Selbstbestimmung, Nutzerorientierung und Normalisierung sind einige der in den letzten Jahrzehnten geprägten Schlagworte der Behindertenpolitik.
„Im Mittelpunkt der politischen Anstrengungen stehen nicht mehr die Fürsorge und die Versorgung von behinderten Menschen, sondern ihre selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Beseitigung der Hindernisse, die ihrer Chancengleichheit entgegenstehen“ (Deutscher Bundestag 1999, S. 1).
Zur Bewältigung ihres Alltags benötigen Menschen mit Behinderung Unterstützung, Assistenz, Begleitung und Förderung unter individuellen Aspekten. Diese Hilfeleistungen werden vornehmlich von stationären oder teilstationären Einrichtungen erbracht und von den Sozialleistungsträgern finanziert.
In Deutschland wurde im Jahr 2001 durch das SGB IX erstmals der Begriff des Persönlichen Budgets (PB) eingeführt. Es wurde die Möglichkeit eröffnet, Teilhabeleistungen für Menschen mit Behinderung durch Geld, anstelle von Sachleistungen zu erbringen. Dabei wird das bisherige Sachleistungsprinzip, das heißt der Leistungsträger bekommt Geld vom Staat und erbringt die Leistung am Betroffenen, aufgespalten. Der Betroffene soll nun dieses Geld persönlich erhalten, um damit seine Hilfeleistungen selbstbestimmt organisieren zu können.
Hier stellt sich die Frage nach den Grenzen dieses Ansatzes: Wer unterstützt die Menschen, die sei es durch körperliche Behinderungen, geistige oder psychische Beeinträchtigungen nicht selbständig in der Lage sind, ihre notwendigen Hilfeleistungen zu organisieren?
Das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es, diese Frage aus zwei Perspektiven zu beantworten: Die erste umfasst die Analyse, welche Unterstützung oder Beratungsleistungen Menschen mit Behinderungen benötigen, um das PB in Anspruch nehmen zu können, die zweite ist: wie das Beratungs- und Unterstützungsangebot aussieht und ob es verändert werden muss, damit das PB ein Erfolg für alle Menschen mit Behinderungen wird.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II EINORDNUNG DER BEGRIFFLICHKEITEN
1. PERSÖNLICHES BUDGET
2. REHABILITATION
3. BEHINDERUNG
4. SELBSTBESTIMMUNG
III ECKPUNKTE DES PERSÖNLICHEN BUDGETS
1. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG
2. RECHTLICHE GRUNDLAGEN
3. ZIELE
4. VERÄNDERUNGEN IM SOZIALLEISTUNGSSYSTEM
IV UMSETZUNG DES PERSÖNLICHEN BUDGETS
1. DAS PERSÖNLICHE BUDGET IM AUSLAND
1.1 Niederlande
1.2 Großbritannien
1.3 Schweden
2. MODELLPROJEKTE IN DEUTSCHLAND
2.1 Allgemeiner Überblick
2.2 Rheinland Pfalz
2.3 Niedersachsen
3. TRÄGERÜBERGREIFENDE PROJEKTE
3.1 Ziele
3.2 Leistungen
3.3 Erste Ergebnisse
4. PFLEGEBUDGETS
4.1 Ziele
4.2 Erste Erfahrungen aus den Modellprojekten
V ASPEKTE DER BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG
1. GRUNDGEDANKEN ZUR BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG
1.1 Zur Bedeutung von Beratung und Unterstützung
1.2 Empowerment
1.3 Case-Management
1.4 Unterstützungsmanagement
2. FORMEN DER UNTERSTÜTZUNG UND BERATUNG
2.1 Persönliche Assistenz
2.2 Unabhängige Beratung/ Peer Counseling
2.3 Budgetassistenz
2.4 Beratungsfunktion der Leistungsträger und -anbieter
3. BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG IN DEN MODELLREGIONEN
3.1 Rheinland Pfalz
3.2 Niedersachsen
3.3 Sonstige Modellprojekte
3.4 Trägerübergreifende Modellprojekte
