Zwischen Leben und Tod. Der Begriff der Biopolitik bei Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe


Hausarbeit, 2018

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Biopolitik und Bio-Macht

3. Foucaults Genealogie der Biopolitik
3.1 Der Tod im Dienste des Lebens

4. Thanatopolitik und Nekropolitik
4.1 Das nackte Leben und der Ausnahmezustand
4.2 Agambens alternative Genealogie der Biopolitik
4.2.1 Das Lager als biopolitischer Raum
4.3 Nekropolitik – Die verallgemeinerte Instrumentalisierung der menschlichen Existenz
4.3.1 Die Entwicklung der Biopolitik nach Mbembe

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch seine Grundidee der Biopolitik gelang es Michel Foucault den Begriff der Macht auf eine völlig neue, fundamentale Art und Weise zu betrachten. Und zwar in einem Modell, das nicht an die Begriffe wie Souveränität oder Recht gekoppelt war. Aus diesem Modell heraus ließ sich eine Analyse der Moderne entwickeln , die den Diskurs innerhalb der Humanwissenschaften nachhaltig verändert hat. Dieses neuartige Machtkonzept, welches die Produktivität, das Leben und die Lebensprozesse in den Fokus rückt und in einem ganz deutlichen Kontrast zur Souveränitätsmacht steht, stößt jedoch auf Probleme, sobald es mit geschichtlichen Realitäten konfrontiert wird. Denn die technischen Fortschritte der Moderne haben nicht nur Errungenschaften hervorgebracht, welche das Leben fördern und erhalten sollen, sondern auch jene, die das Leben in großem Maße vernichten können. Die blutigsten Kriege und Genozide sind Teil dieser Epoche und ein fester Bestandteil der Politik.

Die Kontroverse zwischen der Befürwortung und der Dementierung des Lebens ist ein zentraler Bestandteil der folgenden Arbeit. Außerdem sollen die Zusammenhänge zwischen Foucaults Biopolitik und Agambens Thanatopolitik, welche die Kehrseite der Biopolitik darstellt, aufgezeigt werden. Den Ausgang dieser Arbeit liefert eine Begriffseinordnung der Biopolitik, gefolgt von jener Definition, die auf Foucaults Ansichten beruht. Der Kontrast, den die Thanatopolitik von der Biopolitik abgrenzt, soll dann mit Hilfe von Agamben herausgearbeitet werden. Zum Schluss möchte ich anhand Achille Mbembes Nekropolitik eine Erweiterung Agambens Standpunkt aufzeigen.

2. Biopolitik und Bio-Macht

Das Wort Biopolitik wird oft in Verbindung mit zeitgemäßen Themen benutzt. Von Biopolitik wird oftmals dann gesprochen, wenn beispielweise Stichwörter wie Gentechnik, Rassismus, Gesundheit, Landwirtschaft, Bevölkerungswachstum und andere Begriffe fallen. Welche ursprüngliche Bedeutung hat der Begriff jedoch?

