Wie kann es gelingen, die Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und dahingehend zu unterstützen, dass diese sich trotz gegebener Lebensumstände zu einer eigenständigen und selbstbewussten Persönlichkeit entwickeln? Um dies zu eruieren, liegt dieser Arbeit folgende Fragestellung zu Grunde: Welche Handlungsansätze ergeben sich für die Intervention der Sozialpädagogischen Familienhilfe zur Stärkung von Kindern psychisch erkrankter Eltern? Darüber hinaus kann als weiteres Ziel der vorliegenden Arbeit angesehen werden, die Eruierung folgender Fragen zu erreichen: Welche Rolle spielen genetische Dispositionen und psychosoziale Einflüsse? Inwieweit kann sich eine elterliche Psychopathologie auf das Bindungsverhalten auswirken? Wie ist das Kindeswohl im Verhältnis zu einer elterlichen psychischen Erkrankung einzuschätzen? Wie erleben betroffene Kinder die psychische Erkrankung der Eltern? Was wünschen sich betroffene Kinder und Eltern? Welchen Herausforderungen stehen die Fachkräfte der SPFH (Sozialpädagogische Familienhilfe) in der Arbeit Familien gegenüber, in denen Eltern(teile) psychisch erkrankt sind?
Rund jede dritte der in Deutschland lebenden Personen entwickelt im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung. Nach Aussagen des Bundesgesundheitssurveys (BGS) gehört sie somit zu den in der Gesamtbevölkerung am häufigsten vorkommenden Erkrankungen. Laut dem von der Barmer GEK publizierten Krankenhausreport (2011) lässt sich in den vergangenen 20 Jahren ein Anstieg diagnostizierter psychischer Erkrankungen von über 130 % beobachten. Ist von den Angehörigen psychisch erkrankter Menschen die Rede, so denken viele erst einmal an deren Ehepartner/innen, Lebensgefährt/innen, Eltern oder Geschwister. Jedoch sind unter den Betroffenen oftmals auch Menschen mit eigenen Kindern, die sogenannte "vergessene Risiko- oder Angehörigengruppe". Diese unterliegen gegenüber Kindern aus Familien mit psychisch "gesunden" Elternteilen einer drei- bis viermal erhöhten Prävalenz, im Laufe ihres Lebens selbst einmal psychisch zu erkranken. Damit ist jedoch nicht nur ausschließlich von einem spezifisch psychiatrischen, sondern darüber hinaus auch von einem allgemeinen psychiatrischen Erkrankungsrisiko auszugehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Lebenssituation von Kindern, deren Eltern psychisch erkrankt sind
2.1 Exkurs: Psychische Erkrankung
2.2 Risikofaktoren hinsichtlich der kindlichen Entwicklung
2.2.1 Überblick: Kindliche Entwicklung und Entwicklungsaufgaben
2.2.2 Genetische Disposition und psychosoziale Einflüsse
2.2.3 Auswirkungen auf das Bindungsverhalten
2.2.4 Einschränkungen in der elterlichen Erziehungskompetenz
2.2.5 Kindeswohlgefährdung (im Kontext der elterlichen Psychopathologie)
2.3 Belastungsfaktoren durch die elterliche Erkrankung
2.3.1 Subjektive Perspektiven und Belastungen
2.3.2 Destabilisierung des familiären Systems
2.3.3 Tabuisierung und Kommunikationsverbot
2.3.4 Isolation, Unentbehrlichkeit und Marginalisierung
2.4 Die Bedeutung von Resilienz
2.4.1 Allgemeine Schutzfaktoren
2.4.2 Spezifische Schutzfaktoren von Kindern psychopathogener Eltern
2.5 Zusammenfassende Betrachtung
3 Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH)
3.1 Einführender Überblick
3.2 Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil als Adressaten der Sozialpädagogischen Familienhilfe
4 Handlungsansätze der SPFH in der Arbeit mit betroffenen Kindern
4.1 Sozialpädagogische Diagnostik
4.2 Stärkung kindlicher Ressourcen
4.2.1 Förderung der Problemlösungskompetenz:
4.2.2 Über die Bedeutung eines Krisenplans
4.2.3 Psychoedukation
4.3 Stärkung familiärer Ressourcen
4.3.1 Förderung der Erziehungskompetenz
4.3.2 Stärkung und Stabilisierung der Eltern-Kind-Beziehung
4.3.3 Förderung der familiären Kommunikation
4.4 Aktivierung sozialer Ressourcen
4.4.1 Die Bedeutung Sozialer Gruppenarbeit
4.4.2 Erschließen von Patenschaften
5 Herausforderungen in der Arbeit mit betroffenen Familien
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche spezifischen Handlungsansätze der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) geeignet sind, um Kinder psychisch erkrankter Eltern zu stärken und sie in ihrer gesunden Entwicklung zu unterstützen.
- Lebenssituation und Belastungsfaktoren von Kindern psychisch kranker Eltern
- Die Rolle von Resilienz und protektiven Schutzfaktoren
- Methoden der Sozialpädagogischen Diagnostik und ressourcenorientierten Unterstützung
- Förderung der Erziehungskompetenz und familiären Kommunikation
- Herausforderungen der professionellen Intervention im familiären System
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Destabilisierung des familiären Systems
»Ich war sehr erstaunt und traurig, als ich meine Freundin […] besuchte. Ihre Mutter hatte uns Kuchen und einen Kakao zubereitet. Zu Hause musste ich mir alle meine Mahlzeiten selbst zubereiten, Abwaschen, Aufräumen und Putzen. Meine Mutter kümmerte sich kaum noch um etwas.« (Desch 2014: 19).
