Diese Einleitung zu schreiben bereitet mir in diesen Moment die größte Schwierigkeit, weil ich einfach nicht die richtigen Worte finde, um in mein Thema einzuführen. Sicher, ich könnte ausführen, dass ich über Probleme und Schwierigkeiten schreiben wollte, die ich im Pflege- und Beziehungsprozess bei uns Pflegekräften wahrgenommen habe. Probleme, die auf einer Grundhaltung beruhen, die wir uns teilweise nur sehr schwer bewusst machen können oder wollen. Ich könnte mitteilen, dass ich in meiner Hausarbeit einer problemorientierten und direktiven Pflege eine prozessorientierte und klientenzentrierte entgegenstelle, welche ich für die deutlich bessere halte, weil sie den Patienten und uns zu mehr Selbstbefähigung verhilft.
Aber das beschreibt eben nicht, wie sich dieses Thema für mich anfühlt, was es in mir bewegt und bewirkt hat und wie ich dazu gekommen bin. Denn auch ich habe mich in meinem Prozess verändert, fühle mich befähigter, fühle aber auch klarer meine Grenzen. Es hat sich einiges in mir gewandelt und obwohl ich manchmal nicht wusste wohin die Reise geht, haben diese Veränderungen doch dazu geführt, dass es sich heute anders anfühlt, wenn ich mit einem Patienten in Kontakt geheachtsamer und sanfter, vor allem aber auch berührbarer. Für dieses „Berührbar-Werden“ danke ich vor allem meinen Patienten, denen ich mich heute näher fühle und ähnlicher und von denen ich vieles lernen durfte. Lernen, was es heißt alte Überzeugungen loszulassen und lernen, was es heißt sich wirklich einzulassen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Darstellung der problemorientierten Pflege
1.1. Einführung
1.1.1 Die problemorientierte Grundhaltung
1.1.2 Die nicht gesehenen Prozesse
1.1.3 Die unreflektierte Beziehung
1.2. Problemorientierte Interaktionen mit den Patienten
1.2.1 Kontaktaufnahme, Gesprächsführung, Wirken
1.2.2 Starre Reglementierungen
1.2.3 Das Überschreiten von Grenzen, rechtliche Aspekte
1.2.4 Gewalt durch das Personal
1.3. Die Rolle der Pflegekraft
1.3.1 Eigenanteile, innere Motive und „der Schatten“
1.3.2 Ausbildung und Kompetenz
1.4. Äußere Faktoren
1.4.1 Organisatorische Probleme
1.4.2 Problemverstärkende Faktoren des Umfeldes
2 Prozessorientierte psychiatrischen Pflege
2.1. Die prozessorientierte Grundhaltung
2.1.1 Grundsätzliche Betrachtungen
2.1.2 Die Klientenzentrierung
2.1.3 Der Auftrag des Patienten
2.2. Prozessorientierte Begegnungen
2.2.1. Die Kommunikation
2.2.2. Das Empowerment
2.2.3. Das Prinzip der Ähnlichkeit
2.2.4. Umgang mit Konflikten
2.3. Der Prozess der Pflegekraft
2.3.1 Selbstreflektion
2.3.2 Die eigenen Grenzen sehen
2.3.3 Selbstbefähigung, Professionalisierung, Ausbildung
2.3.4 Psychohygiene
2.4. Äußere Faktoren
2.4.1 Prioritäten setzend organisieren
2.4.2 Die Gestaltung des Umfeldes
3. Ein Fazit, Pro und Kontra
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Facharbeit hat das Ziel, eine prozessorientierte und klientenzentrierte psychiatrische Pflege als Alternative zur herkömmlichen problemorientierten, direktiven Pflege darzustellen, um die Patientenbegegnung zu verbessern und die Selbstbefähigung aller Beteiligten zu fördern.
- Kritische Analyse problemorientierter Pflegestrukturen und deren Auswirkungen auf die Patient-Pflegekraft-Beziehung.
- Etablierung einer humanistischen Grundhaltung basierend auf Klientenzentrierung nach Carl Rogers.
- Bedeutung der Selbstreflektion, Psychohygiene und Authentizität der Pflegekraft für einen gelingenden Pflegeprozess.
- Implementierung von Empowerment und dem Prinzip der Ähnlichkeit als therapeutische Instrumente in der Pflege.
- Berücksichtigung äußerer Faktoren wie Arbeitsorganisation und Umfeldgestaltung bei der Prozessgestaltung.
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Die problemorientierte Grundhaltung
Mit einer problemorientierten Grundhaltung innerhalb der psychiatrischen Pflege bezeichne ich eine Pflege, welche sich ausschließlich auf Krankheitssymptome, Defizite, Verhaltensauffälligkeiten (z.B.: Regelverstöße), den pflegerischen Aufwand bei den Aktivitäten des täglichen Lebens und ähnliche Probleme fokussiert und versucht, durch geeignete Maßnahmen gegenzusteuern, um diese Probleme zu beseitigen. Leider ist der dann dazu angewandte Mechanismus fast immer ein suppressiver also unterdrückender, der sich gegen das Problem richtet und es dadurch zu beseitigen sucht. Durch das problem- oder defizit- orientierte Arbeiten, beschränkt sich aber die Wahrnehmung in der Pflege erheblich. Aus dem Wunsch heraus, das Problem schnell zu beseitigen, werden so Faktoren und Ursachen, die das Problem hervorgebracht haben ignoriert, bzw. nicht in Erfahrung gebracht und eine fehlgeschlagene pflegerische Problemlösung wird dann meist noch stärker und intensiver mit erneuter Suppression beantwortet.