Biopolitik ist die Politik, welche sich mit dem Leben beschäftigt.1 Besonders der Philosoph Foucault hat den Begriff im Jahr 1976 geprägt. Ihm zufolge ist Biopolitik „die Weise, in der man seit dem 18. Jahrhundert versuchte, die Probleme zu rationalisieren, die der Regierungspraxis durch die Phänomene gestellt wurden, die eine Gesamtheit der Population konstituierten Lebewesen charakterisiert: Gesundheit, Hygiene, Geburtenziffer, Lebensdauer, Rassen […]. Man weiß, welch wachsenden Raum diese Probleme seit dem 19. Jahrhundert einnahmen und welchen politischen und ökonomischen Einsatz sie bis heute begründet haben“.2 Genau dieses Zitat verdeutlicht, dass Biopolitik ein Instrument ist, das sich auf den Fortschritt der Menschheit und der Populationszunahme bezieht und diese versucht durch bestimmte Gesetze und Regeln einer Norm anzugleichen. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Akteure hierbei bestimmten Gesetzen unterwerfen müssen, welche vom Staat ausgehen, sondern die Individuen nehmen Einfluss auf sich selbst. Laut dem deutschen Philosoph und Literaturwissenschaftler Harald Lemke ist Biopolitik weniger ein Ausdruck des Willens eines Alleinherrschenden, sondern vielmehr als Regulation und Verwaltung der unterschiedlichen Lebensprozesse der Bevölkerung zu sehen.3 Die Biopolitik impliziert, dass Individuen ihre Lebensangelegenheiten selber bestimmen sollen. Sie ist ein besonderes Instrument der Macht, sagt Foucault, da die Menschen sich selber unter Druck setzten, während sie ihr eigenes Leben planen, verwalten und vor allem verbessern möchten, um sich am Ende selbst zu erhalten. Dies hat eine umgekehrte Auswirkung, sowohl auf den Staat als auch die Bevölkerung, was die Biopolitik aus zwei verschiedenen Blickwinkel betrachten lässt. Auf der einen Seite entscheidet der Staat über bestimmte Prozesse, die die Akteure regulieren und auf der anderen Seite bedienen sich die Akteure der Biopolitik, wenn sie sich selbst regulieren möchten. Zum Beispiel kann der Staat das Schulsystem einführen, um einen normierten Bildungsstand zu erzeugen, während die Akteure sich entscheiden können, wie lange sie die Schule besuchen möchten, um ihren Wissensstand zu optimieren. Lemke verdeutlicht, dass der Staat die Bürger soweit reguliert, dass jeder einzelne Akteur Einfluss auf den eigenen Körper und Geist nehmen möchte.4 Die Biopolitik wird von den Individuen praktiziert, wenn sie zum Beispiel Pränataldiagnostik, Stammzellenforschung oder Schönheitsoperationen in Anspruch nehmen. Im Folgenden sollen die Biopolitik-Konzepte von Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe diskutiert, kritisch reflektiert und voneinander abgegrenzt werden. Dabei wird sich zeigen, dass es vor allem um Politik geht und zwar um eine bestimmte Form von Politik; um Biopolitik als eine Möglichkeit Macht auszuüben. Mit anderen Worten: Biopolitik als Machttechnologie über Leben und Tod.

3. Foucaults Genealogie der Biopolitik

Paul-Michel Foucault war ein französischer Philosoph des Poststrukturalismus, der Psychologie und Soziologie. Bei einer Vorlesung am Collège de France erwähnt Foucault am 17. März 1976 zum ersten Mal den Begriff der „Biopolitik“. Foucault spricht im Rahmen seiner Vorlesung von Biopolitik als Machttechnologie und setzt die Begriffe Biopolitik und Bio- Macht weitgehend gleich. Er subsumiert darunter die Gesamtheit von Prozessen wie das Verhältnis von Geburts- und Sterberaten oder die Fruchtbarkeit.5 Am Ende seines Werkes „Willen zum Wissen“ findet sich ein Satz, der die moderne Entwicklung hin zur Biopolitik treffend zusammenfasst: „Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“6 Das Leben selbst und die menschlichen Lebensprozesse spielen eine zentrale Rolle in Foucaults Gesamtwerk und in seinen historischen Analysen. Er verdeutlicht dabei, dass weder eine Analyse von Machtphänomenen noch die Ausarbeitung eines methodischen Handwerkszeugs für die Analyse von Machtverhältnissen im Zentrum seines Gesamtwerks stehen. 7

