Der Hindunationalismus und die BJP. Bedrohungen für die indische Demokratie?


Seminararbeit, 2012
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische und ideologische Rahmenbedingungen
2.1 Kommunalismus – Entstehung und gegenwärtige Gestalt
2.2 Heutiger Hindunationalismus und seine Ursprünge
2.3 Trägerorganisationen, Netzwerk und Ideologie des Hindunationalismus
2.4 Die Tradition des indischen Säkularismus und die indische Verfassung

3. Kulminationspunkte des militanten indischen Hindunationalismus: Ayodhya (1992) und Gujarat (2002)
3.1 Die Ayodhya-Kampagne
3.2 Muslim-Pogrome in Gujarat

4. Indische Demokratie in Gefahr? Eine kontroverse Bewertung rezenter Entwicklungen
4.1 Die Wahlen 2009: Bedeutung für die indische Demokratie
4.2 Der Hindunationalismus und das Problem der heterogenen Gesellschaft
4.3 Die Bewegungsirritation des heutigen Hindunationalismus
4.4 Generationswechsel in der BJP und die Zukunft des Hindunationalismus

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Indien ist der Einwohnerzahl nach die größte Demokratie der Welt. Angesichts der heterogenen Zersplitterung nach Ethnien, Religionen, Kasten und Sprachen, des fortwährend geringen Entwicklungsniveaus des Landes, welches an sozialen Gegensätzen und einer in der Bevölkerung weit verbreiteten Armut leidet, sowie der territorialen Größe und hohen Bevölkerungszahl, ist die fortwährende Funktionalität und Konsolidierung der indischen Demokratie seit nunmehr über 60 Jahren, trotz etwaiger und potentieller Defizite und Störfaktoren sowie ungünstiger Kontextvoraussetzungen, eine nahezu beispiellose Erfolgsgeschichte. Der größte und möglicherweise gefährlichste Störfaktor zeigte sich jedoch zu Beginn der 1990er Jahre, als sich ein militanter Hindunationalismus als politische Kraft und Bewegung neu etablierte und in mehreren radikalen Ausschreitungen, darunter insbesondere in der nordindischen Pilgerstadt Ayodhya (1992) und zehn Jahre später im indischen Bundesstaat Gujarat (2002), zerstörerisch entlud.

Bis in die 1970er Jahre hinein galt der in der indischen Verfassung festgeschriebene Grundsatz der ökonomischen und sozialen Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften und sprachlichen sowie regionalen Minderheiten jahrzehntelang als unumstößlicher Konsens innerhalb der säkularen und demokratischen indischen Staatsdoktrin. Erst ab der Mitte der 1970er Jahre erlangte der Kommunalismus zunehmend Einfluss und Legitimation und erfuhr insgesamt eine Renaissance (vgl. Setalvad 2007). Die sich zunehmend verstärkenden Tendenzen des indischen Kommunalismus, in seiner politischen Gestalt als Hindunationalismus, wurden in der Form eines aggressiven Nationalismus der Mehrheit spätestens 1998, als die Bharatiya Janata Party (BJP, „Indische Volkspartei) erstmals dauerhaft die Regierungsgewalt übernahm, zur Hauptgefahr für den Fortbestand der indischen Demokratie (vgl. Heidrich 2004: 72). Vor dem Hintergrund dieser prekären Entwicklungen ergibt sich konkret folgende zentrale Fragestellung:

Sind der Hindunationalismus in seiner gegenwärtigen Ausprägung und die BJP ernstzunehmende Gefahren für die säkulare indische Demokratie?

