Transgenerationale Traumatisierung, Narzissmus und destruktive Symbiose am Beispiel von Aelrun Goettes Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot"


Hausarbeit, 2019

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Hintergründe
1.2. Vorgehensweise

2. Rosemarie
2.2. (mögliche) Ursachen und deren Wirkung
2.3. Weiterführende Gedanken

3. Fazit

Quellen

Anhang

1. Einleitung

„Die Kinder sind tot“ ist ein Dokumentarfilm der Regisseurin Aelrun Goette aus dem Jahr 2004 über den Fall der Daniela Jesse, deren beide Söhne Tobias (2 Jahre alt) und Kevin (3 Jahre alt) im Sommer 1999 in der mütterlichen Wohnung verdursteten.

Der Film selbst kommt ohne Kommentare Außenstehender aus, sondern sieht hin und hört zu. Neben Bekannten, Nachbarn und Personen beteiligter Behörden kommen vor allem Daniela Jesse selbst und ihre Mutter, Rosemarie Jesse, zu Wort. Die Widersprüchlichkeit der unterschiedlichen Perspektiven lässt die Zuschauer*innen allein zurück mit dem Gehörten und Gesehenen und macht klar, dass es keine einfachen Erklärungen gibt.

Diese Hausarbeit widmet sich der auffälligen Mutter-Tochter-Beziehung, weil gerade in Rosemaries Person eine Vielzahl an Hinweisen auf verschiedene innerpsychische Prozesse und familiensystemische Dynamiken erkennbar werden, die ohne genaue Betrachtung leicht übersehen werden könnten. Für diesen Komplex an unbewussten, inneren Vorgängen und deren Repräsentanz nach Außen könnten wiederum verschiedene Faktoren ursächlich sein, die in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden sollen.

1.1. Hintergründe

Über die Familie Jesse ist nur bekannt, was im Laufe des Films „Die Kinder sind tot“ teils direkt, teils als Subtext zur Sprache kommt:

Rosemarie Jesse ist mit Danielas Vater verheiratet. Sie haben drei gemeinsame Kinder. Daniela ist das älteste und die einzige Tochter.

Rosemarie lebte mit ihrer Familie bereits vor dem Fall der Berliner Mauer in der Plattenbausiedlung Neuberesinchen in Frankfurt (Oder). Zu diesem Zeitpunkt galt diese Gegend als sozialistisches Vorzeigeprojekt. Wer hier eine Wohnung bekam, konnte sich glücklich schätzen.

„…und jetzt ist es natürlich so geworden, dass Neuberesinchen eigentlich das Viertel ist für sozial Schwache. […] die Slums von Frankfurt […]“(„Die Kinder sind tot“: Bestatter Olaf S.: ab 00:10:54).

Rosemarie arbeitet als Gebäudereinigerin im selben Wohnblock, in dem sie selbst lebt. Ihre Ausdrucksweisen lassen auf ein niedrigeres Bildungsniveau schließen.

Daniela hat insgesamt 4 Kinder, von denen sie das erste, Katharina, 1994/95 im Alter von 18 oder 19 Jahren zur Welt gebracht haben muss. In den Jahren 1996 und 1997 folgten die beiden Söhne Kevin und Tobias. Ein weiteres 1998 geborenes Mädchen gab Daniela nach der Entbindung zur Adoption frei. Über dieses Kind ist nichts darüber hinaus bekannt. Jedes Kind hat einen anderen Vater. Keiner der Väter steht als Unterstützung zur Verfügung.

Daniela wurde durch einen gerichtlichen Gutachter eine verminderte Intelligenz (71 IQ-Punkte) und zudem eine schwere Persönlichkeitsstörung (Die Welt: 10.03.2000 ) bescheinigt. Sie hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, ist arbeitslos und lebt mit ihren Kindern im selben Wohnblock wie ihre Eltern nur einen Hauseingang weiter.

Daniela verließ im Juni 1999 ihre Wohnung, um einige Tage bei ihrem Freund zu verbringen und ließ ihre beiden Söhne allein zurück, die in der Folge verdursteten. Die toten Kinder, für deren Tod Daniela Jesse später wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, entdeckte zuerst Danielas Mutter Rosemarie am 26. Juni 1999 in ihrem Beisein. Zu diesem Zeitpunkt muss Daniela 23 Jahre alt gewesen sein. Die Interviews für den Dokumentarfilm wurden zwei Jahre später geführt.

