Die Natchez, eine Gruppe von amerikanischen Ureinwohnern, sind bekannt als eine der wenigen Vertreter der Mississippi-Kulturen, die bis in historische Zeit überlebten. Die Erforschung dieser indigenen Gesellschaft, die zu Beginn der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts fast völlig vernichtet wurde, bietet die einmalige Gelegenheit, ihre politischen und sozialen Strukturen auch anhand historischen Quellenmaterials zu studieren.
Aus dem Inhalt:
Überblick über die Vorgeschichte und Entdeckung des nordamerikanischen Südostens, Produktion und gesellschaftliche Organisation bei den Natchez, politische Strukturen sowie Religion und Magie bei den Natchez, der leidvolle Weg in die Diaspora.
Inhaltsverzeichnis
1. Modelle gesellschaftlicher Organisationsformen
1.1. Formen politischer Organisation bei John Beattie
1.2. Erklärungsansätze aus evolutionstheoretischer Sicht
1.2.1. Gesellschaftliche Entwicklung aus der Sicht eines marxistischen Ansatzes: Ribeiro
1.2.2. Eine universalistische Erklärung der Evolution: Childe
1.2.3. Evolution als multilinearer Prozess: Parsons und Steward
1.2.4. Soziale Evolution als System- und Bewusstseinsveränderung
1.2.5. Ethnologisch orientierte Modelle: Fried, Sahlins und Service
1.3. Anhaltspunkte für eine Einschätzung gesellschaftlicher Differenzierungsvorgänge
2. Archäologie und historische Ethnologie
2.1. Archäologie als Anthropologie
2.2. Archäologie als Archäologie von Siedlungen
2.3. Grenzen einer sozialwissenschaftlich orientierten Archäologie
2.4. Archäologie und das Studium der Natchez
3. Überblick über die Vorgeschichte und Entdeckung des nordamerikanischen Südostens
3.1. Vorgeschichte des Südostens
3.1.1. Paläoindianischer und archaischer Komplex
3.1.2. Waldland-Tradition
3.1.3. Mississippi-Tradition
3.2. Vorgeschichte des unteren Mississppi-Gebietes
3.2.1. Tchefuncte und Marksville
3.2.2. Troyville, Coles Creek und Plaquemine
3.3. Die Natchez im Kontext vorgeschichtlicher Kulturtraditionen
3.4. Die Zeit der Entdecker
4. Der Lebensraum der Indianer des unteren Mississippi
5. Produktion und gesellschaftliche Organisation bei den Natchez
5.1. Anpassung der technologischen Ausrüstung, der Produktionsform und der Arbeitsorganisation an die ökologischen Voraussetzungen am unteren Mississippi
5.1.1. Produktion der Nahrungsmittel
5.1.2. Arbeitsteilung, Gegenseitigkeit und Wiederverteilung
5.1.3. Die materiellen Güter und ihre Produktion
5.2. Verwandtschaftsgebundene Organisationsformen
5.3. Soziale Schichtung
5.3.1. Soziale Schichtung und Statusdifferenzierung
5.3.2. Das "Natchez-Paradoxon"
5.3.3. Status und soziale Gruppenzugehörigkeit
5.3.4. Hinweise auf sozial-strukturelle Veränderungen
6. Politische Strukturen bei den Natchez
6.1. Territoriale Untergliederungen
6.2. Politische Funktionen
6.3. Kriegführung
6.4. Dualismen
7. Religion und Magie der Natchez
7.1. Schamanismus und Krankenheilung
7.2. Religiöse Zeremonien und Feierlichkeiten
7.3. Sonnenkult
8. Anfänge eines Natchez-Staates
8.1. Merkmale zentraler gesellschaftlicher Organisationsformen und staatlicher Strukturen
8.2. Institutionalisierung und Säkularisierung politischen Handelns
9. Der leidvolle Weg in die Diaspora
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Organisationsniveau der Natchez-Gesellschaft am Unterlauf des Mississippi unter Einbeziehung archäologischer Daten und ethno-historischer Quellen. Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit die Natchez auf dem Weg zur Ausformung staatsähnlicher Gebilde waren und wie verwandtschaftsgebundene Strukturen durch differenziertere, staatlich geprägte Organisationsformen ergänzt oder abgelöst wurden.
- Systematische Analyse gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse
- Vergleich von ethno-historischen Berichten mit archäologischen Befunden
- Untersuchung von Machtstrukturen, Sozialer Schichtung und politischer Herrschaft
- Kritische Auseinandersetzung mit evolutionstheoretischen Modellen in der Sozialanthropologie
Auszug aus dem Buch
2.4. Archäologie und das Studium der Natchez
Es liegt auf der Hand, dass eine Arbeit über eine nicht mehr existierende Gruppe wie die der Natchez schon bald an jene Schwelle gelangen wird, an der zu fragen ist, inwieweit versucht werden darf, Erkenntnisse von Nachbarwissenschaften, in diesem Falle besonders der Wissenschaften, die sich mit der Vorgeschichte beschäftigen, mit zu berücksichtigen sind.
Es versteht sich aus dem Selbstverständnis der vorgestellten Ansätze, dass ihr methodischer Schwerpunkt ein archäologischer ist und die Ethnologie für sie lediglich Hilfsfunktion hat. Ebenso selbstverständlich darf eine ethno-historische Untersuchung archäologisch-prähistorische Erkenntnisse als zusätzliche Informationsquelle zum besseren Verständnis eigener Materialien verwenden.
