Das harmonische Wechselspiel im Geschmack ohne bestimmten Begriff. Interpretation der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" von Immanuel Kant


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Ansätze in der Forschung
1.1. Paul Guyer
1.2. HannahGinsborg
1.3. IdoGeiger

2. Die dreifache Synthesis

3. Wechselspiel ohnebestimmtenBegriff

Literatur

Vorwort

Im Zuge dieser Hausarbeit soll ein zentrales Thema aus der Kritik der ästhetischen Urteilskraft von Immanuel Kant nähere Erörterung finden, um dessen angemessene Interpretation und Auslegung seit jeher viele Gedanken von Forschem und Wissenschaftlern der Philosophie ihre Kreise gezogen haben. Es handelt sich um das Wechselspiel der Erkenntnisvermögen, welches Immanuel Kant beschreibt, wenn er auf das apriorische Prinzip der Zweckmäßigkeit in der ästhetischen Beurteilung des Schönen im Geschmacksurteil eingeht. Hier nun soll die Form eines Gegenstandes durch die reflektierende Urteilskraft als für unsere Erkenntnisvermögen zweckmäßig beurteilt werden. Dabei versetzt sie Einbildungskraft und Verstand in ein harmonisches Wechselspiel. Dass hierbei kein bestimmter Begriff Anwendung finden soll, wo doch die Kategorien a priorijede uns mögliche Erfahrung synthetisieren und der als schön beurteilte Gegenstand zugleich als Beispiel für die Anwendung eines empirischen Begriffs dienlich sein kann, birgt eine Problematik in sich, die hier entschlüsselt werden muss.

Einleitung

Wie nähert man sich im Rahmen einer Hausarbeit am besten einem Thema, welches sich, je intensiver man sich damit befasst, umso facettenreicher aufzuspannen scheint, sodass eine vollständige und endgültige Abdeckung geradezu unmöglich ist. Diese Frage gilt es zunächst zu beantworten und dabei gleichzeitig eine sinnvolle Struktur der Hausarbeit heraus zu arbeiten.

Im Verlaufe der Lektüre zeigt sich ein Thema im Kontext des harmonischen Wechselspiels von größter Wichtigkeit. Kant betont an diversen Stellen seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft, dass im Geschmacksurteil kein bestimmter Begriff Anwendung findet. Es geht hier schließlich um Ästhetik und nicht um Logik, auch kann kein Geschmacksurteil aus Begriffen abgeleitet und für andere dargelegt werden, sondern vielmehr muss jeder selbst beurteilen um etwas innerlich als schön empfinden zu können. Gleichzeitig jedoch ist nach Kants Erkenntnistheorie, speziell aus der dreifachen Synthesis der ersten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft zu entnehmen, dass keine Erfahrung ohne die Anwendung der reinen Verstandesbegriffe, mithin der Kategorien stattfindet. Auch fragt sich, ob man nicht eine Tulpe als schön empfinden kann, während man weiß, dass es eine Tulpe ist. In diesem Falle hätte nicht nur die Synthesis der Kategorien in der transzendentalen Apperzeption, sondern zudem noch die Anwendung eines empirischen Begriffs auf den als schön beurteilten Gegenstand stattgefunden. Wie verträgt sich aber dieses mit der oftmals wiederholten Auffassung Kants, dass im Geschmacksurteil gar kein bestimmter Begriff Anwendung findet, sondern lediglich das harmonische Wechselspiel zwischen den Erkenntnisvermögen einer Erkenntnis überhaupt, mithin Einbildungskraft und Verstand realisiert wird ?

Ein zentrales Thema der Hausarbeit wird es also sein einen Versuch zu unternehmen, diese Problematik zu entschlüsseln. Dabei muss neben den wichtigen Stellen in der Kritik der Urteilskraft unabdingbar auch auf die dreifache Synthesis der Kritik der reinen Vernunft eingegangen werden. Der Aufschluss dieser Frage führt direkt zum Wechselspiel selbst, welches nun näher betrachtet und in den Kontext der Erkenntnistheorie aus der ersten Kritik integriert werden kann. Bevor jedoch obiges nähere Behandlung finden soll, kann auf die Gedanken von Wissenschaftlern eingegangen werden, welche sich mit der Thematik des Geschmacks auseinander gesetzt haben. So teilt sich diese Hausarbeit in insgesamt drei Teile. Der erste Teil widmet sich Ansätzen der Forschung. Der zweite Teil setzt sich mit der dreifachen Synthesis der ersten Kritik auseinander und führt schließlich in den dritten und letzten Teil, welcher das harmonische Wechselspiel der Erkenntnisvermögen als solches näher betrachtet und in den Kontext der Transzendental­Philosophie aus der Kritik der reinen Vernunft integriert.

