Psychische Erkrankungen mit Sport behandeln. Zusammenhänge zwischen der menschlichen Psyche und sportlichen Aktivitäten


Fachbuch, 2020

75 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Sport?
2.1 Körperliche Betätigung, Leistung und Regeneration
2.2 Motive

3 Was ist Gesundheit?
3.1 Das biomedizinische Modell
3.2 Das Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky
3.3 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung
und Gesundheit

4 Was ist eine psychische Erkrankung?
4.1 Das Vulnerabilität-Stress-Modell
4.2 Spezifische psychische Erkrankungen

5 Sport als Ressource für Menschen mit psychischer Erkrankung
5.1 Der biologische Aspekt
5.2 Stress und Sport
5.3 Psychosoziale Ressourcen in Bezug zum Gesundheits- konzept der ICF und zum Salutogenesemodell
5.4 Sport in der Behandlung spezifischer psychischer Erkrankungen

6 Die Rolle der Sozialen Arbeit
6.1 Zuständigkeit
6.2 Methodik

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © Social Plus 2020

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 (nach Baumann, 1998, S. 14)

Abbildung 2 (Weltgesundheitsorganisation, 2005, S. 23)

Abbildung 3 (Trost & Schwarzer, 2013, S. 16)

Abbildung 4 (nach Bäuml & Lambert, 2013, S. 20)

Abbildung 5 (Hammer & Plößl, 2012, S. 22)

Abbildung 6 (Brand, 2010, S. 13)

1 Einleitung

„Ich schwitze, also bin ich.“ (Bette, 1999, S. 164) Mit dieser Aussage beschreibt Bette eindrucksvoll, wie viel tiefer die Wirkungen sportlicher Aktivität gehen, als man zunächst annehmen könnte. Dabei ist nicht die physiologische Reaktion des Schwitzens gemeint, die den meisten Menschen dann doch bekannt sein sollte: Vielmehr will Bette unterstreichen, wie Sport sich bis in die Persönlichkeit eines Menschen streckt, auch sein Fühlen und sein Denken verändern und bestimmen kann.

Sport ist alt. Die Olympischen Spiele wurden schon Jahrhunderte vor Christi Geburt ausgetragen (vgl. Behringer, 2012, S. 29). Aufgrund dessen, dass sportliche Betätigung schon seit jeher Teil des menschlichen Lebens zu sein scheint, ist Sport fundiert untersucht und in alle Richtungen hin studiert: Allgemeine Grundlagen, Regelwerke und Abläufe einzelner Disziplinen, Trainingslehren und die Geschichte des Sports sind auf keinen Fall erst Forschungsinhalte der Neuzeit. Jedoch scheint die Sportpsychologie eine noch recht moderne Lehre zu sein; wurde sie so wortwörtlich das erste Mal um das Jahr 1900 benannt (vgl. Nitsch, 2000). Inhalte dieser Fachrichtung ist die „Forschung, Lehre und Anwendung […] der psychischen, psychosomatischen und psychosozialen Bedingungen, Abläufe und Wirkungen sportbezogener Aktivität“ (ebd.). Dies betrifft sowohl die passiven psychologischen Aspekte während des Sports, als auch Themen der Psyche, die aktiv durch Sport beeinflusst werden können. Ja, Sport kann bewusst genutzt werden, um Erleben und Verhalten von Individuen zu verändern – dies sollte doch besonders bei Menschen, die in diesem Bereich (große) Schwierigkeiten haben, eine herausragende Bedeutung haben!?

Innerhalb dieser Bachelorarbeit möchte ich die Zusammenhänge von Sport und psychischen Erkrankungen untersuchen. Ich möchte fundiert darlegen, wie sich sportliche Betätigung auf die Psyche auswirkt und wie sich dies auch Menschen mit psychischen Erkrankungen zunutze machen können. Da ich nun schon einige Zeit mit psychisch Erkrankten arbeite, interessiert mich, inwiefern hier eine Möglichkeit in der Behandlung vorliegt. Ziel dieser Arbeit ist es, konkrete Wirkungsweisen von Sport auf die Psyche herausarbeiten und diese mit psychischen Erkrankungen in Verbindung zu setzen. Dabei werde ich selbstverständlich bereits veröffentlichte Studien miteinbeziehen, die diese Verknüpfung bereits untersucht haben. Zuletzt möchte ich mich damit beschäftigen, wie sich Sport in der Sozialen Arbeit mit Menschen mit psychischer Erkrankung konkret nutzen lässt.