Anm.: Der Begriff „Schuld“ wird im Folgenden vermieden, da diese eine Bewusstheit voraussetzt, die nicht wirklich erkennbar wird. Das selbe gilt für „Tat“ oder „Täterin“, da im juristischen Sinne eine Straftat zumeist nur dann bestehen kann, wenn eine Person vorsätzlich handelt (Einbock: 2019). Dieser Vorsatz wird aber aufgrund der psychischen Verfassung Danielas nicht deutlich, viel mehr könnte bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung mit dissoziativen Zuständen und Derealisierungen zugrunde liegen (Vgl.: Huber: 2009; S.56 ff.). Unbewusste Abwehrprozesse gegen ihre Ängste vor Zurückweisung durch ihre Eltern scheinen dazu geführt zu haben, dass sie die zu erwartenden Folgen des Zurücklassens ihrer Kinder ausblendete und/ oder davon ausging, ihre Mutter kümmere sich um die Jungen (Transkript: S. 10, Teil 25).

1.2. Vorgehensweise

Da die Gesamtheit von Rosemaries Auftreten, ihren Äußerungen, Aussagen anderer Beteiligter und Widersprüchen erst ein Bild ergibt, sind im Anhang die Interviewmitschnitte Rosemaries transkribiert und bei Relevanz der Kontext zum besseren Verständnis hinzugefügt, in dem die ein oder andere Aussage stattfand.

Da nicht nur die Worte selbst, sondern auch Rosemaries Mimik und Körperhaltung in Bezug auf das Gesagte wesentlich sind, wurden diese mit in das Transkript einbezogen.

Rosemaries Aussagen wechseln sich im Film mit denen anderer Beteiligter ab.

Da nur dieser Film als unmittelbares Zeugnis dient und es nur wenige verlässliche Quellen gibt, die darüber hinaus das Bild von Rosemarie ergänzen und verfeinern, beschränkt die folgende Betrachtung die psychologischen Deutungen auf das Gesagte im jeweiligen Kontext. Was die Gründe und Ursachen für Rosemaries mögliche psychische Verfassung betrifft, handelt es sich um Mutmaßungen, die aufgrund von Zeitgeist und sozialem Umfeld wahrscheinlich wären.

2. Rosemarie

2.1. Was auffällt

Rosemarie Jesse spricht während der meisten Mitschnitte flüssig und mit wenigen Pausen. Sie wirkt distanziert, kontrolliert und wenig emotional. Hin und wieder erscheint sie verständnislos, ratlos, wütend, empört. Traurigkeit, Verzweiflung oder Hilflosigkeit, wie unter den Umständen zu erwarten wäre, sind kaum spürbar.

2 Jahre nach dem Tod ihrer Enkelkinder könnte Rosemaries erkennbar ablehnende Haltung gegenüber ihrer Tochter eine verständliche Reaktion sein.

Aus den Interviews geht allerdings hervor, dass diese innere Haltung auch vorher schon bestanden haben muss. Besonders deutlich wird das in Zusammenhang mit Danielas Neigung zum Weglaufen, der an vielen Stellen immer wieder thematisiert wird und schon sehr lange bestanden haben muss: Als Rosemaries Freundin Angela fragt, „Warum sie das immer gemacht hat“, antwortet Rosemarie: „Ja, das weiß ich auch nicht warum.“ und erweckt nicht den Anschein, als wolle sie es wissen (Transkript: S. 4-5, Teil 9.). Da sie die Gründe offenbar nicht kennt, scheint sie auch vor dem Tod der Jungen kein Interesse an Danielas Sichtweise gehabt zu haben, was Daniela auch bestätigt. Ihre Eltern hätten zeitweise viel Alkohol getrunken und sie und ihren Bruder geschlagen (Transkript: S. 5, Teil 10).

Daniela muss schon als Minderjährige häufiger weggelaufen sein, denn sie erzählt von einem Missbrauch durch ihren Vater, während sie noch bei ihren Eltern gelebt habe und die Mutter zur Geburt des jüngstes Bruders im Krankenhaus war (Transkript: Seite 5, Teil 10.). Wie alt Daniela gewesen sein muss, geht aus den Schilderungen nicht hervor. Allerdings meint Rosemarie dazu, dass Daniela „Mist“ erzählt habe, weil sie keinen anderen Grund für ihr erneutes Weglaufen habe benennen können (Transkript: S. 5, Teil 11.).