VI EMPIRISCHER TEIL ZUR BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG
1. METHODE UND GANG DER UNTERSUCHUNG
1.1 Auswahl der Erhebungs- und Analysemethoden
1.2 Planung und Durchführung der Datenerhebung
1.3 Ablaufmodell der Inhaltsanalyse nach MAYRING
1.4 Theoriegeleitete Fragestellung und Festlegung des Datenmaterials
1.5 Festlegung der Analyseeinheiten und -schritte
2. ERGEBNISSE AUS DEM DATENMATERIAL
2.1 Ergebnisse der Zusammenfassung
2.2 Beratungsbedarf bezüglich des Persönlichen Budgets
2.3 Unterstützungsbedarf bezüglich des Persönlichen Budgets
2.4 Aspekte einer Budgetassistenz
2.5 Auswirkungen des Persönlichen Budgets
3. AUSWERTUNG UND INTERPRETATION DER ERGEBNISSE
3.1 Inhaltliche Strukturierung
3.2 Überprüfung des Kategoriensystems
3.3 Theorie- Praxis- Vergleich
3.4 Abschließende Interpretation
VII FAZIT
1. CHANCEN UND GRENZEN DES PERSÖNLICHEN BUDGETS
2. HANDLUNGSVORSCHLÄGE FÜR DIE SOZIALARBEIT
3. AUSBLICK
4. RESÜMÉE
Zielsetzung & Themen
Ziel der Diplomarbeit ist es zu analysieren, welche Beratungs- und Unterstützungsleistungen Menschen mit Behinderungen benötigen, um das Persönliche Budget (PB) erfolgreich in Anspruch nehmen zu können, und wie das aktuelle Unterstützungsangebot gestaltet sein muss, um das PB als Instrument für alle Menschen mit Behinderungen effektiv zu etablieren.
- Grundlagen des Persönlichen Budgets und der Rehabilitation
- Analyse der Umsetzung des Persönlichen Budgets in In- und Ausland
- Beratungs- und Unterstützungssituation als zentrales Thema
- Empirische Untersuchung mittels qualitativer Experteninterviews
- Ableitung von Handlungsvorschlägen für die Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
1. Persönliches Budget
„Das ‚persönliche Budget’ ist die Bewilligung einer Sozialleistung in Form einer Geldleistung. Menschen mit Behinderung können diese Geldleistung erhalten, um ihren Unterstützungs- und Hilfebedarf zu decken. Die für die Bedarfsdeckung erforderlichen Sach- und Dienstleistungen werden selbständig ausgesucht und eigenverantwortlich eingekauft“ (Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit 2004, S. 7f).
Das PB ist demnach eine neue Form der Erbringung von Leistungen zur Rehabilitation. Menschen mit Behinderung können anstatt Sachleistungen, die in der Regel durch ambulante oder stationäre Dienste erbracht werden, bestimmte Geldbeträge erhalten, um damit ihre Unterstützung selbst zu organisieren. „Den behinderten Menschen wird statt einer Sachleistung ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt, mit dem sie eigenverantwortlich die benötigten Hilfen einkaufen“ (Gleis 2003, S. 3).
Die Leistungsberechtigten können über den Geldbetrag von den Sozialleistungsträgern selbst entscheiden, wann und von welchem Anbieter sie ihre Leistungen in Anspruch nehmen wollen. Jeder Mensch mit Behinderung hat den Anspruch, ein PB zu beantragen, Maßstab dabei ist, dass er den Wunsch dazu äußert (Vgl. Rabenstein 2004, S. 11f).
Die Geldleistungen sollen bedarfsorientiert ausfallen und daher die Steuerungschancen in Bezug auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung für Menschen mit Behinderung erhöhen.
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Einführung in die Thematik des Persönlichen Budgets als neues Instrument der Behindertenpolitik und Darstellung der Forschungsfragen.