1963 wurde sein Werk „Die Geburt der Klinik“ publiziert und schon hier beschreibt Foucault wie die Entwicklung der klinischen Medizin das Verhältnis zwischen Leben und Tod verändert hat.8 Der Tod entwickelte sich durch die voranschreitenden Erkenntnisse in der Humanmedizin immer weiter weg von einer omnipräsenten, schicksalshaften Bedrohung, hin zu etwas scheinbar Beherrschbarem. Genau diesen Bedeutungswandel zeigt Foucault in einem Vortrag 1974 auf: Während früher diskursive Brüche innerhalb des Lebensbegriffs erörtert wurden, verweist er jetzt auf eine neue Form der Machtausübung, welche sich seit dem 17. Jahrhundert permanent weiterentwickelt. Diese Veränderung wurde außerdem durch landwirtschaftliche und ökonomische Entwicklungen und ebenso neue Errungenschaften in der Humanmedizin und Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts weiter begünstigt: „Der Tod hört auf, dem Leben ständig auf den Fersen zu sein. Gleichzeitig trugen die Entwicklungen der Kenntnisse über das Leben im allgemeinen, die Verbesserung der landwirtschaftlichen Techniken, die Beobachtungen und Messungen am Leben und das Überleben zu dieser Lockerung bei: Eine relative Herrschaft über das Leben beseitigte einige Bedrohungen des Todes. In dem von ihnen gewonnenen und forthin organisierten und ausgeweiteten Spielraum nehmen Macht- und Wissensverfahren die Prozesse des Lebens in ihre Hand, um sie zu kontrollieren und modifizieren.“9

Vor der genannten Veränderung, also bevor das Leben zur Zielscheibe politischer Machtinterventionen wurde, war das charakteristische Merkmal politischer Macht das Recht über Leben und Tod zu bestimme. Der Souverän besaß das Recht, seine Untertanten zu töten, falls er sich verteidigen oder sein Überleben schützen musste. Die aktive Machtausübung des Souveräns wurde erkenntlich, indem er seine Untertanten dem Tod aussetzte. Im Vergleich dazu manifestiert sich das am-Leben-lassen der Untertanen in einer Passivität der souveränen Todesmacht. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich das charakteristische Potential der Souveränitätsmacht als „Abschöpfungsinstanz“10 bezeichnen lässt. Den Untertanen konnten jederzeit Arbeitskraft, Eigentum, Produktionsgüter und sogar Körper und Leben abgeschöpft werden.

Den Unterschied zwischen der Souveränitätsmacht und der neuen Bio-Macht bricht Foucault prägnant herunter; das alte Recht der Souveränität sterben zu machen oder leben zu lassen wird in der Bio-Macht in ein neues Recht transformiert: leben zu machen und sterben zu lassen.11 Das Handlungspotential der Machtmechanismen von der aktiven Macht über den Tod verschiebt sich zu aktiver Macht über das Leben. Menschliches Leben wird gesichert, optimiert und kontrolliert. Das Subjekt selbst wird nur noch infolge der Passivität der Bio-Macht dem Tod überlassen. Die Veränderung im politischen Handeln und Denken geht mit einer Wandlung der Wahrnehmung der Bevölkerung einher. Die souveräne Macht hatte noch mit Rechtssubjekten zu tun, während die Bio-Macht über Lebewesen regiert. In diesem Zug verschiebt sich der Zugriff der Macht auf den Körper selbst. „Anstelle der Drohung mit dem Mord ist es nur die Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum Körper verschafft.“12

Die Transformation der Souveränitätsmacht hin zur Bio-Macht erstreckt sich laut Foucault in zwei Bereichen: auf der einen Seite durch die Disziplinierung der individuellen Akteure und auf der anderen Seite durch die Bevölkerungsregulierung mit Hilfe von Kontrollierung und Verwaltung der Körper.13 Diese Transformationen sind allerdings nicht auf einmal erfolgt, vielmehr sind im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive Machttechniken entstanden, die im Wesentlichen auf den individuellen Körper gerichtet waren. Mit Hilfe dieser Techniken gelang es, den Körper zu vereinnahmen und man versuchte die Nutzkraft des Körpers durch Übung oder Dressur zu steigern und verbessern, so wie man es seit Ewigkeiten mit Haustieren macht.14