Diese Weigerung, dass Danielas Aussagen vielleicht wahr sein könnten, lassen darauf schließen, dass in Rosemaries Wahrnehmung die Tochter zur Konkurrentin für sie und die eigene Ehe wurde. Das Selbstbild von sich als begehrenswerter Frau hätte dann nicht mehr aufrecht erhalten werden können, wenn sie der Tochter Glauben schenken würde. Tief verwurzelte Wünsche nach Liebe, Angenommenwerden und Bindung wären durch einen solchen Bruch in den Beziehungen zu beiden, dem Ehepartner und der Tochter, schwer erschüttert. Dass Rosemarie einen solchen Einschnitt in ihr Selbstbild nicht zulassen kann und der Tochter daher Lügen unterstellen muss, wäre mit ihren narzisstischen Tendenzen, auf die später noch eingegangen wird, und ihrem Beziehungsmuster erklärbar: Sie begründet ihren Unglauben nicht mit Eigenschaften ihres Mannes, die einen solchen Vorwurf unwahrscheinlich machen könnten oder/ und seinen Sichtweisen darauf, sondern spricht stattdessen von „uns“, also ihrem Mann und sich selbst als Einheit (Transkript: S. 5-6, Teile 11-12.), ohne die Sichtweise ihres Mannes dabei mit einzubeziehen, was ihre Tendenz zu symbiotischen Beziehungen verdeutlicht mit sich selbst als Hauptfigur. Das wird besonders deutlich, da ihr Mann sich einem schwerwiegenden Verdacht ausgesetzt sieht, seine Gefühle und Argumente für Rosemarie aber keine Rolle zu spielen scheinen. Ausschließlich ihre Deutung, Daniela habe „überall nur Mist erzählt“, scheint für sie von Bedeutung (Transkript: S. 6, Teil 12.), was sie zugleich als Angriff auf sich selbst wahrzunehmen scheint.

Dieses symbiotische Beziehungsmuster mit Rosemarie als Hauptperson wird aber auch deutlich in Bezug auf die bei ihr lebende Enkeltochter, Katharina:

Sehr auffällig ist, dass Rosemarie an keiner Stelle die Perspektive einer anderen Person einnimmt und deren Sichtweisen und Gefühle einbezieht. Das gilt auch für Katharina, Danielas erstes Kind. Obwohl es in den Mitschnitten 2 und 7 um sie geht, nimmt Rosemarie, bei der Katharina lebt, ausschließlich ihre eigene Position ein, während sie von „uns“ spricht (Transkript: S. 1-2, Teil 2).

In Teil 7 liest Daniela einen Brief ihrer Mutter vor, aus welchem mehrere Dinge hervorgehen: Neben Rosemaries eigener Wahrnehmung, knüpft sie an einen Kontakt zwischen „uns“, also auch Katharina und Daniela eine Bedingung, die ausschließlich sie selbst betrifft: „Dann höre auf mit deine Beleidigungen. […] Schämen müsstest du dir. Wenn du so über deine Mutter sprichst.“(Transkript: S. 3-4, Teil 7.). Das zeigt auch, dass Rosemarie in keiner Weise bereit zu sein scheint, sie Sichtweise ihrer Tochter und deren Perspektive einzunehmen und statt dessen nur die eigene Kränkung beachtet.

Darüber hinaus behauptet sie in diesem Brief indirekt, sie habe sich um die Beerdigungen von Kevin und Tobias gekümmert: „Ich habe es gern für meine Enkelkinder getan.“(Transkript: S. 3, Teil 7). Aus den Aussagen des Bestatters geht allerdings hervor, dass dieser sich gewundert habe, dass sich niemand um die Beisetzung der Kinder gekümmert habe. Da ihm selbst das Schicksal der beiden kleinen Jungen so nahegegangen sei, „Das tut immer noch weh“(„Die Kinder sind tot“: 00:17:56), habe er sich auf eigene Kosten um eine liebevolle Beerdigung gekümmert. Das erwähnt Rosemarie nicht, was ein weiterer Hinweis auf ihre Angst vor eigenen Unzulänglichkeiten sein könnte. Rosemarie scheint Schuldanteile und Fehlerhaftigkeit ihrer eigenen Person nicht mit ihrem Selbstbild vereinen zu können.