1. Ansätze in der Forschung

1.1. Paul Guyer

Paul Guyer ist einer der bekanntesten Autoren, die sich mit der Kritik der Urteilskraft, speziell der Kritik der ästhetischen Urteilskraft auseinander gesetzt haben. In seinem Buch „Kant and the Claims of Taste“ vertritt er eine psychologische Interpretation der ersten beiden Stufen der dreifachen Synthesis der ersten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft und versucht so, das Problem des Geschmacksurteils ohne bestimmten Begriff zu lösen. Auf Seite 85 seines Buches schreibt Guyer :

"At this point, the basic content of the idea of the harmony of the faculties should be clear, though more needs to be said about the precise nature of the consciousness and the feeling of pleasure which this state grounds. Before we can turn to these questions, however, a question of a different sort must finally be answered: that of the very possibility of the existence of such a mental state. [...] This question must be asked because aesthetic response has been held to involve a kind of synthesis without a concept, while the triumphant conclusion of the first Critique's Transcendental Deduction is just that: 'All synthesis ... even that which renders perception possible, is subject to the categories; and since experience is knowledge by means of connected perceptions, the categories are conditions of the possibility of experience, and are therefore valid a priori objects of experience.' In the face of this thesis, how could Kant even considerthe possibility of any apprehension of a manifold without a concept, let alone actually affirm the existence of such a state of mind ?“1

Hier wird die zentrale Problematik deutlich, die bereits in der Einleitung angesprochen worden ist. Wie kann es überhaupt sein, dass wir etwas innerlich als schön empfinden, ohne dass wir dabei einen Begriff auf die Mannigfaltigkeit der Anschauung anwenden, wo wir doch dieses schon bei jeder Erfahrung durch die Kategorien tun. Die Kategorien konstituieren die Erscheinungswelt als Bedingungen der Möglichkeit einer uns möglichen Erfahrung überhaupt. Wie also kann es möglich sein, etwas schön zu finden, ohne zumindest diese reinen Verstandesbegriffe angewendet zu haben.

Nach diesem Zitat erwähnt Guyer kurz, dass sich der Leser diese Frage unweigerlich stellen muss, Kantjedoch mit keiner Erwähnung in seiner dritten Kritik hieraufBezug nimmt.2

Guyer skizziert nun seine Theorie, wie es möglich wäre, die Erkenntnistheorie der ersten Kritik mit dem Geschmacksurteil der dritten Kritik zu vereinen. Er tut dieses, indem er die ersten zwei Stufen der dreifachen Synthesis der Kritik der reinen Vernunft, namentlich die Apprehension und die Reproduktion unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet, jedoch die Apperzeption als ein erkenntnistheoretisches Moment der Transzendental-Philosophie wertet.3 Schon hier wird einem bewusst, dass es sich nicht um die richtige Auslegung der Kritik handeln kann, die an keiner Stelle eine solche Einteilung vomimmt. Guyer schreibt hierzu :

„The first step would be to distinguish between psychological and epistemological elements in Kant's analysis of knowledge: a theory of syntheses as mental processes by wich mental states of cognition are produced, and a theory of the categories as rules by which the verification of claims to cognition may proceed. Then, one could argue that the employment of the categories is a necessary condition for the synthesis of any manifold, as 'the manner in which given modes of cognition are brought to the objective unity of apperception,' only where that synthesis is counted as knowledge that different 'representations given in intuition one and all belong to me,' and not as mere belief or feeling that they belong together. The employment of the categories, and of the empirical concepts which apply to actual empirical intuitions, would then be not a necessary condition for the occurrence of the psychological process of synthesis, but only a condition for the verification of claims to actual knowledge of the members of one's manifold and their position in one's mental history, or in the objective unity of apperception.“4