In seinem Werk „Überwachen und Strafen“ verdeutlicht Foucault, wie durch Disziplinartechniken und Erziehungsformen das Ziel verfolgt wird, eine „leistungsfähige Maschine“ zu produzieren. Der individuelle Körper wird hier lediglich auf seine Funktionen reduziert und als ein einzelnes Teil einer vielgliedrigen übergeordneten Maschine wahrgenommen. Die Technologien, von denen hier gesprochen wird, zeichnen sich durch einen hohen Grad der Rationalisierung und Ökonomisierung aus, da mit verhältnismäßig eher geringen Mitteln Macht über eine Vielzahl individueller Körper ausgeübt werden kann.15 Der Körper folgt hier einer Dressur, welche einer spezifischen Norm entspricht, die institutionell festgelegt wurde. Dies kann zum Beispiel mit Hilfe von verschiedenen Rangeinstufungen bei Soldaten erfolgen. Die zweite Entwicklungsachse der Biopolitik ist laut Foucault die neuen Sicherheitstechnologien, welche sich ungefähr in der Mitte des 18. Jahrhunderts anfangen herauszubilden. Diese neue Form der Machttechnologien zeichnet sich wiederum durch eine nicht-disziplinäre Vereinnahmung des Bevölkerungskörpers aus. Während die Disziplinartechnologien ihren Fokus auf den individuellen Körper richten, ist das Ziel der Sicherheitstechnologien, die gesamte Bevölkerung und die mit ihr verbunden Lebensprozesse sowie Risiken beherrschbar zu machen. Hierbei wird die Bevölkerung keinesfalls als rechtlich- politische Einheit begriffen, sondern als biologische Gattung, welche sich durch spezifische Lebensprozesse und Phänomene auszeichnet.16 Charakteristisch für diese Machtform ist der Einsatz demographischer und statistischer Erhebungen, die es ermöglichen, kollektiv serielle Phänomene wie etwa Geburt, Tod, Lebensdauer sowie wirtschaftliche Produktion an dem erhobenen Mittelwert auszurichten und somit das Leben und die Lebensprozesse zu qualifizieren, messen, organisieren, vorherzusagen und zu verwalten. Doch nicht nur die Massenphänomene einer Bevölkerung sollen mithilfe der Sicherheitstechnologien verwaltbar werden; auch die Gefahren und Risiken, welche sich aus dem Zusammenleben als biologischer Einheit zwangsläufig ergeben, sollen vorhersagbar und beherrschbar werden. Die Sicherheitstechnologien sind somit als Regulierungsmacht einzustufen. Neben den Instrumenten sowie den Zielen unterscheiden sich beide Machttechnologien ebenfalls durch ihre Institutionen: Während die Disziplinierungstechnologien in Institutionen wie Gefängnissen, Kasernen, Schulen, Psychiatrien und auch Krankenhäusern und Fabriken zu finden sind, wird die Regulierung des Bevölkerungskörpers durch den Staat organisiert.

Aus Tabelle 1 gehen die Differenzen beider Entwicklungsachsen der Biopolitik hervor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Differenzierung von Disziplinierungs- und Sicherheitstechnologien.

Eine analytische und historische Trennung von Disziplinierungs- und Sicherheitstechnologien ist jedoch nicht sinnvoll. Vielmehr bauen die Sicherheitstechnologien auf den Disziplinierungstechnologien auf:17 Eine Folge der Entwicklung von Disziplinierungs- und Sicherheitstechnologien ist die zunehmende Bedeutung der Norm, während das Recht innerhalb des politischen Systems einen Bedeutungswandel erfährt.18 Eine Macht, die sich der Optimierung, Qualifizierung und Kontrolle des Lebendigen angenommen hat, begünstig laut Foucault die Entwicklung einer „Normalisierungsgesellschaft“: Anstatt die Bevölkerung in folgsame Unteranten und Gegner des Souveräns zu trennen, wie es vorher durch die souveräne Todesmacht geschah, organisiert die Bio-Macht das Lebende in einem Bereich von Wert und Nutzen, indem sie die Bevölkerung an der Norm anordnet.19 Die Normalisierungsgesellschaft ist jedoch keinesfalls als eine verallgemeinerte Form einer Disziplinargesellschaft zu interpretieren, sondern gemäß Foucault vielmehr als eine Gesellschafsform, „in der sich entsprechend einer orthogonalen Verknüpfung die Norm der Disziplin und die Norm der Regulierung miteinander verbinden“20.