Eine von betroffenen Kindern oftmals erwähnte Destabilisierung des familiären Systems, welche unteranderem auf die elterliche Störung zurückzuführen ist, meint mitunter eine diffuse oder unklare Grenzziehung zwischen den einzelnen Generationen und schließt insbesondere die damit verbundenen Aufgaben und Pflichten ein. Etwaige Generationsstörungen sind in vielen Familien, in denen mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt ist, zu beobachten. Eine, die sich für die Entwicklung der Kinder als besonders belastend herausgestellt hat, ist die so genannte Parentifizierung. Dabei handelt es sich um eine Rollenumkehr, infolgedessen die eigentlich den Eltern obliegenden Pflichten von den Kindern übernommen werden (müssen). Nicht selten signalisiert dabei sowohl der erkrankte als auch der gesunde Elternteil dem Kind seine Wünsche und Bedürfnisse. Ferner kann es dazu kommen, dass die Kinder als Partnersatz fungieren müssen - sowohl für den eines alleinerziehenden Elternteils als auch für den eines eigentlich verfügbaren, jedoch erkrankten Partners. Die Übernahme hauswirtschaftlicher Pflichten sowie Versorgung jüngerer Geschwister bzw. der eigenen Person oder das Streitschlichten elterlicher Auseinandersetzungen können weitere Ausformungen einer negativen und nicht kindgerechten Rollenzuweisung sein. Die an das Kind gerichteten Wünsche, Äußerungen, Bedürfnisse oder Aufträge der jeweiligen Elternteile können in einer Divergenz zu einander stehen oder unterliegen keiner kompatiblen Erfüllung bzw. Lösung, infolgedessen betroffene Kinder in kaum überwindbare Loyalitätskonflikte geraten. Angesichts der Tatsache, dass die Kinder etwaigen Rollenzuschreibungen selten gerecht werden können, kapitulieren sie und ordnen eigene Bedürfnisse dener Eltern bzw. denen des Elternteils unter.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, skizziert die Relevanz der Forschungsfrage nach Handlungsansätzen der SPFH und legt den Aufbau der Arbeit dar.
2 Zur Lebenssituation von Kindern, deren Eltern psychisch erkrankt sind: Hier werden theoretische Grundlagen zu psychischen Erkrankungen, Belastungsfaktoren und dem Konzept der Resilienz analysiert, um die Lebenswelten der betroffenen Kinder zu verstehen.
3 Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH): Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über das Arbeitsfeld der SPFH sowie die rechtlichen und fachlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit mit dieser Zielgruppe.
4 Handlungsansätze der SPFH in der Arbeit mit betroffenen Kindern: Es werden konkrete methodische Ansätze wie Diagnostik, Ressourcenstärkung und psychoedukative Maßnahmen zur Intervention vorgestellt.
5 Herausforderungen in der Arbeit mit betroffenen Familien: Dieses Kapitel reflektiert kritisch die Dilemmata und professionellen Herausforderungen, denen sich Fachkräfte im Kontakt mit den Familien gegenübersehen.
6 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion der Ergebnisse, einer Zusammenfassung der Erkenntnisse und einem Ausblick auf den Bedarf an weiterer Sensibilisierung und Unterstützung.
Schlüsselwörter
Sozialpädagogische Familienhilfe, psychisch erkrankte Eltern, Kinder, Resilienz, Parentifizierung, Bindungsverhalten, Kindeswohlgefährdung, Erziehungskompetenz, Psychoedukation, Ressourcenorientierung, Netzwerkarbeit, Genogramm, Familienhilfe, Schutzfaktoren, psychische Störung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit thematisiert die Lebenssituation von Kindern, deren Eltern psychisch erkrankt sind, und analysiert, wie die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) diese Kinder und Familien wirksam unterstützen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen elterlicher Psychopathologie auf die kindliche Entwicklung, das Konzept der Resilienz sowie verschiedene pädagogische Handlungsansätze der SPFH.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, welche konkreten Handlungsansätze sich für die SPFH ergeben, um betroffene Kinder nachhaltig zu stärken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Aufarbeitung aktueller Erkenntnisse aus der Resilienzforschung und der Jugendhilfe.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der familiären Belastungssituation, eine theoretische Einordnung der SPFH sowie die detaillierte Vorstellung methodischer Interventionen zur Stärkung von Ressourcen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Sozialpädagogische Familienhilfe, Resilienz, Parentifizierung, Psychoedukation und Ressourcenorientierung.
Was bedeutet das Konzept der Parentifizierung in diesem Kontext?
Parentifizierung beschreibt eine dysfunktionale Rollenumkehr, bei der Kinder die Verantwortung für elterliche Pflichten oder emotionale Belange übernehmen müssen, was ihre eigene Entwicklung gefährden kann.
Warum ist das Instrument der "Netzwerkkarte" wichtig?
Die Netzwerkkarte ist ein diagnostisches Werkzeug der SPFH, um soziale Ressourcen und das Unterstützungsumfeld des Kindes sichtbar zu machen und für den Hilfeprozess zu mobilisieren.
Welche Rolle spielt die Psychoedukation?
Psychoedukation hilft Kindern, die Erkrankung der Eltern altersgerecht zu verstehen, Ängste abzubauen und Tabuisierungen innerhalb der Familie zu durchbrechen.
Wie gehen Fachkräfte mit dem "Doppelten Mandat" um?
Das Kapitel zu den Herausforderungen thematisiert den Balanceakt zwischen Hilfe und Kontrolle, der für Fachkräfte im Rahmen ihres Auftrags oft eine dilemmatische Situation darstellt.
- Citar trabajo
- Alina Kruse (Autor), 2019, Handlungsansätze der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) zur Stärkung von Kindern psychisch erkrankter Eltern. Herausforderungen und Chancen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502994