Dieser Ansatz der möglichen Interpretation der Kritiken im Hinblick auf eine widerspruchsfreie Vereinigung, ist tatsächlich im Stande die Problematik aufzulösen. Doch in keinem Fall wird dieses die Auffassung Kants selbst gewesen sein, welcher in seiner Kritik stets transzendental­philosophisch verfährt und der Psychologie an mancher Stelle eher abgeneigt gegenüber steht. Da es aber hier ausschließlich um die korrekte Auslegung der kantischen Gedankengänge geht und nicht um die Etablierung einer davon zu unterscheidenden, ganz eigenen Theorie über die Ästhetik, kann dieser Ansatz hier nicht hilfreich vermitteln. Es bleibt anzumerken, dass die innerliche Empfindung der Lust als einem Wohlgefallen am Schönen, ganz offensichtlich über einen unbegrenzten Zeitraum stattfinden kann. Wenn sich jemand eine Tulpe anschaut, so empfindet er diese innerlich als eine Naturschönheit, aber er empfindet sie nicht nur im Moment des ersten Anschauens als schön, sondern die Schönheit ist, auch anders als der bloß sinnliche Genuss, hier unerschöpflich. Man wird ihr nicht überdrüssig. Die Schönheit wärt solange man sich die Tulpe an­schaut. Zumindest aber ist ganz klar, dass das Wohlgefallen am Schönen, damit auch das Spiel der Erkenntnisvermögen selbst, in der Zeit fortdauernd stattfindet und nicht nur für einen minimalen Augenblick. Da nun also dieses Spiel zeitlich anhaltend ist, so wird in jedem Fall während man etwas innerlich als schön empfindet auch ein Bewusstsein selbst von der Situation stattfinden, mithin die Synthesis der transzendentalen Apperzeption. Ebenfalls wird man wissen dass es eine Tulpe ist, zumindest dass es eine Blume ist, man wird also auch einen empirischen Begriff auf den Gegenstand anwenden. Es sind also auch die Kategorien und sogar empirische Begriffe in der Anwendung. Das bedeutet man kann etwas durchaus als schön empfinden, während man zugleich durch die erkenntnistheoretische Brille schaut, was man sowieso immer tut. Man kann nicht ausschließlich psychologisch Gefühle empfinden, ohne dabei gleichzeitig durch die Brille der Apperzeption und damit der erkenntnistheoretischen dreifachen Synthesis im Sinne Kants aus der ersten Kritik zu schauen. Dieser Prozess findet immer und beijeder Erfahrung die der Mensch tätigt statt. Das bedeutet es besteht kein Zwang, das Wechselspiel innerhalb der Erkenntnistheorie der Kritik der reinen Vernunft zu suchen, wo es dann vor den Kategorien stattfinden müsste, mithin gar nicht anders als durch eine Entfremdung von der dort stattfindenden Transzendental-Philosophie, wie es in einem psychologischen Versuch hier geschehen ist. Vielmehr muss man sich eingestehen, dass die dreifache Synthesis nicht der Schlüssel sein kann, sondern bei einem reinen Geschmacksurteil womöglich drei Ebenen stattfinden. Die Synthesis zu einer Erfahrung überhaupt vermittelst der Kategorien, die Anwendung eines empirischen Begriffs, sowie das Geschmacksurteil in der reinen ästhetischen Beurteilung des Schönen. Dass also das Geschmacksurteil ohne bestimmten Begriff stattfindet, heißt nichts weiter, als eben dieses, nicht, dass insgesamt gar kein bestimmter Begriff in einer konkreten Situation anderweitig Anwendung findet.