Es ist festzuhalten, dass die souveräne Macht, welche als Todesmacht zu charakterisieren ist, ab dem 17. Jahrhundert zunehmend von der Bio-Macht überlagert wurde. Das Leben und die Lebensprozesse der Bevölkerung traten in den Fokus des politischen Handelns und Denkens. Der Souverän hat die Macht über das Leben der Bevölkerung, indem er sie dem Tod aussetzt, wohingegen die Aufgabe der Bio-Macht sich darin äußert das Leben zu sichern, zu verteidigen, zu stärken, zu mehren und zu ordnen.21 Somit müsste man annehmen, dass das Recht des Tötens in der Bio-Macht einen Widerspruch in sich darstellt und somit Kriege, Todesstrafen, Folter etc. unvereinbar mit einer Politik des Lebens sind. Gleichzeitig macht Foucault jedoch deutlich, dass die Kriege niemals blutiger waren, als seit dem 19. Jahrhundert. Im folgenden Teil soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie sich das geradezu widersprüchliche Verhalten zwischen dem Recht des Tötens und einer Politik des Lebens äußert.

3.1 Der Tod im Dienste des Lebens

Aus Foucaults These, dass die moderne Politik sich zu einer Politik des Lebens entwickelt und die Souveränitätsmacht überlagert, geht nicht hervor, dass das souveräne Recht des Todes keinerlei Rolle in einem politischen System des Lebens spiele. Im Gegenteil: Im Rahmen der Vorlesung im Jahr 1976 am Collège de France äußert Foucault, dass es infolge der Transformation von Souveränitätsmacht zu Bio-Macht ebenfalls zu einer Verschiebung von einem politisch-militärischen zu einem rassistisch-biologischen Diskurs kam.22 Im politisch- militärischen Diskurs wird der Begriff der „Rasse“ dazu benutzt, um politische Gegner bzw. eine feindliche soziale Gruppe, durch „geografische Herkunft, Sprache oder Religionsausübung“23 von der eigenen zu unterscheiden. Folglich war das Gesellschaftsbild des politisch-militärischen Diskurses von der Vorstellung geprägt, dass die Gesellschaft sich in zwei feindliche Lager teilt und zwei antagonistische soziale Gruppen existieren.24 Das Recht der Tötung im politisch-militärischen Diskurs äußert sich durch Kriege, Schlachten oder Ermordungen, wobei das Ziel die Zerstörung des politischen Gegners ist. Die diskursive Verschiebung ereignete sich im 19. Jahrhundert, als der Begriff der Rasse zunehmend eine evolutionstheoretische Umdeutung erfuhr, wodurch „an die Stelle des historisch-politischen Themas des Krieges mit seinen Schlachten, Siegen und Niederlagen […] das evolutionär- biologische Modell des Kampfes ums Leben“25 tritt. Darwins Evolutionstheorie sowie die darauf aufbauenden Theorien (Stammbaum der Rasse, Hierarchie der Rassen, „survival of the fittest“, etc.) begünstigten, dass der politische Diskurs zunehmend biologische Termini aufwies und Klassenkämpfe und Kriege, aber auch gesellschaftliche Phänomene wie etwa Geisteskrankheit und Kriminalität nicht mehr juristisch, sondern evolutionstheoretisch gedacht wurden.26 Somit wurden unter anderem vormals politische Gegner zu degenerierten, lebensunwerte Rassen, während Kriminelle nicht mehr lediglich ein Gesetz brachen, sondern aufgrund biologischer Dispositionen als außerhalb der Norm eingestuft wurden.