Aufgrund dessen ergibt sich folgendes methodische Vorgehen: Zunächst wird die historische Entstehung des Kommunalismus und des Hindunationalismus aufgezeigt sowie die heutigen Erscheinungsformen beider Phänomene charakterisiert (Kapitel 2.1 und 2.2). Anschließend erfolgt eine kurze Skizzierung der organisatorischen und personellen Verflechtungen innerhalb des Netzwerkes des Hindunationalismus sowie eine fundierte Analyse der ideologischen hindunationalistischen Fundamente der Hindutva (Kapitel 2.3). Anschließend werden in Kapitel zwei einige grundlegende konstituierende Prinzipien der indischen Verfassung dargestellt, deren Kenntnis für die analytische Bewertung der zugrundeliegenden Fragestellung erforderlich ist. In Kapitel drei stehen in chronologischer Reihenfolge die beiden größten hindunationalistischen Agitationen in Ayodhya (1992) und Gujarat (2002) im Mittelpunkt der Betrachtung, wobei bereits an dieser Stelle eine problemadäquate Analyse und Bewertung hinsichtlich der Fragestellung erfolgt. In Kapitel vier wird schließlich aus verschiedenen Perspektiven der Frage nachgegangen, welche Einflüsse und Auswirkungen die rezenten Entwicklungen des Hindunationalismus auf die indische Demokratie haben. Dabei werden die letzten Parlamentswahlen von 2009 (Kapitel 4.1) analysiert, das Dilemma des Hindunationalismus und politischen Einflussnahme in einer multikulturellen Gesellschaft problematisiert (Kapitel 4.2), die innere ideologische Zerrissenheit des heutigen Hindunationalismus aufgezeigt (Kapitel 4.3) und die neusten Entwicklungen des Generationenkonflikts innerhalb der BJP und die Auswirkungen auf die Zukunftsfähigkeit des Hindunationalismus innerhalb der indischen Demokratie thematisiert (Kapitel 4.4). Im Schussteil (Kapitel 5) sollen die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und noch einmal abschließend auf die Beantwortung der Forschungsfrage eingegangen werden.

2. Theoretische und ideologische Rahmenbedingungen

Zum Verständnis der gegenwärtigen und insbesondere die letzten beiden Dekaden in Indien virulent gewordenen und ausgeprägten Problematik des Hindunationalismus und des Kommunalismus, die sich in dem genannten Zeitraum in zahlreichen Konflikten zum Teil brutal und zerstörerisch entladen haben, ist das Hintergrundwissen zur Entstehung dieser Phänomene im Rahmen dieser Arbeit essentiell notwendig. Neben dessen Entstehung (vgl. Kapitel 2.1 und 2.2) sollen zudem die ideologischen Prämissen des heutigen politischen Hindunationalismus erläutert werden, welche sich aus dem darzustellenden Konzept der Hindutva (vgl. Kapitel 2.3) ableiten. Des Weiteren sollen die grundlegenden demokratischen indischen Verfassungsprinzipien skizziert werden (vgl. 2.4), um anhand dieser demokratischen Grundsätze die Bewertung der Fragestellung leisten zu können.

2.1 Kommunalismus – Entstehung und gegenwärtige Gestalt

Die Wurzeln des Kommunalismus und Hindunationalismus rühren aus der kolonialen Vergangenheit Indiens. Die britische Kolonialmacht klassifizierte die indische Bevölkerung nach Kasten- und Religionszugehörigkeit und trug damit maßgeblich zur Erschaffung kollektiver Identitäten bei. In dieser Zeit begannen die Inder zunehmend „über ihre Identität als Hindu und Moslem zu reflektieren“ (Skoda 2005: 92). Nachdem sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine muslimische Gruppenidentität (Gründung der All Indian Muslim League, AIML) herausbildete, hatte dies eine komplementäre und nachhaltige Ausbildung einer eigenen Hinduidentität zur Folge (Gründungen der radikalen Partei Hindu Mahasabha (HMS) im Jahre 1915 und des Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS)). Aus fließend ineinander übergehenden Identitäten und situationsbezogenen Sozialgrenzen entstanden zunehmend trennschärfere und abgegrenzte kommunalistische Gruppenidentitäten (vgl. Wolf/Schultens 2009: 164).