II EINORDNUNG DER BEGRIFFLICHKEITEN: Definition und Erläuterung der zentralen Begriffe Persönliches Budget, Rehabilitation, Behinderung und Selbstbestimmung.
III ECKPUNKTE DES PERSÖNLICHEN BUDGETS: Darstellung der geschichtlichen Entwicklung, rechtlichen Grundlagen, Ziele und Veränderungen im Sozialleistungssystem.
IV UMSETZUNG DES PERSÖNLICHEN BUDGETS: Überblick über internationale Modelle und Analyse verschiedener Modellprojekte in Deutschland sowie Trägerübergreifender Ansätze.
V ASPEKTE DER BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG: Analyse theoretischer Grundlagen von Beratung, Empowerment, Case-Management und Unterstützungsmanagement sowie deren Anwendung auf das PB.
VI EMPIRISCHER TEIL ZUR BERATUNG UND UNTERSTÜTZUNG: Methodik und Durchführung der Experteninterviews sowie die detaillierte Auswertung und Interpretation der Ergebnisse.
VII FAZIT: Zusammenfassung der Chancen und Grenzen des Persönlichen Budgets sowie Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit.
Schlüsselwörter
Persönliches Budget, Rehabilitation, Menschen mit Behinderung, Selbstbestimmung, Sozialleistung, Assistenz, Beratung, Empowerment, Case-Management, Unterstützungsmanagement, Teilhabe, Modellprojekte, Sozialarbeit, Bedarfsermittlung, Zielvereinbarung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Aspekte des Persönlichen Budgets in der Rehabilitation von Menschen mit Behinderung, mit besonderem Fokus auf die notwendige Beratung und Unterstützung bei dessen Inanspruchnahme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Persönliche Budget, die rechtlichen und historischen Rahmenbedingungen, die Unterstützung bei der Umsetzung sowie Beratungskonzepte wie Case-Management und Empowerment.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, welche Unterstützung Menschen mit Behinderung für das Persönliche Budget benötigen und wie Beratungsangebote angepasst werden müssen, damit das PB erfolgreich umgesetzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine qualitative Untersuchung, basierend auf Experteninterviews, die nach der Methode der Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Begriffe, Rahmenbedingungen), eine Analyse der Umsetzung (Modellprojekte), eine vertiefende Betrachtung der Beratungs- und Unterstützungssituation sowie eine empirische Auswertung dieser Aspekte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind u.a. Persönliches Budget, Selbstbestimmung, Empowerment, Case-Management, Assistenz, Sozialleistungsträger und Modellprojekte.
Warum ist das Persönliche Budget für Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders herausfordernd?
Aufgrund der Komplexität des Beantragungs- und Verwaltungsprozesses benötigen Menschen mit Lernschwierigkeiten eine intensive, individuelle Unterstützung und Begleitung durch qualifizierte Stellen, um das Budget eigenverantwortlich nutzen zu können.
Welche Rolle spielt die "Budgetassistenz" in der Arbeit?
Die Budgetassistenz wird als notwendiges Instrument identifiziert, um den Budgetnehmer bei der Verwaltung des Budgets und der Auswahl von Hilfsangeboten zu unterstützen, damit dieser seine Rolle als selbstbestimmter Akteur ausfüllen kann.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Beratungsangebote?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das derzeitige Beratungsangebot für das PB oft unzureichend ist, eine flächendeckende, unabhängige Budgetassistenz fehlt und eine Finanzierung dieser Strukturen zwingend notwendig ist, um die Teilhabe zu sichern.
Was ist das "Arbeitgebermodell" im Kontext der persönlichen Assistenz?
Das Arbeitgebermodell ist eine Form der Assistenzorganisation, bei der die Menschen mit Behinderung ihre Assistenten selbst einstellen und anleiten, wodurch sie eine stärkere Autonomie und Kontrolle über ihren Alltag erhalten.
- Citation du texte
- Alexandra Kühn (Auteur), 2005, Aspekte des Persönlichen Budgets in der Rehabilitation von Menschen mit Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50300