Für die Form dieser Bachelorarbeit habe ich mich für eine Literaturarbeit entschieden, eine möglichst flächendeckende Untersuchung vorzunehmen: Eine intensive Literaturrecherche hat mir schon im Vorfeld gezeigt, wie viele Bereiche das Thema „Sport als Ressource für Menschen mit psychischer Erkrankung im Rahmen der Sozialen Arbeit“ tangiert. Die Überlegung, doch eine qualitative Studie durchzuführen und sportlich aktive psychisch Kranke dazu befragen, wie ihnen der Sport mit ihrer Diagnose oder mit der allgemeinen Lebensbewältigung hilft, habe ich auch deshalb wieder verworfen, weil ich nicht genügend Teilnehmer akquirieren konnte. Ich nahm zwar Kontakt mit verschiedenen Sportgruppen mit Betroffenen auf, stieß jedoch auf eine nur geringe Bereitschaft, doch recht persönliche Fragen zu beantworten. Dies führte ich darauf zurück, dass mich einige der Angefragten nicht kannten. Zudem kam mir der Gedanke auf, dass ich durch rationalisierende und analytische Implikationen der gedachten Befragung möglicherweise die Leichtigkeit aus den jeweiligen sportlichen Aktivitäten nehmen könne. Die Methode der Literaturarbeit stellte sich dann jedoch als sehr geeignet heraus, da ich tief in theoretische Überlegungen zu Sport, der Psyche, Gesundheit und einzelnen Erkrankungen eingehen konnte.

Zu Beginn dieser Arbeit werde ich zwei wichtige Grundbegriffe klären. Ich werde den Sportbegriff und menschliche Gesundheit definieren. Bei der Darlegung der Grundlagen von Sport werde ich eine erste Bedeutung für das Erleben von Menschen erklären: die Bedeutung für die Identität. Gesundheit werde ich anhand verschiedener Modelle beschreiben, die später jeweils eigene (und übergreifende) Aspekte eröffnen, warum Sport generelle und für die Psyche gesundheitsfördernde Auswirkungen hat. Anschließend werde ich darauf aufbauend psychische Erkrankung erläutern: zunächst anhand des diagnoseübergreifenden Vulnerabilität-Stress-Modell, dann anhand spezifischer Diagnosen. Diese Erkenntnisse über psychische Erkrankung und über den Zustand, der eigentlich vorherrschen sollte, werde ich darauffolgend mit spezifischen Effekten von sportlicher Betätigung verbinden. Wichtig ist mir, dabei mehrere Wirkungsweisen zu behandeln: konkret messbare biomedizinische Reaktionen, psychosoziale Faktoren sowie speziell die Rolle von Stress. Im letzten Teil werde ich dann die Rolle der Sozialen Arbeit bezüglich der Möglichkeit, Menschen mit psychischer Erkrankung zu unterstützen, beleuchten; wo generell Ansätze der Soziale Arbeit vorliegen und wie konkrete Maßnahmen aussehen können.

2 Was ist Sport?

2015 gaben in einer Umfrage 70% der deutschen Bevölkerung an, Sport zu treiben. Fast 27 Millionen Deutsche sind Mitglied in Sportvereinen (vgl. Gabler, 2015, S. 1678). Diverse Ergebnisse sportlicher Ereignisse sind regelmäßig Teil von bundesweit ausgestrahlten Nachrichtensendungen. Gabler beschreibt deshalb eine „enorme gesellschaftliche Bedeutung des Sports“ (ebd.), die Wenigsten werden dies abstreiten. Doch was ist Sport überhaupt?

Sport ist ein theoretisches Konstrukt (vgl. Brand, 2010, S. 10). Anders als ein Ball etwa lässt sich Sport nicht anfassen und sich in seiner Ganzheit einfach (be)greifen. Eine Klärung, was Sport nun ist, ist dabei nicht nur im Rahmen dieser Arbeit wichtig, um später Wirken, Nutzen und Methoden entwickeln und beschreiben zu können. Erst die Darlegung von Definitionen, Eigenschaften und Zusammenhängen von und im Sport eröffnet die Möglichkeit, auch als selbst Sport treibender Mensch eben dies adäquat verstehen zu können, was man bei körperlichen Aktivitäten unlängst wahrnimmt – was man fühlt.

