Das Modell der Salutogenese


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Salutogenese
2.1 Die salutogenetische Fragestellung
2.2 Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
2.2.1 Stressoren
2.2.2 Generalisierte Widerstandsressourcen
2.3 Das Kohärenzgefühl
2.3.1 Verstehbarkeit
2.3.2 Handhabbarkeit
2.3.3 Sinnhaftigkeit

3. Fallbezug
3.1 Erkrankungsbild Bandscheibenvorfall
3.1.1 Ursachen und Risikofaktoren
3.1.2 Symptome
3.1.3 Therapie
3.2 Fallbeispiel
3.2.1 Anwendung des Modells der Salutogenese auf den Fall
3.2.2 Sicht der Sozialen Arbeit auf den Betroffenen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die gesellschaftliche Vorstellung eines selbstverständlichen Anspruches des Individuums auf Gesundheit, als Anspruch darauf, dass Störungen, Leidzustände und Krankheiten umgehend zu beheben sind, ist längst von der Realität gewichen (vgl. Plenge 2000, S. 14). In den 70er Jahren wurde der pathogenen Medizin vorgeworfen, entscheidende Handlungspotenziale zu verschenken, da sie lediglich die Lehre der Krankheit betrachtete (Antonovsky 1997, S.15f.). So entwickelte Aaron Antonovsky, ein amerikanischer Medizinsoziologe, als Gegenstück zur Pathogenese des Risikofaktorenmodells und des biomedizinischen Modells, das Modell der Salutogenese, welches zu den biopsychosozialen Modellen gehört (vgl. Brinkmann 2014, S. 74). Dementsprechend soll nun das Konzept der Salutogenese in der vorliegenden Arbeit näher erläutert und mit einem Fallbeispiel, sowie der Anwendung des Modells darauf, veranschaulicht werden. Im Anschluss daran, soll aufgegriffen werden, inwieweit die Sicht der Sozialen Arbeit auf den Betroffenen aus dem Fallbeispiel durch die Anwendung des Modells der Salutogenes beeinflusst wird.

2. Das Konzept der Salutogenese

Aaron Antonovsky wurde 1923 als Sohn jüdischer Eltern geboren, studierte Soziologie und wanderte 1960 zusammen mit seiner Frau nach Israel aus. Er beteiligte sich an verschiedenen Projekten im Bereich der Stressforschung. Eines dieser Projekte war die Erforschung der Menopause von Frauen verschiedener ethnischer Gruppen (vgl. Franke 2012, S. 170). Eine Gruppe bestand aus Emigrantinnen aus Mitteleuropa, die teils vor und teils nach dem Holocaust nach Palästina gekommen waren. Antonovsky fand heraus, dass sich 29% der Holocaust-Überlebenden sehr gut an die Menopause angepasst hatte. Sein salutogenetischer Ansatz war es, sich für die Frauen zu interessieren, die sich nach diesen schlimmen Traumatisierungen positiv auf die neue Lebensphase einstellen konnten (vgl. Plenge 2000, S. 14). Er fragte sich, wie es ihnen gelungen war, trotz extremer existenzieller Belastungen, gesund zu bleiben. Bis dahin verstand man Gesundheit als tadelloses Funktionieren des Körpers. Man beschäftigte sich überwiegend mit der Frage danach, was den Menschen krank macht, also mit der Pathogenese (vgl. Lehbrink 2016, S. 58). Mit der Frage „Wann bleibt jemand gesund?“, erweiterte er die Perspektive auf Gesundheit und Krankheit grundlegend und leitete damit einen Paradigmenwechsel ein. Damit entwickelte Antonovsky das Konzept der Salutogenese (vgl. Schneider 2010, S. 21).

2.1 Die salutogenetische Fragestellung

Die zentralen Fragestellungen Antonovskys, welche zum Ausgangspunkt seiner theoretischen und empirischen Arbeiten wurden, lauten: Warum bleiben Menschen trotz vieler potenziell gesundheitsgefährdender Einflüsse gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen zu erholen? Was ist das Besondere an den Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden? Um den Gegensatz zur bisher dominierenden „Pathogenese“ des biomedizinischen Ansatzes und des Risikofaktorenmodells hervorzuheben, hat er den Neologismus „Salutogenese“ geprägt (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 24). Salus steht für die Unverletzlichkeit, das Heil und das Glück und Genese für die Entstehung, somit meint der Begriff der Salutogenese die „Entstehung von Gesundheit“ (vgl. Lehbrink 2016, S. 57).