Während des gesamten Films wird Rosemaries Hang, sich selbst in ein positiv besetztes Licht zu rücken und die gleichzeitige Abwehr aller Kritiken, deutlich.

Bemerkenswert sind die Aussagen Danielas in Zusammenhang mit denen der Leiterin des zuständigen Jugendamtes: Als das Jugendamt Daniela Unterstützung anbot, wurde diese von beiden, Daniela und Rosemarie, abgelehnt. Daniela gibt als Grund an, sie habe sich unter Druck gesetzt gefühlt. Im Subtext wird deutlich wodurch: Sie habe befürchtet, dass ihre Eltern sich selbst bloßgestellt fühlen könnten, wenn sie, Daniela, anderweitig Hilfe annähme. Rosemarie habe zu ihr gesagt, sie habe „noch nie was mit dem Jugendamt zu tun gehabt und sie möchte das auch weiterhin nicht.“(Transkript: S. 7, Teil 15). Daraus kann man schließen, dass Rosemarie Hilfebedürftigkeit negativ bewertet und parallel die Befürchtung gehabt haben könnte, dass das Unvermögen ihrer Tochter auf sie selbst projiziert werden würde und dass sie die in sie als Oma gesetzten Erwartungen nicht erfüllen könnte. Dahinter scheint die Angst zu stehen, nicht genügen zu können, was ein Hinweis darauf ist, dass Rosemarie über wenig tatsächliches Selbstvertrauen verfügt. Denn dadurch ließe sich erklären, weshalb sie nicht in der Lage ist, Fehler einzuräumen: Das unbewusste, negative Selbstbild würde sich bestätigen, weshalb alles, was Rosemaries Fähigkeiten in Frage stellt, abgewehrt werden muss.

In Teil 9. der Mitschnitte wird besonders deutlich, welche Vorstellung Rosemarie von Liebe zu haben scheint: Sie sagt: „Liebe und das hatte sie alles von gehabt“, wobei sie ausschließlich materielle Dinge nennt. Ihre Freundin Angela zählt auf, welche aus ihrer Sicht schönen Sachen Daniela gehabt habe und setzt das ebenfalls gleich mit „Du [Anm.: gemeint ist Daniela] hast es gut.“, während Rosemarie bestätigend nickt, die Interviewerin anschaut und dabei lächelt (Transkript: S. 4, Teil 9). Daran wird erkennbar, dass Rosemarie alternative Konzepte für Liebe fehlen. Unter 2.2. wird auf die möglichen Gründe näher eingegangen.

Darüber hinaus verdeutlicht sie, dass sie durchaus erkannt habe, dass Daniela mit ihren Kindern allein überfordert war: „Die Angst war immer groß gewesen bei mir. Nee, da hatte ich immer Bedenken.“(Transkript: S. 6, Teil 13). Dass Daniela dafür weitere Hilfen gebraucht haben könnte, schien Rosemarie allerdings nicht zulassen zu können, da das ihre eigenen Fähigkeiten als Mutter für Daniela in Frage stellen musste. So lässt sich auch erklären, weshalb Rosemarie immer wieder betont, was sie alles für ihre Tochter getan habe. So verdeutlicht sie, dass ausschließlich die Tochter das Problem sei, während sie eigene Schuldanteile komplett negiert.

2.2. (mögliche) Ursachen und deren Wirkung

Ihre eigene Kindheit und ihr eigenes Aufwachsen erwähnt Rosemarie an keiner Stelle während des gesamten Interviews. Auch ihre Tochter Daniela erwähnt mit keinem Wort ihre Großeltern. Gerade das Fehlen dieser könnte bereits ein erster Hinweis auf die Ursachen von Rosemaries psychischer Verfasstheit sein.

Rosemarie muss etwa in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in der DDR geboren worden sein. Ihre eigenen Eltern wuchsen daher wahrscheinlich in einer äußerst schwierigen, möglicher Weise traumatischen, mindestens sehr unsicheren Zeit auf, die sie geprägt haben dürfte: Während des 2. Weltkrieges und der Zeit großer existentieller Nöte und politischer Umbrüche in den Folgejahren.