Im Folgenden werde ich die Grundsubstanz von Sport erklären. Eingehen werde ich dabei unter anderem auf die körperliche Ertüchtigung, auf Motive sowie auf sozialwissenschaftliche Aspekte. Zuerst möchte ich jedoch eines klarstellen: Sport ist nutzlos.

Nach Heinemann ist Sport zwar erholsam, gesund, risikoreich, leistungsorientiert, wettkampfbezogen, kommunikativ, gar freudvoll; aber eben auch zweckfrei und unproduktiv (vgl. Heinemann, 1998, S. 34). Aus diesem Grund sieht Heinemann den Showsport, etwa im Fernsehen, als kritisch; hat er doch einen klaren Sinn und Zweck, nämlich die Unterhaltung (ebd., S. 35f). Dieselbe Behauptung kann jedoch auch anders ausgedrückt werden, sodass sie nicht nur weniger negativ ausfällt, sondern Sport sogar wieder in jenes positive Licht rückt, in dem er bei jedem gerne und regelmäßig Sport treibenden Menschen bis eben noch stand: Sport ist eine sich selbst genügende Tätigkeit (vgl. Schülerduden, 1987, S. 405). Zwar ist es richtig, dass Sport unproduktiv ist, dass dabei keine Produkte hergestellt werden, dass dabei keine Werke erschaffen werden, wie in der Kunst etwa (vgl. Heinemann, 1998, S. 34). Aber das muss auch nicht so sein. Sport genügt sich selbst!

2.1 Körperliche Betätigung, Leistung und Regeneration

Der Begriff „Sport“ kommt ursprünglich aus dem Englischem und bedeutet „Zeitvertreib“ oder „Vergnügen“. Die Enzyklopädie Brockhaus beschreibt Sport als „Sammelbezeichnung für die an spielerischer Selbstentfaltung sowie am Leistungsstreben ausgerichteten vielgestalteten Formen körperlicher Betätigung“ (Brockhaus, 2007, S. 433). Nach dieser Definition wird Sport als Hauptgegenstand die körperliche Betätigung zugeordnet. Gleichzeitig werden drei weitere Punkte aufgezählt: Spiel, Leistung und das Selbst.

Die Kernthematik der körperlichen Betätigung findet sich in einigen Definitionsversuchen wieder und scheint im wissenschaftlichen Diskurs Konsens zu finden: Steinkamps erstes Kriterium von insgesamt vier Punkten ist die körperliche Aktivität (vgl. Steinkamp, 1983, S. 19), auch das erste Element von Sport nach Heinemann ist die körperliche Bewegung (vgl. Heinemann, 1998, S. 34), und Brand benennt menschliche Bewegung als klares Zentrum der Sportwissenschaft (vgl. Brand, 2010, S. 11). Dabei betrifft die körperliche Aktivität nicht nur dem Körper selbst. „Sportliche Aktivitäten werden zumeist […] aus Interesse an der Überwindung von psychischen, aber auch psychischen Herausforderungen unternommen.“ (Brockhaus, 2007, S. 433) Steinkamp beschreibt die Bewegung näher als eine durch den Bewegungsapparat ausgeführte physiologische und neurologische Inanspruchnahme von Muskeln, Reflexen und Sinnen. Zwar ist die körperliche Aktivität die ausschlaggebende Kraft beim Sport, dennoch tragen auch psychische Kräfte wie Konzentration, Mut und Kreativität deutlich zu den Bewegungsabläufen bei (vgl. Steinkamp, 1983, S. 16ff). In der Regel ist diese für Sport typische Körperbetätigung künstlich, unnatürlich. Die Bewegungsmuster sind erdacht und unterscheiden sich häufig von Alltagsaktivitäten (ebd.). Zwar läuft der Läufer auch während des normalen Tagesablaufs, dennoch werden in den meisten Sportarten gar Geräte benutzt, die nur innerhalb der jeweiligen Disziplin einen Nutzen haben. Im Alltag sieht man selten, wie Mitmenschen sich auf Skiern durch die Fußgängerzone bewegen, wie selbstverständlich über einen Barren schwingen oder Kurzhanteln von sich drücken.