Der Begriff „Kommunalismus“ leitet sich vom englischen Wort „community“ ab und charakterisiert allgemein eine wie auch immer definierte Gemeinschaft. Mit dem Begriff „Kommunalismus“ werden also zunächst jene Handlungen und politischen Konzeptionen bezeichnet, die in expliziter Referenz zu dieser Gemeinschaft entstehen und die Gruppe nicht nur zum alleinigen Objekt sondern auch zum alleinigen Subjekt erklären (vgl. Graefe 2010: 23f.). Im heutigen modernen Indien1 wird unter „Kommunalismus“ „das Streben religiöser, ethischer, sprachlicher und sozialer Gemeinschaften nach Behauptung ihrer Partikularität gegenüber den generalisierenden Momenten im Konzept der indischen Nation“ (Gottlob 2008: 149) verstanden. Kommunalismus charakterisiert in diesem Sinne das starke Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen religiösen Gruppe, welches zugleich eine Abgrenzung gegenüber anderen Religionsgemeinschaften impliziert (vgl. Rao 2003: 2). Dieses Phänomen, welches seine Wurzeln wie schon beschrieben in der indischen Kolonialzeit hat, ist in Indien seit Beginn der neunziger Jahre in der Form eines aggressiven und militanten Hindunationalismus in religiösem Gewand zunehmend häufiger aufgetreten (vgl. Heidrich 2004: 71).

Die Konstituierung des Kommunalismus als gesellschaftlicher und politischer Einflussfaktor ist in der kolonialistischen Moderne entstanden – parallel zum Säkularismus (Hasan 1996: 204). In der spätkolonialen Phase entstand aus Sicht der Kommunalisten die Zwei-Nationen-Theorie, welche Muslime und Hindus in Südasien aufgrund unterschiedlicher Tradition und Kultur als verschiedene Nationen definierte. Beide Seiten waren stark beeinflusst und bestimmt durch kommunalistische Tendenzen, die in einer territorial angelegten Nationalbewegung mündeten und sich in konfliktträchtiger Rivalität bis hin zu massenhaften Pogromen entluden, als der südasiatische Subkontinent 1947 schließlich geteilt wurde (vgl. Heidrich 2004: 72). Dem gegenüber formierte sich der Säkularismus des Indian National Congress (INC, gegründet 1885) – später Kongresspartei genannt –, der im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung die religiösen Unterschiede dem Widerstand gegenüber dem Kolonialregime unterzuordnen beabsichtigte (vgl. Gottlob 2008: 151). In der Folge bekämpfte die Kongresspartei während und auch nach dem indischen Unabhängigkeitskampf angesichts des in Indien durch religiöse, sprachliche und ethnische Unterschiede signifikant ausgeprägten gesellschaftlichen Pluralismus alle Formen des Kommunalismus entschieden, um auf diese Weise die indische Einheit zu bewahren. Dazu hatte Jawaharlal Nehru mit seiner beharrlich geführten Politik der Säkularisierung versucht, keine der in Indien vorhandenen religiösen Gruppierungen eine politisch dominante Rolle zuzugestehen (vgl. Graefe 2010: 24).

In der heutigen gesellschaftlichen Realität sind kummunalistische Auseinandersetzungen und Ausschreitungen zwischen der Hindumehrheit und der größten Minderheit, der Muslime (11 Prozent), mittlerweile an der Tagesordnung. Den Hardlinern innerhalb der indischen Rechten und den Hindunationalisten gelang es in den neunziger Jahren den Kommunalismus in seiner Ausgestaltung und politischen Form als Hindunationalismus zur einer zentralen Frage der indischen Politik zu machen (vgl. Heidrich 2004: 72f.).

2.2 Heutiger Hindunationalismus und seine Ursprünge

Der bis heute andauernde Prozess intensiver kommunalistischer Auseinandersetzungen begann mit der Zerstörung der Babri-Morschee in der nordindischen Stadt Ayodhya im Dezember 1992 durch fanatisierte Anhänger hinduchauvinistischer Organisationen, darunter allen voran der BJP, und hatte 2002 einen weiteren Höhepunkt mit den Pogromen an der muslimischen Minderheit im Bundesstaat Gujarat. Beide Ereignisse werden zentraler Gegenstand der Untersuchung im Hauptteil dieser Arbeit sein (vgl. Kapitel 3).