Während das pathogenetische Modell von der Homöostase ausgeht, also der Vorstellung, dass der Mensch in einer inneren und äußeren Stabilität lebe, was der Normalzustand des Menschen sei, und die Krankheit lediglich an das unglückliche Zusammentreffen bestimmter Faktoren gebunden sei, ist das salutogenetische Modell dagegen der Idee der Heterostase verpflichtet, der Meinung, dass sich der Mensch wesentlich im Ungleichgewicht, in der fehlenden Stabilität bewegt (vgl. Schneider 2010, S. 22). Antonovsky weist darauf hin, dass die Annahme des biomedizinischen Modells, dass Krankheit eine Abweichung von der Norm Gesundheit sei, nicht als einzige Definition von Krankheit gelten kann, da durch epidemiologische Daten bewiesen wurde, dass die Mehrheit der Bevölkerung einer Industriegesellschaft an irgendeiner Erkrankung leidet (vgl. Antonovsky 1997, S. 15). Demnach ist Gesundheit kein normaler, passiver Gleichgewichtszustand, sondern ein labiles, aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen, denn das Grundprinzip menschlicher Existenz ist nicht Gesundheit und Gleichgewicht, sondern Ungleichgewicht, Krankheit und Leiden. Gesundheit muss immer wieder aufgebaut werden, da der Verlust von Gesundheit ein natürlicher und allgegenwärtiger Prozess ist (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 26).

In der Regel wird davon ausgegangen, dass Gesundheit und Krankheit zwei unterschiedliche Zustände sind, die sich gegenseitig ausschließen und nie gleichzeitig vorliegen können (Dichotomie) (vgl. Lehbrink 2016, S. 57). Antonovsky stellt dem die Vorstellung eines Kontinuums mit den Polen Gesundheit und Krankheit gegenüber, auf dem die Menschen lokalisiert sind, da sie nie gänzlich als gesund oder krank eingestuft werden (vgl. Franke 2012, S. 170). Im folgenden Kapitel soll das Kontinuum nun näher beschrieben werden.

2.2 Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum

Antonovsky geht bei seinem Modell von einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, mit den beiden Endpunkten Gesundheit und Krankheit, aus (vgl. Bormann 2012, S. 32). Die Kriterien zur Bestimmung der Lokalisation einer Person auf dem Kontinuum umfassen sowohl objektive als auch subjektive Faktoren (vgl. Pierk 2015, S. 75). Zu den objektiven gehören Parameter des professionellen Befunds und der professionellen Prognose. Wichtige subjektive Kriterien sind das Befinden, das Schmerzerleben und subjektiv erlebte Funktionsfähigkeit. Somit kann sich eine Person hinsichtlich jeder Dimension auf einem anderen Punkt des Kontinuums befinden (vgl. Franke 2012, S. 172). Für lebende Organismen sind die beiden Pole völlige Gesundheit oder völlige Krankheit nicht zu erreichen. Jeder Mensch hat noch kranke Anteile, und solange Menschen am Leben sind, müssen Teile von ihnen auch noch gesund sein (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 32). So wird in diesem Modell nicht danach gefragt, ob jemand gesund oder krank ist, sondern wie weit entfernt oder nahe er den Endpunkten Gesundheit und Krankheit jeweils ist (vgl. Antonovsky 1997, S. 15). Dementsprechend ist im salutogenetischen Verständnis Krankheit ein Prozess, der zu der Geschichte eines Menschen dazu gehört (vgl. Brinkmann 2014, S. 35). Pathogenetische Modelle stellen die Erkrankung selbst in den Mittelpunkt, aus salutogenetischer Sicht hingegen, gelingt das Verständnis des Prozesses des Krankwerdens nur durch ein breites Wissen über einen Menschen und seine gesamte innere und äußere Situation (vgl. Franke 2012, S. 172).

An welcher Stelle sich eine Person auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum einordnet, hängt von der Abwägung zwischen den Stressoren als belastende Faktoren und den Widerstandsressourcen als schützende Faktoren, im Kontext der Lebenserfahrung und Lebenssituation, ab (vgl. Bormann 2012, S. 32). So sollen diese beiden Faktoren in den nachfolgenden Kapiteln näher beschrieben werden.

