowie der Konklusion angeschlossen werden.

3.1 (P1) Geschmack wird stark geprägt durch Vorurteile

Auf welcher Grundlage werden ästhetische Geschmacksurteile gefällt? Nach der hier aufgestellten These basiert Geschmack größtenteils auf individuell gehegten Vorurteilen, die man gegenüber sozialen Gruppen, Personen, Gegenständen oder Sachverhalten und damit einhergehend auch gegenüber „anderer“ ästhetischer Geschmacksurteile pflegt. Man nutzt positive Geschmacksurteile, um sich an etwas oder jemanden anzupassen oder damit zu identifizieren und negative Geschmacksurteile, um sich abzugrenzen. Steht man vor Entscheidungen, die die Kapazität des ästhetischen Geschmacks fordern, fragt man sich – wenn auch meist unbewusst - ob die Idee, die man von sich selbst innerhalb einer sozialkulturellen Gruppe, zu der man gehört oder gehören will, mit der Entscheidung unterstützt wird oder nicht. Entscheidungen wie diese begegnen uns in nahezu allen Bereichen des Lebens, sei es beim Bilden der persönlichen Weltanschauung oder bei der Partnerwahl – man definiert und kategorisiert seine Umwelt und bildet auf der Basis von Vorurteilen unbewusst das ästhetische Geschmacksempfinden. Man schlussfolgert, setzt Ziele, geht Verpflichtungen ein und macht Pläne; alles auf Grundlage unserer intuitiven Entscheidungen für oder gegen etwas bzw. jemanden, die durch gehegte Vorurteile zustande kommen.

Wenn man zum Beispiel über ein Kunstwerk, das man wunderschön findet und dessen schöpfenden Künstler man bewundert, erfährt, dass es eigentlich eine Fälschung ist, wird diese Information das eigene ästhetische Urteil darüber wahrscheinlich verändern bzw. die Begeisterung schmälern. Ist das aus Unwissen gehegte Vorurteil über das vermeintlich durch große Mühe und immensen kreativen Geist zustande gekommene Kunstwerk beseitigt, verändert sich das ästhetische Geschmacksurteil darüber; das Werk gefällt nicht mehr, obwohl es dasselbe bleibt.

Das Beispiel verdeutlicht, dass Geschmack nichts rein Ultimatives sein kann, sondern eben stark von Vorurteilen geprägt und beeinflusst wird. Sicher wird damit ein naturgegebener Geschmack nicht absolut ausgeschlossen. Allerdings zeigt das Beispiel (und auch unzählige weitere Alltagsbeispiele), dass Geschmack sehr stark von Vorurteilen beeinflusst wird.

3.2 (P2) Vorurteile entstehen durch Sozialisierung

Nach Lakoff und Johnson haben Menschen das Grundbedürfnis nach Kategorisierung von Dingen, Situationen und Personen, um das Gefühl von Ordnung und Kontrolle über ihr Leben zu haben. Aufgrund dessen tendiert man dazu, Vorurteile zu hegen und künstliche Grenzen zu ziehen. (Vgl. ebd. 2003: 25) Bei der Kategorisierung von Menschen, Situationen oder Gegenständen, werden bestimmte Eigenschaften betont und andere heruntergespielt oder ignoriert:

Wenn man seiner besten Freundin aufgeregt den Mann, den man auf der Party am Wochenende kennen gelernt hat, beschreibt, spricht man vielleicht vom „tollen, selbstbewussten, sexy Typen, der den gleichen Humor hat“. Man tut das, weil diese Beschreibung die Aspekte beinhaltet, die für jemanden bei einem Mann von Bedeutung sind. Darüber, dass derselbe Mann in gerade eine schwere Trennung durchlebt, ein sehr seltenes Auto fährt und seine Masterarbeit über neurolinguistische Programmierung schreibt, hat er einen auch informiert. Man hat diese Informationen aber vergessen oder gar nicht bewusst aufgenommen, weil sie durch die konditionierte Fokussierung auf die anderen Aspekte herausgefiltert wurden und vernachlässigt sie in der Beschreibung.

Dieser Filter wird weder willkürlich noch absichtlich angewendet. Er besteht aus einem vielschichtigen Konstrukt aus Vorurteilen, deren Existenz man sich intellektuell meist nicht bewusst ist. Man hält das Aufgenommene, das dieser Filter aus Vorurteilen übriglässt, für die Wahrheit, die nicht hinterfragt werden muss – wenn auch für seine eigene, individuelle Wahrheit. Er bestimmt was man aufnimmt, ignoriert, wie man die Welt begreift und mit wem oder was man sich identifiziert, wie man seine Umwelt kategorisiert. Alles, was man erfährt, wird davon geformt. Im Alltag denkt und handelt man mehr oder weniger automatisch entlang dieser Wahrheit bzw. der Gedankenmuster, aus denen sie sich ergibt. Deren Struktur jedoch ist nicht gottgegeben oder angeboren – sie wird geprägt und ist abhängig von dem Umfeld, in dem man aufwächst und in dem man sich langfristig befindet.

Denn, dass man sich bei seiner Wahrnehmung auf bestimmte Aspekte, wie z.B. Äußerlichkeiten und Humor, konzentriert, hat Gründe. Vielleicht ist man in einem extrem oberflächlichen Umfeld aufgewachsen, in dem der Wert eines Menschen durch sein Äußeres definiert wird. Vielleicht hatte man noch nie eine Beziehung und weiß von Erzählungen, dass Humor die allesentscheidende Gemeinsamkeit und deshalb wichtig ist. Oder aber man hat aus den letzten romantischen Erfahrungen gelernt, dass das Aussehen am Ende doch eine Rolle spielt, obwohl man es bisher bei der Partnersuche vernachlässigt hat und Humor nur Männer haben, die sich nicht über ihr Aussehen profilieren können. Wie die Kausalkette, die die Grundlage für Konzentration bzw. Ignoranz bezüglich bestimmter Aspekte ist, auch aussehen mag – sie hat ihre Wurzel in der Art und Weise, wie jemandes Leben verlaufen ist und verläuft, in der jeweiligen Sozialisierung. Hegte man eine Leidenschaft für psychologische Fachliteratur oder Autos, weil auch der Exfreund Psychologie studierte und man schon als Kind in der Werkstatt des Vaters schraubte, fiele die Beschreibung des Mannes wahrscheinlich anders aus. Vielleicht wäre einem dann bewusst, dass der Witz, der vermeintlich von ähnlichem Humor zeugt, abgedroschen ist, das Selbstbewusstsein eigentlich narzisstische Züge trägt und auf Unsicherheit basiert und der Typ demnach möglicherweise nicht toll und sexy ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Geschmack und Vorurteile als Produkt der Sozialisierung
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Einführung in die Ästhetik
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V502449
ISBN (eBook)
9783346034168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschmack, Vorurteile, Bourdieu, Sozialisierung, Subjektiv, Objektiv, Wirklichkeit, Gesellschagt, Individuum, Ästhetik, Philosophie
Arbeit zitieren
Julia Held (Autor), 2019, Geschmack und Vorurteile als Produkt der Sozialisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502449

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