Diese beiden gewaltsamen Auseinandersetzungen sind nicht das Ergebnis interkommunaler Streitigkeiten der beiden beteiligten Religionsgemeinschaften aus trivialen oder unbedeutenden Anlässen. Sie sind nicht primär religiöser Natur, sondern politisch motivierte Agitationen in religiösem Gewand. Die dahinter steckende, ganz Indien umfassende Strategie und Ideologie Hindutva, welche darauf gerichtet ist, Indien langfristig zu verändern, ist inzwischen Teil der bis heute andauernden Faschismusdebatte in Indien (vgl. Heidrich 2004: 73f.).

Als gesellschaftliches Phänomen drückt sich der Hindunationalismus in einer sozialen Bewegung aus, deren Trägergruppe ein Verbund von Organisationen darstellt, welcher unter dem Namen Sangh Parivar (Familie) bekannt ist. Er ist nicht in sich homogen, sondern personell und organisatorisch, sowie in seiner themenspezifischen Zielsetzung und Programmatik polymorph und variabel. Nach außen hin gestaltet er sich jedoch als klar definierte soziale Bewegung. Wer ihn vereinfacht als rein religiösen hinduistischen Fundamentalismus interpretiert und ihn mit extremistischen Bewegungen christlicher oder islamischer Natur unifiziert, erkennt sein Wesen und seine Breitenwirkung nicht hinreichend. Die Bewegung des Hindunationalismus ist eingebettet in ein umfangreiches Netzwerk und ihre identitätsstiftende ideologische Basis Hindutva basiert auf der Idee, die indische Gesellschaft samt der politisch-institutionellen Strukturen dauerhaft und nachhaltig zu transformieren (vgl. Wolf 2008: 26f.).

2.3 Trägerorganisationen, Netzwerk und Ideologie des Hindunationalismus

Der schon erwähnte Verbund Sangh Parivar bezeichnet den Zusammenschluss von parlamentarischen und außerparlamentarischen Organisationen, deren Grundlage die Hidutva-Ideologie bildet. Im Zentrum dieses Verbundes steht ein Dreigespann aus dem Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, „Nationales Freiwilligen-Korps“)), welches als organisatorischer und ideologischer kultureller Mittelpunkt fungiert, dem Vishwa Hindu Parishad (VHP, „Welt-Hindu-Rat“) zur Abdeckung religiöser Fragen sowie der Bharatiya Janata Party (BJP, „Indischer Volksbund“) als parlamentarische politische Vertretung der Sangh-Familie. Ungeachtet der ideologischen und personellen Verknüpfungen treten alle drei Organisationen als unabhängige und unterschiedliche Akteure in Erscheinung, denen eigene Präambeln, organisatorische Strukturen und Vorgehensweisen inhärent sind. Mit Ausnahme der BJP, welche im Zentrum der Untersuchung steht, werden die beiden anderen Organisationen im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehender behandelt.