Rassismus per se ist sicherlich kein Phänomen, welches sich erst im 19. Jahrhundert zeigte, jedoch betont Foucault in seinen historischen Analysen, dass mit der Entwicklung der Bio- Macht die Todesmacht als Rassismus in die Strukturen des modernen Staates integriert werden konnte. Somit übernimmt der Rassismus innerhalb einer Politik des Lebens die Funktion der souveränen Todesmacht: „Was ist der Rassismus letztendlich? Zunächst ein Mittel, um in diesem Bereich des Lebens, den die Macht in Beschlag genommen hat, eine Zäsur einzuführen: die Zäsur zwischen dem, was leben, und dem, was sterben muß.“27 Grundsätzlich hat Rassismus zwei bedeutende Funktionen innerhalb der Bio-Macht: die Zäsur der vormals homogenen Bevölkerungsgruppe in einer Vielzahl heterogener biologischer Rassen sowie die Konstruktion einer positiven Beziehung zwischen dem Leben, der eigenen Rassen und dem Tod der Anderen.28 Diese Vorstellung von einer Pluralität von Rassen begünstigte jedoch die rassistische Vorstellung, dass man nicht mehr, wie vormals im militärisch-politischen Diskurs einer Bedrohung von außen ausgesetzt ist, vielmehr lauert die Bedrohung in der eigenen Bevölkerung und in den Körpern der Bevölkerung, was zu einer permanenten rassischen Reinigung der eigenen Gattung führen soll. Dieser Aspekt zeichnet sich unter anderem im nationalistischen Streben nach dem reinen, höheren Blut der eigenen Rasse ab, wie auch die Vorstellung des unreinen jüdischen Blutes, welches sich nicht mit dem deutschen Blut vermischen dürfe.29

[...]


1 Vgl. Thomas Lemke, Biopolitik zur Einführung. Hamburg: Junis 2007a, S.9.

2 Michel Foucault, Die Macht der Psychiatrie. Vorlesungen am Collége de France 1973-1974, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 180.

3 Vgl. Lemke, Biopolitik zur Einführung, S.13.

4 Vgl. Ebd., S. 102.

5 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

6 Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit I. Der Wille zum Wissen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 171.

7 Vgl. Michel Foucault, „Das Subjekt und die Macht“. in: Hubert L., Dreyfus/ Paul, Rabinow: Michel Foucault jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt am Main: Athenäum 1987, S. 243.

8 Vgl. Petra Gehring, „Bio-Politik/ Bio-Macht.“, in: Clemens Kammler/ Parr Rolf/ Ulrich Johannes Schneider (Hg.), Disziplinen des Lebens. Zwischen Anthropologie, Literatur und Politik, Stuttgart: Metzler Verlag 2014, S. 230 – 232.

9 Michel Foucault, „Recht über den Tod und Macht zum Leben“, in: Andreas Folkers/ Thomas schlagartig Lemke (Hg.), Biopolitik. Ein Reader, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014a, S. 71.

10 Vgl. Foucault, „Recht über den Tod und Macht zum Leben“, in: Folkers/ Lemke (Hg.), Biopolitik, S. 66.

11 Vgl. Ebd., S. 67f.

12 Ebd., S. 72.

13 Vgl. Ebd., S. 69.

14 Vgl. Foucault, „Recht über den Tod und Macht zum Leben“, in: Folkers/ Lemke (Hg.), Biopolitik, S. 3.

15 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

16 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

17 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

18 Vgl. Foucault, „Recht über den Tod und Macht zum Leben“, in: Folkers/ Lemke (Hg.), Biopolitik, S. 73f.

19 Vgl. Lemke, Biopolitik zur Einführung, S.54.

20 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

21 Vgl. Foucault, In Verteidigung Gesellschaft . Vorlesungen am Collége de France (1975-76), S.68.

22 Vgl. Lemke, Biopolitik zur Einführung, S.55f.

23 Vgl. Ebd., S.56.

24 Vgl. Ebd., S.55f.

25 Vgl. Ebd., S.56.

26 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.uni- muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

27 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.unimuenster. de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

28 Vgl. Michel Foucault, „Vorlesung vom 17. März 1976“, Stand: 11.09.2018, https://www.unimuenster. de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm.

29 Vgl. Lemke, Biopolitik zur Einführung, S.55ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zwischen Leben und Tod. Der Begriff der Biopolitik bei Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe
Hochschule
Merz Akademie - Hochschule für Gestaltung Stuttgart
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V506198
ISBN (eBook)
9783346067616
ISBN (Buch)
9783346067623
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biopolitik Leben Tod Foucault Agamben Mbembe
Arbeit zitieren
Hanna Rittich (Autor), 2018, Zwischen Leben und Tod. Der Begriff der Biopolitik bei Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506198

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