Der Zeitraum, in welchem die Eltern aufgewachsen sein müssen, könnte mit ursächlich für Rosemaries Blick auf sich und die Welt sein, denn „[t]raumatische Erfahrungen, die von Betroffenen nicht verarbeitet und integriert werden können, bleiben nicht nur für diese selbst eine lebenslange Belastung. Sie zeigen sich auch in den Träumen, Phantasien, im Selbstbild, emotionalen Erleben und unbewussten Agieren ihrer Nachkommen.“(Moré: 2013; 1.; S.2). Das bedeutet, dass auch die Kinder traumatisierter Eltern dieselben Reaktionen auf das Erlebte zeigen, als hätten sie es selbst erlebt. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass das auch Rosemarie betrifft.

Hinzu kommt, dass Rosemaries Eltern vermutlich in einer Umgebung aufwuchsen, die Erziehung dahingehend definierte, „daß [sic.] schon beim ganz kleinen Kind die Gewohnheiten ausgebildet werden müßten [sic.], die „später […] die Erziehungsarbeit [in staatlichen Einrichtungen] in ungeahntem Maß erleichtern würden.““(Haarer zitiert von Chamberlain: 2000; S.8).

Diese Erziehungspraxis war in Deutschland weitverbreitet: „Regeln wie, das weinende Baby nicht durch Herumtragen zu verwöhnen, nicht nachzugeben, wenn es außerhalb des 4-Stunden- Rhythmus die Brust oder Flasche verlangt, sich von Trennungsängsten nicht irritieren zu lassen, weil das Baby nur zu schnell begreife, wie es seine Eltern tyrannisieren könne.“(Israel: 2015; S.8).

Das Ziel dieser Erziehung war, aus Kindern, demnach wahrscheinlich auch Rosemaries Eltern, gehorsame und staatstreue Untertanen zu machen, die das, was sie tun sollten, nicht in Frage zu stellen hatten. Der Wunsch, durch Erziehung befehlstreue und unkritische Menschen zur eigenen Machtsicherung hervorzubringen, findet sich daher auch in der auf die nationalsozialistische Herrschaft folgenden sozialistischen Diktatur, der DDR, in der Rosemarie dann aufwuchs und in der sie ihre eigenen Kinder zur Welt brachte: „Durch verantwortungsbewußte [sic.] Erfüllung ihrer Erziehungspflichten […] erziehen die Eltern ihre Kinder zur sozialistischen Einstellung […]“(Ministerium der Justiz der DDR: 1970; §42 (2) FGB: S.198).

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Rosemarie „mit einer Weltanschauung der Härte und Unnachsichtigkeit gegenüber Schwachen“(Rosenkötter zitiert von Chamberlain: 2000; S.9) aufgewachsen sein dürfte, zum einen, weil diese aus den 1930er Jahren stammende Erziehungspraxis „weiterhin wirksam blieb und bis heute zu spüren ist“(Chamberlain: 2000; S.9) und zum anderen durch die transgenerationale Übertragung eines nicht unwahrscheinlichen elterlichen Traumas (deren Kriegserlebnisse, Verluste, Erziehung oder dem Zusammenspiel aus diesen) und dem Zusammenwirken von beidem bei Rosemarie. So findet sich diese Härte und Unnachgiebigkeit bereits in ihrer ersten Aussage: „da muss sie schon das Richtige für kriegen (Anm.: Urteil vor Gericht), sag ich mir. So leid wie es mir tut, ist zwar meine Tochter und so, aber trotzdem.“(Transkript: S. 1, Teil 1), obwohl Daniela eine stark verminderte Intelligenz und eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert wurden.

Die Erziehungsdoktrin Haarers erklärt im Grunde das Kind zum Feind der Eltern, gegen das unentwegt zu kämpfen sei, beginnend schon mit der Geburt selbst. Daher müsse das Baby von Beginn an lernen, sich unterzuordnen, indem seine Grundbedürfnisse nach Nähe und Aufmerksamkeit, nach liebevoller Zuwendung und schneller Bedürfnisbefriedigung ignoriert werden (vgl.: Chamberlain: 2000). Kernberg formuliert, wie eine solche Sichtweise auf das Baby bzw. Kleinkind wirken muss: „Das Baby hat dann die Selbstrepräsentanz eines verzweifelten Selbst in Verbindung mit einem fantasierten, jedoch nicht anwesenden, schlechten Objekt, das es toleriert, dass das Baby in dieser entsetzlichen Situation ist. Primitive Wut, Angst und Verzweiflung entwickeln sich somit in einer verzweifelten Selbstrepräsentanz in Verbindung mit einer frustrierenden, erschreckenden Objektrepräsentanz.“(Kernberg: 2016; S.48).

