Diese Arbeit untersucht die Erwartungen sowie Fiktionen ausgewählter europäischer Logistikunternehmen an die Nord-Ost-Passage im Kontext der chinesischen Belt-and Road Initiative. Der relevante Hintergrund hierfür sind die Testfahrten der beiden großen Container Reedereien COSCO sowie A.P. Møller-Mærsk auf der Route. Die Arbeit analysiert die Hintergründe und historischen Bedingungen, welche der Belt-and-Road Initiative vorausgehen und stellt eine Verbindung zur Nord-Ost-Passage her. Es wird erklärt, inwiefern die Nord-Ost-Passage durch potentielle wirtschaftliche Vorteile den kommerziellen Handelsverkehr zwischen Asien und Europa beeinflussen könnte. Die anschließende empirische Analyse basiert auf drei Leitfadeninterviews sowie mehreren schriftlichen Stellungsnahmen durch relevante europäische Logistikunternehmen.
Im Vergleich zur Route des Suezkanales, welche momentan mit einer Länge von 17.000 Kilometern die am häufigsten benutzte Schifffahrtsroute für den Handel zwischen Asien und Europa darstellt, ist die Nord-Ost-Passage mit lediglich 12.000 Kilometern um 30 Prozent kürzer. Studien aus den Bereichen der Wirtschaft oder der Geographie belegen bereits die potentiellen Vorteile der NOP: die kürzere Entfernung zwischen China und Europa kann je nach Präferenz des Reeders entweder zu schnelleren Transitzeiten oder einem geringen Kraftstoffverbrauch führen, wodurch die Umweltfreundlichkeit sowie Wirtschaftlichkeit des Unternehmens verbessert werden. Durch die veränderte Route können auch politisch instabile Regionen wie das Horn von Afrika umfahren werden, was eine Umgehung der durch Piraterie gefährdeten Regionen ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Erwartungen und die temporale Ausrichtung
2.2 Fiktion
2.3 Requisiten, Prognosen und die Beeinflussung der Fiktion
3 Hintergrund und Akteursanalyse
3.1 Historie von China
3.2 Chinese Dream
3.3 Die Belt-and-Road Initiative
3.4 Die Nord-Ost-Passage
3.4.1 Aktuelle und prognostizierte Bedingungen im arktischen Ozean
3.4.2 Die europäische Logistikbranche und China
4 Methodik
4.1 Grundlagen der qualitativen Sozialforschung
4.2 Leitfaden-Interviews, Interviewpartner und Datenaufbereitung
5 Einzelfallanalysen
5.1 Wilhelmshaven JadeWeserPort Marketing GmbH
5.2 Kühne + Nagel International AG
5.3 Oldendorff Carriers GmbH & Co. KG
5.4 Aggregierte Darstellungen der übrigen Unternehmen
6 Vergleichende Analyse und Diskussion
6.1 Vergleichende Analyse
6.2 Diskussion
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die Erwartungen und Fiktionen europäischer Logistikunternehmen hinsichtlich der kommerziellen Nutzung der Nord-Ost-Passage im Kontext der chinesischen Belt-and-Road Initiative, um zu verstehen, warum die Route trotz potenzieller Vorteile aktuell nicht als tragfähige Alternative zur Suezkanal-Route wahrgenommen wird.
- Die soziologische Theorie von Erwartungen und Fiktionen (Beckert) als Analyseinstrument.
- Historischer Hintergrund und aktuelle geopolitische Bedeutung der Belt-and-Road Initiative.
- Empirische Untersuchung mittels Leitfaden-Interviews mit Vertretern relevanter Logistikunternehmen.
- Herausforderungen der Nord-Ost-Passage: Eisverhältnisse, Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit.
- Vergleich der fiktiven Erwartungen mit der ökonomischen Realität im globalen Handel.