Das zuvor genannte Spiel wird im Brockhaus als individuelle, „nicht organisierte Freude an der Selbststeigerung ohne Wettkampfstreben“ (Brockhaus, 2007, S. 438) beschrieben. Spiel und Sport gehörten schon ab der Kindheit zur Persönlichkeitsentwicklung sowie zur Gesunderhaltung. Leistung dagegen sei anders als Spiel an Regeln gebunden, fände in eigens dafür bestimmten Organisationen statt und beinhalte freiwillige Leistungsvergleiche (ebd.).

Auch jener Leistungsgedanke ist in der wissenschaftlichen Literatur ein sehr häufig wiederkehrender Aspekt. Nach Brand kann hierbei zwischen dem Vergleich der eigenen Leistung mit eigenen früheren Leistungen (Aufgabenorientierung) und dem Vergleich der eigenen Leistung mit den Leistungen anderer (Wettbewerbsorientierung unterschieden werden (vgl. Brand, 2010, S. 26). Sportler und Sportlerinnen müssen sich nicht nur mit anderen messen; auch heute besser zu sein, als man selbst es gestern noch war, kann (progressive) Leistung ausdrücken. Damit dient Sport sowohl als „Möglichkeit zur persönlichen Bestätigung, als auch als Mittel zur sozialen Konkurrenz“ (Schülerduden, 1987, S. 405). Heinemann benennt den Wettkampf ebenfalls als zweites Element des Sports und spricht damit zusammenhängend eine im Sport allgemeingültige, stillschweigende Vereinbarung an: die Gleichheit aller Sportler und Sportlerinnen zu Beginn eines Wettkampfs, die dann zum Schluss zu einer gewollten Ungleichheit (Ranking) führt (vgl. Heinemann, 1998, S. 34).

Laut Steinkamp basiert die Leistungsthematik im Sport auf der Problemorientiertheit. Ob nun im Tischtennis oder im Boxen: Es müssen vorgegebene Aufgaben gelöst werden, Ziele besser oder vor anderen gelöst werden. Im Hürdenlauf müssen die Hürden sogar wortwörtlich übersprungen werden. Diese Probleme werden dabei jedoch nicht gelöst, stattdessen sind sie unendlich widerholbar. Ein von Steinkamp sogenanntes „Mindestkönnen“ (Steinkamp, 1983, S. 25) ist bei dieser Problemorientiertheit dabei von Sportart zu Sportart unterschiedlich ausgeprägt. Dieses Mindestkönnen beschreibt diejenigen Fähigkeiten, die man wenigstens benötigt, um an einer bestimmten Sportart teilnehmen zu können. Während man beim 500-Meter-Lauf zunächst einmal nur Laufen können muss, wird beim Fußball des Weiteren etwa Teamplay und Sicherheit am Ball gefordert. In Steinkamps Könnensskala folgt auf das Mindestkönnen dann der persönliche Rekord, also die bis dato erlangte persönliche Bestleistung. Die dritte Stufe stellt die mögliche Leistungssteigerung dar, die Steinkamp auch die „Bandbreite der Ungewissheit“ (ebd.) nennt. Wohl auch deshalb, weil Sportler und Sportlerinnen nie wirklich sicher wissen können, ob sie die stets umrungene vierte Stufe überhaupt erreichen können. Der absolute Rekord nämlich ist in den meisten Sportarten nicht nur mit intensivem Training erreichbar, in der Regel ist auch eine gewisse genetische Veranlagung (im Volksmund auch „Talent“ genannt“) von Nöten, um einen absoluten Rekord aufzustellen, „der Beste überhaupt“ zu sein.