1.2. HannahGinsborg

Ginsborg erörtert in einem der bekanntesten Texte über das harmonische Spiel der Erkenntnis­vermögen („Lawfulness Without a Law“) näher, welche Rolle die Funktion von empirischen Begriffen innerhalb der Synthesis des Mannigfaltigen spielt und wie diese am besten verstanden werden kann. Sie unterscheidet dabei zwei verschiedene Möglichkeiten die Anwendung von empirischen Begriffen zu betrachten :

,,[...] we must reject the model on which synthesis is guided by empirical concepts and instead think of empirical concepts as acquired on the basis of the activity of synthesis. It must be that we can form the perceptual image of a tree, and indeed perceive the tree as a tree, without antecedently possessing the concept of a tree. This led us to an alternative model on which the activity of imagination is not governed by concepts except in the conditional sense that I must synthesize the manifold in such-and-such a way if I am to apply such-and-such a concept. On this alternative model, the activity of imagination is not intrinsically rule-governed. But I pointed out a new difficulty: namely that if the activity of imagination is not intrinsically governed or necessitated by rules, then the unity that it brings about is merely subjective and psychological, in contrast to the necessary unity which is required for my representations to relate to an object. It is only insofar as I can take it that my imagination ought to combine and reproduce the manifold in the way that it does in my perception of the tree that I can take myself to be representing an object distinct from my representations of it.“5

Über den Ausschluss der ersten Möglichkeit in welcher die Synthesis vom Begriff aus geleitet wurde, mithin der Begriff dafür verantwortlich ist, dass sich das Mannigfaltige ihm gemäß synthetisiert, kommt Ginsborg zu der zweiten Auffassung, dass die empirischen Begriffe aus der Synthesis des Mannigfaltigen erworben werden, welche aber dann nicht mehr unter wirklichen Regeln gemäß dieser Begriffe stehen würde, sondern bloß subjektiv und psychologisch verfährt. Um dieser Schwierigkeit aus dem Weg zu gehen erörtert sie das „ought to“ im Sinne eines „wie es sein sollte“ um eine gewisse Einheit zu waren, in der davon ausgegangen werden kann, dass die Mannigfaltigkeit in einer Art und Weise synthetisiert wird, wie es sein sollte. Wenn die Einbildungskraft nun so verfährt, ohne dass sie dabei auf den Erwerb eines bestimmten Begriffs zusteuert, so entsteht der Zustand des freien Spiels, welcher in der ästhetischen Beurteilung des Schönen aufzufinden ist.

„This does not mean, however, that I can never have an experience in which I take the activity of my imagination to be freely lawful. For it is possible that a given object might elicit an activity of imagination such that rather than becoming aware of specific features of that activity which exemplify rules for how the object ought to be perceived, I take the activity to be exemplary simpliciter of how the object ought to be perceived. I take it - as I am entitled to take my imaginative activity in general - to set a standard for how my or anyone else's imagination ought to function with respect to the object which elicits it. But I do not - as I do in each case of empirical cognition - specify that standart in terms of determinate rules according to which imagination ought to function with respect to the object. Rather, I take my imaginative activity in the perception of the object to be as it ought to be in the primitive sense, which means that I have no conception of how it ought to be except that afforded by the example of my activity itself: namely, the indeterminate conception that it ought to be this way. And we may put this by saying that I take it to 'conform to rules' in a way which is indeterminateor'free'. For Kant, Iwanttosuggest, the experience of an objectas beautiful is

[...]


1 Guyer, Paul: Kant and the Claims of Taste, Cambrige 1997, S.85 Abs.22-43

2 Guyer erwähnt dieses direkt nach dem Abschnitt, welcher oben zitiert wurde. Dass Kant mit keinem Wort auf diese Problematik in seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft eingeht, könnte den Leser vermuten lassen, dass ihm diese Problematik gar nicht in den Sinn kam, oder aber sie so offensichtlich zu sein schien, dass er eine genauere Erläuterung oder gar Erwähnung für unnötig hielt.

3 Guyer, Paul: Kant and the Claims of Taste, Cambrige 1997, S.86

4 Guyer, Paul: Kant and the Claims of Taste, Cambrige 1997, S.86 Abs.27-43

5 Ginsborg, Hannah : Lawfulness without a Law, Philosophical Topics 1997, S.64 Abs.38 bis S.65 Abs.12

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das harmonische Wechselspiel im Geschmack ohne bestimmten Begriff. Interpretation der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" von Immanuel Kant
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V508776
ISBN (eBook)
9783346073457
ISBN (Buch)
9783346073464
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wechselspiel, geschmack, begriff, interpretation, kritik, urteilskraft, immanuel, kant
Arbeit zitieren
Philip Dilla (Autor), 2015, Das harmonische Wechselspiel im Geschmack ohne bestimmten Begriff. Interpretation der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" von Immanuel Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508776

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