Die BJP ging im Jahre 1980 aus dem bereits 1951 gegründeten Bharatiya Jan Sangh (BJS) hervor. Ihr Aufstieg zur derzeit zweitgrößten Partei (114 von 545 Sitzen, Stand: 10. Januar 2012) in der indischen Lok Sabha (Unterhaus des indischen Parlaments) ist eines der wesentlichsten Ereignisse in der Geschichte des modernen Indiens. Charakteristisch für die BJP waren zunächst radikale programmatische und politische Positionen wie beispielsweise die Befürwortung des Baus eines Ram-Tempels in Ayodhya sowie die Außerkraftsetzung des Artikels 370, welcher die Sonderrechte der Kaschmirregion sowie die Vereinheitlichung des Zivilrechts definiert (vgl. Wolf/Schultens 2009: 166f.). Nachdem 1975 von Indira Gandhi verhängten zweijährigen Ausnahmezustandes gelang es einem Bündnis von Parteien unterschiedlicher politischer Strömungen (darunter auch der hindunationalistischen BJS, der Vorgängerpartei der BJP), die bis dahin regierende Kongresspartei von der Macht zu verdrängen (vgl. Setalvad 2007). Durch den Bruch der Dominanz der bis dato herrschenden Kongresspartei wurde ein politisches Vakuum geschaffen, welches die BJP im Wahlkampf mit Hilfe der außerparlamentarischen Gruppierungen der Sangh Parivar zu nutzen und auszufüllen in der Lage war (vgl. Wolf/Schultens 2009: 166f.).

Der späteres Vorsitzende der BJP (ab 1986), Lal Krishna Advani, war in den 1980er Jahren hauptverantwortlich für den fulminanten Aufstieg der Hindunationalisten als politische Kraft. Zwischen 1984 bis 1989 saßen zwei Abgeordnete der BJP im Lok Sabha, nach den Wahlen 1989 waren es bereits 89 (vgl. Setalvad 2007). Dieser beispiellose Aufstieg führte 1998 zu einem Stimmenanteil von 23,8 Prozent und zur Regierungsbildung bis 2004 (vgl. Wolf/Schultens 2009: 166f.).

Hindutva ist das ideologische Kernstück des Hindunationalismus. In ihr sind konkrete Vorstellungen von einem zukünftigen Indien als "Reich der Hindus" (Hindu Rashtra) formuliert. Das theoretische Fundament der Hindutva-Ideologie legte der Präsident der 1915 gegründeten HMS, Vinayak Damodar Savarkar (1883-1966), in seinen im Jahr 1923 veröffentlichen Schriften „Essentials of Hindutva“ sowie „We And Our Nationhood Defined“ (vgl. Setalvad 2007/Töpfer 2005: 7ff.). Er definiert darin die wesentlichen drei Merkmale der Hindu Rashtra: ein gemeinsames Land, gemeinsame Abstammung und gemeinsame Kultur (vgl. Töpfer 2005: 7ff.). Der Begriff Hindutva umfasse demnach alle geistigen Leistungen und praktischen wie politischen Taten und geht damit deutlich über den auf die Religion bezogenen Terminus Hinduismus hinaus (vgl. Heidrich 2004: 74). Aus dieser Komplexitätsreduktion des kulturell äußerst heterogenen und geografischen Raums heraus leitete sich fortan eine weitgehende Allokation zu einer übergeordneten Identität der Hindutva und damit eine klare Distanzierung und Abgrenzung zu anderen Gruppen ab2 (vgl. Töpfer 2005: 7ff.). Das Ziel der Hindutva ist somit eine homogene Gemeinschaft der Hindus (Hindu-Sangathan), die alle existierenden heterogenen Elemente ausschließt (vgl. Wolf/Schultens 2009: 167). Mit seiner konzeptionellen Definition der Hidus und der Hindutva hatte Savarkar damit eine nominelle panindische Identität evoziert. Savarkars Schriften aus dem Jahr 1923 kennzeichnen somit die Geburtsstunde des Hindunationalismus. Der schon zuvor erwähnte RSS, welcher bis heute die Frontorganisation des Hindunationalismus in Indien repräsentiert, gründete sich zwei Jahre später (vgl. Gottschlich 2011: 2). Dieser entstand in einer kontroversen innenpolitischen Situation: Einerseits fand unter Mahatma Gandhis Einfluss eine zuvor nicht erreichte politische Annäherung zwischen Hindus und Muslimen statt, andererseits bildeten sich in beiden Gemeinschaften kommunalistische Bewegungen, die eine Rückbesinnung auf die eigenen Werte und eine stärkere Abgrenzung propagierten (vgl. Heidrich 2004: 75). Der damalige Führer des RSS, Mahadev Sadashivrao Golwalkar, berief sich auf die Philosophie und Ideologie Savarkars und forderte, dass Nicht-Hindus Indien verlassen sollten oder nur in völliger Unterordnung und ohne Bürgerrechte in Indien verbleiben könnten. Nachdem Mahatma Gandhi 1948 durch den Attentäter Nathuram Godse ermordet wurde, kam es zu einem zwischenzeitlichen Verbot des RSS, zu dem Godse Verbindungen besaß. Damit einher ging eine drei Jahrzehnte andauernde politische Ächtung des Hindunationalismus, welcher zwangsweise eine langwierige Neuausrichtung der Hindunationalisten und damit die Gründung zahlreicher Gruppierungen zur Folge hatte, die lose im bereits angeführten Verbund Sangh Parivar bis heute organisiert sind (vgl. Gottschlich 2011: 2).