Werden die Probleme des Sports nun gelöst – werden Etappen bezwungen, Becken durchschwommen oder Gegner zu Boden gerungen – ist die dazu aufgewendete Leistung messbar, vergleichbar und das daraus resultierende Ergebnis wertbar. Erkennen lassen sich dabei drei Arten von Leistung. Zunächst die (offensichtliche) körperliche Leistung, die sich zum Beispiel in Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer erkennen lässt. Als Zweites benennt Steinkamp die physische Technik: darunter fällt unter anderem Gleichgewichtserhaltung, Orientierungsvermögen, Antizipation und Reaktion. Und als Drittes wird auch eine psychische Technik als Leistung im Sport aufgewendet; taktisches Vorgehen, Umgang mit Erwartungen und Gefühlen etc. Das Wiederholen der Übungen innerhalb des Trainings nimmt dabei die Rolle der Leistungssteigerung ein, um dann etwa an Wettkampftagen ein möglichst bestes Ergebnis zu erlangen (vgl. Steinkamp, 1983, S. 26ff). Um erneut das Beispiel des Volkssports Fußball anzubringen: hier ist nicht nur die körperliche Leistung schnell erkennbar, es wird gesprintet, gepasst, gehechtet, gefoult. Zudem wissen(Profi-)Fußballer scheinbar stets, wo sich ihre Teamkollegen auf dem Feld befinden, reagieren gekonnt auf Möglichkeiten und Lücken. Aber auch die Taktik, das Vorgehen der Spieler, ist vor allem in hochkarätigen Partien recht leicht erkennbar. Spieler haben klare Rollen (Positionen), es werden langsam vorteilhafte Positionen erspielt und schnell gekontert.

Wenn nun körperliche Anstrengungen vollzogen, Leistungen erbracht und Ergebnisse erzielt wurden, wurde Sport getrieben. Was nun automatisch und auch dann passiert, wenn man dem wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist die Regeneration. Erst durch diese kann bei der nächsten Sporteinheit ein Fortschritt erzielt werden: „Jede Leistungssteigerung beruht auf den gesetzmäßigen Wechselbeziehungen von Belastungs- und Erholungsphasen, einschließlich der Regenerationsprozesse“ (Froböse & Wilke, 2012, S. 251). Ein Anstieg der Leistung hängt dabei vor allem damit zusammen, dass den Erholungsphasen eine angemessene Zeitspanne zukommt. Diese benötigte Regenerationszeit ist individuell von der jeweiligen Belastung, dem Trainingsinhalt und der Intensität abhängig. Diese Ruhephasen bekommen nicht nur im Amateursport oft eine zu geringe Bedeutung zugesprochen: auch in der Sport- und Bewegungstherapie wird die Regeneration oft vernachlässigt (ebd.).

2.2 Motive

Warum treiben Menschen eigentlich Sport? Klar zu sein scheint, dass zumindest nur Menschen eben dies tun (vgl. Steinkamp, 1983, S. 15). Der Biologe Midas Dekkers geht sogar so weit, zu sagen: „Kein Tier treibt Sport. So dumm ist es nämlich nicht.“ (Lütz, 2009, S. XVI) Sport ist allerdings nicht nutzlos oder dumm. Schließlich gehören „Spiel und Sport […] von der Kindheit bis ins Alter zur Persönlichkeitsbildung und Gesunderhaltung“ (Brockhaus, 2007, S. 433). Hier werden schon zwei Aspekte genannt, bei denen Sport zuträglich ist: die Gesundheit und die Identität. Auch bevor ich nun darauf und auf mehr näher eingehe, fällt auf, dass die Zugesprochene „Nutzlosigkeit“ nicht unkritisch zu sehen ist.

Der Schülerduden beantwortet die Frage, weshalb Menschen Sport nachgehen, mit einer ganzen Liste an Gründen. Da wären zunächst die reine Freude an der Bewegung und Spiel, das Streben nach (schon benannter) persönlicher Leistung und dem Erkennen eigener Grenzen, und das natürliche Prestigestreben. Für Berufssportler stellt der Sport außerdem Existenzsicherung dar, und Freizeitsportler finden hier einen Ausgleich zum Berufsleben. Zusätzlich lässt sich durch körperliche Beschäftigung körperliches und psychisches Wohlbefinden erhalten und wiederherstellen, und auch in den mit Sport verbundenen sozialen Kontakten lässt sich ein Streben nach Selbsterfahrung stillen (vgl. Schülerduden, 1987, S. 406).

2.2.1 Sport und Identität

Beim Sport lassen sich Zukunftssorgen der alltäglichen Welt ausklammern, man lokalisiert sich in die Gegenwart (vgl. Schülerduden, 1987, S. 406). So wirkt der Körperbezug wie ein Anker in die Gegenwart, in einer auf die Zukunft ausgerichtete Gesellschaft (vgl. Bette, 1999, S. 159). Durch die Selbstthematisierung „deblockieren psychische Systeme und entparadoxieren sich über Körpervollzüge dadurch, dass sie die Zeitdimension der Sinnverarbeitung auf einen momenthaften […] Augenblick zusammenführen“ (ebd.). So erlangt man im Sport durch die gesteigerte Wahrnehmung des eigenen Körpers oft auch das wichtige, eventuell bei manchen Menschen zu häufig abwesende Gefühl, anwesend zu sein.