Das bedeutet, dass diese frühen Erfahrungen von sich selbst, den eigenen Wünschen und Bedürfnissen sowie die damit zusammenhängenden Bindungserfahrungen tief in die psychischen Strukturen des Kindes eingeschrieben werden. Die Folge daraus, so Kernberg, ist ein Konflikt zwischen Impulsen und der Abwehr dieser, was wiederum Folge eines Konflikts zwischen Selbst und Objekt ist.

Sollte Rosemarie auf diese Weise aufgewachsen sein, hätte sie also die elterlichen Gefühle von Ohnmacht, Bedürftigkeit, Wut und Verzweiflung in ihre eigenes Selbstbild integriert, die wiederum abgewehrt werden müssen (vgl.: Moré: 2013; 4.2.; S.18) und zugleich hat sie selbst auch möglicherweise eine eigene frühe Traumatisierung erfahren.

Lt. Winnicott ist eine „hinreichend gute Mutter“ zur Bildung eines positiven Selbstkonzeptes notwendig, die dem Kind in einem ausreichend guten Maß mit Empathie und Fürsorglichkeit begegnet. Erfährt das Kind jedoch, dass es allein gelassen wird und seine Bedürfnisse, Ängste und Nöte nicht beachtet werden, kann es nicht die Erfahrung machen, selbstwirksam zu sein. Es kann sich selbst nicht aus der Situation befreien und integriert diese Ohnmachtserfahrungen in das eigene Selbstbild. Dadurch entwickelt sich lt. Winnicott ein „falsches Selbst“ „als Reaktion auf das Versagen einer haltenden Umwelt, führt zu unsicherer Autonomie und zur Absicherung durch Omnipotenzphantasien. Hieraus entwickeln sich Selbstüberschätzung und Größenphantasien bei Verleugnung von Unsicherheit und Depression als Symptome narzisstischer Störungen.“(Hartmann in Bezug auf Winnicott: 2018; S.23).

An Rosemaries Auftreten lässt sich ablesen, dass das so auf sie zutreffen könnte und zu einem unsicheren, vermeidenden Bindungsverhalten geführt haben dürfte, wenn die Eltern nicht als verlässliche und sichere Basis fungiert haben sollten. Kinder, die so aufwachsen, „wissen […], dass sie von ihren Eltern nur Ablehnung zu erwarten haben, weshalb sie fortan auf Zuneigung und fremde Hilfe zu verzichten suchen, nach psychischer Autarkie streben und später mitunter eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ […] attestiert bekommen, ein den eigentlichen Konflikt kaschierendes Bindungsmuster, das aus einer permanenten, vor allem in Konfliktsituationen wiederholt auftretenden Ablehnung seitens der Mutter resultiert.“(Bowlby: 2018; S.101).

Aus derartigen Bindungserfahrungen kann ein Bindungstrauma entstehen, wenn es sich um „einen Dauerzustand von Ohnmacht und Hilflosigkeit“( Ruppert: 2017; S. 77) handelt. Diese Form der Traumatisierung ist auf kein einmaliges Ereignis zurückzuführen, sondern bedeutet vielmehr, dass „ein Mensch keine Chance hat, einen sicheren und Halt gebenden Kontakt zu den anderen Menschen zu bekommen, mit denen er emotional verbunden ist“(Ruppert: 2017; S. 77).

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Transgenerationale Traumatisierung, Narzissmus und destruktive Symbiose am Beispiel von Aelrun Goettes Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot"
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
28
Katalognummer
V506885
ISBN (eBook)
9783346054258
ISBN (Buch)
9783346054265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Kinder sind tot, Transgenerationale Traumata, Symbiosebeziehung, Narzissmus, Bindungsstörung, Bindungsverhalten
Arbeit zitieren
Anne Georgi (Autor), 2019, Transgenerationale Traumatisierung, Narzissmus und destruktive Symbiose am Beispiel von Aelrun Goettes Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506885

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