Jene Autoren, die von der Archäologie auch eine Berücksichtigung menschlicher Verhaltensmuster fordern, legen überaus deutlich dar, wie wertvoll in manchen Regionen, und der Südosten der Vereinigten Staaten gehört sicherlich dazu, ein Austausch zwischen Vorgeschichte, Archäologie und Ethnologie sein kann. Alle diese Ansätze, die sich mehr oder weniger als sozialwissenschaftlich orientierte Ansätze verstehen, zeigen, unbeschadet unterschiedlicher Ansichten in Detailfragen, welches Verständnis von Archäologie bei einer Einbeziehung von Ergebnissen dieser Wissenschaft in die hier geübte ethno-soziologische Betrachtungsweise zugrunde gelegt werden soll. Diese Ansätze weisen drauf hin, welche Methoden angewandt werden müssen, sollen archäologische Erkenntnisse überhaupt in eine Form gebracht werden, in der sie zur Erklärung menschlicher Gesellschaften beitragen können. Damit lassen diese Ansätze erkennen, zu welchem wissenschaftstheoretischen und methodischen Selbstverständnis archäologische Untersuchungen tendieren, von denen die meiste Unterstützung bei der Beantwortung von Fragen zum sozialen System prähistorischer Gesellschaften zu erwarten ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Modelle gesellschaftlicher Organisationsformen: Dieses Kapitel stellt verschiedene theoretische Erklärungsmodelle zur soziologischen Einordnung gesellschaftlicher Systeme vor, um ein Instrumentarium zur Analyse der Natchez zu entwickeln.
2. Archäologie und historische Ethnologie: Hier wird das methodische Zusammenspiel von Archäologie und Ethnologie reflektiert und kritisch hinterfragt, inwieweit archäologische Funde Rückschlüsse auf soziale Strukturen zulassen.
3. Überblick über die Vorgeschichte und Entdeckung des nordamerikanischen Südostens: Dieses Kapitel gibt einen chronologischen Abriss der vorgeschichtlichen Kulturtraditionen im Südosten sowie der Zeit der ersten europäischen Entdecker.
4. Der Lebensraum der Indianer des unteren Mississippi: Eine geografische und ökologische Einordnung des Lebensraums am Unterlauf des Mississippi, die die natürlichen Lebensbedingungen für die dort ansässigen Gruppen verdeutlicht.
5. Produktion und gesellschaftliche Organisation bei den Natchez: Das Kapitel analysiert die ökonomischen Grundlagen, die Arbeitsteilung und die soziale Schichtung sowie die Rolle des "Natchez-Paradoxons".
6. Politische Strukturen bei den Natchez: Untersuchung der territorialen Gliederung, der politischen Ämter und der dualistischen Elemente in der politischen Organisation der Natchez.
7. Religion und Magie der Natchez: Eine detaillierte Betrachtung des Schamanismus, des Tempelkultes und vor allem der zentralen Rolle des Sonnenkultes als Legitimationsbasis für die Herrschaftsstruktur.
8. Anfänge eines Natchez-Staates: Dieses Kapitel führt die bisherigen Erkenntnisse zusammen, um die Merkmale einer beginnenden Staatsbildung bei den Natchez herauszuarbeiten.
9. Der leidvolle Weg in die Diaspora: Ein historischer Rückblick auf die Zerstörung der Natchez-Gesellschaft durch koloniale Landnahme und deren Überleben als Teil anderer indigener Gruppen.
Schlüsselwörter
Natchez, Mississippi, Sozialstruktur, Häuptlingstum, Staatsbildung, Archäologie, Ethnologie, Sonnenkult, Soziale Schichtung, Natchez-Paradoxon, Wiederverteilung, Kolonialisierung, Siedlungsarchäologie, Kulturwandel, Machtlegitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Organisationsniveau der Natchez-Gesellschaft und analysiert, inwieweit sich diese Gruppe auf dem Weg zu staatsähnlichen Strukturen befand.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Sozioökonomie, politische Organisationsformen, religiöse Legitimationsmechanismen, die Rolle der Archäologie als Nachbarwissenschaft und die Auswirkungen der Kolonisation.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, wie weit die Natchez den Weg zur Ausformung staatsähnlicher Gebilde gegangen waren und wie die Kombination aus verwandtschaftsgebundenen und komplexeren Organisationsstrukturen funktionierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem interdisziplinären Ansatz, der ethno-historische Quellen mit aktuellen archäologischen Daten vergleicht, um ein realistischeres Bild der Natchez-Gesellschaft zu zeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, Siedlungsarchäologie, sozioökonomische Produktionsmodelle, politische Herrschaft und die religiöse Dimension des Sonnenkultes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Natchez-Paradoxon, soziale Schichtung, Wiederverteilung (Redistribution), Staatsbildung, Sonnenkult und historische Ethnologie beschreiben.
Was ist das "Natchez-Paradoxon"?
Es beschreibt die theoretische Problematik einer Sozialstruktur, bei der durch ein spezielles Heiratssystem eine personelle Verringerung der Gemeinen droht, was die Notwendigkeit der Integration externer Gruppen (z.B. Kriegsgefangene) verdeutlicht.
Warum war die Archäologie für diese Untersuchung so wichtig?
Da die mündlichen Überlieferungen der Natchez durch die europäische Chronik und die Ausrottung der Gruppe fragmentiert und verzerrt sind, bieten archäologische Funde eine notwendige objektive Basis zur Überprüfung historischer Interpretationen.
- Quote paper
- Karl-Hermann Hörner (Author), 2019, Die Natchez vom Unterlauf des Mississippi, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505153