Vielleicht gilt also deshalb für viele Menschen Sport zur Erholung als wichtiger Teil erfüllter Freizeitgestaltung. (vgl. Brockhaus, 2007, S. 438). Jedoch müssen sie dafür nicht unbedingt selbst aktiv werden: auch die Teilnahme durch Zuschauen ist weit verbreitet. 1995 nahmen Sportsendungen 10% des Gesamtprogramms im europäischen Fernsehen ein, heute wird der Anteil noch höher sein (vgl. Moragas Spa, 2001, S. 211). Durch diese hohen Zuschauerzahlen sind die Übertragungsrechte sehr wertvoll, vor allem für internationale Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften. Nicht unlängst erledigen Massenmedien nicht nur noch die Berichtserstattung über Sportevents, sondern beeinflussen massiv die Produktion. Zeitpläne werden angepasst, Stadien mit angemessener Werbung und Dekoration ausgeschmückt. Insgesamt ist seit dem hohen (wirtschaftlichen) Interesse der Massenmedien sogar ein nicht unerheblicher Anstieg der Anzahl von Sportwettkämpfen zu verzeichnen (vgl. ebd., S. 212ff). Dennoch ist daraus nicht nur abzulesen, dass Sport ein Gegenstand von Wirtschaftskämpfen geworden ist. Durch die Präsenz von Sport in Radio, Fernsehen und Printmedien wird ein hohes gesellschaftliches Interesse an Sport eindeutig, und nicht nur von Mitbürgern, die selbst sportlichen Aktivitäten nachgehen.

Bevor ich zurück auf die Motive von denjenigen Menschen kommen, die sich auch aktiv in den Sport einbringen, möchte auch ich im Zusammenhang mit „passiven Sport“ (Schülerduden, 1987, S. 405) einen der Aspekte erläutern, der zwar eine oft stärkere Kraft im „aktiven Sport“ (ebd.) darstellt, aber auch erklärt, warum Sport eine so hohe Relevanz auch bei erst einmal Unbeteiligten erhält: die Identität. Denn nicht nur „Ich bin Handballer!“ drückt Identität aus, auch „Ich bin Handballfan!“ zeigt eindeutig eine (gefühlte) Zugehörigkeit an.

Baumann unterteilt in seinem Modell von Identität die Gesamtidentität in die Persönliche Identität und in die Soziale Identität (s. Abb. 1). Die Persönliche Identität steht dabei für das eigene Bewusstsein, das Selbst, das unter anderem auf eigenen Erlebnissen und Erfahrungen gründet. Die Soziale Identität dagegen stellt Verhaltensweisen dar, die aufgrund von Rollenerwartungen und der Übernahme von Haltungen und Einstellungen anderer herrührt; sie stellt also eine „Identität für andere“ dar (Baumann, 1998, S. 16). Diese beiden Teilidentitäten stehen laut Baumann in einer „Identitätsbalance“; so ist es die Aufgabe eines jeden Individuums, ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen und Erwartungen anderer und eigener Wünsche sowie selbstbestimmtem Verhalten herzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 (nach Baumann, 1998, S. 14)

Das Interessante dabei ist, dass Sport nicht nur Teil der Persönlichen Identität ist, sondern auch die Soziale Identität betrifft. Nach Baumanns Modell hat Sport somit sogar einen Einfluss auf die Gesamtidentität. Sport „berührt soziale und psychologische Dimensionen der Identitätserfahrung“ (Eichberg, 2001, S. 37). Neben der persönlichen Affinität hin zu einer Sportart ist man automatisch mit all jenen verbunden, die sich auch dieser Sportart zugehörig fühle. So drückt auch das reine Zuschauen etwa eines Staffellaufes ein „Wir“-Gefühl aus. Eichberg spricht in diesem Zusammenhang von kollektiven Identitäten. Auch von am Rennen Unbeteiligte hört man oft „Wir sind vorne“ oder „Wir haben gewonnen“. Dies geht so weit, dass Sport sogar eine relativ harmlose, wenn nicht sogar konstruktive Fläche für Nationalismus bietet: So ist das teilweise exzessive Zeigen von Nationalflaggen nicht nur in Deutschland bei Weltmeisterschaften oder anderen internationalen Sportveranstaltungen gang und gäbe. Dann wird nicht nur eine Zugehörigkeit zu einer Sportart, einer Mannschaft oder zu einem Verein ausgedrückt, plötzlich wird sich auch noch zum Heimat- oder Herkunftsland bekannt (vgl. ebd.).