Auszug aus dem Buch
2.3 Requisiten, Prognosen und die Beeinflussung der Fiktion
Fiktionen lassen sich durch Objekte und Aussagen gleichermaßen beeinflussen wie hervorrufen. Ein Objekt, welches die imaginierte Zukunft eines Akteurs beeinflusst, wird als Requisite bezeichnet. Nach BURGDORF (2011, S. 113) muss ein Objekt vier notwendige Bedingungen erfüllen, um als Requisite zu gelten: das Objekt muss (a) »[...] intelligibel, also wahrnehmbar sein [...]« (ebd.), (b) jeweils eine spontane imaginierte Fiktion auslösen, (c) eine gewisse Regelhaftigkeit befolgen und (d) nicht nur individuell, sondern kollektiv-sozial stattfinden. Besonders die letzte Bedingung ist zu beachten: eine Requisite, zum Beispiel ein Plakat oder ein Werbefilm, muss bei der Mehrheit der Akteure als Teil einer bereits bestehenden imaginierten Zukunft erkannt werden. Nur so kann der Akteur diese Fiktion auf sich selber projizieren, bewerten und nachfolgend aneignen und im Sinne dieser agieren. Ein Beispiel für Requisite im Rahmen eines Bauprojektes wäre ein animierter Film, welcher das Projekt im fertigen und operativen Zustand zeigt. Durch das künstliche Bild kann sich die Entscheiderin oder der Entscheider das Projekt besser vorstellen und glaubt dementsprechend mehr an den Erfolg. Eine weitere Requisite wäre in diesem Beispiel die Berechnung der erwarteten Gewinne anhand von ähnlichen Projekten derselben Bauträgerin oder desselben Bauträgers oder von Objekten im gleichen Umfeld. Requisiten fungieren also als eine Art Input, um die bisher nur erzählten Erwartungen auch mit Objekten greifbar zu machen. Ein interessanter Ansatz zur Requisite lässt sich bei JENS BECKERT finden:
»Eine Münze oder ein Stück Papier ist eine Requisite, die Repräsentation einer abstrakten Forderung und des Glaubens, dass diese Forderung gegen ein wertvolles Objekt eingetauscht werden kann.« (BECKERT 2018, S. 170)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Testfahrt der Venta Maersk als Anlass und Definition des Forschungsinteresses an der kommerziellen Nutzung der Nord-Ost-Passage.
2 Theoretische Grundlagen: Einführung in die soziologische Theorie nach Jens Beckert, insbesondere zur Rolle von Erwartungen, Fiktionen und Requisiten bei der Entscheidungsfindung.
3 Hintergrund und Akteursanalyse: Untersuchung der historischen Entwicklung Chinas, des „Chinese Dream“, der Belt-and-Road Initiative und der aktuellen Bedingungen der Nord-Ost-Passage.
4 Methodik: Erläuterung des qualitativen Forschungsansatzes und des Leitfaden-Interviews als Instrument zur Erhebung der Einschätzungen von Logistikexperten.
5 Einzelfallanalysen: Detaillierte Darstellung und Auswertung der geführten Experteninterviews mit Vertretern von Hafen- und Logistikunternehmen.
6 Vergleichende Analyse und Diskussion: Synthese der Einzelergebnisse und kritische Reflexion der Diskrepanz zwischen fiktiven Zukunftserwartungen und der wirtschaftlichen Realität.
7 Fazit: Zusammenfassende Antwort auf die Forschungsfrage, die das aktuell geringe Interesse an der Route bestätigt.
Schlüsselwörter
Nord-Ost-Passage, Belt-and-Road Initiative, Logistik, Fiktion, Erwartungen, Requisiten, Containerreedereien, Wirtschaftlichkeit, Suezkanal, Geopolitik, China, Handel, qualitative Sozialforschung, Infrastruktur, Kapitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum europäische Logistikunternehmen der kommerziellen Nutzung der arktischen Nord-Ost-Passage im Kontext der chinesischen Belt-and-Road Initiative skeptisch gegenüberstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen soziologische Theorien zu Erwartungen und Fiktionen, die wirtschaftliche und politische Strategie Chinas (Belt-and-Road Initiative) sowie die operativen Herausforderungen der Schifffahrt im arktischen Raum.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, welche Erwartungen und Fiktionen europäische Logistiker an die Nord-Ost-Passage knüpfen und warum diese aktuell nicht zu einer Implementierung der Route führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsdesign, bei dem Leitfaden-Interviews mit Experten aus Hafen- und Logistikunternehmen durchgeführt und anschließend in Einzelfallanalysen ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Hintergrundanalyse zu China und der Arktis, die methodische Vorgehensweise sowie die detaillierte Auswertung und Diskussion der empirischen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Nord-Ost-Passage, Belt-and-Road Initiative, Fiktion, Erwartungen, Logistik und Wirtschaftlichkeit.
Welche Rolle spielen Requisiten bei der Entscheidungsfindung der Akteure?
Requisiten dienen als objektive oder mediale Ankerpunkte (wie Wirtschaftsprognosen oder Werbefilme), die helfen, abstrakte Erwartungen und Fiktionen greifbar zu machen und Akteure in ihrem Handeln zu beeinflussen.
Warum wird die Nord-Ost-Passage derzeit nicht als ernsthafte Alternative zum Suezkanal gesehen?
Die Befragten identifizierten hohe Anschaffungskosten für eisgängige Schiffe, unzuverlässige Fahrpläne durch schwierige Eisverhältnisse und fehlende Infrastruktur als entscheidende Hindernisse, die eine ökonomische Rentabilität verhindern.
- Citar trabajo
- Richard Krauel (Autor), 2019, Die Nord-Ost-Passage im Kontext der Belt-and-Road Initiative. Erwartungen von Logistikunternehmen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503595