2.2.1 Stressoren

Von zentraler Bedeutung für die Bewegung auf dem Kontinuum sind Stressoren beziehungsweise der Umgang mit ihnen (vgl. Antonovsky 1997, S. 15f.) Nach Antonovsky sind Stressoren Reize, die Spannungszustände erzeugen, ohne gleich zu einer Stressreaktion zu führen. So ist es die Aufgabe des Organismus, diese Spannungszustände zu bewältigen (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 34). Je nachdem, wie die Reize dann bewältigt werden, bewegt sich ein Individuum auf dem Kontinuum stärker zu einem der beiden Pole Gesundheit und Krankheit (vgl. Brinkmann 2014, S. 35). Die erfolgreiche Bewältigung der Stressoren kann sogar gesundheitsfördernd sein, jedoch kann Stress auch negative Konsequenzen hervorrufen (vgl. Antonovsky 1997, S. 30). Zu welchen Konsequenzen Stress führt, hängt somit von der Art der Bewältigung und von dem Character des Stresses ab (vgl. Franke 2012, S. 172f.).

2.2.3 Generalisierte Widerstandsressourcen

Lange Zeit forschte Antonovsky nach verschiedenen Faktoren, die die Gesundheit positiv beeinflussen und eine erfolgreiche Spannungsbewältigung erleichtern. So sammelte er ein breites Spektrum an Variablen, die sich sowohl auf individuelle als auch auf soziale und kulturelle Faktoren beziehen (vgl. Lorenz 2016, S. 34f.). Diese Variablen werden „generalisierte Widerstandsressourcen“ genannt. Generalisiert meint, dass sie in Situationen aller Art ihre Wirkung finden. Der Widerstand bezieht sich darauf, dass die Ressourcen einer Person ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 34).

Widerstandsressourcen, welche nach Antonovskys Verständnis in der Entwicklungszeit der Kindheit und Jugend ausgeprägt werden, können auch als Widerstandskräfte verstanden werden, die dem Menschen dazu verhelfen, Spannungszustände zu bewältigen, ohne von vornherein in die Stressbelastung zu geraten (vgl. Lorenz 2016, S. 35). Die Verringerung von Spannungszuständen und die erfolgreiche Bewältigung von Stressoren, führen zu einer positiven Lebenserfahrung als Schutzfaktor der Gesundheit, den Antonovsky Kohärenzgefühl nennt (vgl. Brinkmann 2014, S. 36). Auf diese Lebenserfahrung wird im anschließenden Kapitel eingegangen.

2.3 Das Kohärenzgefühl

Nach Antonovsky ist die Betrachtung der Entstehungsgeschichte einer Krankheit völlig unzureichend. Es muss schon die gesamte Lebensgeschichte des Menschen berücksichtigt werden (vgl. Lehbrink 2016, S. 58). Sowohl der Gesundheitszustand als auch der Krankheitszustand eines Menschen werden durch eine individuelle, psychologische Einflussgröße bestimmt. Äußere Faktoren wie Krieg, Hunger oder schlechte hygienische Verhältnisse gefährden zwar der Gesundheit, dennoch gibt es unter gleichen äußeren Bedingungen Unterschiede im Gesundheitszustand unterschiedlicher Menschen (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 28). So hat Antonovsky festgestellt, dass es von der Ausprägung individueller, sowohl kognitiver als auch affektiv-motivationaler Grundeinstellung abhängt, wie gut ein Mensch in der Lage ist, seine vorhandenen Ressourcen zum Erhalt der Gesundheit und des Wohlbefindens zu nutzen (vgl. Antonovsky 1997, S. 36). Diese Grundhaltung wird von Antonovsky als „Kohärenzgefühl“ bezeichnet, welches der entscheidende Parameter für die Platzierung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum ist (vgl. Franke 2012, S. 174).

Die Grundeinstellung zum Leben entwickelt sich im Laufe der Kindheit und Jugend, beeinflusst die Wahrnehmung sowie die Bewertung verschiedener Ereignisse im Lebenslauf und stabilisiert sich damit (vgl. Plenge 2000, S. 14). Die Grundeinstellung zum Leben wird fortwährend mit neuen Lebenserfahrungen konfrontiert und von diesen beeinflusst. Das Kohärenzgefühl wiederum beeinflusst die Art der Lebenserfahrung. So führt dies dazu, dass die Lebenserfahrungen die Grundhaltung bestätigen und diese damit stabil und überdauernd wird (vgl. Bentel, Strittmatter et al. 1999, S. 29).

Die drei Teilkomponenten werden als Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit bezeichnet (vgl. Franke 2012, S. 175). Nachfolgend sollen diese nun erklärt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Modell der Salutogenese
Hochschule
Hochschule München
Veranstaltung
Gesundheitswissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V508606
ISBN (eBook)
9783346070722
ISBN (Buch)
9783346070739
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Salutogenese, Aaron Antonovsky, Fallbeispiel, Kohärenzgefühl
Arbeit zitieren
Haifa Soleiman Ibrahim (Autor:in), 2019, Das Modell der Salutogenese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508606

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