Dass Sport Identität ausdrückt und förderlich für die Persönlichkeitsentwicklung ist, spiegelt sich jedoch, wie bereits erwähnt, vor allem im Sporttreiben selbst wieder. Der Körper ist neben dem Namen und der Lebensgeschichte ein besonders wichtiger Gegenstand der Identitätsbildung (vgl. ebd., S. 53). Bette bezeichnet Sport als Bestätigungsfeld in Räumen von individueller Unsicherheit. In diesem Zusammenhang verweist er auf eine Fragmentierung der Realität; einen Rückgang von traditionell gegebenen Sicherheiten, wie klare Geschlechterrollen, und den schnellen Wandel hin zu einer hoch technologischen Gesellschaft, die die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ und eine Identitätsfindung vor allem junger Leute erschweren. So tritt Körperlichkeit an die Stelle „traditioneller Sinngebungsinstanzen“ (Bette, 1999, S. 158ff), um doch noch Unmittelbarkeit, Authentizität und Natürlichkeit zu erreichen. So wird der Körper (hauptsächlich in Industrieländern) zum Medium für Selbstverwirklichung und Lebensbejahung.

Dabei ist der Körper dafür deshalb so gut geeignet, da er „immer da“ ist. In der Physis liegt eine Konstante; unabhängig davon, in wie viele verschiedene Rollen wir über einen einzelnen Tag verteilt schlüpfen (müssen), der eigene Körper ist in jeder Rolle gleich. Im Sport steht dieses physische Erleben dann im Mittelpunkt, ansonsten oft verdrängte Körperlichkeit kann hier voll ausgelebt werde. Bette spricht dabei sogar von einer Vorbeugung „psychischer Selbstauflösung durch Reflexionsspiralen“ (Bette, 1999, S. 1661); die Fokussierung hinein in den Körper löst ab vom Überdenken, vom Grübeln, vom Versuch zu verstehen. Selbstzweifel und bodenlose Selbstreflexion sind demnach Nährboden für unsichere Identitäten. Im Sport wird der Körper mit der Welt synchronisiert, und mit ihm das Selbst.

Der Körper ist auch deshalb so gut dazu geeignet, Identität auszudrücken, weil er Individualität sogar sichtbar macht. Nicht nur durch die Vielfalt von Sportarten oder durch Sportmode kann sich hier von anderen distanziert und ein eigenes Ich zur Schau gestellt werden. Das Ausüben von verschiedenen Sportarten zeigt sich sogar in der Ausprägung der jeweiligen beanspruchten Muskulatur. „Sport eignet sich auf besondere Weise, den Wunsch nach eigener Unvergleichlichkeit komparativ auszudrücken.“ (Bette, 1999, S. 166) Bette versteht die Körperaufwertung (die nicht nur im Sport einen deutlichen Anstieg verzeichnet) als einen Versuch dagegen, abgehängt zu werden (vgl. ebd.). Außerdem besitzt Sport die „nahezu konkurrenzlose Fähigkeit, auf eine sozial harmlose Weise Helden zu erzeugen“ (ebd.); durch Wettkämpfe und Medaillen wird im Sport ohne große gesellschaftliche Auswirkungen im großen Maße heroisiert. Ein Publikum, dem die eigenen Leistungen zur Schau gestellt werden können, ist ohnehin zuträglich für identitätsbildendes Sportverhalten.

Nun legen sich manche Menschen nicht unbedingt nur einer Sportart fest, sondern gehen verschiedenen Sportarten abwechselnd nach. Infolgedessen könnte man hier den Identitäts- und Individualisierungsaspekt von Sport in Frage stellen, da sich theoretisch dem gesellschaftlichen Anspruch auf Schnelligkeit und Diversität angepasst wird. Jedoch ist auch gerade diese Offenheit des Lebensstils ein Ausbrechen aus gesellschaftlichem Vorgeben und Routine. Sicherheit durch langfristige Bindungen wird abgelehnt, nicht benötigt. Das Reizvolle liegt bei diesem Sportverhalten in der individuellen Beweglichkeit, die eine gewisse „Leichtigkeit des Seins“ (Bette, 1999, S. 168) sowohl spürbar macht, als auch anderen anzeigt.