Der Hindunationalismus konstituierte sich nicht nur aus eigenem Antrieb, sondern integrierte auch externe Einflüsse. Die Vordenker und Führer des Hindunationalismus entliehen Ideen vom europäischen Faschismus. Es wurden Analogien zum faschistischen Gesellschaftsmodell gezogen und eine möglichst homogene Nation der Hindus zum Ziel deklariert. M. S. Golwalkars Thesen konkretisieren die Vormachtstellung der Hindus gegenüber ‚minderwertigen‘ Bevölkerungsgruppen innerhalb Indiens und fordern vor allem Muslime und Christen dazu auf, die hinduistische Kultur und Sprache anzunehmen und die Religion der Hindus zu verehren (vgl. Setalvad 2007). Weiterhin würdigte Golwalkar den Ausschluss der ‚semitischen Rassen, der Juden‘ aus dem nationalen Gesellschaftsmodell in Deutschland als Form und Ausdruck höchsten Nationalstolzes und erklärte dies als erstrebenswerte Erkenntnis, aus der alle Hindus lernen und Nutzen ziehen könnten. Das Indien Golwalkars sollte ein Land der Arier sein. Zudem lehnte er den westlichen Parlamentarismus und Liberalismus sowie die grundsätzliche Idee der Gleichheit, welche er als Kommunismus missinterpretierte, entschieden ab (vgl. Heidrich 2004: 76). In späteren Schriften bezeichnete Golwalkar den Holocaust an den europäischen Juden als Notwendigkeit, um die ‚Reinheit von Rasse und Kultur‘ zu gewährleisten. Der Fall Deutschlands habe gezeigt, dass es nicht möglich sei, eine Nationale Einheit aus unterschiedlichen Ethnien mit unterschiedlichen historischen und kulturellen Wurzeln herzustellen (vgl. Setalvad 2007). Die ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Konstrukt des Hindunationalismus (ab den 1930er und 1940er Jahren) und insbesondere dem deutschen Nationalsozialismus und europäischen Faschismus sind evident. Bis heute machen Vertreter des heutigen militanten Hindunationalismus kein Geheimnis aus ihrer Bewunderung für Mussolini und Hitler (vgl. ebd.).

Im wissenschaftlichen Diskurs über die kommunalistische Gewalt in Indien sowie das Phänomen des Hindunationalismus und dessen Ausbreitung herrschte lange Zeit Konsens darüber, dass diese als defensive Abwehrreaktionen auf den Säkularismus (vgl. Nandy 1990: 69-93/Madan 1997: 297-315), der modernen Demokratie (vgl. Hansen 1999: 223ff.) sowie auf die Globalisierung (vgl. Hansen 1999: 229ff./Kinnvall 2006: 136ff.) entstanden sind. Wie jedoch deutlich geworden ist, leitet sich aus dem Hindutva-Konzept auch ein intendierter aktiver Prozess ab, der entlang kommunalistischer und religiös definierter Konfliktlinien besteht und seit den Schriften Golwalkars das ideologische Ziel hat, die Einheit aller Hindus zu verwirklichen und eine homogene Hindunation zu schaffen. Ob indes agierendes oder reagierendes Projekt, das Resultat und das Erkenntnisinteresse bleiben dieselben: Gefährden der Hindunationalismus, basierend auf einer dem Faschismus angelehnten oder wenigstens analogen Ideologie, der Hindutva, und ihr verlängerter politischer Arm, die BJP, den indischen Pluralismus und Säkularismus und damit die indische Demokratie?