Bei einer Grundhaltung, die ich problem- oder auch defizit- orientiert nenne, wähnt sich die Pflegekraft in der Rolle der Wissenden und Führungskompetenten. Wissend was die Entstehung eines Problems betrifft und wissend, welche Maßnahmen zu dessen Beseitigung führen und kompetent in der Anleitung und Führung des Patienten. Pflegerische Problemlöse-Strategien bestehen darin, den Patienten stetig mit seinen Problemen und Defiziten zu konfrontieren und von ihm zu erwarten, dass er in ein vorgezeichnetes Muster einwilligen soll: - den Anweisungen und Ratschlägen des Pflegepersonals Folge leisten, um die Probleme abzustellen. Ich bin der Meinung, dass diese Grundhaltung wichtige Wirklichkeitsbereiche des Patienten (-und von uns-) ausklammert und ihn in seiner Autonomie sehr stark einschränkt. Und zwar deswegen, weil er nicht dahingehend motiviert wird, eigene Bewertungen seiner Situation und eigene Erklärungsmodelle und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Statt dessen bewerten wir seine Situation. Dieses Bewerten hilft aber keinem Patienten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Darstellung der problemorientierten Pflege: Das Kapitel analysiert die einschränkenden Wirkungen einer rein symptom- und defizitorientierten Pflege auf den Patienten sowie auf das professionelle Selbstverständnis.
2 Prozessorientierte psychiatrischen Pflege: Hier wird das Konzept einer humanistischen, klientenzentrierten Pflege entwickelt, das auf Empathie, Empowerment und der aktiven Einbeziehung des Patientenauftrags basiert.
3. Ein Fazit, Pro und Kontra: Der Autor reflektiert kritisch die Umsetzbarkeit des vorgestellten Ansatzes, benennt die erhöhten Anforderungen an die Pflegekraft, hebt jedoch die beiderseitigen Vorteile für eine authentische und professionelle Beziehungsgestaltung hervor.
Schlüsselwörter
Prozessorientierte Pflege, Klientenzentrierung, psychiatrische Pflege, Patientenbegegnung, Empowerment, Selbstreflektion, Beziehungsarbeit, Salutogenese, Authentizität, Psychohygiene, Eigenanteile, Kommunikation, Milgram-Experiment, Schattenarbeit, Grenzachtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Facharbeit grundlegend?
Die Arbeit plädiert für einen Paradigmenwechsel in der psychiatrischen Pflege: weg von einer rein defizitorientierten, direktiven Versorgung hin zu einer prozessorientierten Begleitung, die den Patienten als kompetenten Partner auf Augenhöhe respektiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Pflegehaltung auf den Beziehungsprozess, die Bedeutung der Selbstreflektion für das Pflegepersonal, die Anwendung klientenzentrierter Prinzipien sowie die Gestaltung förderlicher Umgebungsbedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist die Verbesserung der Patientenbegegnung durch den Übergang von einer problemorientierten zu einer klientenzentrierten Grundhaltung, um die Selbstbefähigung (Empowerment) der Patienten zu steigern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit pflegewissenschaftlichen Konzepten (z.B. Klientenzentrierung nach Carl Rogers, Salutogenese) in Kombination mit praktischen Fallbeispielen und Selbsterfahrungen des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Bestandsaufnahme aktueller problemorientierter Praktiken (Interaktionen, Reglementierungen, Machtaspekte) und die darauffolgende theoretische Fundierung sowie praktische Umsetzung eines prozessorientierten Konzepts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Prozessorientierte Pflege, Klientenzentrierung, Empowerment, Beziehungsarbeit, Selbstreflektion und Authentizität.
Welche Rolle spielt die „Schattenarbeit“ nach C.G. Jung im Kontext der Pflege?
Der Autor nutzt den Begriff, um aufzuzeigen, dass Pflegekräfte dazu neigen, abgelehnte eigene Eigenschaften auf Patienten zu projizieren. Das Erkennen und Annehmen dieser Anteile ist essenziell, um Verzerrungen in der Beziehungsgestaltung zu vermeiden.
Inwiefern beeinflussen „äußere Faktoren“ wie Personalmangel den Pflegeprozess?
Obwohl Personalmangel und Bürokratie den Arbeitsalltag erschweren, argumentiert der Autor, dass eine konsequente Klienten- und Prozessorientierung langfristig zu Zeitersparnis führen kann, da Konflikte durch eine tragfähige Beziehung frühzeitig deeskaliert werden.
Wie definiert die Arbeit „Invalidieren“ im psychiatrischen Kontext?
Invalidieren bezeichnet Verhaltensweisen der Pflegekraft, bei denen die persönlichen Erfahrungen, Gefühle und Sichtweisen des Patienten als ungültig, krankheitsbedingt oder unangemessen abgetan werden, was dem therapeutischen Ziel entgegensteht.
Was bedeutet das „Prinzip der Ähnlichkeit“ in der pflegerischen Begegnung?
In Anlehnung an homöopathische Konzepte beschreibt der Autor das „sich ähnlich machen“ als Instrument, bei dem die Pflegekraft ihre eigenen vergleichbaren Lebenserfahrungen (wenn authentisch vorhanden) teilt, um dem Patienten ein Gefühl der Verbundenheit und Hoffnung zu vermitteln.
- Quote paper
- Marco Helmert (Author), 2005, Prozessorientierte psychiatrische Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50397