2.2.2 Bewegung und Könnerschaft nach Steinkamp

Steinkamp nennt zwei Motive, die Menschen dazu bewegen, sportlich aktiv zu sein: Bewegung und Könnerschaft. Bewegung ist demnach ein natürlicher Drang eines jeden Menschen. Darauf weist auch schon der Umstand hin, dass der menschliche Körper auch „Bewegungsapparat“ genannt wird. In der Bewegung selbst liegen dabei im Sport laut Steinkamp noch einige weitere fordernde, attraktive Eigenschaften: unter anderem Spannung, Spontanität und Vielfältigkeit. Auch oft zeitnah geforderte Reaktionen unterscheiden sportliche Bewegungen in ihrem Anspruch und ihrer Befriedigung von alltäglicheren, weniger komplexen Bewegungen. Daneben fehlt die soziale Komponente, wenn unter Schweiß und Anstrengung die Wohnung geputzt wird. Bewegungen sind in einigen Sportarten zwischen den Akteuren aufeinander abgestimmt, ob nur miteinander das gegnerische Tor gestürmt wird oder die Körperhaltung des Gegners gelesen wird, um präzise, schnelle Konter zu planen. Im Synchronschwimmen und -springen wird sogar versucht, innerhalb einer Gruppe zu zweit die selbst, möglichst identische Bewegung auszuführen. Des Weiteren wird in Teamsportarten in der Regel vorausgesetzt, den Kameraden und Kameradinnen zu vertrauen, dass jene ihre Rolle richtig erfüllen, während man selbst den anderen gegenüber eine gewisse Verantwortung übernimmt. Auch finden in sportlichen Bewegungen soziale Konflikte statt, wenn über Regelverstoße gestritten wird oder gar den Körper verletzende Fouls die Gemüter erhitzen (vgl. Steinkamp, 1983, S. 41ff).

Die Könnerschaft bezieht sich wieder auf die Problemorientiertheit des Sports. Im Sport können sich hohe Ziele gesetzt werden, die nach dem Leistungsmotiv erreicht werden wollen. In der Könnerschaft finden sich auch die Aspekte der Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung wieder; Teilnehmende können im Sport die Erfahrung machen, wie durch wiederholte Leistung ein Fortschritt erzielt werden kann und wie sie sich mit ihrem jeweiligen Können und Talent einbringen und ausdrücken können. Im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbereichen kann vor allem in Einzelsportarten wie dem Krafttraining oder dem Langlauf auch die Selbstbeurteilung die Oberhand gewinnen, während man im Alltag stets eine Einstufung durch andere erfährt. Erfolgserlebnisse benötigen dann keine Bestätigung – auch wenn Anerkennung durch Dritte natürlich trotzdem schön ist. Jugendliche speziell haben im Sport auch schon relativ früh eine Plattform, sich ebenbürtig mit Erwachsenen zu fühlen; das Durchschnittsalter des Kaders der deutschen Fußballnationalmannschaft der Frauen für die Weltmeisterschaft 2019 beträgt gerade einmal 22,8 Jahre (Stand 12.06.2019) (vgl. Deutscher Fußball-Bund, 2019).

[...]

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Details

Titel
Psychische Erkrankungen mit Sport behandeln. Zusammenhänge zwischen der menschlichen Psyche und sportlichen Aktivitäten
Autor
Jahr
2020
Seiten
75
Katalognummer
V502568
ISBN (eBook)
9783963550058
ISBN (Buch)
9783963550065
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, psychische Gesundheit, Soziale Arbeit, Psychologie, Schizophrenie, Depression, Sucht, Abhängigkeit, Verstand, Gefühl, Lebensqualität, Stress, Genesung
Arbeit zitieren
Noël Schötterl-Glausch (Autor), 2020, Psychische Erkrankungen mit Sport behandeln. Zusammenhänge zwischen der menschlichen Psyche und sportlichen Aktivitäten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502568

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