2.4 Die Tradition des indischen Säkularismus und die indische Verfassung

Nach der 1947 erlangten Unabhängigkeit konstituierte sich Indien als parlamentarische und föderale Demokratie. Die dominante Kongresspartei verfolgte von Anfang an eine Politik der Mitte, die auf den drei Säulen Demokratie, Sozialismus und Säkularismus basierte, um so der Vielfalt der indischen Gesellschaft gerecht werden zu können (vgl. Jürgenmeyer 1998: 47). Mit der Unabhängigkeit wurden in der indischen Verfassung der Säkularismus (Art. 27 und 28; 1976 eingefügt) und die Religionsfreiheit (Art. 25) festgeschrieben, als wichtige konstituierende Faktoren einer kulturell, religiös und ethnisch heterogenen Demokratie. Eingang fand auch ein umfassender Minderheitenschutz (Art. 29 und 30). Der Verfassungsbestimmung zufolge bedeutet „säkular“ die strikte Neutralität des Staates gegenüber den Religionsgemeinschaften und Religionen, wobei zudem die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert wird. In Artikel 28 wird dem Staat untersagt, religiöse Bildungseinrichtungen materiell zu fördern. Ein umfangreicher Minderheitenschutz regelt, dass niemandem der Zugang zu staatlichen Bildungseinrichtungen aufgrund seiner Religion, Rasse, Sprache oder Kaste verwehrt werden darf. Jegliche Diskriminierung auf Grund der Zugehörigkeit zu einer Kaste oder Bevölkerungsgruppe wird verboten (vgl. Heidrich 2004: 63). Neben der verfassungsrechtlichen Respektierung des komplexen Charakters der nationalen Kultur („Multikulturalismus“), dem Säkularismus und Pluralismus sowie den fundamentalen Menschenrechten gehört in der indischen Verfassung auch der politische Liberalismus zu den konstitutiven Bestandteilen der indischen Demokratie (vgl. Ghose 2003: 48f.). Diese nach der 1947 erlangten Unabhängigkeit in der geschaffenen Verfassung (1950) implementierten Grundpfeiler der indischen Demokratie sehen sich durch die innergesellschaftlichen Vorgänge in der Form eines radikalen Hindunationalismus insbesondere seit den 1990er Jahren gefährdet.

[...]


1 Im Webster’s New Collegiate Dictionary (1976: 227) werden beispielhaft zwei verschiedene Bedeutungen des Begriffes Kommunalismus wie folgt abgegrenzt: “communalism 1: social organization on a communal basis 2: loyalty to a sociopolitical grouping based on religious affiliation”. Mit zweiterer Definition ist die spezielle indische Variante des Kommunalismus angesprochen, um die es in der vorliegenden Arbeit geht.

2 In einer weiten Interpretation kann dies selbst Sikhs, Buddhisten und Jainas einschließen, exkludiert aber Christen und Muslime (vgl. Kakar/Kakar 2006: 136.)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Hindunationalismus und die BJP. Bedrohungen für die indische Demokratie?
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Master Spezialisierungsmodul: Demokratieentwicklung in Indien und Indonesien
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V502983
ISBN (eBook)
9783346045263
ISBN (Buch)
9783346045270
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Hindunationalismus, Demokratie, BJP, indische Demokratie, Ayodhya, Gujarat, Bharatiya Janata Party, Modi, Narendra Modi
Arbeit zitieren
Bajram Dibrani (Autor), 2012, Der Hindunationalismus und die BJP. Bedrohungen für die indische Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502983

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